Schreibwetter, oder: endlich meine ersten Eindrücke

11 Grad und Nebel. Windig scheint es auch zu sein. Die Blätter der Bäume vor meinem Zimmerfenster wehen verrückt durch den Wind. Auch zu Beginn dieser Woche dachte ich schon, der Herbst wolle sich beeilen, um für den Winter Platz zu machen. Morgens lief ich, die sonst eigentlich immer zu kalt angezogen geht, mit Winterjacke über den Schulhof. Cristiana, meine erste, sehr herzliche rumänische Bekanntschaft (zu der ich euch demnächst sicher mehr erzähle), fragte ich, ob man in Rumänien im Winter mit zwei Winterjacken herumläuft, wo ich doch jetzt schon, Ende September, mit Einer gut bedient bin. Sie lachte, bestätigte meine Vermutung. Natürlich liefen die Rumänen im Winter mit zwei Daunenjacken herum. Es dauerte einige Sekunden bis es bei mir dämmerte und ich ihre Ironie bemerkte. Dann lachten wir beide. In meinem Lachen steckte allerdings auch etwas Sorge um die Winterkälte. Cristiana erzählte von ihrem kältesten Winter mit -30 Grad. Wie stellte ich mir einen solchen Winter vor? -30 Grad wären tatsächlich außerhalb dessen, was ich bisher in meiner Kleinstadt am Niederrhein erlebt hatte. Hier herrschten mäßige Temperaturen und nachhaltig, weiß, glänzender Schnee war schon lange nicht mehr zu sehen gewesen. Tatsächlich hatte ich wenig positive Assoziationen zu der klirrenden Kälte, die mir die Sorge nehmen, und ein Stück Vorfreude bescheren konnten. Woran ich dachte, war Romantik. “Is the winter romantic here in Iasi? “, fragte ich Cristiana. “You want to know, whether the winter is romantic?”, sie lachte. “Yeah, I was like…there must be something positive about this cold, freezing winter…”, antwortete ich. Wir lachten wieder. Vielleicht ist das das Positive – keine klirrende Kälte, sondern eine lachende Kälte eben. Meine Frage blieb unbeantwortet. Vielleicht sind es auch eher die Menschen, die Romantik erzeugen, und weniger die Umstände, Ort, Zeit und Wetter. Ich muss mir also romantische Menschen suchen! Und Cristianas Erzählung vom -30 Grad Winter ist zeitlich sicher auch sehr weit entfernt, hoffentlich bis vor die Zeit des Klimawandels!

So, jetzt aber zu den ersten Eindrücken. Nach fast zwei Wochen Einleben leider etwas verspätet. Ich habe sogar Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was denn meine wirklich ersten Eindrücke waren. Diese sind nämlich im Grunde schon fast wieder weggewischt von einem deckenden Wohlgefühl, was sich am ersten Wochenende eingeschlichen und dann ausgebreitet hat. Ich erinnere mich, wie ich am Ankunftstag, gleich nachdem ich mein Zimmer im Internat eingerichtet hatte, auf Entdeckungstour gehen wollte. Es sollte nur ein kleiner Spaziergang werden, bei dem ich mich, mit Rücksicht auf meinen schlechten Orientierungssinn, nicht all zu weit von dem Internat entfernen wollte. Der Schulcampus hat drei Eingangstore. Ich wählte das Rechte, vor dem sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Museum befand. Das würde ich aber erst in einem kurzen „Hände-Füße-Gespräch“ mit dem Museumswächter herausfinden. Ein älterer, bäuchiger, weißhaariger Mann in schwarzer Uniform, der beobachtete, wie ich in den Museumsgarten hineinspähte. Er sprach mich an. Ich verstand kein Wort. Nicht einmal Floskeln, wie ‚Dankeschön‘, ‚Guten Tag‘ und ‚Auf Wiedersehen‘ hatte ich mir vor der Abreise angeschaut. Ein Schweigen mit angehobenen Mundwinkeln und bedauernden Blicken entstand, wie ich es in Zukunft noch so oft erleben würde. Die Floskeln bekam ich dann von dem Mann beigebracht. Fotos von seinen Söhnen bekam ich auch gezeigt, ich verstand, dass einer in den USA, der andere in Deutschland lebte. Es würde nicht das erste Mal sein, dass mir Menschen, die mir einen Moment zuvor noch fremd waren, versuchen, rumänisch beizubringen, und mir im Laufe der „Konversation“ Fotos von ihrer Familie zeigen. Meistens von Festen und Hochzeiten, Kindern und Enkelkindern. Ich spürte oft ihren Stolz, und das Glück, das sie durch ihre kleine oder große Familie in sich trugen. Ich spürte auch ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft (eigentlich ein zu deutsches Wort für ihren Umgang mit mir), die Offenheit und Wärme. Dass so etwas in diesem Maße für mich ungewöhnlich bis neu war, ist glaube ich unschwer vorstellbar. Auch die Deutschland-Vergleiche würde ich in Zukunft oft ziehen, hoffentlich neutral und nüchtern.

