Am Anfang war Ferne

„Die B 96 ist eine Bundesstraße in Deutschland. Sie führt von Zittau im östlichen Teil der Oberlausitz bis nach Sassnitz auf Rügen“, lese ich auf Wikipedia. B 96…seltsamerweise habe ich das Gefühl den Straßennamen in meinem bescheidenen Autobahn Leben schon einmal gehört zu haben…

Die Landschaft zwingt mich förmlich mir ihrer Schönheit gewahr zu werden, Lesezeit sei wann anders. Die bewegungslosen Täler lassen unsere 120 h/km an sich abprallen, wir rauschen durch sie hindurch in die Tiefen des Sauerlands, durch allerlei Grüntöne, sanftes Moosgrün, saftig, beißendes Knatschgrün, etwas dumpferes Dunkelgrün, einem Turquoiseton ähnliches Tannengrün. Wälder, Wiesen, Weite, in den ersten kleinen Städtchen schließlich bunte Scheunentore, schwarz-weiße Fachwerkhäuser, verzweigte Serpentinenstraßen, und alles kontrastiert sich miteinander. Meinen Blick zieht es in die Ferne, immer höher, die braunen Pfade entlang, eine Schotterstraße, die in eine andere, noch steilere mündet, zu einem Wegabzweig, an dem ich wieder die Wahl zwischen Ab- und Aufstieg habe. Aus dem Fenster, an der Kreuzung stehend, betrachtet, sieht die Ferne so anziehend aus, das Hier fühlt sich so langweilig, so plump an. ‚Lass uns dorthin fahren‘, denke ich, meinem Finger in die Täler, in die Ferne folgend. Nein, wir wollen zum Alten Forsthaus. Und außerdem fällt mir auf: das mit der Ferne ist doch wie mit den Träumen – einmal erklommen, fühlt sich die Ferne nicht mehr verwünscht, anziehend an, sondern erreicht, stolz, vielleicht geschafft und müde, vielleicht zufrieden. Einmal realisiert, einmal Realität, ist der Traum doch ebendies, und er selbst Geschichte. Dabei haben es Träume doch verdient, bewundert zu werden. Zum Beispiel jener, das Alte Forsthaus in eine Begegnungsstätte umzubauen. Seit der Traum auf einem Umweltseminar in Rumänien das erste Mal in meine Vorstellungskraft sprang sind zwei Jahre vergangen. Ein bisschen Geschwelge in zukünftigen Erinnerungen, ein paar Sternschnuppen, Früchte, Ideen, ein bisschen Traumschmuck. An Kinder, Freunde, Familienangehörige, Tischler, Musizierende, Kunstschaffende, Raumschaffende, Neugierige, Wandergesellen, Kulturweitler, Suchende und Fündiggewordene, die wir zusammen das Haus in weiter Ferne renovieren, denke ich. Daran, dass all die Grüntöne, nicht nur mir zugänglich sein sollen. Und dass am Anfang Ferne war.

Jetzt wird mir klar, woher die Bekanntschaft rührt: Meine Berlin Zeit ist geprägt von Fahrradrasereien auf der B96, meiner Lieblingsstraße, von Reinickendorf bis nach Kreuzberg/Neukölln. Und zurück über das Tempelhofer Feld, am Victoria Park entlang Richtung Innenstadt, Fahrt aufnehmend, über die Ampeln, den Baustellengeruch hinweg, mit so viel Geschwindigkeit durch das bunte, dreckige, schnelllebige Berlin, mit so viel Freiheit.

 

 

Über blassgelben Feldern
Schüchtern und scheu
Und ein taufrischer Morgen
Neblig und neu
Und die frühesten Vögel
Hauen den Morgenappell
An das rostige Hoftor
Bis es irgendwann umfällt
Und es dauert nicht lang
Bis die Gedanken verträumt sind
Hier an der B 96

Und die Welt steht still hier im Hinterwald
Und das Herz schlägt ruhig und alt
Und die Hoffnung hängt am Gartenzaun
Und kaum ein Mensch kommt je vorbei
Im Hinterwald
Wo mein Zuhause ist
Schön wieder hier zu sein


B 96, Silbermond


https://www.youtube.com/watch?v=T-y_0Hmgdec

Von Traum. Und Brot. Und der Relevanz des Lokaljournalismus.

Teamsitzung. Noch zwei Tage, dann ist auch dieses Praktikum vorüber. Während ich mit Skepsis gegenüber dem Format des Radiosenders in das Praktikum gestartet bin, erfüllt es mich im Nachhinein mit Freude, um einige Erfahrungen reicher geworden zu sein. Und gerade jetzt in der Teamsitzung erfüllt es mich mit Faszination für die Wichtigkeit und die Möglichkeiten des Lokaljournalismus. Wie immer sitzen wir im Besprechungsraum eine Etage tiefer. Nach den üblichen Berichten von Morgenmoderator*in und Nachrichtensprecher*in und einem Überblick über die anstehenden Termine und Programmplanung, kommt das Herzstück der Teamsitzung – die Ideensammlung. „Any ideas?“, steht als Frage im Raum, und viel intensiver als sonst: wird gesammelt und gesammelt. Was die Eine vorschlägt, wird durch den Nächsten ergänzt, von der Dritten kritisiert, dem Vierten hinterfragt und der Fünften weitergedacht. Flüchtig gleitet mein Blick an die digitale Uhranzeige der an die Wand geworfenen Projektion. 11:15 Uhr, schon seit einer halben Stunde wird ausgetauscht, inspiriert, befruchtet mit Ideen! Und was mir so sehr gefällt: die Motivation des Lokaljournalismus, sich wie ein Äffchen an die großen, ungreifbaren überregionalen Themen dranzuhängen, um die Relevanz für die Kommune oder den Kreis hervorzuheben. Ich merke, dass genau das die Daseinsberechtigung des Lokaljournalismus ist. Die Aufgabe, abstrakten Themen eine Form, eine Kontur zu geben, sie wie ein Hund, an eine Leine zu binden, um die Verbindung zum Menschen herzustellen, um sie zurückzuführen auf die schnöde Alltagsebene der Bürgerinnen und Bürger, die genau dann eins nicht mehr ist – schnöde!

