Archiv des Autors: Anna Ganzleben

Das Tanzbein schwingen. Mit überdimensionalem Hut.

Natürlich laufen gerade hier in Cochabamba genau wie in Deutschland die Vorbereitungen für Weihnachten auf Hochtouren. Doch während für viele Familien in Deutschland eben dieses uns kurz bevorstehende Fest das wichtigste des Jahres ist, scheint es mir hier einen Anlass zu geben, der noch ausgiebiger gefeiert werden wird: Karneval.

Doch der bolivianische Karneval hat mit unserem nur wenig zu tun: Der Karneval in Bolivien gehört traditionell den folkloristischen Tanzgruppen. Und in so einer tanze ich seit inzwischen zwei Monaten. Der Tanz, den ich tanze, nennt sich Tinku. Über diesen Tanz gibt es einiges spannendes zu erzählen, nicht umsonst muten einige Tanzschritte sehr kämpferisch an. Doch ich möchte mich noch etwas genauer über die Herkunft und Geschichte des Tanzes informieren, bevor ich dem einen separaten Eintrag widme. Hier soll es zunächst nur um meine ganz persönliche Erfahrung gehen.

Letztes Wochenende stand für mich mein erster unbeholfener Tanzversuch außerhalb meiner Komfortzone, der abgelegenen Seitenstraße hinter der Universität in Cochabamba, in welcher wir täglich trainieren, an. Erläuterung dazu: Aufgrund des angenehmen Klimas in Cochabamba braucht es nicht viel mehr als eine wenig befahrene Straße und eine große Musikbox, um ein Trainingsgelände herzustellen.

Beigebracht werden die Tanzschritte Mund-zu-Mund, das heißt, dass jeden Abend einige der geübteren Tänzer*innen dafür zuständig sind, uns zu vermitteln, zu welchem Zeitpunkt welches Körperteil wohin bewegt werden soll. Sobald dann die Grundlagen durch diese „Einzelstunden“ – mehr oder weniger – verinnerlicht wurden, wird weiter im „bloque“ geübt, also in der Aufstellung, die wir auch bei Wettbewerben und schlussendlich beim Karneval einnehmen werden. Wir stehen in Reihen zu viert nebeneinander, den Blick nach vorn gewandt, wo vier besonders fähige Tänzer*innen uns symbolisieren, welcher Tanz als nächstes bevorsteht. Außerdem lässt sich bei ihnen auch wunderbar abgucken!

Genauso bewegten wir uns bei der „Entrada Universitaria“, einer von mehreren Veranstaltungen, die dem Auftritt beim Karneval vorweggehen, durch die Straßen. Es wurden verschiedenste traditionelle Tänze dargeboten, es gibt davon wirklich unzählige: Salay, Cueca, Morenada und Diablada, um nur einige zu nennen. Die Gruppen waren aus ganz Bolivien angereist, da dieser Umzug in Cocha die letzte große Tanz-Veranstaltung dieses Jahres sein würde.

Wo ist Anna?

Leider machten die momentane Regenzeit und ihre überraschenden, sturzbachartigen Regenfälle dem ganzen Spektakel einen Strich durch die Rechnung – so schien es! Doch trotz des Regens, der fast unmittelbar nach Einzug meiner Gruppe in den Umzug einsetzte, absolvierten wir die komplette Strecke, bis zum Ziel in der Nähe der Universität. Die ganze Euphorie beim Tanzen ließ mich fast vergessen, dass ich teilweise bis zum Knöchel in den Pfützen stand – und das in meinen „avarcas“, Sandalen aus Autoreifen.

Auch andere Teile unseres Kostüms waren für die Witterungsbedingungen nicht optimal geeignet: So mussten unsere voluminösen Hüte von Plastiktüten vor der Feuchtigkeit geschützt werden.

Bevor wir klatschnass wurden… Die Federn auf meinem Hut sind nicht mehr.

Nach sechs Stunden auf den Straßen Cochabambas kamen wir müde, durchgefroren, aber für diese Umstände noch einigermaßen euphorisch an unserem Ziel an. Ich freue mich schon darauf, wenn unsere Trainingseinheiten im Januar wiederbeginnen – damit ich hoffentlich dieses riesige Fest, das der Karneval in Bolivien bedeutet, ganz direkt miterleben kann. Aber bis dahin heißt es erstmal noch üben, üben, üben.

 

Für die schlechte Qualität der Bilder entschuldige ich mich herzlich. 

„Vor der Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis“.

Um zu erklären, weshalb es für mich von Anfang an außer Frage stand, diesen Beitrag unbedingt schreiben zu wollen, müsst ihr mich etwas ausholen lassen: Noch im August vor meiner Ausreise stand ich vor einigen haushohen Fragezeichen: Wohin sollen sich meine Schritte im nächsten Jahr lenken? Will ich wirklich nach Bolivien? Sehe ich mich im kommenden Jahr nicht viel eher in Deutschland?

Einer der Gründe dafür, dass ich mich letztendlich so entschieden habe, wie ich mich entschieden habe und jetzt mitten im bolivianischen Sommer kalten Kaffee schlürfend an diesem Eintrag arbeite, liegt darin, dass ich damals meinerseits einen Blog gelesen habe. Und zwar den eines ehemaligen Freiwilligen in meiner Stadt, an meiner Schule. Einen ganzen Morgen lang habe ich mich in ihn vertieft und konnte nach meiner ausgiebigen Lektüre zum ersten Mal feststellen, dass sich langsam ein Gefühl der freudigen Erwartung in meiner Magengrube breit machte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mir hat dieser Blog unheimlich geholfen, deshalb möchte ich jetzt einigen von euch, für die es in der Zukunft zu entschieden heißt, ob sie sich auf nach Bolivien machen, eine hoffnungsfrohe Botschaft senden. Und allen anderen von euch berichten, was es heißt, sich zu fühlen wie in Kafkas „Prozess“, machtlos und orientierungslos: nämlich während des Prozesses zur Erlangung der Arbeitserlaubnis in Bolivien. Ja, es soll um nichts weiter als mein Visum gehen. Aber was für ein Visum!

