Archiv für den Monat: Dezember 2018

Das Tanzbein schwingen. Mit überdimensionalem Hut.

Natürlich laufen gerade hier in Cochabamba genau wie in Deutschland die Vorbereitungen für Weihnachten auf Hochtouren. Doch während für viele Familien in Deutschland eben dieses uns kurz bevorstehende Fest das wichtigste des Jahres ist, scheint es mir hier einen Anlass zu geben, der noch ausgiebiger gefeiert werden wird: Karneval.

Doch der bolivianische Karneval hat mit unserem nur wenig zu tun: Der Karneval in Bolivien gehört traditionell den folkloristischen Tanzgruppen. Und in so einer tanze ich seit inzwischen zwei Monaten. Der Tanz, den ich tanze, nennt sich Tinku. Über diesen Tanz gibt es einiges spannendes zu erzählen, nicht umsonst muten einige Tanzschritte sehr kämpferisch an. Doch ich möchte mich noch etwas genauer über die Herkunft und Geschichte des Tanzes informieren, bevor ich dem einen separaten Eintrag widme. Hier soll es zunächst nur um meine ganz persönliche Erfahrung gehen.

Letztes Wochenende stand für mich mein erster unbeholfener Tanzversuch außerhalb meiner Komfortzone, der abgelegenen Seitenstraße hinter der Universität in Cochabamba, in welcher wir täglich trainieren, an. Erläuterung dazu: Aufgrund des angenehmen Klimas in Cochabamba braucht es nicht viel mehr als eine wenig befahrene Straße und eine große Musikbox, um ein Trainingsgelände herzustellen.

Beigebracht werden die Tanzschritte Mund-zu-Mund, das heißt, dass jeden Abend einige der geübteren Tänzer*innen dafür zuständig sind, uns zu vermitteln, zu welchem Zeitpunkt welches Körperteil wohin bewegt werden soll. Sobald dann die Grundlagen durch diese „Einzelstunden“ – mehr oder weniger – verinnerlicht wurden, wird weiter im „bloque“ geübt, also in der Aufstellung, die wir auch bei Wettbewerben und schlussendlich beim Karneval einnehmen werden. Wir stehen in Reihen zu viert nebeneinander, den Blick nach vorn gewandt, wo vier besonders fähige Tänzer*innen uns symbolisieren, welcher Tanz als nächstes bevorsteht. Außerdem lässt sich bei ihnen auch wunderbar abgucken!

Genauso bewegten wir uns bei der „Entrada Universitaria“, einer von mehreren Veranstaltungen, die dem Auftritt beim Karneval vorweggehen, durch die Straßen. Es wurden verschiedenste traditionelle Tänze dargeboten, es gibt davon wirklich unzählige: Salay, Cueca, Morenada und Diablada, um nur einige zu nennen. Die Gruppen waren aus ganz Bolivien angereist, da dieser Umzug in Cocha die letzte große Tanz-Veranstaltung dieses Jahres sein würde.

Wo ist Anna?

Leider machten die momentane Regenzeit und ihre überraschenden, sturzbachartigen Regenfälle dem ganzen Spektakel einen Strich durch die Rechnung – so schien es! Doch trotz des Regens, der fast unmittelbar nach Einzug meiner Gruppe in den Umzug einsetzte, absolvierten wir die komplette Strecke, bis zum Ziel in der Nähe der Universität. Die ganze Euphorie beim Tanzen ließ mich fast vergessen, dass ich teilweise bis zum Knöchel in den Pfützen stand – und das in meinen „avarcas“, Sandalen aus Autoreifen.

Auch andere Teile unseres Kostüms waren für die Witterungsbedingungen nicht optimal geeignet: So mussten unsere voluminösen Hüte von Plastiktüten vor der Feuchtigkeit geschützt werden.

Bevor wir klatschnass wurden… Die Federn auf meinem Hut sind nicht mehr.

Nach sechs Stunden auf den Straßen Cochabambas kamen wir müde, durchgefroren, aber für diese Umstände noch einigermaßen euphorisch an unserem Ziel an. Ich freue mich schon darauf, wenn unsere Trainingseinheiten im Januar wiederbeginnen – damit ich hoffentlich dieses riesige Fest, das der Karneval in Bolivien bedeutet, ganz direkt miterleben kann. Aber bis dahin heißt es erstmal noch üben, üben, üben.

 

Für die schlechte Qualität der Bilder entschuldige ich mich herzlich. 

„Vor der Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis“.