Dann spazierte ich die Straßen bis in das Stadtzentrum herunter, in die ich mich direkt vom ersten Augenblick an verliebt hatte. Sie erinnerten mich an die Stufenfahrt in die Toskana. Straßen, auf denen wir im Hochsommer so wunderbar schnell herunter und dann schwitzend, keuchend wieder herauf gejoggt waren. Ich liebe diese Höhenunterschiede in der Stadt der sieben Hügel. Es ist als würde ich den Höcker eines Kamels hinunter rutschen, als hätte ich von oben auf dem Höcker noch einen tollen, weiten Ausblick über die ganze Kamelhorde hinweg, sodass ich auch den letzten Kamelhöcker erkennen kann, und unten im Höckertal angekommen, ist eben nur noch jenes sichtbar, das Tal, das lebhafte, abends so sehr schön beleuchtete Stadtzentrum. Es ist ein Genuss auf der Straße zu laufen, und am Horizont, am scheinbaren Ende der Straße, Hügel, Berge und Wälder zu sehen! Und dann faszinieren mich die schon beschriebenen Stromleitungen. Zusammen mit Abendsonnenlicht machen sie das Blickfeld gleich noch viel wärmer!

Unten an der Hauptstraße angekommen, viel es mir schwer diese zu überqueren. Es gab Zebrastreifen. Es gab auch Ampeln. Doch hatte ich den Eindruck, dass diese mehr eine Empfehlung, als eine Richtlinie, Vorschrift waren. Genau dasselbe Verfahren auch mit den Anschnallgurten im Auto. Das hatte uns schon ein lautes Gelächter beschert, als ich mit dem Taxi von dem Flughafen abgeholt wurde. Jedenfalls lernte ich schnell, dass man nicht wie in Deutschland, am Zebrastreifen darauf warten konnte bis ein Auto anhielt, denn da konnte man lange warten. Man musste einfach gehen. Es fühlte sich an als würde ich mein Leben auf die Straße schmeißen. Zumindest bisher haben die Autofahrer aber Rücksicht auf das auf die Straße geschmissene Leben genommen! Und mit der Zeit verstand ich dann auch, warum Cristiana immer so schnell über die Straße lief, obwohl der Countdown der Ampel noch bei 30 Sekunden war. Es waren eben keine 30 Sekunden Zeit, um die Straße zu überqueren, sondern 30 Sekunden, um das Leben auf die Straße zu schmeißen. Da war es besser weit zu schmeißen und es schnell wieder einzusammeln!

Dass ich die Situation derartig extrem schildere, hängt mit meinen Empfindungen zusammen, als ich das erste Mal die Straße überquert habe (Stichwort: erster Eindruck!). Erste Eindrücke haben allerdings auch oft die Eigenschaft an sich, etwas übertrieben und hysterisch zu sein. Denn alles ist neu und fremd, und was ist schon spannender, als Unterschiede herauszustellen? Beim Überlesen dieses Eintrags fallen mir die abenteuerlustigen Formulierungen ins Auge. Damals (in der ersten Woche) waren sie meine emotionale Realität. Heute gehe ich deutlich gelassener über die Straßen, es ist einfach zur Normalität geworden, meine emotionale Realität ist jetzt also eine deutlich Andere!

Meine momentane Realität ist immer noch: nebeliges Regenwetter. Dennoch schiebe ich mich mal die nassen Straßen herunter. Zeit, um von meinem Höcker ins Tal zu kommen, und etwas zu essen!

Deutsche Kartoffel

Wie lerne ich die Schüler*innen bloß kennen, ohne dauernd diese öde Vorstellungsrunde einzuleiten? Diese Frage beschäftigte mich, nachdem ich in den letzten zwei Wochen etliche Vorstellungsrunden einleiten durfte. Vorstellungsrunde heißt die Schüler*innen lächelnd und fragend anschauen, um sie zu ermutigen, etwas über sich zu erzählen, Fragen zu stellen, wenn der Beginn des „Etwas über sich Erzählens“ übermäßig Zeit in Anspruch nehmen  würde, sich wiederum den zaghaften, zögerlichen Fragen der Schüler*innen zu stellen (ich glaube so gut, wie in den Vorstellungsrunden habe ich mich selber noch nicht kennengelernt!), mit 20-30 Namen beglückt zu werden, diese mithilfe von anderen Informationen über die Kids in einen Kontext zu packen, und leider aber am Ende der Stunde doch genauso schlau (!) aus dem Klassenzimmer heraus zu spazieren, wie vorher…dabei ist Namen merken doch so wichtig…! Ich merke oft, wie sich die Distanz schnell verringert, und das Vertrauen zunimmt, nur weil ich den Gegenüber, der für mich kurz zuvor noch namenlos war, mit seinem Namen ansprechen kann. Ich jedenfalls fühle mich dann gesehen, individualisiert. Mir wurde zugehört, und man hat mich abgespeichert. Eine Form von Anerkennung und Respekt eben. Und leider lässt mich mein Gedächtnis doch zu oft im Stich…

Das war das eine, was mir durch den Kopf ging. Wie schaffte ich es, die Namen der Schüler*innen zu behalten und gleichzeitig auf die mittlerweile ausgelaugte und monotone Methode der „Vorstellungsrunde“ zu verzichten? Wie schaffte ich es, die Vorstellung etwas interessanter und spannender zu gestalten? Wie schaffte ich es, das Vertrauen der Schüler*innen zu gewinnen und bei ihnen das Gefühl des Gesehenwerdens zu erwecken?