Bolivien gilt als eines der Länder mit dem aufwendigsten Prozess zur Erlangung einer Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis. Das Ganze fing schon gut in Deutschland an: Um hier in Bolivien einen Antrag auf eine „permanencia“ stellen zu dürfen, braucht es – offizieller Weise – ein „visa de objeto determinado“, welches bei einer bolivianischen Vertretung in Deutschland zu beantragen ist. Und zwar mit ganz schön vielen Dokumenten. Zum Glück hatte ich tatkräftige Unterstützung durch meine Eltern, die in Berlin leben und mir so verschiedenste Odysseen zu Honorarkonsulaten im Süden Deutschlands ersparen konnten.

Außerdem erhielten wir im Vornherein eine Liste, eine lange Liste, mit verschiedensten Dokumenten, die für die Antragsstellung in Bolivien vonnöten sein sollten. Alles natürlich in mehrfacher Ausführung, übersetzt und legalisiert. Ablaufen durfte so einiges auch nicht, musste also auf den letzten Drücker beantragt werden. Ich liebe Papierkrieg!

Hier angekommen hatte ich glücklicherweise einen Tipp von meinem Vorfreiwilligen erhalten: Er gab mir den Kontakt einer Frau, die hauptberuflich mit Äusländer*innen deren Behördengänge erledigt und deshalb genau wusste, welche Dokumente ich benötigte. Ansonsten hätte mir eines der oft gehörten Horrorszenarien gedroht: Welche Dokumente benötigt werden, ändert sich oft, ständig werden die Antragstellenden weggeschickt, um noch andere Dokumente zu besorgen, dann ist manches plötzlich zu alt. Auch interessant: Ich habe keines, ich wiederhole, keines der Dokumente aus Deutschland hier verwandt. Zitat: „Das ist aus Deutschland, das bringt dir hier nichts.“

Dank der tatkräftigen Hilfe der oben erwähnten Dame kämpfte ich mich inklusive langer Wartezeiten erfolgreich durch den Behördendschungel und hielt ungefähr sechs Wochen nach meiner Ankunft den Abholzettel für meinen Reisepass inklusive Arbeitserlaubnis für ein Jahr in den Händen. Doch bisher war ja alles viel zu einfach gewesen. Also dachte ich mir, ich wasche einfach mal meine Hose. Inklusive Abholzettel!

Mittlere bis schwere Krise. Doch beim Abholen zeigte sich dann, dass es in den Behörden hier eben doch nicht immer so formal zugeht wie zu einem Großteil der Zeit. Ich konnte mich ganz einfach mit einer Unterschrift ausweisen und hielt den heiligen Gral, das Zeichen meiner Legalität in den Händen.

Jetzt hieß es nur noch meinen Ausweis für Ausländer*innen beantragen, den ich am Montag nach einer halben Weltreise entlang einer Straße in Cocha, die so lang ist, dass Adressen mithilfe der Entfernung vom Zentrum in Kilometern angegeben werden (meine Behörde lang bei Kilometer 7), abgeholt habe. Das bedeutet: endlich Ruhe. Soweit ich das absehen kann, bin ich jetzt aus dem Schneider.

Also, ihr lieben zukünftigen Freiwilligen: Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen. Ja, es ist nicht leicht, es ist nervenaufreibend und noch dazu ziemlich teuer. Aber ihr werdet immer Hilfe angeboten kommen, euch immer irgendwie durchwurschteln. Am Ende wird es sich gelohnt haben: Dann seid ihr nämlich im Besitz einer Plastikkarte mit einem schrecklichen Webcam-Foto von euch und habt das Gefühl, genau da sein zu dürfen, wo ihr sein wollt. Legal!

 

 

Atinchik. – Juntos podemos. Gemeinsam können wir.

Was für ein schöner Name, was für ein schöner Leitsatz, unter den ich meine folgenden Schilderungen stellen möchte: Ich durfte mich nämlich vor nunmehr zwei Wochen für eine kurze Zeit erneut in unsere kleine kulturweit-Gemeinschaft zurückversetzen lassen und gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus Bolivien, Peru, Ecuador und Brasilien unser Zwischenseminar, weit weg von jeglichem Alltag, in der Casa Atinchik, einem herrlichen Holzhaus nahe Lima, umgeben von einem saftig grünen Garten, verbringen. Ein paradiesisches Paralleluniversum! Doch auch an so einigen tiefschürfenden Erkenntnissen hat es mir in unserer Oase südlich von Lima nicht gefehlt: Durch den intensiven Austausch mit anderen, sich in einer ähnlichen Situation befindlichen, wurde mir so einiges bisher nicht wirklich zugelassenes – teilweise auch schmerzhaft – bewusst.

 

Doch gehen wir, ganz nach meinem Geschmack, chronologisch vor: Da mir meine knapp 20,000 Flugkilometer, die ich hierher nach Bolivien und nächstes Jahr zurück nach Deutschland zurücklegen werde, ziemlich in den Knochen stecken, habe ich mich mit zwei meiner Mitfreiwilligen aus Bolivien bereits am Freitag vor Beginn des Seminars auf dem Landweg auf nach Lima gemacht. Sehr gelegen kam uns dabei, dass wir auf dem Wege einen kurzen Zwischenstopp in Cusco, laut Inka-Glauben dem Nabel, dem Ursprung der Welt, einlegen konnten. So musste ich zumindest eine von vier Nächten nicht im Bus verbringen, welch‘ herrliche Abwechslung!

