Atinchik. – Juntos podemos. Gemeinsam können wir.

Was für ein schöner Name, was für ein schöner Leitsatz, unter den ich meine folgenden Schilderungen stellen möchte: Ich durfte mich nämlich vor nunmehr zwei Wochen für eine kurze Zeit erneut in unsere kleine kulturweit-Gemeinschaft zurückversetzen lassen und gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus Bolivien, Peru, Ecuador und Brasilien unser Zwischenseminar, weit weg von jeglichem Alltag, in der Casa Atinchik, einem herrlichen Holzhaus nahe Lima, umgeben von einem saftig grünen Garten, verbringen. Ein paradiesisches Paralleluniversum! Doch auch an so einigen tiefschürfenden Erkenntnissen hat es mir in unserer Oase südlich von Lima nicht gefehlt: Durch den intensiven Austausch mit anderen, sich in einer ähnlichen Situation befindlichen, wurde mir so einiges bisher nicht wirklich zugelassenes – teilweise auch schmerzhaft – bewusst.

 

Doch gehen wir, ganz nach meinem Geschmack, chronologisch vor: Da mir meine knapp 20,000 Flugkilometer, die ich hierher nach Bolivien und nächstes Jahr zurück nach Deutschland zurücklegen werde, ziemlich in den Knochen stecken, habe ich mich mit zwei meiner Mitfreiwilligen aus Bolivien bereits am Freitag vor Beginn des Seminars auf dem Landweg auf nach Lima gemacht. Sehr gelegen kam uns dabei, dass wir auf dem Wege einen kurzen Zwischenstopp in Cusco, laut Inka-Glauben dem Nabel, dem Ursprung der Welt, einlegen konnten. So musste ich zumindest eine von vier Nächten nicht im Bus verbringen, welch‘ herrliche Abwechslung!

Kurz vor der bolivianisch-peruanischen Grenze – die schlechte Qualität gibt dem Ganzen doch irgendwie Charme!

Und wie hat sich unser kurzer Aufenthalt gelohnt: Dank unserer wirklich unchristlichen Ankunftszeit (5 Uhr morgens am Busterminal in Cusco…) hatten wir mehr als genug Zeit diese wunderschöne Stadt zu durchstreifen. Tatsächlich stellte sich bei mir, inzwischen auf bolivianische Bürgersteige gepolt (von Löchern durchsetzt, oftmals gar nicht vorhanden oder so uneben, dass ich wirklich hohe Konzentration darauf aufwenden muss, nicht noch öfter zu straucheln, als ich es eh schon tue), fast eine leichte Irritation ob der unheimlich gepflegten, fast herausgeputzten Straßen ein.

Die Plaza de Armas von Cusco in der Morgensonne.

In freudiger Erwartung des ersten Kaffees des Tages!

Auf Streifzug über Bürgersteige ohne Löcher.

„Über den Dächern von Cusco“.

Wir verbrachten unseren Tag auf unheimlich angenehme Weise mit der für uns schon sehr üblichen Routine (wir drei gemeinsam Reisenden wohnen alle mehr oder minder nah aneinander, höchstens eine Nachtfahrt voneinander entfernt, und sehen uns dementsprechend recht regelmäßig): Herumspazieren, bis ein genehmes Café mit angenehmen Preisen gefunden, Kaffee trinken, lesen, schreiben, zeichnen, vielleicht die ein oder andere Zigarette rauchen. Und quatschen, sehr viel und über alles. Dabei genossen wir die peruanische Sonne und die Bewegung nach unserer ersten langen Nachtfahrt.

 

Nach einer erholsamen Nacht ging es für uns am nächsten Vormittag weiter Richtung Lima. Umweltbewusstsein in allen Ehren, aber diese Fahrt hätte ich mir wirklich gern gespart. Cusco liegt auf über 3000 Metern, Lima dagegen nur wenig über dem Meeresspiegel. Dementsprechend ging es für uns circa die Hälfte der für die Strecke angesetzten 20h in Serpentinen bergab. Ich muss sagen, ich bevorzuge das Ausbleiben von Fliehkraft, wenn ich versuche zu schlafen.

