Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

 

Ich sitze wieder mal im Zug und fahre dieselbe Strecke, die ich ca. einen Monat zuvor zum ersten Mal wahrnahm. Ich versuche die Landschaft wiederzuerkennen, besondere Auffälligkeiten. Vor einem Monat sah es deutlich verschneiter aus. Damals nahm ich den Zug von Timisoara nach Iasi, d.h. einmal quer durch den Norden Rumäniens. 17 Stunden Fahrt. Heute, von Cluj aus ist es nur die Hälfte. Ich hatte mich vor einem Monat aus Umweltgründen bewusst für den Zug entschieden, statt mich in das nur unwesentlich teurere, aber schnellere und komfortablere Flugzeug zu setzen. Als ich die Fahrt dann mit einer Erkältung antrat, und ich spätestens nach der Hälfte der zurück gelegten Kilometer die 17 Stunden Zugfahrt wirklich zu spüren begann, sah meine Laune natürlich anders aus, als beim Kauf des Tickets. Damals war ich von meiner guten Tat für die Umwelt überzeugt, meinte, mir über die Nachteile der langen Fahrt bewusst zu sein und drückte euphorisch auf den „Kauf-Button“. Denn: Ich liebte Zugfahren, warum dann nicht auch mal etwas länger, um ein paar Emissionen einzusparen?

Ich war froh und fertig, als ich endlich in Iasi ausstieg. Papa, der bisweilen dazu gedrängt hatte, ich solle doch mit dem Flugzeug fliegen, nutzte die kurze Nachricht, wie fertig ich sei, um seine im Vorhinein ausgesprochene Empfehlung zu bestätigen. „Siehste, manchmal sollte man auch mal auf Menschen hören, die 40 Jahre mehr Lebenserfahrung haben!“, bekam ich als Antwort. Bisheriges Argument gegen meine gelegentlichen Versuche, umweltbewusster zu handeln, klang ungefähr so: „Ja, aber dann darfst du ja gar nichts mehr machen. Dann kannst du nur noch zuhause bleiben, Licht und Heizung ausgeschaltet lassen, und Nahrungsergänzungsmittel zu dir nehmen!“

Es ist schade, dass umweltfreundliches Handeln oft als ein Verbot aufgefasst wird. Genauso ist es schade, dass die Grüne gerne als Mutter mit erhobenem Zeigefinger bezeichnet wird. Jene einzige Partei, die Umweltverschmutzung und Klimawandel als gegenwärtige Probleme wahrnimmt, und einen Lösungskatalog für derartige zukünftige Herausforderungen anbietet. „Verbote“, mit denen Menschen sich konfrontiert und in ihrer Freiheit verletzt sehen lauten dann: „Du darfst kein Fleisch mehr essen!“, „Du darfst keine Produkte mehr kaufen, die unter niederen Arbeitsbedingungen oder in weit entfernten Ländern hergestellt wurden, obwohl Du Lust darauf hast!“, „Selbiges gilt für Klamotten, auch hier darfst Du keine inhumanen Arbeitsbedingungen oder tierische Ressourcen enthaltende Produkte fördern, so sehr Du Dir diese Lederjacke auch wünschst!“, „Du darfst kein Flugzeug mehr betreten, überhaupt solltest Du aus Emissionsgründen so wenig reisen wie möglich!“, etc.

Ich verstehe, dass sich Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Sehnsucht, bestimmte Lebensmittel zu essen, in ihrer Lust, besondere Kleidungsstücke zu tragen, bedrängt sehen. Es ist mit wichtig, all die moralischen Umweltgebote, als Angebote, statt als Verbote wahrzunehmen. D.h. dass ich mich bewusst für eine bestimmte umweltfreundliche Verhaltensweise entscheide, weil ich davon überzeugt bin, dass es die für mich richtige Verhaltensweise ist. Diese Überzeugung verdrängt wiederum das Verbotsempfinden. Diese Überzeugung führt zu Wohlwollen, Euphorie und Optimismus. Sie führt dazu, dass ich vermeintliche Einschränkungen nicht mehr als solche wahrnehme, sondern als Veränderungen meiner individuellen Handlungspolitik, als Reform- oder Verbesserungsvorschlag.

Meine Antwort auf das Bild des im kalten und dunklen Wohnzimmer sitzenden, sich von Kartoffeln ernährenden Ich, ist, dass ich nur auf jene Dinge verzichten muss, auf die ich selbst verzichten möchte. Im Gegenzug versuche ich dann aber den umweltschonendsten Weg zu wählen. Natürlich möchte ich nicht auf das Reisen verzichten. Ich bin jung, abenteuerlustig und will die Welt entdecken. Auf der anderen Seite kann ich 17 Stunden Zugfahrt auch mal auf mich nehmen. Ich liebe Fleisch und werde sicherlich nicht in absehbarer Zeit Vegetarierin. Dennoch versuche ich meinen Fleischkonsum auf bestimmte Tage unter der Woche zu reduzieren.