Witzig, dass mir ausgerechnet mein Patenkind der Berliner Studienzeit den Anstoß für eine Lösung gab. Der Kleine war damals acht Jahre alt, mittlerweile ist er neun, und wir trafen uns einmal pro Woche, um Berlin unsicher zu machen. Wie die meisten Kinder, ärgerte auch er die Menschen gerne mit lieben Worten. Ein liebes Wort, welches ich in einer seiner Geschichten einmal zu hören bekam, war „deutsche Kartoffel“. So würde er seine deutschen Klassenkameraden nennen. Er lachte, als er mir die Geschichte erzählte. Kicherte. Und ich, die zu oft nicht wusste, wie auf solche lieben Worte zu reagieren war, erklärte ihm etwas empört „Mensch, so etwas kannste doch nicht sagen…deine Klassenkameraden sind dann traurig, wenn du die so nennst. Das verletzt die.“ Der Kleine kicherte weiter, wie Kinder dann eben kichern, wenn sie einmal am Kichern sind. Naja, jedenfalls ließ ich mich durch die große Shoppingmall in Iasi treiben, und dachte prompt an die liebevolle Bezeichnung meines Patenkindes für seine Klassenkameraden. Und dachte dann an die Vorstellungsrunde. Und Schwups, war die Idee der deutschen Kartoffel Runde geboren!

Als ich den Mädels heute in der Jugend debattiert AG meine (gefakte) deutsche Kartoffel präsentierte, wurde mächtig gelacht. Es machte ja auch so viel mehr Spaß, sich gegenseitig Fragen zu stellen und dabei eine Kartoffel durch den Raum zu werfen! Und die Fragen schienen immer spannender zu werden, ich musste sie gar nicht mehr durch aufmunternde, lächelnde Blicke stimulieren. Es war eben, als hätte die deutsche Kartoffel eine magische Sprachverleihungskraft, die dazu noch die Lachmuskeln anstrengte! Ab jetzt wird nur noch mit der Kartoffel gearbeitet!

After four days of desert walk, finally finding an oasis

oder: Fieberwahn

I tell you the story in the way Irina would tell you the story. That’s why, it will be in English, as this language was mainly used during our conversation. However, Irina had once learned German during her studies in South Africa. The dream was to work in Heidelberg later. Obviously that dream did not come true, meaning for her to search for fortune in her home country. What is left from her German now, is „Willkommen“ and „Guten Abend“, pieces of the language which she used to reassure me at some point in our conversation. Reassure me by responding me in my mother tongue. Of course, I was surprised, then I laughed, enjoying the familiar words. It was as if all the sweat I had collected during my desert walk, disappeared, was washed away. Now, what is this desert story about? I tell you Irina’s version, which is certainly a bit exaggerated, ironic and metaphoric, but much funnier!