Kurz vor der bolivianisch-peruanischen Grenze – die schlechte Qualität gibt dem Ganzen doch irgendwie Charme!

Und wie hat sich unser kurzer Aufenthalt gelohnt: Dank unserer wirklich unchristlichen Ankunftszeit (5 Uhr morgens am Busterminal in Cusco…) hatten wir mehr als genug Zeit diese wunderschöne Stadt zu durchstreifen. Tatsächlich stellte sich bei mir, inzwischen auf bolivianische Bürgersteige gepolt (von Löchern durchsetzt, oftmals gar nicht vorhanden oder so uneben, dass ich wirklich hohe Konzentration darauf aufwenden muss, nicht noch öfter zu straucheln, als ich es eh schon tue), fast eine leichte Irritation ob der unheimlich gepflegten, fast herausgeputzten Straßen ein.

Die Plaza de Armas von Cusco in der Morgensonne.

In freudiger Erwartung des ersten Kaffees des Tages!

Auf Streifzug über Bürgersteige ohne Löcher.

„Über den Dächern von Cusco“.

Wir verbrachten unseren Tag auf unheimlich angenehme Weise mit der für uns schon sehr üblichen Routine (wir drei gemeinsam Reisenden wohnen alle mehr oder minder nah aneinander, höchstens eine Nachtfahrt voneinander entfernt, und sehen uns dementsprechend recht regelmäßig): Herumspazieren, bis ein genehmes Café mit angenehmen Preisen gefunden, Kaffee trinken, lesen, schreiben, zeichnen, vielleicht die ein oder andere Zigarette rauchen. Und quatschen, sehr viel und über alles. Dabei genossen wir die peruanische Sonne und die Bewegung nach unserer ersten langen Nachtfahrt.

 

Nach einer erholsamen Nacht ging es für uns am nächsten Vormittag weiter Richtung Lima. Umweltbewusstsein in allen Ehren, aber diese Fahrt hätte ich mir wirklich gern gespart. Cusco liegt auf über 3000 Metern, Lima dagegen nur wenig über dem Meeresspiegel. Dementsprechend ging es für uns circa die Hälfte der für die Strecke angesetzten 20h in Serpentinen bergab. Ich muss sagen, ich bevorzuge das Ausbleiben von Fliehkraft, wenn ich versuche zu schlafen.

Wenn es gilt, sich am Busbahnhof die Zeit zu vertreiben: Gruppenfoto…

… oder Porträts der Reisegruppenmitglieder.

Dennoch stiegen wir am nächsten Morgen beschwingt aus dem Bus, trafen unsere Seminargruppe, feierten freudiges Wiedersehen mit schon bekannten Gesichtern und trafen auf so einige unbekannte, die aber nicht lange unbekannt blieben.

 

Zu den nächsten fünf Tagen lässt sich sagen, dass sie für mich vor allem von dem wunderbaren Umfeld geprägt wurden, in dem wir uns befanden. Cochabamba hat viele gepflegte Parks und Gärten zu bieten, doch wirkliche Natur finde ich hier kaum. Gerade deshalb genoss ich unsere langen Gesprächsrunden auf dem Rasen, umgeben von wunderbar nach Limone duftenden Bäumen und 13 Katzen, besonders. Wir hatten sehr viel Freiraum, um uns gegenseitig von unseren Erfahrungen der letzten zwei Monate zu berichten.  Darauf lag meiner Meinung nach auch der Schwerpunkt dieses zweiten Seminars: Es war weniger Input, Input, Input als Raum für individuelle Reflexion. Mir ist in dieser Woche klar geworden, dass ich mich bis zum Beginn des kommenden Schuljahrs auf jeden Fall um gewisse Veränderungen bemühen möchte. Doch ich denke, dass diese Überlegungen in einem anderen, separaten Blogeintrag Platz finden sollten.

Gut genutzte Mittagspausen.

Selbstreflexion kann anstrengend sein.

Am Mittwoch stand für uns ein kleiner Ausflug in das Stadtviertel Santa Maria in Lima an. Dort wird „agricultura urbana“, also Landwirtschaft in der Stadt, in kleinen, einzelnen Familien zugeteilten Parzellen betrieben. Diese stellen für viele Familien nicht nur einen wichtigen Teil ihrer Existenz dar, indem sie die ohne industriellen Dünger produzierten Lebensmittel auf Märkten in besser situierten Vierteln verkaufen, sondern bilden auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Familien im Viertel, einen sozialen Raum für Austausch.

Grün vor grau.

Am Freitag ging das Seminar zu Ende, wir zerstreuten uns erneut in verschiedenste Richtungen. Meine kleine Reisegruppe und mich hielt es noch einen Tag lang in Lima, an dem wir diese wirklich riesige Stadt durchstreiften und, wie sollte es anders sein, Kaffee tranken und die letzten Stunden gemeinsam nutzen, bevor wir wieder die Reise in unsere Einsatzorte antraten.

Der Strand von Lima, kurz nach meinem ersten Bad im Pazifik.

