Spurwechsel!

Gleich zu Beginn eine Absage an alle meine Tübinger Freund*innen, die den Titel dieses Beitrags gleich mit einem vor kurzen in der „Zeit“ erschienen Artikel zur deutschen Flüchtlingspolitik verbinden: Nein, heute soll es nicht um den allseits bekannten und beliebten Tübinger Bürgermeister Boris Palmer gehen, sondern darum, wie sich Bewegung und Transport für mich im Zuge meines Umzugs hierher verändert haben.

Ich bin geboren und aufgewachsen in Berlin, einer großen Stadt, in der bestimmt auch an der ein oder anderen Ecke die ein oder andere Gefahr lauert. Dennoch habe ich mich dort stets mit einem Gefühl der Sicherheit durch die Straßen bewegt, habe mir im Vornherein keine Gedanken darum gemacht, wie ich nach einem Barbesuch im Dunkeln und allein nachhause komme – ich bin einfach gefahren. Hier verhält sich das anders.

„Cochabamba ist gefährlich“, hieß es für mich gleich mehrfach in den ersten Tagen. Es gibt hier verschiedenstes zu beachten: So soll ich nicht nach Einbruch der Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs sein, was dazu geführt hat, dass ich während meiner ersten Tage bei Einbruch der Dämmerung (was hier gegen 18 Uhr bedeutet) zügig unser Apartment-Gebäude, den sicheren Hafen, ansteuerte. Inzwischen hat sich das Ganze relativiert, „im Dunkeln nicht allein“ bedeutet möglichst nicht nach 22 Uhr die Straßen durchstreifen, davor ist das kein Problem. Ansonsten nehme ich einfach ein Taxi.

Einfach? Taxi? Nein, leider nicht. Zumindest nicht wenn ich verschiedensten wahren Geschichten über schreckliche Ereignisse Gehör schenke, die Leuten, Cochabambinos und Cochabambinas genauso wie Ausländer*innen, zugestoßen sind, welche sich nicht vergewissert haben, in ein lizensiertes Taxi zu steigen und daraufhin ausgeraubt wurden. Deshalb habe ich mir auf den Rat meiner lieben Mitbewohnerinnen eine Telefonnummer in meinem Telefon eingespeichert, die zu einem stadtbekannten Taxi-Unternehmen gehört – ich rufe mir also ein Taxi, wenn ich nachts nachhause gefahren werden möchte.

Warum ich nicht die öffentlichen Verkehrsmittel nutze, fragt ihr euch vielleicht. Tja. Auch das funktioniert hier anders: Es gibt keine Haltestellen, ich winke mir das jeweilige Gefährt (wovon es wirklich beeindruckend viele verschiedene gibt, doch dazu an anderer Stelle mehr!) an den Straßenrand und schwinge mich mehr hinein als dass ich einsteige – denn nur selten möchten die Fahrer*innen Zeit damit verschwenden, auf wenig geschickte Einsteiger*innen wie meine Wenigkeit zu warten. Doch das eigentliche „Problem“ (wenn ich überhaupt von einem Problem sprechen kann…) ist, dass es in meinem eigenen Ermessen liegt, wann ich denn das Kraftfahrzeug wieder verlassen möchte. Mit einem lauten „Voy abajar, por favor!“ muss ich mich bemerkbar machen, damit die Fahrer*innen verlangsamen. Das bedeutet, dass ich wissen muss, wie die Ecke aussieht, an der ich abgesetzt werde. DOCH DAS TUE ICH NICHT! Deshalb scheue ich oft noch davor zurück, die Trufis (so heißen die Minibusse hier) zu benutzen, wenn ich eigentlich  auch laufen kann.

Doch warum lasse ich mich jetzt hier so ausgiebig darüber aus, wie ich ich hier fortbewegen kann und vor welche Schwierigkeiten mich ebendiese Fortbewegung stellt? Weil ich mich hier in Cochabamba in einer mir bisher unbekannten Situation befinde: Ich bin auf gewisse Weise in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Diese Einschränkung betrifft mein tägliches Leben so sehr wie kaum eine andere Veränderung, die mein Umzug nach Bolivien mit sich brachte: Ich muss mich umstellen. Dieser Umstellung war ich mir im Vornherein bewusst; sie hat mir so einige Gedanken bereitet. Doch jetzt, wo ich hier bin, fällt mir die Anpassung nicht schwer: Ich kann ja doch machen, was ich möchte. Ich muss es nur eben anders machen. Bildlich gesprochen, fahre ich immer noch auf derselben Straße, aber auf einer anderen Spur. WAS FÜR EINEN BOGEN ICH HIER ZU MEINER ÜBERSCHRIFT SCHLAGE, ICH BIN STOLZ WIE BOLLE!

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