In the late afternoon, and early evening, when the sun slowly falls and wanders along the light walls of the houses faced to the West, Irene was standing on the schoolyard talking to another teacher. It seemed to be a serious conversation. Thus, it took a while until both were able to recognize the girl stumbling towards them. Except her skin colour, and her hippie clothes, the women would have probably expected her to be a gypsy. So, the figure they saw seemed as if she had walked four days through the desert, without anyone to meet, to talk to or share what there was to share. Literally like a lonely soul searching for water. Yes, water. That was how her face looked like. Dry and „overrayed“ from the sun. And that was also what the girl asked for, when she finally reached the two women. The latter were surely confused. Someone asking for water in an environment where water is no luxury good, where water can be indeed granted to the population. At least any water, the quality is a different question. The situation was weird, and the women did not seem to understand. Though, for the girl they had been already the third pair of people to ask, and the first pair of people being able to understand the girl’s language. To clarify, the tribal language that is spoken by the people in the desert is a rare one. Finding herself in this strange, lonely and helpless situation, the girl was at the end of her tether. Being not understood by anyone. Being looked at as she was a foreigner, what she was indeed. Her body was nearly dehydrated, because she had renounced searching for water during her four days walk through the desert. She had been too shy to ask for help. She had been in hope that everything would turn out fine. Her legs were wiggling, not being able anymore to hold the rest of the body. Her head was probably at the temperature of a comet rushing down to mother earth, while the girl’s head was probably rather rushing down to the schoolyard or the women’s feet. She saved herself from falling by strolling to a nearby bank. The women, still very confused, and probably a bit overstrained with the situation, came closer. In their faces: a lack of understanding. The girl was close to give up. Give up her desire to drink some water, give up the necessity of staying awake, give up this one sunny day, to wake up another rather rainy day. The mimic of the two women signalled even more loneliness to the girl. She would not find anyone to help her. Helping her by buying that damn water. She realized that she should have cared for the water issue earlier in the day, when she had a bit more strength. One of the women commented that the girl could care for the water by herself, the shop was not too far away. Three tears rolled off the girl’s eyes, she could not do anything. The heat caused the salty tears to burn on the skin. “Why are you crying?”, asked one of the women, who later became to be known as Irina. “Because you are lonely or because you feel bad?” The girl wiped the tears away. Because she felt bad, was her answer. The other woman was clearly in a rush, so seeing that this situation could be handled somehow, she exchanged some sentences with Irina in a language the girl could not understand and then started off with her car. Irina would then ask further questions to understand the girl’s situation, among them the age of the girl. When that one question came, the girl new what the answer would be. Indeed, “but with that age you are old enough to care for yourself”, was the predicted remark. The girl wished that she was. Old enough. Responsible enough. To not let herself be dehydrated during that four days desert walk. So, you went away from home, concluded the woman. The girl nodded. “And what did your parents say?”, was the next question. The woman herself realized that for the first minutes the conversation had turned to tackle quite intimate topics. Thus, she answered the question herself. “They must have said: In this country you want to go? Where there is such a bad living standard? That far away? They must have asked many questions…”, the woman said under her breath, and started to smile. The girl smiled as well. Both knew the answer now, nothing had to be vocalized anymore. “And why did you come this way?”, she wanted to know. But before the girl could answer, she was taken the answer away by another question. “Or did you flee?”, the woman continued. The girl continued smiling. Silently. And calmly. Then the two finally agreed upon that Irina would buy 5 Litres of water, and that they would meet in the house adjoining the schoolyard. That the girl should take off her jacket to cool down meanwhile, was another hint she was given. It did not take a long time until Irina returned. Thirstily the girl drank two litres in one. She was handed some medicaments, and some advises on when to take the pills. Enjoying someone’s company, she asked Irina what her profession was. “I am a psychologist”, Irina answered. “I have a practice not far from here.” The woman felt the girl’s excitement. How it was to be a psychologist in this country, she was asked. “Easy”, Irene said. The girl was confused. Weren’t there so many kinds of psychological problems that could occur and make people’s life more difficult? Especially in countries like this one, weren’t the people here even more prone to a depression and other mental illnesses because of their relatively worse living standard? Their worse physical situation, didn’t it have any effects on people’s mental health? “I think that people have the same problems everywhere all over world, don’t you think?”, Irina interrupted the girl’s thoughts. Hmm…, yes, but to a different extent, no?, the girl thought. “Well, there is indeed one special phenomenon here. When the Iron Curtain was opened in the 90s, many people went overseas to earn more money in better paid jobs. Often the children stayed at home, they were supplied by the money earned by their moms and dads far away from their home country. And when the parents decided to return home, being convinced that they had earned enough money, the children were grown up. Grown up and sad, cause what they needed was not money, but love.”

Some minutes later Irina said, ‘Good Bye’, and left her phone number there “in case of another dehydration”, she smiled ironically. After taking the pills my fever slowly diminished. I fell asleep, still with this mixture of a warm and cold body temperature. Sweating and freezing at the same time. But I smiled deeply. Because this was certainly a very exciting psychologist I got to know in one of the most weird and ironic situations. Or, rather it was an oasis I had found in one of the most weird and ironic situations. This is how Irina would probably tell you the story.

Stadtrandmauer (Street Art Iasi)

Ich laufe durch die Straßen. Kleine Gassen. Rechts und links über mir hängen schwarze Kabel. Die Stromleitungen. Es geht gerade einen der sieben Hügel herunter. Die Stadt wölbt sich. Manche meiner Fotos sind schief. Orientier ich mich an Stadt? Rand? Hügel? Ich gelange auf die Hauptstraße. Hier fährt auch die Straßenbahn. Alte deutsche Wagons. Da, wo die Straße eine Biegung macht, wandert mein Blick nach links. Eine mächtige, grüne Hügelreihe. Vielleicht der Zweite? Oder der Dritte? Die Stelzen der Stadt. Eine lange Treppe führt herunter, aber keine wieder hoch. Ich springe zurück. Und da erblicke ich sie – die mysteriöse Kapuzenfigur auf der Stadtrandmauer. Street Art Jagd.