Um zu erklären, weshalb es für mich von Anfang an außer Frage stand, diesen Beitrag unbedingt schreiben zu wollen, müsst ihr mich etwas ausholen lassen: Noch im August vor meiner Ausreise stand ich vor einigen haushohen Fragezeichen: Wohin sollen sich meine Schritte im nächsten Jahr lenken? Will ich wirklich nach Bolivien? Sehe ich mich im kommenden Jahr nicht viel eher in Deutschland?

Einer der Gründe dafür, dass ich mich letztendlich so entschieden habe, wie ich mich entschieden habe und jetzt mitten im bolivianischen Sommer kalten Kaffee schlürfend an diesem Eintrag arbeite, liegt darin, dass ich damals meinerseits einen Blog gelesen habe. Und zwar den eines ehemaligen Freiwilligen in meiner Stadt, an meiner Schule. Einen ganzen Morgen lang habe ich mich in ihn vertieft und konnte nach meiner ausgiebigen Lektüre zum ersten Mal feststellen, dass sich langsam ein Gefühl der freudigen Erwartung in meiner Magengrube breit machte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mir hat dieser Blog unheimlich geholfen, deshalb möchte ich jetzt einigen von euch, für die es in der Zukunft zu entschieden heißt, ob sie sich auf nach Bolivien machen, eine hoffnungsfrohe Botschaft senden. Und allen anderen von euch berichten, was es heißt, sich zu fühlen wie in Kafkas „Prozess“, machtlos und orientierungslos: nämlich während des Prozesses zur Erlangung der Arbeitserlaubnis in Bolivien. Ja, es soll um nichts weiter als mein Visum gehen. Aber was für ein Visum!

Bolivien gilt als eines der Länder mit dem aufwendigsten Prozess zur Erlangung einer Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis. Das Ganze fing schon gut in Deutschland an: Um hier in Bolivien einen Antrag auf eine „permanencia“ stellen zu dürfen, braucht es – offizieller Weise – ein „visa de objeto determinado“, welches bei einer bolivianischen Vertretung in Deutschland zu beantragen ist. Und zwar mit ganz schön vielen Dokumenten. Zum Glück hatte ich tatkräftige Unterstützung durch meine Eltern, die in Berlin leben und mir so verschiedenste Odysseen zu Honorarkonsulaten im Süden Deutschlands ersparen konnten.

Außerdem erhielten wir im Vornherein eine Liste, eine lange Liste, mit verschiedensten Dokumenten, die für die Antragsstellung in Bolivien vonnöten sein sollten. Alles natürlich in mehrfacher Ausführung, übersetzt und legalisiert. Ablaufen durfte so einiges auch nicht, musste also auf den letzten Drücker beantragt werden. Ich liebe Papierkrieg!

Hier angekommen hatte ich glücklicherweise einen Tipp von meinem Vorfreiwilligen erhalten: Er gab mir den Kontakt einer Frau, die hauptberuflich mit Äusländer*innen deren Behördengänge erledigt und deshalb genau wusste, welche Dokumente ich benötigte. Ansonsten hätte mir eines der oft gehörten Horrorszenarien gedroht: Welche Dokumente benötigt werden, ändert sich oft, ständig werden die Antragstellenden weggeschickt, um noch andere Dokumente zu besorgen, dann ist manches plötzlich zu alt. Auch interessant: Ich habe keines, ich wiederhole, keines der Dokumente aus Deutschland hier verwandt. Zitat: „Das ist aus Deutschland, das bringt dir hier nichts.“

Dank der tatkräftigen Hilfe der oben erwähnten Dame kämpfte ich mich inklusive langer Wartezeiten erfolgreich durch den Behördendschungel und hielt ungefähr sechs Wochen nach meiner Ankunft den Abholzettel für meinen Reisepass inklusive Arbeitserlaubnis für ein Jahr in den Händen. Doch bisher war ja alles viel zu einfach gewesen. Also dachte ich mir, ich wasche einfach mal meine Hose. Inklusive Abholzettel!

Mittlere bis schwere Krise. Doch beim Abholen zeigte sich dann, dass es in den Behörden hier eben doch nicht immer so formal zugeht wie zu einem Großteil der Zeit. Ich konnte mich ganz einfach mit einer Unterschrift ausweisen und hielt den heiligen Gral, das Zeichen meiner Legalität in den Händen.