Die Rückreise traten wir Bolivianerinnen diesmal per Flugzeug an – eine Busfahrt wäre aus Zeitgründen nur schwer möglich gewesen. Ich kam nach Station in Oruro am Sonntag spät abends in Cochabamba an. Am nächsten Morgen, auf dem Weg in die Schule, merkte ich, wie sehr mich diese zehn Tage doch aus meiner Routine gerissen hatten. Ich betrachtete alles mit anderen Augen, vieles wirkte recht befremdlich auf mich. Dieses Gefühl hat sich inzwischen wieder verflüchtigt, doch es hat mir gezeigt, wie leicht es scheinbar für mich war, sich sowohl in einem neuen Umfeld einzuleben, als auch den Bezug zu diesem wieder zu verlieren, sobald ich mich an einen anderen Ort zurückversetzt fühle, in diesem Fall das Vorbereitungsseminar in Berlin.

 

Alles in allem habe ich meinen kurzen Realitätsverlust mehr als genossen, hatte die Möglichkeit allein und gemeinsam mit anderen über meine momentane Situation nachzudenken, habe dabei noch ein neues Land kennengelernt und gelernt, dass es auch mit über 1,80m möglich ist, in einem Reisebus eine halbwegs bequeme Position einzunehmen (Embryonalhaltung!). Was für eine erleichternde Erkenntnis für die Fahrten, die da kommen!

 

Poetische Versuche: Adela Zamudio.

Dieser Beitrag entbehrt leider jeglichen Kontextes, obwohl ich fest überzeugt davon war, dass er perfekt zum gestrigen Datum passen würde. Leider habe ich mich allerdings um einen Monat vertan, wollte euch allerdings ein kurzes Porträt einer bedeutenden bolivianischen Schriftstellerin des vergangenen Jahrhunderts nicht vorenthalten. Gestern vor einem Monat jährte sich der Geburtstag von Adela Zamudio, einer der ersten erfolgreichen Schriftstellerinnen Boliviens, welche auch eine maßgebliche Rolle in der bolivianischen Frauenbewegung spielte.

Adela Zamudio gegen Ende ihres Lebens.

Adela Zamudio wurde am 11. Oktober 1854 in Cochabamba geboren und starb ebenda am 2. Juni 1928. Sie besuchte hier die „Escuela San Alberto“, eine katholische Schule, an der Frauen damals nur bis einschließlich der dritten Klasse der Primaria, äquivalent zur deutschen Grundschule, unterrichtet wurden. Diese doch sehr kurze Periode der Beschulung war damals Normalität.

 

Doch nach dem Ende ihrer kurzen Schullaufbahn bildete Adela sich selbst fot, indem sie beispielsweise viele bedeutende literarische Werke las. Sie gründete im Erwachsenenalter die erste Malschule der Stadt für Frauen und Kinder und wurde später in ihrem Leben zur Schulleiterin der „Escuela Fiscal de Senoritas“ (hier bitte ein „ene“ lesen, ich verfluche die deutsche Tastatur…) berufen. Diese wurde bald danach in „Liceo de Senoritas Adela Zamudio“ umbenannt.

 

Adela arbeitete gleichzeitig als Lehrerin und Schriftstellerin. In ihren Werken thematisierte sie unter anderem die kulturelle Einbindung von Frauen in die Gesellschaft, wollte also weibliche Intellektuelle dazu ermutigen, sich ebenso offen wie die Männer kulturell zu betätigen. Adela Zamudio verfasste sowohl Prosa-Texte als auch Gedichte, welche häufig Gefühl und Natur zum Thema haben. Sie veröffentlichte ihre Werke zunächst unter dem Pseudonym „Soledad“, Einsamkeit, bevor sie zunehmend an die Öffentlichkeit trat.

 

Ebenfalls war sie journalistisch tätig und veröffentlichte einige Artikel in der Tageszeitung „El Heraldo“. In diesen zeigten sich einige ihrer progressiven Ideen, so zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter. Allgemein war Zamudio stets eine sozial engagierte Schriftstellerin, die häufig die Position der Frau innerhalb der Gesellschaft zum Thema in ihren Werken machte. Sie gilt als eine wichtige Person innerhalb der lateinamerikanischen Frauenbewegung. Sie zeigte durch ihr eigenes Leben das, was sie auch in ihren Werken zum Ausdruck bringen wollte: nämlich dass Frauen in der Lage sind, sowohl sozial als auch intellektuell das Gleiche zu leisten wie Männer. Für ihr Werk „Ensayos Poéticos“ erhielt sie den wichtigsten bolivianischen Buchpreis.

 

Ihr Geburtstag am 11. Oktober wird in Bolivien jedes Jahr als „Tag der bolivianischen Frau“ gefeiert. Hier in Cochabamba ist auch ein Theater nach Adela Zamudio benannt.

 

 

Illustrationen: Todos Santos.

Hier noch ein kleiner Nachtrag zu meinem letzten Beitrag: Am Sonntag nach dem Día de los Muertos und Todos Santos war ich in einer benachbarten Gemeinde auf einer „Jornada Socio-Cultural“, einem Kulturfest im Kontext dieser beiden besondern Tage. Ein Freund hat den Tag über wirklich tolle Fotos gemacht und ich würde euch dieses für mich sehr schöne Erlebnis gern mit einigen davon illustrieren.

Ein beliebtes Spiel: Ziel ist es, mit den Füßen so viele Körbe wie möglich von der Leine zu fischen. Dabei bekommst du Anschwung durch Taue von beiden Seiten!

Dieser Herr trinkt wahrscheinlich gerade Chibcha aus seiner Schale, ein alkoholhaltiges Getränk aus Mais, dessen Produktion früher involvierte, dass eine Person durch Kauen des Mais‘ einen Fermentationsprozess in Gang setzte.