Warum das Nein zu Jura kein Ende, sondern ein Anfang ist

„Und warum?“, ist die Frage, die mir gewöhnlicherweise gestellt wird, wenn ich zufrieden und entspannt, fast schon stolz und lächelnd, von meinem Studienabbruch erzähle. Jedes Mal fällt die Antwort erstaunlicherweise anders aus. Langsam kehrt auch eine gewisse Trägheit und Lustlosigkeit ein, mich noch und noch und noch einmal auf dieses Gespräch einzulassen, um den Leuten meine Zufriedenheit verständlich zu machen. Denn das ist sie für viele anscheinend nicht – verständlich. Wie sollte das auch zusammenpassen? Abbruch, Veränderung, Cut heißt Unzufriedenheit. Ansonsten hätte es ja keinen Anlass zum Abbruch gegeben. Studienabbruch heißt oft monatelanges, wenn nicht sogar jahrelanges Dulden einer Lebenssituation, die als stabil galt, und deswegen dem Cut, der Instabilität und der vorübergehenden Orientierungslosigkeit vorzuziehen war. Abbruch heißt Revision des Lebensentwurfes, heißt, sich Fragen zu stellen. Abbruch heißt vielleicht auch Flucht vor dem was Ist, hin zu Klarheit. Vor allem heißt Abbruch sich seinen Sorgen und Ängsten zu stellen, überhaupt wahrzunehmen, dass es diese gibt, ihnen Gehör und Raum zu verschaffen, sich mit ihnen zu beschäftigen und dann Schlüsse zu ziehen. In diese Orientierungslosigkeit wollte ich mich lange nicht hineinwerfen bzw. wollte ich sie nicht als solche wahrnehmen. Stattdessen habe ich mich dann von einem System ins andere geflüchtet, wohlwissend, dass ich nichts von Jura will, und das Jura auch nichts von mir will. Wenn ich an die Zeit des „Systemwechsels“ (vom Schulsystem zum Studiensystem) zurückdenke, taucht ein kurzer Emailverkehr zwischen meiner Französisch Lehrerin und mir in meiner Erinnerung auf. Es ging um ein französisches Motivationsschreiben, welches ich für die Bewerbung eines deutsch-französischen Studiengangs verfassen musste (so fühlte es sich tatsächlich an). Und während ich an jenem Schreiben saß, das ich ihr später zur Korrektur zusenden würde, dachte ich darüber nach, was ich schreiben sollte. Ich war wirklich ratlos. Perplex. Wo es doch sonst immer so aus mir heraussprudelte, wenn ich Menschen von meiner Motivation, meinem Interesse an einer Leidenschaft erzählte. Hier sprudelte nur Ratlosigkeit. Da war einfach nichts in mir. Meine Hand ließ sich nicht leiten, sie musste vielmehr Druck auf die scheiß Tasten ausüben, sodass am Bildschirm vor mir ein wahrlich zusammengedachter, vielleicht auch geflickter Text erschien, der irgendwie wiederspiegeln sollte wer ich bin. Ein Text, der viel mit Europa, und deutsch-französischer Freundschaft, und viel Liebe zu Frankreich (aber vielleicht wenig Liebe zu Jura?) zu tun hatte. Und was ich noch so gut erinnere, ist der Moment der Selbstironie, in dem ich die Mail an meine Französisch Lehrerin schrieb, mich schon einmal im Voraus bedankte, und ihr mitteilen wollte, wie sehr ich doch nicht wusste, wie ich dieses blöde Motivationsschreiben füllen sollte, wie sehr mein Herz es nicht wusste. Manchmal gibt es Momente, in denen sich das Herz klar äußert. Das war wohl einer. In der Email beließ ich es dann trotzdem bei dem Dankeschön. Und zog nach Berlin.

Abbruch ist auch so schwer, weil er die Aufgabe einer vermeintlich stabilen Lebenssituation bedeutet, in der ehemals Entscheidungsklarheit, ein gewisser Grad an Selbstfindung und Selbstverwirklichung, ein vertrautes soziales Umfeld, ein Zuhause, eine Eingliederung in ein System, (wenn auch als Matrikelnummer), eben Stabilität, herrschte. Das „Nein“ oder „Stopp“ ist mir so leicht gefallen, weil ich Jura die ganze Zeit nur als Übergangslösung (unbewusst) empfunden habe. Vielleicht habe ich mich also nie wirklich als Teil des neuen Systems empfunden. Während die ersten drei Wochen der Horror waren, war das restliche erste Semester gut erträglich, hat sogar Spaß gemacht und mich interessiert. Und trotzdem wusste ich die ganze Zeit, wenn auch unbewusst, dass es ein Ort ist, an dem ich nicht bleiben möchte. Im zweiten Semester kam dann mehr und mehr das Verlangen Psychologie studieren zu wollen. Das war im Übrigen eine gute Erklärung mit Jura aufzuhören, denn so musste ich mich nicht mit dem beschäftigen, was mir an Jura nicht passt, sondern nur mit dem, was mir an Psychologie passt. So habe ich meine damaligen Gedanken auch klar anderen gegenüber formuliert, habe gesagt „ich höre ja nicht mit Jura auf, weil mich Jura nicht interessiert, sondern einfach, weil mich Psychologie mehr interessiert. Dann fuhr ich irgendwann nach den Klausuren mit dem Fahrrad und Valli an meiner Seite nachts durch München, und sagte vor mich hin „Ich glaub ich hör auf mit Jura“. Und damit war eigentlich alles gesagt. Und je öfter ich diesen Satz aussprach, desto besser ging’s mir, desto sicherer und richtiger fühlte er sich an. Raum für Ehrlichkeit. Sicherheit in der Unsicherheit. Zufriedenheit.

