Prinzipiell gesehen.

Nach all den bunten Bildern der letzten Beiträge möchte ich diesmal ein wenig abstrakter werden und über Prinzipien reflektieren, beziehungsweise über den Verlust von ihnen. In den letzten Monaten hat es mich immer wieder nachdenklich gestimmt, wenn ich bemerkt habe, dass einiges, was aus meinem Leben in Deutschland kaum wegzudenken war, hier nach und nach verschwunden ist. Jetzt wisst ihr bestimmt ganz genau wovon ich rede, nicht wahr?

Spaß beiseite, lasst mich etwas plastischer werden:

In Deutschland hätte ich mich als sehr umweltbewussten Menschen bezeichnet. Ich hatte das Glück, das letzte Jahr in einem Umfeld verbringen zu dürfen, welches mich darin noch bestärkt hat. Ich habe kaum Verpacktes gekauft, immer meine eigenen Beutel zum Einkaufen mitgenommen.

Hier hingegen schmerzt es mich jedes Mal, wenn ich wieder beim Gang zum nun einmal ziemlich weit weg gelegenen Supermarkt bemerke, meine gesamte Beutel- und Plastiktütenkollektion zuhause vergessen zu haben. Bolivien hat meiner Meinung nach ein ausgewachsenes Problem mit seiner Müllproduktion und vor allem der arglosen Entsorgung dieses Mülls am Straßenrand. Das heißt, eben deshalb wäre es mir wichtig, nicht noch durch meinen Konsum zu diesem Phänomen beizutragen. Doch habe ich keine Zeit, beziehungsweise war bisher noch nicht bereit, mir die Zeit zu nehmen, nach plastikfreieren Alternativen Ausschau zu halten. Mir ist durchaus bewusst, dass ich meine Angewohnheiten, meinen Standard, kaum Plastikmüll zu produzieren, nicht einfach hierher übertragen kann. Doch könnte ich mit mehr Zeit und Mühe sicherlich weniger produzieren, als ich es gerade tue.

Des weiteren esse ich seit nunmehr einem Monat, zum ersten Mal seit mehr als vier Jahren, wieder regelmäßig Fleisch. Hier in Bolivien ist der Fleischkonsum sehr tief in der Kultur verwurzelt, fast jedes typische Gericht enthält Fleisch. Weshalb ich in den letzten sechs Monaten kaum eines davon probieren konnte. Weshalb ich stets vorher ein Restaurant aussuchen musste, wenn ich essen gehen wollte – meist ein rein vegetarisches. Und irgendwann wurde ich dem müde. Ich wollte mir keine Gedanken mehr darüber machen müssen, ob ich heute Nachmittag in der Stadt wohl etwas zu essen auftreiben würde, hatte keine Lust mehr darauf, dass der einzige Imbiss, der mehr oder weniger immer zugänglich war, eine trockene empanada con queso sein musste.

Fleisch zu essen hat für mich hier ein Stigma verloren, welches es für mich in Deutschland seit langer Zeit hatte. Hier wurde es für mich eher zum Stigma, kein Fleisch mehr zu essen. Für mich steht es außer Frage, dass ich zurück in Deutschland kein Fleisch essen werde. Ich rechtfertige meinen Konsum hier also mit einer Art Ausnahmezustand. Doch macht das ihn wirklich besser?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder, in Bezug auf verschiedene „Prinzipienverluste“. Ich weiß, dass verschiedene Muster, die sich in mein Verhalten eingeschlichen haben, nur temporär sind. Dass ich sie in Deutschland sicherlich wieder ablegen werde. Aufgrund meines Umfelds, aufgrund des Kontexts. Doch kann ich damit rechtfertigen, dass ich mich so verhalte, dass ich selbst mein Verhalten früher nicht gutgeheißen hätte? Ich bewege mich hier in einer anderen Gesellschaft, in einem anderen Land. Ich kann mein Leben nicht einfach hierher exportieren. Doch ich befürchte, Eigenschaften zu verlieren, die mir wichtig waren, die mich ausgemacht haben. Das ist das, was ich mit Prinzipien meine.

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