Wenn eine ganze Stadt zum Stehen kommt.

Die letzen zwei Tage fand an meiner Schule in Cochabamba kein Unterricht statt. Heute, am Donnerstag, den 11. Oktober, begeht Bolivien den sogenannten „Día de la mujer“, den Tag der bolivianischen Frau. Unser Kollegium besteht zum Großteil aus Frauen, ebenso die Schüler*innenschaft, also beschloss die Schulleitung, den Unterricht an diesem Tag nicht stattfinden zu lassen. Und gestern? Gestern war keiner dieser hier oft stattfindenden „Themenfeiertage“, wie der Tag des Schülers, Tag des Lehrers und so weiter. Stattdessen legten in der ganzen Stadt Menschen ihre Arbeit nieder: In Cochabamba, La Paz, ja in ganz Bolivien war zu einem sogenannten „paro ciudadano“ aufgerufen worden, einem Streik der Bürgerschaft.

In Cochabamba äußerte sich das Ganze folgendermaßen: Es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel, Geschäfte und Restaurants hatten nicht geöffnet, Schulen blieben geschlossen (so zum Beispiel meine). Große Zufahrtsstraßen und Hauptverkehrsadern wurden von Demonstrant*innen blockiert. Bei solchen „bloqueos“ wird mit großen Steinen und Absperrband verhindert, dass Autos und Busse die Straßen befahren können. Ausstände dieser Art finden in Bolivien mehr oder weniger regelmäßig statt. In Cochabamba kam es beispielsweise im Jahr 2000 im Rahmen des „Wasserkriegs von Cochabamba“ zu einem Generalstreik, mit dem die Bevölkerung die angestrebte Privatisierung der Wasserversorgung und die damit einhergehende Verdreifachung des Wasserpreises verhindern wollte. Tatsächlich fühlte sich die Regierung von den protestierenden Bürger*innen so stark unter Druck, dass die geplante Privatisierung gestoppt wurde.

Der Streik gestern lässt sich mit den im Jahr 2019 auf nationaler Ebene anstehenden Wahlen in Verbindung bringen. Hier in der Stadt kam es gestern zu Demonstrationszügen zweier Gruppen mit entgegengesetzten politischen Ausrichtungen: Zunächst zogen die sogenannten MASsistas, die Anhänger*innen der Regierungspartei MAS, der auch der momentane Präsident Boliviens, Evo Morales, ein ehemaliger Koka-Bauer, angehört. Viele seiner Anhänger*innen gehören indigenen Bevölkerungsgruppen an.

So oder so ähnlich könne Proteste gegen eine erneute Kandidatur Morales‘ aussehen. Das Bild stammt nicht von mir, doch die Urheberschaft wurde nirgendwo kenntlich gemacht.

Später am Tag demonstrierte eine beeindruckende Masse an Menschen, die mit der Bewegung „Bolivia dijo No“, zu Deutsch „Bolivien hat Nein gesagt“, sympathisieren. Diese Gruppe engagiert sich gegen eine erneute Kandidatur von Evo Morales für das Präsidentenamt bei den Wahlen im kommenden Jahr – es wäre seine dritte. Doch laut der bolivianischen Verfassung, die unter Evo Morales selbst in Kraft trat, sind einer Person nur zwei Amtszeiten als Präsident*in erlaubt.

Die Anhänger*innen sehen durch Morales angestrebte dritte offizielle Amtszeit die Demokratie im Land in Gefahr; Noch dazu kommt, dass im Jahr 2016 in Bolivien von der Regierung ein Referendum durchgeführt wurde, um eine Abschaffung des Paragraphen der Verfassung, der die Anzahl von Amtszeiten auf zwei beschränkt, zu legitimieren. Doch die Mehrheit der Bevölkerung sprach sich, wenn auch knapp, gegen die Verfassungsänderung aus. Dennoch hat Evo Morales vor kurzem seine erneute Kandidatur für das Präsident*innenamt bekannt gegeben. Gewählt wird nächstes Jahr, einmal im Januar, einmal im Oktober. Warum genau zweimal gewählt werden wird, ist mir bisher noch nicht klar. Weiß das zufällig jemand von euch?

Ich möchte noch hinzufügen, dass meiner Meinung nach die Verfassungswidrigkeit einer erneuten Kandidatur Morales‘ nicht der einzige Grund ist, warum Leute für „Bolivia dijo No“ auf die Straße gehen. Evo Morales‘ Politik hat in den vergangenen Jahren sehr stark auf die Verbesserung der Lage von Gruppen abgezielt, denen bisher wenig politischer Einfluss zugestanden wurde. Vor allem wohlhabendere Bevölkerungsschichten haben von den Veränderungen im Land nicht ausschließlich profitiert und teilen mit „Bolivia dijo No“ das Interesse daran, eine erneute Regierungsperiode unter Eva Morales zu verhindern.

Der gestrige Tag war ein Vorgeschmack auf die Proteste, die mit den immer näher rückenden Wahlen einhergehen werden. Meinem auf jeden Fall bisher noch recht oberflächlichem Eindruck nach sind Land und Bevölkerung gespalten: Einige verehren Evo für seine von sozialen Maßnahmen geprägte Politik, die vor allem bisher marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu Gute kommt,  Andere sehen Bolivien an der Schwelle zur Diktatur. Zwischen den unterschiedlichen „Meinungsgruppen“ kommt zu Spannungen und wird es auch weiterhin zu Spannungen kommen.

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