Wenn es gilt, sich am Busbahnhof die Zeit zu vertreiben: Gruppenfoto…

… oder Porträts der Reisegruppenmitglieder.

Dennoch stiegen wir am nächsten Morgen beschwingt aus dem Bus, trafen unsere Seminargruppe, feierten freudiges Wiedersehen mit schon bekannten Gesichtern und trafen auf so einige unbekannte, die aber nicht lange unbekannt blieben.

 

Zu den nächsten fünf Tagen lässt sich sagen, dass sie für mich vor allem von dem wunderbaren Umfeld geprägt wurden, in dem wir uns befanden. Cochabamba hat viele gepflegte Parks und Gärten zu bieten, doch wirkliche Natur finde ich hier kaum. Gerade deshalb genoss ich unsere langen Gesprächsrunden auf dem Rasen, umgeben von wunderbar nach Limone duftenden Bäumen und 13 Katzen, besonders. Wir hatten sehr viel Freiraum, um uns gegenseitig von unseren Erfahrungen der letzten zwei Monate zu berichten.  Darauf lag meiner Meinung nach auch der Schwerpunkt dieses zweiten Seminars: Es war weniger Input, Input, Input als Raum für individuelle Reflexion. Mir ist in dieser Woche klar geworden, dass ich mich bis zum Beginn des kommenden Schuljahrs auf jeden Fall um gewisse Veränderungen bemühen möchte. Doch ich denke, dass diese Überlegungen in einem anderen, separaten Blogeintrag Platz finden sollten.

Gut genutzte Mittagspausen.

Selbstreflexion kann anstrengend sein.

Am Mittwoch stand für uns ein kleiner Ausflug in das Stadtviertel Santa Maria in Lima an. Dort wird „agricultura urbana“, also Landwirtschaft in der Stadt, in kleinen, einzelnen Familien zugeteilten Parzellen betrieben. Diese stellen für viele Familien nicht nur einen wichtigen Teil ihrer Existenz dar, indem sie die ohne industriellen Dünger produzierten Lebensmittel auf Märkten in besser situierten Vierteln verkaufen, sondern bilden auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Familien im Viertel, einen sozialen Raum für Austausch.

Grün vor grau.

Am Freitag ging das Seminar zu Ende, wir zerstreuten uns erneut in verschiedenste Richtungen. Meine kleine Reisegruppe und mich hielt es noch einen Tag lang in Lima, an dem wir diese wirklich riesige Stadt durchstreiften und, wie sollte es anders sein, Kaffee tranken und die letzten Stunden gemeinsam nutzen, bevor wir wieder die Reise in unsere Einsatzorte antraten.

Der Strand von Lima, kurz nach meinem ersten Bad im Pazifik.

Die Rückreise traten wir Bolivianerinnen diesmal per Flugzeug an – eine Busfahrt wäre aus Zeitgründen nur schwer möglich gewesen. Ich kam nach Station in Oruro am Sonntag spät abends in Cochabamba an. Am nächsten Morgen, auf dem Weg in die Schule, merkte ich, wie sehr mich diese zehn Tage doch aus meiner Routine gerissen hatten. Ich betrachtete alles mit anderen Augen, vieles wirkte recht befremdlich auf mich. Dieses Gefühl hat sich inzwischen wieder verflüchtigt, doch es hat mir gezeigt, wie leicht es scheinbar für mich war, sich sowohl in einem neuen Umfeld einzuleben, als auch den Bezug zu diesem wieder zu verlieren, sobald ich mich an einen anderen Ort zurückversetzt fühle, in diesem Fall das Vorbereitungsseminar in Berlin.

 

Alles in allem habe ich meinen kurzen Realitätsverlust mehr als genossen, hatte die Möglichkeit allein und gemeinsam mit anderen über meine momentane Situation nachzudenken, habe dabei noch ein neues Land kennengelernt und gelernt, dass es auch mit über 1,80m möglich ist, in einem Reisebus eine halbwegs bequeme Position einzunehmen (Embryonalhaltung!). Was für eine erleichternde Erkenntnis für die Fahrten, die da kommen!

 

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