Was soll ich nun antworten auf die Frage? Mein Grund ist ein alles oder nichts Grund. Er ist sehr abstrakt und lässt sich nur schwer mit Worten ausdrücken. Der Grund bin ich. Der Grund ist mein Herz. „Weil das bin ich nicht“, war die erst letztens formulierte Antwort an eine Freundin, diese gefiel mir tatsächlich ganz gut. Jura ist meine Umgehungsstraße. Sie umgeht ein tiefes Schlagloch. Das Schlagloch ist mit rot-gelben Absperrband gesichert. Da will auch niemand, besonders ich nicht, einen Blick hineinwerfen. Dafür ist es viel zu angsteinflößend. Und dunkel. Wer weiß, ob ich da je wieder rauskommen würde. Dabei ist es doch so wichtig auch mal in die tiefen, dunklen Löcher reinzuschauen, nur so verlieren sie nämlich an Tiefe und Dunkelheit. So wichtig, ehrlich zu sich zu sein. Jura ist nicht nur meine Umgehungsstraße, sondern (für mich) auch eine Einbahnstraße. Bei diesem Gedanken frag ich mich, wie viele Juristen wohl auch in die Einbahnstraße reingefahren sind und es niemals bemerkt haben. Jene Jura-Einbahnstraße ist wegen ihrer vielen Möglichkeiten und guten Zukunftsaussichten einfach sehr verlockend. Da erinnere ich mich an eine Einführungsveranstaltung in der Ersti-Woche, in der ich hörte, dass fast jeder Dritte sein Studium abbricht. Ich war echt schockiert über die Statistik, vor allem aber verstand ich die Zahl nicht. Waren die deutschen Studenten wirklich so faul? Hatten sie derartig wenig Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft? Verständnislosigkeit machte sich in mir für jene Köpfe, die diese Zahl füllten, breit. Witzig ist im Nachhinein, wie fremd mir das Studienabbrecherdasein schien, wie sehr ich mich nicht dazu zählte, wo ich doch innerlich schon genau wusste, dass ich auch mit Jura aufhören würde.

Meine Umgehung fühlt sich wichtig und richtig an. Als wenn ich sie habe fahren müssen, um auf der eigentlichen, auf der Ich-Straße, weiterzufahren. Als wenn ich sie habe fahren müssen, um mir der Bedeutung von Ehrlichkeit zu meinem Selbst bewusst zu werden. Und deshalb ist sie auch kein Ende, mit Absperrband, sondern der Anfang. Hin, zu einem ehrlichen, klaren Weg.

Mich mitnehmen

Ich sitze gerade im Flugzeug. Noch stehen wir. Ein Baby hinter mir schreit. Die Sonne strahlt. Das übliche Sicherheitsgelaber ertönt aus den Lautsprechern. Englisch mit österreichischem Akzent. Es geht nach Vienna. Nur Begrüßung und Grußformel dringen in meinen Kopf ein. „Welcome on Board of flight number 0162 to Vienna […] We wish you a pleasant journey“. Das Flugzeug beginnt zu rollen. Das Kind vor mir hört auf zu weinen, ruft „Wir fliegen“, wird von der Mutter berichtigt. Jetzt summt mir ein Lied durch den Körper.

Ich bin für’s Rollen
Ich bin für’s Hin und Her im Schlaf und auch am Tag
Ich bin für's Rollen, bergab

Ich bin für's Wollen
Ich bin für mehr, für mehr auch nicht
Ich sag, ich bin für's Wollen
Du lachst

Ich will nicht wissen was nun oder was noch nicht ist
Lass uns nicht
Lass uns nicht sicher sein
Ich will nicht wissen was vielleicht oder vielleicht nicht ist
Lass uns nicht
Lass uns nicht sicher sein

https://www.youtube.com/watch?v=hEI-EIJ-SF0

Ich bin so ruhig. Als würde ich heute in die Schule fahren und völlig routiniert einen stinknormalen Schultag absitzen. Leer. Ich bin sehr momentan. Denke höchstens an Vergangenes, nicht aber an das, was vor mir steht. Für das, was vor mir steht, ist nur Leere da. Eine ruhige Leere. Und ich genieße, dass ich die Leere durch das Schreiben füllen kann. Dass ich keine Erwartungen hätte, war meine Antwort. Meine Antwort auf die, sich immer wiederholende, an meine „FSJ-Rumänien-Kulturweit-Dauer unbekannt-Zukunftserklärung“ anschließende Frage, ob ich mich denn freue. Ich empfinde nur Leere und Ruhe. Und ein paar Ängste und Sorgen, die aber nur meinem Verstand zugänglich sind, empfinde ich auch. Dieser kommentiert sie dann mit „aber das ist ja normal“. Dabei schoss mir noch vor einigen Tagen als ich vom Vorbereitungsseminar zurückkam das Adrenalin durch den Körper. Hibbelig lag ich auf dem Sofa. Nervös. Fragend. Jetzt: der Coolness-Zustand hat mich erreicht. Wir heben ab. Einfach genießen. Und mich mitnehmen, hatte mir Jemand gesagt. Das werde ich. Ich lasse mich nicht liegen am anderen Ende Europas. Höchstens eine Hand, um mich festzuhalten, oder einen Arm, um andere Arme erreichen zu können. Aber nicht mein Herz, das bleibt bei mir.