Innere Überzeugung, nicht Verbote sollten unser Handeln leiten. Ersteres ist auch viel nachhaltiger, denn ich arbeite für mich, nicht gegen den moralischen Zeigefinger Anderer. `Überzeugung trägt Früchte, Verbote lassen sie nur verwelken´, denke ich, und rolle meinem Ziel im halbverschneiten Rumänien entgegen.

Auf Fahrrädern durch die Hermannstädter Festung

Oder: Eu, Noi und unsere Umwelt

Der eisige Wind wehte durch unsere Haare. Einige von uns stülpten sich Mützen oder Stirnbänder über, um sich für die Fahrt von der Hermannstädter- zur Öko-Festung in Gusterita zu wappnen. Voller Geschwindigkeit schossen wir das Gefälle hinunter und unter der Lügen-Brücke, dem Tor des kleinen Rings, hervor. Ein paar Minuten später standen wir auch schon mit unseren Fahrrädern vor einem anderen Ring, jener Mauer, welche die evangelische Kirche in Gusterita umgibt.

„Wir teilen Rumänien als unser gemeinsames Zuhause“

Wir, das sind 30 Jugendliche aus ganz Rumänien, die sich bei dem Projekt „Interkultural“ engagierten. Wir kommen nicht nur aus unterschiedlichen Städten, sondern bringen auch andere ethnische und kulturelle Hintergründe mit. Wir gehören verschiedenen Minderheiten und Mehrheiten an, teilen Rumänien aber alle (momentan) als unser gemeinsames Zuhause. Im Rahmen diverser Kennenlern-/Identitätsspiele und Freizeitbeschäftigungen, ob auf der Mülltrennungsanlage, beim oben beschriebenen Fahrradfahren, bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder bei einem abendlichen Bierchen, traten wir miteinander in den Dialog und lösten (unbewusst) so gut es ging die Fremdheit, welche teilweise aufgrund unserer unterschiedlichen Hintergründe existierte.

„t’s too late to be a pessimist!“

Worum es bei unserem Projekt aber eigentlich ging, und was uns in diesem Sinne sicher nicht unterschied, sondern, was wir teilten, was uns miteinander verband, war die Umwelt, bzw. die an uns gerichtete Botschaft: wir alle teilen und profitieren von der Umwelt, und jeder Einzelne von uns ist mit verantwortlich für die Gestaltung unserer Lebenswelt. Wenn wir auch in 20 Jahren noch von Mutter Erde profitieren wollen, müssen wir etwas verändern. Dann müssen wir uns engagieren, denn: „It’s too late to be a pessimist!“ (Es ist zu spät ein Pessimist zu sein!), wie der Film „Home“ verdeutlicht.

„Wir tauchten ein in die inspirierende Welt von Hundeschützer*innen, Bäumeplanzer*innen, Umweltpädagogen*innen, Pfarrer*innen und Ökogartenbetreiber*innen…!“

Der Film bot den Einstieg in die einwöchige Seminarwoche (vom 21.-27.10.2018), in der wir uns zunächst mit ökologischen Problemen, Herausforderungen und Lösungsansätzen auf globaler, dann auf regionaler und schließlich auf individueller Ebene beschäftigen würden. Auf globaler Ebene sammelten wir Informationen zu Themen wie Resilienz, Nachhaltigkeit, Effizienz, Pharmakultur und Klimawandel. Auch erprobten wir Simulationsspiele, wie „Keep Cool“, um einen Eindruck zu bekommen, wie schwierig es ist teils widersprüchliche globale Interessen im Hinblick auf eine gemeinsame Umweltpolitik zu vereinen. Regional ging es dann mit Besuchen einer Mülltrennungsanlage, einer ökologischen Farm, und verschiedenen Vorstellungen einzelner engagierter Persönlichkeiten weiter. Wir tauchten ein in die inspirierende Welt von Hundeschützer*innen, Bäumeplanzer*innen, Umweltpädagogen*innen, Pfarrer*innen und Ökogartenbetreiber*innen…!

„Was werde ich ab Montag tun…?“

Und das führte uns schließlich zu der letzten Etappe: dem Ich. Was werde ich ab Montag tun, um einen positiven Einfluss auf die Umwelt zu haben? Was werde ich ab Montag tun, um meinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren? Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Es ging um die Reduzierung des Müllkonsums, um den Kauf von second-hand Klamotten, um eine Verringerung des Wasser- und Energiekonsums, um weniger Autofahren, stattdessen mehr Fahrradfahren!

Neun Stunden später öffneten wir die Tore der Öko-Festung, und schwangen uns auf die Sattel, ließen den eisigen Wind wieder durch unsere Haare streifen, und trudelten zurück in die Hermannstädter Festung. Wie erholsam und vor allem gesund Fahrradfahren doch ist, besonders wenn der Weg zu einer solch schönen, alten Festung führt!