Jetzt hieß es nur noch meinen Ausweis für Ausländer*innen beantragen, den ich am Montag nach einer halben Weltreise entlang einer Straße in Cocha, die so lang ist, dass Adressen mithilfe der Entfernung vom Zentrum in Kilometern angegeben werden (meine Behörde lang bei Kilometer 7), abgeholt habe. Das bedeutet: endlich Ruhe. Soweit ich das absehen kann, bin ich jetzt aus dem Schneider.

Also, ihr lieben zukünftigen Freiwilligen: Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen. Ja, es ist nicht leicht, es ist nervenaufreibend und noch dazu ziemlich teuer. Aber ihr werdet immer Hilfe angeboten kommen, euch immer irgendwie durchwurschteln. Am Ende wird es sich gelohnt haben: Dann seid ihr nämlich im Besitz einer Plastikkarte mit einem schrecklichen Webcam-Foto von euch und habt das Gefühl, genau da sein zu dürfen, wo ihr sein wollt. Legal!

 

 

Atinchik. – Juntos podemos. Gemeinsam können wir.

Was für ein schöner Name, was für ein schöner Leitsatz, unter den ich meine folgenden Schilderungen stellen möchte: Ich durfte mich nämlich vor nunmehr zwei Wochen für eine kurze Zeit erneut in unsere kleine kulturweit-Gemeinschaft zurückversetzen lassen und gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus Bolivien, Peru, Ecuador und Brasilien unser Zwischenseminar, weit weg von jeglichem Alltag, in der Casa Atinchik, einem herrlichen Holzhaus nahe Lima, umgeben von einem saftig grünen Garten, verbringen. Ein paradiesisches Paralleluniversum! Doch auch an so einigen tiefschürfenden Erkenntnissen hat es mir in unserer Oase südlich von Lima nicht gefehlt: Durch den intensiven Austausch mit anderen, sich in einer ähnlichen Situation befindlichen, wurde mir so einiges bisher nicht wirklich zugelassenes – teilweise auch schmerzhaft – bewusst.

 

Doch gehen wir, ganz nach meinem Geschmack, chronologisch vor: Da mir meine knapp 20,000 Flugkilometer, die ich hierher nach Bolivien und nächstes Jahr zurück nach Deutschland zurücklegen werde, ziemlich in den Knochen stecken, habe ich mich mit zwei meiner Mitfreiwilligen aus Bolivien bereits am Freitag vor Beginn des Seminars auf dem Landweg auf nach Lima gemacht. Sehr gelegen kam uns dabei, dass wir auf dem Wege einen kurzen Zwischenstopp in Cusco, laut Inka-Glauben dem Nabel, dem Ursprung der Welt, einlegen konnten. So musste ich zumindest eine von vier Nächten nicht im Bus verbringen, welch‘ herrliche Abwechslung!

Kurz vor der bolivianisch-peruanischen Grenze – die schlechte Qualität gibt dem Ganzen doch irgendwie Charme!

Und wie hat sich unser kurzer Aufenthalt gelohnt: Dank unserer wirklich unchristlichen Ankunftszeit (5 Uhr morgens am Busterminal in Cusco…) hatten wir mehr als genug Zeit diese wunderschöne Stadt zu durchstreifen. Tatsächlich stellte sich bei mir, inzwischen auf bolivianische Bürgersteige gepolt (von Löchern durchsetzt, oftmals gar nicht vorhanden oder so uneben, dass ich wirklich hohe Konzentration darauf aufwenden muss, nicht noch öfter zu straucheln, als ich es eh schon tue), fast eine leichte Irritation ob der unheimlich gepflegten, fast herausgeputzten Straßen ein.

Die Plaza de Armas von Cusco in der Morgensonne.

In freudiger Erwartung des ersten Kaffees des Tages!

Auf Streifzug über Bürgersteige ohne Löcher.

„Über den Dächern von Cusco“.

Wir verbrachten unseren Tag auf unheimlich angenehme Weise mit der für uns schon sehr üblichen Routine (wir drei gemeinsam Reisenden wohnen alle mehr oder minder nah aneinander, höchstens eine Nachtfahrt voneinander entfernt, und sehen uns dementsprechend recht regelmäßig): Herumspazieren, bis ein genehmes Café mit angenehmen Preisen gefunden, Kaffee trinken, lesen, schreiben, zeichnen, vielleicht die ein oder andere Zigarette rauchen. Und quatschen, sehr viel und über alles. Dabei genossen wir die peruanische Sonne und die Bewegung nach unserer ersten langen Nachtfahrt.