Tschüss und hallo Welt

„Tschüss“ sagten „wir 13 Rumänen“ zu allen anderen 317 Kulturweitlern. Wir bildeten einen Kulturweit-Kreis, der sich fast über den gesamten Rasen der Seminaranlage erstreckte. Dankesworte wurden ausgesprochen. Dann begann die eine Hälfte des Kreises sich in Bewegung zu setzen und die andere Hälfte abzuklatschen. Meine Mathekenntnisse sind vermutlich ungenügend, um auszurechnen, wie viele Menschen sich in diesen 15 Minuten in die Hände klatschten. Viele. Und das Lachen blieb. Gerade sitze ich wieder im Zug. Scroll durch meine Emails. Eine letzte Email von Kulturweit vor der Abreise nach Rumänien und der Wunsch wohlbehalten überall auf der Welt anzukommen. Danke. Das werde ich.

Erkenntnis Nr.1

(…schon vor dem Auslandsaufenthalt, obwohl der doch die ganzen bereichernden Erkenntnisse bringen soll…)

Lange habe ich drüber nachgedacht, was, wo, wer Heimat ist. Während ich in den pubertären, rebellischen Jahren meiner Jugend selbst die Existenz einer möglichen Heimat leugnete, blind und provokant mir und anderen gegenüber, fühle ich heute Heimat, ich spüre, dass es so etwas geben muss, ohne einordnen zu können, mit was dieses Etwas zu tun hat.

Die Lebensjahre, in denen ich Heimat, Zuhause oder Fremdheit spüren konnte, ließen mich unterschiedliche Haltungen empfinden, die ich jedoch immer nur einbeinig vertrat, richtig überzeugt war ich wohl bisher noch nie. Nachdem ich von dem Standpunkt des absoluten Leugnens einer Heimat, eines Zuhauses, abgerückt war, versuchte ich mich in der Identifikation mit dem Spruch „Heimat ist dort, wo das Herz ist“ oder „Heimat ist dort, wo die Personen sind, die dich lieben und die du liebst“. Wo doch so viele Menschen derartige Sprüche unaufhörlich wiederholten, musste schließlich ein kleines Stück Wahrheit in ihnen verborgen sein. Ich spürte in dieser neuen von Erkenntnissen geleiteten Zeit, dass durchaus ein Bedürfnis bestand, Etwas als Heimat zu definieren, da ich ja auch ankommen wollte, Stabilität brauchte. Doch konnte dieses Etwas nicht jene Umgebung sein, in der ich mich von einem Heimatsgedanken zuvor entfremdet hatte. Dieser Schritt wäre zu groß und gewagt gewesen. Er hätte auch nicht meinem Lebensgefühl entsprochen. Denn als ich nach Berlin zog, war das frühere Zuhause aus Prinzip kein Zuhause mehr. Es war die „Seidenstraße“. Auch wenn ich mit meiner Mutter über den nächsten anstehenden Besuch reden würde, würde ich klar abgrenzen „Wenn ich zu Euch komme“, nicht „Wenn ich nach Hause komme“, ich kam ja auch „zu Besuch“. Berlin sollte meine neue Heimat werden. Fraglich war nur, wie ich dies in Einklang bringen würde mit dem Motto über die Heimat, dort, wo die Personen waren bei denen mein Herz lag. Denn lieben, im engeren Sinne, tat ich niemanden wirklich in Berlin. Was ich liebte, war die Stadt, die grünen Alleen, die Freiheit, das Unkonventionelle, das Gefühl eine Nachtwanderung zu machen oder auf Pfadfinder Tour zu sein. Einen personellen Bezugspunkt, der mein Heimatsgefühl auslöste, gab es damals aber nicht wirklich. Dennoch suchte ich in meinem neuen Mitbewohner, der später mein Berliner Bruder wurde, wie mein Herz diesen Spitznamen still vor sich hin summen würde, einen Bezugspunkt für die personelle Heimat. Ob er das wirklich war, meine Heimat, oder ob ich einfach nur einen Grund, einen Titel, einen Namen, ein Gesicht brauchte, um mich mit der obigen Erkenntnis zu identifizieren und, damit im Einklang, Berlin als meine neue Heimat, meinen neuen Weg, erklären zu können, sei dahin gestellt. Es war wohl doch eher die Sehnsucht nach Neuanfang, der Wunsch, mein neues Berliner Leben mit einer eindeutigen Philosophie klar definieren zu können. Durch Valli konnte ich die Heimats-Philosophie und die Distanz zum früheren Zuhause wunderbar vereinen.

Irgendwann merkte ich natürlich, dass die Bedeutung, die ich Valentin zumaß unverhältnismäßig war, auch wenn er sicher ein wichtiger Mensch für mich geworden war. Trotzdem humpelte meine Argumentation. Meine Unzufriedenheit ließ mich auf den Abschied der Bisherigen und auf die Suche nach einer Neuen begeben. Ohnehin passten die „alten Gedanken“ für mich nicht zusammen. Heimat war so viel mehr und so viel weniger als die Personen, bei denen mein Herz lag. Aber wenn ich sie nicht bei den Personen, die ich liebte, finden konnte, und wollte, wo dann? Mit dieser quälenden Frage würde ich fortan in den Zügen der deutschen Bahn, auf Toiletten, im Vorlesungssaal, oder auf meiner Pilates Matte sitzen, um auf Letzterem Platz die muskulären Schmerzen zu verdrängen, und mich auf die Lauer zu legen. Eine Spur aufzunehmen.