Kleine Belohnung, falls ihr diesen Artikel lest: Ich bevor…

…und während ich mich frage, warum zur Hölle ich mich dem hier gerade aussetze. Aber ich bin jetzt stolze Besitzerin eines dieser Körbe!

 

Los muertos regresan. – Die Toten kehren zurück.

Viel zu viel Zeit ist vergangen und wieder gibt ein besonderer Tag mir Anlass dazu, einen Blogeintrag zu verfassen. Denn an den ersten beiden Tagen des Novembers kehren nach Glauben vieler Bolivianer*innen die Geister ihrer verstorbenen Verwandten zurück auf die Erde. Die Feier ihrer Rückkehr spielt sich an zwei Tagen ab:

Der 1. November oder auch Todos Santos, Allerheiligen zu Deutsch, spielt sich noch im Haus der Familie ab, bevor es dann am nächsten Tag mit der ganzen Familie auf den Friedhof geht. Bei ihrer Rückkehr ins Erdenreich müssen die Toten natürlich auch in den Genuss irdischer Genüsse kommen. Deshalb wird groß aufgekocht. Teilweise steht ab 5 Uhr morgens jemand in der Küche, um die umfangreiche Mahlzeit für und mit den Verstorbenen vorzubereiten. Es wird ein selbst für bolivianische Verhältnisse umfangreiches Mittagsessen aufgetischt. An der reich gedeckten Tafel werden stets Plätze für die toten Verwandten freigehalten, selbstverständlich auch mit ihrer eigenen Portion der leckeren Speisen. Auch eine Art Schrein wird für die Toten errichtet, um dafür zu sorgen, dass ihre Präsenz nicht zu übersehen ist. Ganz wichtig sind auf diesem ein Foto der verstorbenen Person sowie aus Brot geformte Figuren, die es im Vorfeld überall und in riesigen Mengen zu kaufen gibt. Diese sogenannten T’anta Wawas sollen Diener*innen für die Toten symbolisieren, die diese mit ins Jenseits nehmen können, um sich dort ein entspannteres Leben bereiten lassen zu können.

Nach einem erholsamen Verdauungsschlaf geht es am nächsten Tag, dem 2. November, hier auch Día de los Muertos genannt, gleich weiter mit den Feierlichkeiten, mit viel Essen und vor allem vielviel Brot! Die Familien strömen heute auf die Friedhöfe, um dort erneut ihre wiedergekehrten Verwandten mit Nahrung zu versorgen und ihre Anwesenheit zu feiern. Die Gräber werden aufwendig geschmückt und das mitgebrachte Essen ausgebreitet (auch hier dürfen die T’anta Wawas nicht fehlen). Dieser Tag ist (zumindest hier in Cochabamba) Feiertag, weshalb er komplett auf dem Friedhof verbracht werden kann, die Zeit mit den Zurückgekehrten maximal ausgenutzt werden kann.

Der Tod wird von vielen Familien hier in Bolivien also nicht als das Ende, sondern als eine anders beschaffene Fortsetzung des Lebens angesehen. Eine Reise, von der einmal im Jahr zurückgekehrt werden kann, um Zeit mit seinen Lieben zu verbringen, wieder mit ihnen vereint zu sein.

 

Ich möchte aus Respekt vor den Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre der Toten und derer Angehörigen keine Bilder veröffentlichen. Aber sucht unbedingt im Internet! Vor allem der ohnehin schon beeindruckend riesige Friedhof in La Paz verwandelt sich am Día de los Muertos in ein Menschenmeer!

Wenn eine ganze Stadt zum Stehen kommt.

Die letzen zwei Tage fand an meiner Schule in Cochabamba kein Unterricht statt. Heute, am Donnerstag, den 11. Oktober, begeht Bolivien den sogenannten „Día de la mujer“, den Tag der bolivianischen Frau. Unser Kollegium besteht zum Großteil aus Frauen, ebenso die Schüler*innenschaft, also beschloss die Schulleitung, den Unterricht an diesem Tag nicht stattfinden zu lassen. Und gestern? Gestern war keiner dieser hier oft stattfindenden „Themenfeiertage“, wie der Tag des Schülers, Tag des Lehrers und so weiter. Stattdessen legten in der ganzen Stadt Menschen ihre Arbeit nieder: In Cochabamba, La Paz, ja in ganz Bolivien war zu einem sogenannten „paro ciudadano“ aufgerufen worden, einem Streik der Bürgerschaft.

In Cochabamba äußerte sich das Ganze folgendermaßen: Es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel, Geschäfte und Restaurants hatten nicht geöffnet, Schulen blieben geschlossen (so zum Beispiel meine). Große Zufahrtsstraßen und Hauptverkehrsadern wurden von Demonstrant*innen blockiert. Bei solchen „bloqueos“ wird mit großen Steinen und Absperrband verhindert, dass Autos und Busse die Straßen befahren können. Ausstände dieser Art finden in Bolivien mehr oder weniger regelmäßig statt. In Cochabamba kam es beispielsweise im Jahr 2000 im Rahmen des „Wasserkriegs von Cochabamba“ zu einem Generalstreik, mit dem die Bevölkerung die angestrebte Privatisierung der Wasserversorgung und die damit einhergehende Verdreifachung des Wasserpreises verhindern wollte. Tatsächlich fühlte sich die Regierung von den protestierenden Bürger*innen so stark unter Druck, dass die geplante Privatisierung gestoppt wurde.

