Das Tanzbein schwingen. Mit überdimensionalem Hut.

Natürlich laufen gerade hier in Cochabamba genau wie in Deutschland die Vorbereitungen für Weihnachten auf Hochtouren. Doch während für viele Familien in Deutschland eben dieses uns kurz bevorstehende Fest das wichtigste des Jahres ist, scheint es mir hier einen Anlass zu geben, der noch ausgiebiger gefeiert werden wird: Karneval.

Doch der bolivianische Karneval hat mit unserem nur wenig zu tun: Der Karneval in Bolivien gehört traditionell den folkloristischen Tanzgruppen. Und in so einer tanze ich seit inzwischen zwei Monaten. Der Tanz, den ich tanze, nennt sich Tinku. Über diesen Tanz gibt es einiges spannendes zu erzählen, nicht umsonst muten einige Tanzschritte sehr kämpferisch an. Doch ich möchte mich noch etwas genauer über die Herkunft und Geschichte des Tanzes informieren, bevor ich dem einen separaten Eintrag widme. Hier soll es zunächst nur um meine ganz persönliche Erfahrung gehen.

Letztes Wochenende stand für mich mein erster unbeholfener Tanzversuch außerhalb meiner Komfortzone, der abgelegenen Seitenstraße hinter der Universität in Cochabamba, in welcher wir täglich trainieren, an. Erläuterung dazu: Aufgrund des angenehmen Klimas in Cochabamba braucht es nicht viel mehr als eine wenig befahrene Straße und eine große Musikbox, um ein Trainingsgelände herzustellen.

Beigebracht werden die Tanzschritte Mund-zu-Mund, das heißt, dass jeden Abend einige der geübteren Tänzer*innen dafür zuständig sind, uns zu vermitteln, zu welchem Zeitpunkt welches Körperteil wohin bewegt werden soll. Sobald dann die Grundlagen durch diese „Einzelstunden“ – mehr oder weniger – verinnerlicht wurden, wird weiter im „bloque“ geübt, also in der Aufstellung, die wir auch bei Wettbewerben und schlussendlich beim Karneval einnehmen werden. Wir stehen in Reihen zu viert nebeneinander, den Blick nach vorn gewandt, wo vier besonders fähige Tänzer*innen uns symbolisieren, welcher Tanz als nächstes bevorsteht. Außerdem lässt sich bei ihnen auch wunderbar abgucken!

Genauso bewegten wir uns bei der „Entrada Universitaria“, einer von mehreren Veranstaltungen, die dem Auftritt beim Karneval vorweggehen, durch die Straßen. Es wurden verschiedenste traditionelle Tänze dargeboten, es gibt davon wirklich unzählige: Salay, Cueca, Morenada und Diablada, um nur einige zu nennen. Die Gruppen waren aus ganz Bolivien angereist, da dieser Umzug in Cocha die letzte große Tanz-Veranstaltung dieses Jahres sein würde.

Wo ist Anna?

Leider machten die momentane Regenzeit und ihre überraschenden, sturzbachartigen Regenfälle dem ganzen Spektakel einen Strich durch die Rechnung – so schien es! Doch trotz des Regens, der fast unmittelbar nach Einzug meiner Gruppe in den Umzug einsetzte, absolvierten wir die komplette Strecke, bis zum Ziel in der Nähe der Universität. Die ganze Euphorie beim Tanzen ließ mich fast vergessen, dass ich teilweise bis zum Knöchel in den Pfützen stand – und das in meinen „avarcas“, Sandalen aus Autoreifen.

Auch andere Teile unseres Kostüms waren für die Witterungsbedingungen nicht optimal geeignet: So mussten unsere voluminösen Hüte von Plastiktüten vor der Feuchtigkeit geschützt werden.

Bevor wir klatschnass wurden… Die Federn auf meinem Hut sind nicht mehr.

Nach sechs Stunden auf den Straßen Cochabambas kamen wir müde, durchgefroren, aber für diese Umstände noch einigermaßen euphorisch an unserem Ziel an. Ich freue mich schon darauf, wenn unsere Trainingseinheiten im Januar wiederbeginnen – damit ich hoffentlich dieses riesige Fest, das der Karneval in Bolivien bedeutet, ganz direkt miterleben kann. Aber bis dahin heißt es erstmal noch üben, üben, üben.

 

Für die schlechte Qualität der Bilder entschuldige ich mich herzlich. 

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