Dieses kleine Manifest erinnert mich an ein Gespräch mit einem Journalisten. Wir sprachen darüber, wie wenig Menschen noch Lokalzeitungen lesen, und in welch bedrohliche Lage der Lokaljournalismus dadurch geraten sei. Auflagen, die Tag für Tag schwinden. Personal, das Tag für Tag entlassen wird. Eine geringere Anzahl an Journalisten, die Tag für Tag für eine relativ größere Anzahl an Zeitungsseiten zuständig ist. Qualität, die Tag für Tag abnimmt. Ein Teufelskreis, aus dem, wie ich finde, nur eine Bewusstseinsveränderung der Menschen und höhere Investitionen in den Lokaljournalismus hinausführen können. Ich scherzte „Wir könnten ja ein Manifest für den Lokaljournalismus schreiben…“. Als Antwort bekam ich: „Kannst du machen, das würde nur niemand lesen!“. Ich lachte. Verzweifelt. Traurig. Machtlos. Unwissend darüber, wie es weitergehen kann.

Was ich dennoch weiß: mein Traum ist es, Journalistin zu werden. Und wie auch immer sich der (Lokal-) Journalismus entwickelt, es ist der richtige Weg, an meinem Traum, mit dem Schreiben mein Brot zu verdienen, festzuhalten. Dass mich mein Traum begleitet, erlebte ich eindrucksvoll auf dem Besuch der Generalprobe eines Gospelchors in Stuttgart. Ich war so fasziniert von dem Chor, dem Gesang und dem Chorleiter, der mit seinem ganzen Herzen anwesend zu sein schien und den rund 600 Menschen starken Chor durch die Chorprobe führte. Als Zuschauerin durfte ich direkt hinter ihm sitzen. Nahm leider nicht sein mit Sicherheit voller Leidenschaft blühendes Gesicht wahr, dafür aber sein Hawaihemd und seine energischen, taktvollen Sprünge, die von den Handbewegungen eingeleitet wurden und den ganzen Körper in Anspannung und Rhythmus versetzten. Diese Energie schien er, wortwörtlich, leichtfüßig auf den Chor zu übertragen, der wiederum umso stärker aufblühte und um sein Leben sang! Zu gerne, dachte ich, würde ich diesen Chorleiter interviewen! Als ich nach Abschluss der Chorprobe von dem Menschenstrom hinausgeleitet wurde und es schaffte, mich für eine Spende an den Rand zu drängen, erzählte ich prompt derjenigen Frau, die das Spendenkörbchen in der Hand hielt, von meinem Interview-Wunsch. Ich leitete ihn ein, mit meinem Traum, Journalistin werden zu wollen. Es schien mir am plausibelsten, denn: warum sonst würde eine wildfremde Zuschauerin aus dem weit entfernten Niederrhein einen Stuttgarter Chorleiter interviewen wollen? Die Frau lächelte. Erzählte mir, sie sei auch Journalistin. Mitten im Kirchenausgangsgewusel kamen wir ins Gespräch. Mit dem Resultat: den Kontakt auszutauschen und der Möglichkeit einen Kommentar über die Chorprobe für die SWR Homepage zu schreiben. Wow! Ich war begeistert! Und das nur, weil ich aus dem Nähkästchen heraus meinen Traum geteilt hatte! ‚Als wäre es selbstverständlich, fremden Menschen als Begrüßung von seinen Träumen zu erzählen!‘, schmunzele ich im Nachhinein. Jedenfalls finde ich seitdem: mein Traum bestimmt meinen Weg. Er selbst gibt mir Anstöße und Inspiration und Menschen, die mich auf diesem Weg begleiten. Aber das, und vieles mehr, kann er nur, wenn ich ihn mit anderen Menschen teile, wenn ich ihn hinausschicke in die weite Welt…

Die Teamsitzung neigt sich tatsächlich langsam dem Ende zu. Themen, auf die ich mich am liebsten selbst stürzen würde, sind die Lage der SPD – wie steht der hiesige SPD Bundestagsabgeordnete zum Vorschlag des Fraktionsvorsitzes einer Doppelspitze? Gibt es Ideen zur Reformation der Partei seitens des SPD Ortsverbands? Und wie hat die Partei rückblickend bei den Europawahlen im Kreis abgeschnitten? Wo liegt sie bei aktuellen Umfrageergebnissen? Und auch: Rechtsextremismus im Kreis – wurden die Bundestagsabgeordneten von Krefeld oder dem Kreis Viersen schon einmal bedroht? Wie nehmen sie die verbale Umgangsart innerhalb der Bevölkerung und politischen Milieus wahr? Was können Bürgermeister tun, um sich zu schützen, und wie effektiv sind diese Möglichkeiten des polizeilichen und rechtlichen Schutzes? Fragen über Fragen…der Teil meines Gehirns, der fürs Fragen zuständig ist, will keine Pause einlegen! Mir fällt auf: Lokaljournalismus macht abstrakte Problematiken, die die Bürgerinnen und Bürger meinen nicht mehr beeinflussen zu können, greifbar. Er zeigt Betroffenheit und damit auch Möglichkeiten des Einflusses auf lokaler Ebene, Möglichkeiten des Engagements. Ein Hoch also auf den Lokaljournalismus, den vielleicht so viele meinen vergessen zu haben.