Der Streik gestern lässt sich mit den im Jahr 2019 auf nationaler Ebene anstehenden Wahlen in Verbindung bringen. Hier in der Stadt kam es gestern zu Demonstrationszügen zweier Gruppen mit entgegengesetzten politischen Ausrichtungen: Zunächst zogen die sogenannten MASsistas, die Anhänger*innen der Regierungspartei MAS, der auch der momentane Präsident Boliviens, Evo Morales, ein ehemaliger Koka-Bauer, angehört. Viele seiner Anhänger*innen gehören indigenen Bevölkerungsgruppen an.

So oder so ähnlich könne Proteste gegen eine erneute Kandidatur Morales‘ aussehen. Das Bild stammt nicht von mir, doch die Urheberschaft wurde nirgendwo kenntlich gemacht.

Später am Tag demonstrierte eine beeindruckende Masse an Menschen, die mit der Bewegung „Bolivia dijo No“, zu Deutsch „Bolivien hat Nein gesagt“, sympathisieren. Diese Gruppe engagiert sich gegen eine erneute Kandidatur von Evo Morales für das Präsidentenamt bei den Wahlen im kommenden Jahr – es wäre seine dritte. Doch laut der bolivianischen Verfassung, die unter Evo Morales selbst in Kraft trat, sind einer Person nur zwei Amtszeiten als Präsident*in erlaubt.

Die Anhänger*innen sehen durch Morales angestrebte dritte offizielle Amtszeit die Demokratie im Land in Gefahr; Noch dazu kommt, dass im Jahr 2016 in Bolivien von der Regierung ein Referendum durchgeführt wurde, um eine Abschaffung des Paragraphen der Verfassung, der die Anzahl von Amtszeiten auf zwei beschränkt, zu legitimieren. Doch die Mehrheit der Bevölkerung sprach sich, wenn auch knapp, gegen die Verfassungsänderung aus. Dennoch hat Evo Morales vor kurzem seine erneute Kandidatur für das Präsident*innenamt bekannt gegeben. Gewählt wird nächstes Jahr, einmal im Januar, einmal im Oktober. Warum genau zweimal gewählt werden wird, ist mir bisher noch nicht klar. Weiß das zufällig jemand von euch?

Ich möchte noch hinzufügen, dass meiner Meinung nach die Verfassungswidrigkeit einer erneuten Kandidatur Morales‘ nicht der einzige Grund ist, warum Leute für „Bolivia dijo No“ auf die Straße gehen. Evo Morales‘ Politik hat in den vergangenen Jahren sehr stark auf die Verbesserung der Lage von Gruppen abgezielt, denen bisher wenig politischer Einfluss zugestanden wurde. Vor allem wohlhabendere Bevölkerungsschichten haben von den Veränderungen im Land nicht ausschließlich profitiert und teilen mit „Bolivia dijo No“ das Interesse daran, eine erneute Regierungsperiode unter Eva Morales zu verhindern.

Der gestrige Tag war ein Vorgeschmack auf die Proteste, die mit den immer näher rückenden Wahlen einhergehen werden. Meinem auf jeden Fall bisher noch recht oberflächlichem Eindruck nach sind Land und Bevölkerung gespalten: Einige verehren Evo für seine von sozialen Maßnahmen geprägte Politik, die vor allem bisher marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu Gute kommt,  Andere sehen Bolivien an der Schwelle zur Diktatur. Zwischen den unterschiedlichen „Meinungsgruppen“ kommt zu Spannungen und wird es auch weiterhin zu Spannungen kommen.

Atempause.

Hier folgt nun nicht wie angekündigt etwas mehr zu der wirklich schönen Stadt, in der ich jetzt sein fast drei Wochen lebe, sondern ein mit einem Lächeln auf den Lippen verfasster Bericht über einen der schönsten Tage, die ich bisher in Bolivien verbringen durfte. Ich muss dieses Erlebnis teilen!

Am Sonntag morgen machten meine Mitbewohnerin und ich uns gnadenlos früh auf den Weg, um an einem von ihrem Studiengang, ihrer Universität aus organisiertem „Ausflug“ teilzunehmen. Doch Ausflug ist hier ein absolut unpassendes Wort, es war mehr eine Lieferung. Und zwar wurde innerhalb der Universität meiner Mitbewohnerin fleißig gesammelt, alles, was an Kleidung, Spielzeug und Essen aufzutreiben war. Damit machten wir uns dann in einer kleinen Gruppe Student*innen auf den Weg Richtung Oruro, einer anderen großen Stadt Boliviens, die ungefähr 4 Stunden entfernt und um einiges höher liegt, um in einigen Dörfern, die an der vielbefahrenen Straße nach Oruro liegen, die Spenden zu verteilen.

Doch auf den Weg gemacht haben wir uns nicht – wie von mir angenommen – in einem kleinen Bus, sondern auf der Ladefläche eines Pick-Ups, eingekeilt zwischen Haufen gespendeter Kleidung, einem Sack mit Brot für Straßenhunde und einem riesigen Topf Kartoffelsuppe, unserem Mittagessen. Ich genoss unsäglich das Gefühl, für längere Zeit unter freiem Himmel zu sein, die frischer werdende Luft einsaugend und die sich um uns herum erhebenden Bergketten bewundernd.

In den Dörfern verteilten wir dann Spielzeug und Kleidung an die Familien. Scheinbar waren ihnen Lieferungen dieser Art schon bekannten, denn kaum hielten wir auf einem der größeren Plätze in den Dörfern, waren wir sogleich von Müttern und Vätern mit ihren wuselnden Kindern umgeben. Obwohl wir eine riesige Menge an Sachen mitgebracht hatten, glich das Verteilen einer Art Kampf. Alle Eltern wünschten sich für ihre Kinder nur die schönsten Spielsachen, die wärmste Kleidung. Doch egal welches Spielzeug wir einem der Kinder in die Hand drückten, die Freude und Faszination war groß.