 

Nach einer erholsamen Nacht ging es für uns am nächsten Vormittag weiter Richtung Lima. Umweltbewusstsein in allen Ehren, aber diese Fahrt hätte ich mir wirklich gern gespart. Cusco liegt auf über 3000 Metern, Lima dagegen nur wenig über dem Meeresspiegel. Dementsprechend ging es für uns circa die Hälfte der für die Strecke angesetzten 20h in Serpentinen bergab. Ich muss sagen, ich bevorzuge das Ausbleiben von Fliehkraft, wenn ich versuche zu schlafen.

Wenn es gilt, sich am Busbahnhof die Zeit zu vertreiben: Gruppenfoto…

… oder Porträts der Reisegruppenmitglieder.

Dennoch stiegen wir am nächsten Morgen beschwingt aus dem Bus, trafen unsere Seminargruppe, feierten freudiges Wiedersehen mit schon bekannten Gesichtern und trafen auf so einige unbekannte, die aber nicht lange unbekannt blieben.

 

Zu den nächsten fünf Tagen lässt sich sagen, dass sie für mich vor allem von dem wunderbaren Umfeld geprägt wurden, in dem wir uns befanden. Cochabamba hat viele gepflegte Parks und Gärten zu bieten, doch wirkliche Natur finde ich hier kaum. Gerade deshalb genoss ich unsere langen Gesprächsrunden auf dem Rasen, umgeben von wunderbar nach Limone duftenden Bäumen und 13 Katzen, besonders. Wir hatten sehr viel Freiraum, um uns gegenseitig von unseren Erfahrungen der letzten zwei Monate zu berichten.  Darauf lag meiner Meinung nach auch der Schwerpunkt dieses zweiten Seminars: Es war weniger Input, Input, Input als Raum für individuelle Reflexion. Mir ist in dieser Woche klar geworden, dass ich mich bis zum Beginn des kommenden Schuljahrs auf jeden Fall um gewisse Veränderungen bemühen möchte. Doch ich denke, dass diese Überlegungen in einem anderen, separaten Blogeintrag Platz finden sollten.

Gut genutzte Mittagspausen.

Selbstreflexion kann anstrengend sein.

Am Mittwoch stand für uns ein kleiner Ausflug in das Stadtviertel Santa Maria in Lima an. Dort wird „agricultura urbana“, also Landwirtschaft in der Stadt, in kleinen, einzelnen Familien zugeteilten Parzellen betrieben. Diese stellen für viele Familien nicht nur einen wichtigen Teil ihrer Existenz dar, indem sie die ohne industriellen Dünger produzierten Lebensmittel auf Märkten in besser situierten Vierteln verkaufen, sondern bilden auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Familien im Viertel, einen sozialen Raum für Austausch.

Grün vor grau.

Am Freitag ging das Seminar zu Ende, wir zerstreuten uns erneut in verschiedenste Richtungen. Meine kleine Reisegruppe und mich hielt es noch einen Tag lang in Lima, an dem wir diese wirklich riesige Stadt durchstreiften und, wie sollte es anders sein, Kaffee tranken und die letzten Stunden gemeinsam nutzen, bevor wir wieder die Reise in unsere Einsatzorte antraten.

Der Strand von Lima, kurz nach meinem ersten Bad im Pazifik.

Die Rückreise traten wir Bolivianerinnen diesmal per Flugzeug an – eine Busfahrt wäre aus Zeitgründen nur schwer möglich gewesen. Ich kam nach Station in Oruro am Sonntag spät abends in Cochabamba an. Am nächsten Morgen, auf dem Weg in die Schule, merkte ich, wie sehr mich diese zehn Tage doch aus meiner Routine gerissen hatten. Ich betrachtete alles mit anderen Augen, vieles wirkte recht befremdlich auf mich. Dieses Gefühl hat sich inzwischen wieder verflüchtigt, doch es hat mir gezeigt, wie leicht es scheinbar für mich war, sich sowohl in einem neuen Umfeld einzuleben, als auch den Bezug zu diesem wieder zu verlieren, sobald ich mich an einen anderen Ort zurückversetzt fühle, in diesem Fall das Vorbereitungsseminar in Berlin.

 

Alles in allem habe ich meinen kurzen Realitätsverlust mehr als genossen, hatte die Möglichkeit allein und gemeinsam mit anderen über meine momentane Situation nachzudenken, habe dabei noch ein neues Land kennengelernt und gelernt, dass es auch mit über 1,80m möglich ist, in einem Reisebus eine halbwegs bequeme Position einzunehmen (Embryonalhaltung!). Was für eine erleichternde Erkenntnis für die Fahrten, die da kommen!