Teil 4

Ich zweifle, gibt es Authentizität? Ist Tageslicht ein Fake? Wenn Liebe punktuell ist, ist der Graph steigend oder fallend. Ist Ambivalenz meine Rechtfertigung. Bin ich ein Kompromiss. Wie viel Klamotten trag ich noch. Bin ich Sommerkind im Winter wer. Ist der Bewegungsmelder müde. Könnt ihr stehen bleiben. Warte, ich geb dir einen Kuss

Teil 3

Ich wünsch mir, einen Bruder. Bist du Herz oder Kopf? Weg von hier. Flucht ist geil. Lass mich dein Matchboxauto sein. Dein Maschinengewehr. Warum fällt Wut vom Himmel. Warum kriecht Trauer aus der Erde? Wenn Bienen nicht mehr frei sind, wie viele Blumen sterben dann. Bin ich verloren. Ist das Rätsel unlösbar. Halt Gott, ich will deinen Rat doch hören

Teil 2

Ich zeig dir, wo ich hin will. Gesellschaft, bist du mit mir? Ist Luxus zählbar, und wenn ja, wie viel Minuspunkte gibt es. Wenn ich arm wär, würd ich dann mehr verstehn? Gibt es Mücken auch im Winter, und Wohlstandsbäuche auch in Afrika. Warum ist Süden unter uns. Bin ich weiß, weil du schwarz bist. Was haben wir gemeinsam? Sind Sterne wirklich gelb. Wenn du gelb bist, bin ich lila

Teil 1

Ich frag mich, macht Regen eigentlich wund? Lässt Weinen los. Können Fliesen warm sein. Ist mein Fokus Willkür. Bin ich allein. Wer gehört zu mir. Ist Papa dick. Und Mama doof. Sucht mich jemand, und wenn ja, bis wann. Auf welches Telefon? Wenn das hier vorbei ist, reden wir dann. Schreibst du mir ein Regenlied. Ich werd dazu tanzen

Von Fahrtrichtung und Fernbeziehung

Neben mir in der Tram küssen sich zwei Menschen. Um nicht den Eindruck des Spannens zu erwecken, konzentriere ich meinen Blick auf das, was in der anderen Richtung, in Fahrtrichtung passiert. Das Umlenken des Blickes geschieht betont langsam, beiläufig, als hätte ich es ohnehin vorgehabt, um auch den Eindruck des Geniertseins zu vermeiden.

In Gedanken bin ich noch bei dem Pärchen. Wie schön, der Kuss. Und wie schön, wegschauende Zuschauerin der Szenerie zu sein. Ich denke an ein Gespräch mit einer Freundin über die Freuden und Leiden ihrer Fernbeziehung. Sie kommentierte: „das ist wohl das Los der FIFA“. Ja, im Einjahres-Rhythmus den Ort wechseln zu müssen, macht eine Fernbeziehung fast unvermeidbar. Egal, wo wir einen Menschen kennenlernen, nach einem Jahr werden wir sie oder ihn wieder verlassen. Abschied und Neuanfang werden zur Gewohnheit, Nähe und Ferne zur Trivialität. Es sei denn, es ist jemand innerhalb der FIFA. Das ist unsere einzige Konstante – unsere Nahbeziehung, unser Jetzt. Alles andere, Zuhause, Bordeaux, Stuttgart, Himmel, Meer ist Ferne, unterliegt dem Abschied.

Mal schaun, was mir das FIFA-Los bringt…

Nachtrag: eine kurze Liebeserklärung ans verpönte Fliegen

Ich bin mir meiner Ambivalenz bewusst. „Frag nicht.“, sage ich denen, die verwundert, enttäuscht oder provokant ihre Augenbraue hochziehen, als Reaktion auf meine beiläufige Aussage, dass ich meinen Rückflug nach Bordeaux am 5.1 nähme. Ich mache als Unterstützerin von Fridays for Future und Verfechterin der Grünen, die sich für eine Strecke von 1200 km ins Flugzeug setzt, aus meiner Inkonsequenz keinen Hehl. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Und ich habe sie getroffen, aus einem Gemütszustand und bestimmten Umständen heraus, die ich heute noch nachvollziehen kann, aufgrund derer ich mich mir gegenüber empathisch zeige. Ertragen muss ich die Entscheidung, niemand anders, und auch muss ich die damit verbundenen Konsequenzen – wie eine gelegentlich hochwandernde Augenbraue meiner Gesprächspartner – ertragen, natürlich.

Was mich dazu bewegt diesen Text zu schreiben, ist weder die Bewältigung meines Kerosin-Traumas noch das erneute Aufgreifenwollen einer umweltpolitischen Debatte, sondern die Erkenntnis, dass auch große Scheiße sehr schön sein kann.

Ich genieße es, die Beschleunigung des Flugzeugs zu spüren, kurz vor Abflug, wenn das Geschoss ins Rollen kommt, und dann plötzlich von null auf hundert mit heißen Rädern über die Abflugbahn rast. Diese Geschwindigkeiten, die ich so selten spüre, lassen mich glauben ich befände mich in einem Actionfilm, Apollo 19 oder Star Wars. Mit voller Wucht werde ich in meinen Sitz gedrückt, liefere mich den physikalischen Kräften aus, für die ich mich sonst nicht im Traum interessieren würde, und antizipiere den Ruck, der mir signalisiert, dass ich jetzt in den Luftraum eintrete. Ich blinzle aus dem Fenster schräg vor mir. Es ist zugezogen. Wenige Minuten später durchdringen wir die Wolkendecke. Wattebäuschen rauschen in Millisekunden an mir vorbei. Und plötzlich Sonne. Ich schaue herab auf eine endlose Wolkendecke, als befände ich mich in einer anderen Welt, in einer anderen Dimension, auf der Sonnenseite. Sie ähnelt stark einer unpräparierten Skipiste. Grinsend, und mit Vorfreude auf das kommende Skiwochenende fliege ich über die Skipiste. Faszinierend – wie Scheiße schön sein kann.