Ich möchte eigentlich nur noch Bilder sprechen lassen. Aber lasst mich noch eines festhalten: Was diesen Tag für mich so besonders gemacht hat, was das Gefühl, dem Land so nah zu kommen, wie in meinem Kosmos aus Privatschule und europäisch geprägter Großstadt noch nie zuvor. Ein Tag, der mir lange im Gedächtnis bleiben wird. Vielleicht auch, weil ich einen herrlichen Sonnenbrand von meiner Fahrt unter der brennenden Bergsonne davongetragen habe…



Arbeitsweisen.

Seit nunmehr zwei Wochen gehöre ich zum arbeitenden Teil der Bevölkerung. Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, führt mich mein Weg um kurz nach 07:00 Uhr die Treppe unseres Apartmentblocks herunter, an unseren freundlich grüßenden porteros vorbei (viele vergleichsweise teure Unterkünfte in Cochabamba habe Portiere oder Portierinnen, die kontrollieren, wer das Gelände betritt) auf die vielbefahrenen Straße, an der unser Gebäude liegt. Von da an geht es immer weiter in den Norden Cochabambas, immer weiter den Berg hoch, näher an die gut über der Stadt sichtbaren Bergketten heran. Nach ungefähr einer halben Stunde, in der ich die noch frische Luft und sanfte Morgensonne genieße, zwischendurch aber auch immer wieder dicht befahrene Straßen kreuzen muss (ein wahres Abenteuer im morgendlichen Berufsverkehr!), erreiche ich mein Ziel, meinen Arbeitsplatz: das Colegio Alemán Federico Froebel, eine Privatschule, an der Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 18 Jahren lernen.

Genauso lang lernen die Schüler*innen an der Froebel auch Deutsch. Bereits im Kindergarten, hier lustiger Weise nur „Kinder“ gennant, singen die Kinder einige Male in der Woche Lieder auf Deutsch, sagen laut Tiernamen oder Farben auf. Mit sechs Jahren beginnt dann die sogenannte „primaria“, also die Unterstufe. Ab der 7. Klasse gehören die Jugendlichen der „secundaria“ an. Mit dem Ende der 12. Klasse erhalten die Schüler*innen das bolivianische Pendant zum deutschen Abitur. Zusätzlich bietet die Schule die Möglichkeit, mit dem Bestehen einer der zwei DSD-Prüfungen (Deutsches Sprach-Diplom) ein Studium an einer deutschen Universität zu beginnen. Ein Studium an einer deutschen Hochschule ist für einige der Schüler*innen, mit denen ich arbeite, das ganz große Ziel. Sie wollen nach Aachen, Marburg oder Berlin, um dort eine ihrer Meinung nach bessere Ausbildung und mit einem deutschen Abschluss bessere Zukunftsmöglichkeiten, sowohl in Bolivien als auch anderswo, zu haben. Doch nicht allen Schüler*innen steht diese Möglichkeit offen, da nicht alle in der 11. oder 12. Klasse bereits das notwendige Niveau erreicht haben, um die doch sehr anspruchsvollen Prüfungen zu bestehen.

Da wären wir auch schon bei meinen „Aufgabenbereichen“ angekommen, wenn ich überhaupt von so etwas sprechen kann – eigentlich mache ich nämlich von allem ein wenig! Ich bin hauptsächlich mit der Unterstützung schwächerer Schüler*innen betraut; jeden Tag betreue ich mit einer deutschen Praktikantin gemeinsam eine kleine Gruppe aus einer bestimmten Jahrgangsstufe. Wir üben das Konjugieren von trennbaren Verben, exerzieren „müssen, sollen, dürfen“ rauf und runter oder spielen Galgenmännchen. Wichtig ist auch, zu versuchen, die Kinder zum Sprechen zu bewegen: Vielen ist es unangenehm, zu zeigen, dass sie auf viele Fragen nicht die richtige Antwort geben können. Deshalb schweigen sie lieber. Doch da wir zu zweit für meistens nicht mehr als zehn Schüler*innen zuständig sind, bietet sich oft die Gelegenheit, in noch kleineren Gruppen zu arbeiten – in denen fällt es dann gleich leichter!

Ansonsten gleicht im Colegio kein Tag dem anderen: Ich betrete morgens völlig unbedarft und ohne genauen Plan davon, wie der Vormittag verlaufen wird, das gemütliche Lehrer*innenzimmer der Deutsch-Abteilung. Vielleicht werde ich bis zur Nachhilfe um 12:00 keinen „Termin“ haben und die Zeit dafür nutzen, an Projekten, wie zum Beispiel einer Collage aus selbstgestalteten Mauerstücken für den Tag der deutschen Einheit oder einer deutschen Wandzeitung, zu arbeiten. Vielleicht werde ich aber auch von meiner Chefin oder einer meiner Kolleginnen mit „Hast du ein bisschen Zeit?“ begrüßt, was bedeutet, dass ich entweder eine Kollegin in ihrer Klasse unterstütze, eingesammelte Texte korrigiere oder nachschreibende Kinder beaufsichtige. Meine Tage sind bunt und intensiv, allerdings habe ich auch reichlich Zeit um mich eben in Projekte zu vertiefen, ein Pläuschchen mit den Lehrerinnen zu halten oder sogar an meinem Spanisch zu arbeiten.

