Lokaljournalismus

Ein Gespräch mit einem Journalisten. Immer wenige Menschen lesen Lokalzeitungen. Auflagen, die Tag für Tag schwinden. Personal, das entlassen wird. Unterbesetzte Redaktionen. Abnehmende Qualität. Enttäuschte Leser*innen. Ein Teufelskreis. Der Lokaljournalismus ist gefährdet, vielleicht dem Untergang geweiht. Ich scherze: „Wir könnten ja ein Manifest für den Lokaljournalismus schreiben…“.

„Kannst du machen. Das würde nur niemand lesen!“, sagt der Journalist.

Teil 2: Von dem, was ich höre

In meiner Nachhilfestunde saßen mir die altbekannten Gesichter gegenüber. Das Zuckergesicht und der kleine Klugscheißer, wie ich sie insgeheim nannte. Ein Viertklässler und ein Sechstklässler. Spätestens nach einer Stunde fingen die zwei an zu quatschen und ließen sich schwer von mir motivieren. Aus dem Gequatsche rief das Zuckergesicht plötzlich hervor: „Der [er zeigte auf den kleinen Klugscheißer] hat mich beleidigt! Der meint, mein T-Shirt sieht schwul aus!“. „Aber ‚schwul‘ ist doch keine Beleidigung!“, sagte ich. Langsam löste sich die Empörung aus dem Zuckergesicht. Das Gequatsche setzte wieder ein. Warum wachsen Viert- und Sechstklässler mit der Annahme auf, „schwul“ sei eine Beleidigung? Schwul sei etwas Peinliches, Beschämendes, etwas, dass es ermögliche, andere zu ärgern, zu stigmatisieren, sich verärgert zu fühlen?

In einer Fernsehshow wird sich offen über ‚das Schwule‘ und ‚Attribute des Schwulen‘, d.h. ein geschlechtsuntypischer Kleidungsstil, eine nasale Stimme, eine exotische Wortwahl […] lustig gemacht. Gesichter „der Homosexualität“ werden gewohnheitsmäßig gedemütigt und ins Lächerliche gezogen. Homosexualität wird als Mittel zur Skandalisierung, zur reißerischen Erzählung verwendet. Ist Homosexualität reißerisch? Ist sie skandalös?

Teil 1: Von dem, was ich sehe

Ich sehe mich im Gespräch mit Bekannten. Das Hauptgesprächsthema: mein neuer Kurzhaarschnitt. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, aber plötzlich höre ich eine Frau etwas von „Trans […]“ zu einer anderen sagen, und kurz darauf: meinen Namen. Verwirrt schaue ich die Beiden an, reiße intuitiv erschrocken meine Augen auf, als hätte ich das dringende Bedürfnis, mich von dem Wort zu distanzieren. Meinen Blick wahrnehmend oder nicht, erklärte mir die eine dann nüchtern, dass es um ironische Videos zu Transsexualität ging. „Aso“, nickte ich, ebenfalls nüchtern.

Jetzt frage ich mich: Warum der Blick zuvor? Warum hatte ich das intuitive Bedürfnis, mich mimisch von dem „Trans-Thema“ distanzieren zu müssen? Warum nehme ich „Trans“ als etwas Bedrohliches, Peinliches, Unnormales wahr? Was verursachte meine Sorge, selbst der Gefahr von Demütigung und Diffamierung ausgesetzt zu sein? 

Ich schäme mich für meinen Blick. Für meine Unreife. Und darüber, dass es dieser Reflektion bedarf, um zu realisieren, dass gerade solche Blicke, Gedanken, Gefühle die bestehende Machtstruktur zwischen der Heteronorm und der Homo-, Trans, Queer-Randgruppe aufrechterhalten, stärken. Ich schäme mich auch dafür, dass ich erst jetzt, wo sich mein Blick geweitet hat, das sehe, womit der Mensch, mit dem ich vor einigen Monaten sprach, sein Leben lang zu kämpfen hatte. Ich schäme mich für das, was ich sehe. Ich sehe viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.