Ich dachte an meine Oma, und an Opa, an den Möhrensaft, den es jeden Morgen zum Frühstück gab, den ich in den ersten Sekunden des Frühstücks sogar vor dem Nutella Brot verschlang, weil er so gesund schmeckte. Ich dachte auch an die Kuhglocken, die jeden Morgen um 6 Uhr läuteten, an den frischen Dorf-Duft aus Gülle, Wald, Kuh, Esel, Sommerkälte, dreckigen Asphaltstraßen, und noch nicht abgegrasten Weiden der durch das Fenster hineinwehte. Ich dachte an Papa, der sich jeden Morgen schon einige Stunden bevor ich wach wurde, zu Oma setzte, die in der Früh den Frühstückstisch deckte, und im Flüsterton bestimmte Dorfnachrichten austauschte und aus Oma herausquetschte. Die beiden saßen dann in der Küche oder im Wohnzimmer auf den Kartoffelsitzsäcken vor dem Fernseher. Der morgendliche Dorfklatsch war sehr exklusiv, und trotzdem wandelte ich erst gegen 7, halb 8 ins Wohnzimmer, geleitet vom feurigen Licht des Edelsteins, der auf einem Regal im Flur stand.

Ich dachte an die Segelurlaube in Friesland, einer niederländischen Provinz. An die kleinen Yachthäfen, in denen das Boot mehr stand, als das es gesegelt wurde, natürlich weil der Wind zu schwach war! Ich dachte an die Hafentoilette, dessen Türen mir jedes Mal auf’s Neue, wenn ich Nachts pinkeln musste, einen Schreck versetzten, indem sie sich einfach nicht wieder aufschließen ließen. Oder an die Eisdiele, bei der ich regelmäßig Käsekuchen Eis gegessen hatte. Oder an den Strand nicht unweit entfernt von der Eisdiele, bei dem ich, als wasserverrücktes Kind, mich stundenlang hatte vom sandigen Grund abstoßen, die Arme ausbreiten und nach hinten weg ins Wasser schmeißen können.

Ich dachte auch an das Sauerland, das niemand kannte, wenn ich meinen Mitschüler*innen in der Grundschule davon erzählte. Es hörte sich ja auch etwas unsympathisch an, und zugegebenermaßen wusste nicht mal ich in diesem Alter, wo es sich befand. Ich wusste nur, dass es Sauerland hieß und wir gerne dorthin fuhren. Um das Haus herum, in dem wir übernachteten, waren Hecken mit weißen Perlen gezogen, bis heute weiß ich nicht, wie diese Perlen heißen, ich pflückte sie gerne, zusammen mit den Nachbarskindern, wir warfen uns damit ab oder sprangen auf sie drauf, und kicherten, wenn wir das Knackgeräusch hörten.

Was all diese Gedanken und Gefühle verbindet ist Gewohnheit, Tradition und Vertrauen. Obwohl mein Gedächtnis zu diesen Zeiten noch teils wenig ausgereift sein konnte, um derartige Details zu speichern, steckten Erinnerungen wie der Möhrensaft, das Kuhglockenläuten oder das Perlenzerquetschen tief in mir. Ich vermisste all diese Dinge und sehnte mich danach, nach ihnen zu greifen, meine Kindheit zurückzuholen oder zumindest wieder zu beleben. Aus der Tradition heraus, einmal alle 4 Monate ins Sauerland zu fahren, wuchs das Vertrauen in Stabilität, in etwas, was blieb, und mich regelmäßig glücklich machte. Vertrauen in einen Ort kann ich auch ohne menschliche Bezugspersonen empfinden, es reicht auch Gülle und Wanderschweis. Im Gegenzug kann Vertrauen aber auch eng mit nahestehenden Menschen zusammenhängen, Menschen, mit denen ich schon viel geteilt habe, die einfach da sind, egal ob sie zu mir passen oder nicht, ob die mir gefallen oder nicht, deren Existenz nicht hinterfragt wird, einfach weil sie dazugehören.

Das ist Heimat. Heimat ist zu wissen, wo ich bin, bevor ich angekommen bin. Heimat ist ein Wohlfühlgefühl, obwohl ich noch nicht gefühlt hab, in den Ort hinein gespürt hab. Heimat ist, weil es immer so war, und weil es richtig so war, wie es war. Heimat ist das Vertrauen in Etwas, weil kein Platz für Sorge ist. Heimat ist Tradition, die ich vermisse, wenn sie unterbrochen ist.

Jetzt bin ich auf dem Weg nach Berlin zum kulturweitschen Vorbereitungsseminar. In zwei Wochen geht’s los. Auf ins Ausland! Auf nach Rumänien! Auf in eine neue Heimat?