Das also ist meine Arbeit. Ich bin weiterhin gespannt, was kommen wird: welche Projekte sich ergeben, wie sich die Dynamiken innerhalb des Kollegiums verändern werden (zwei Lehrerinnen gehen für zwei Monate an Schulen in Deutschland und wir bekommen Vertretungen dazu) und ob ich bis Weihnachten wohl im Stande sein werde, die Nachhilfeklassen allein, nicht wie bisher in Zusammenarbeit mit einer Praktikantin, zu leiten – bei solchen Rasselbanden gar nicht so einfach…

Leider kann ich diesem Beitrag keine Fotos anfügen: Innerhalb meiner Schule gibt es eine recht strenge Datenschutzrichtlinie, mit der ich mich noch nicht genau genug beschäftigt habe, um hier guten Gewissens Bilder zu teilen. Bei meinem nächsten Beitrag wird sich das allerdings ändern: Ich möchte mit euch eine virtuelle Tour durch meine Stadt unternehmen! Auf bald, meine Lieben.

Spurwechsel!

Gleich zu Beginn eine Absage an alle meine Tübinger Freund*innen, die den Titel dieses Beitrags gleich mit einem vor kurzen in der „Zeit“ erschienen Artikel zur deutschen Flüchtlingspolitik verbinden: Nein, heute soll es nicht um den allseits bekannten und beliebten Tübinger Bürgermeister Boris Palmer gehen, sondern darum, wie sich Bewegung und Transport für mich im Zuge meines Umzugs hierher verändert haben.

Ich bin geboren und aufgewachsen in Berlin, einer großen Stadt, in der bestimmt auch an der ein oder anderen Ecke die ein oder andere Gefahr lauert. Dennoch habe ich mich dort stets mit einem Gefühl der Sicherheit durch die Straßen bewegt, habe mir im Vornherein keine Gedanken darum gemacht, wie ich nach einem Barbesuch im Dunkeln und allein nachhause komme – ich bin einfach gefahren. Hier verhält sich das anders.

„Cochabamba ist gefährlich“, hieß es für mich gleich mehrfach in den ersten Tagen. Es gibt hier verschiedenstes zu beachten: So soll ich nicht nach Einbruch der Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs sein, was dazu geführt hat, dass ich während meiner ersten Tage bei Einbruch der Dämmerung (was hier gegen 18 Uhr bedeutet) zügig unser Apartment-Gebäude, den sicheren Hafen, ansteuerte. Inzwischen hat sich das Ganze relativiert, „im Dunkeln nicht allein“ bedeutet möglichst nicht nach 22 Uhr die Straßen durchstreifen, davor ist das kein Problem. Ansonsten nehme ich einfach ein Taxi.

Einfach? Taxi? Nein, leider nicht. Zumindest nicht wenn ich verschiedensten wahren Geschichten über schreckliche Ereignisse Gehör schenke, die Leuten, Cochabambinos und Cochabambinas genauso wie Ausländer*innen, zugestoßen sind, welche sich nicht vergewissert haben, in ein lizensiertes Taxi zu steigen und daraufhin ausgeraubt wurden. Deshalb habe ich mir auf den Rat meiner lieben Mitbewohnerinnen eine Telefonnummer in meinem Telefon eingespeichert, die zu einem stadtbekannten Taxi-Unternehmen gehört – ich rufe mir also ein Taxi, wenn ich nachts nachhause gefahren werden möchte.

Warum ich nicht die öffentlichen Verkehrsmittel nutze, fragt ihr euch vielleicht. Tja. Auch das funktioniert hier anders: Es gibt keine Haltestellen, ich winke mir das jeweilige Gefährt (wovon es wirklich beeindruckend viele verschiedene gibt, doch dazu an anderer Stelle mehr!) an den Straßenrand und schwinge mich mehr hinein als dass ich einsteige – denn nur selten möchten die Fahrer*innen Zeit damit verschwenden, auf wenig geschickte Einsteiger*innen wie meine Wenigkeit zu warten. Doch das eigentliche „Problem“ (wenn ich überhaupt von einem Problem sprechen kann…) ist, dass es in meinem eigenen Ermessen liegt, wann ich denn das Kraftfahrzeug wieder verlassen möchte. Mit einem lauten „Voy abajar, por favor!“ muss ich mich bemerkbar machen, damit die Fahrer*innen verlangsamen. Das bedeutet, dass ich wissen muss, wie die Ecke aussieht, an der ich abgesetzt werde. DOCH DAS TUE ICH NICHT! Deshalb scheue ich oft noch davor zurück, die Trufis (so heißen die Minibusse hier) zu benutzen, wenn ich eigentlich  auch laufen kann.

Doch warum lasse ich mich jetzt hier so ausgiebig darüber aus, wie ich ich hier fortbewegen kann und vor welche Schwierigkeiten mich ebendiese Fortbewegung stellt? Weil ich mich hier in Cochabamba in einer mir bisher unbekannten Situation befinde: Ich bin auf gewisse Weise in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Diese Einschränkung betrifft mein tägliches Leben so sehr wie kaum eine andere Veränderung, die mein Umzug nach Bolivien mit sich brachte: Ich muss mich umstellen. Dieser Umstellung war ich mir im Vornherein bewusst; sie hat mir so einige Gedanken bereitet. Doch jetzt, wo ich hier bin, fällt mir die Anpassung nicht schwer: Ich kann ja doch machen, was ich möchte. Ich muss es nur eben anders machen. Bildlich gesprochen, fahre ich immer noch auf derselben Straße, aber auf einer anderen Spur. WAS FÜR EINEN BOGEN ICH HIER ZU MEINER ÜBERSCHRIFT SCHLAGE, ICH BIN STOLZ WIE BOLLE!