Teil 3: Von dem, was ich mir wünsche

 

„Nur wenn ich mich liebe, kann ich auch andere lieben.“

Dieser letzte Teil fällt mir deutlich leichter, er scheint mir so klar, so eindeutig. Von Carolyn Emcke las ich vor einiger Zeit etwas sehr Einleuchtendes. Pluralität bedrohe die Gesellschaft nicht. Sie schütze und stärke jeden Einzelnen, die Individualität eines jeden. Je pluraler eine Gesellschaft ist, desto weniger gefährdet ist das Individuum, gedemütigt, diffamiert, ausgegrenzt zu werden. Je pluraler eine Gesellschaft ist, desto mehr wird das Individuum ermutigt, sich zu entfalten, sich dazugehörig zu fühlen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Pluralität nicht als Bedrohung wahrgenommen wird, sondern als Schutzraum. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kinder ermutigt werden, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen, unabhängig davon, ob sie der (vermeintlichen) Norm entsprechen oder nicht.

Ich wünsche mir, dass Attribute, wie „schwul“ und „trans“ nicht mehr als Beleidung verwendet werden, weil es dafür keine inhaltliche Erklärung gibt.

Ich wünsche mir eine Fernsehindustrie, die Homosexualität nicht mehr hinterfragt. Sie als normal, als zugehörig behandelt, weil sie das ist.

Ich wünsche mir, dass Eltern ihren Kindern Ängste und Sorgen vor Abweichung nehmen, statt sie hervorzurufen. Dass sie ihre Liebe zu dem Kind nicht an Bedingungen knüpfen. Dass sie das können – lieben, ohne zu bedingen – weil sie selbst in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die ihnen das vorgelebt hat.

Ich wünsche mir, dass Kinder nicht wählen müssen – zwischen der Akzeptanz ihres Ich und der Liebe ihrer Eltern, weil: nur wenn ich mich liebe, kann ich auch andere lieben.

 

 

„You can be anybody that you want to be. You can love whomever you will. You can travel any country where your heart leads. And I know I will love you still […]”

– Everything Possible, The Flirtations

 

https://www.youtube.com/watch?v=6VA8DFFNQFA

Teil 2: Von dem, was mich anwidert

 

„Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?“

In meiner Nachhilfestunde saßen mir die altbekannten Gesichter gegenüber. Das Zuckergesicht und der kleine Klugscheißer, wie ich sie insgeheim nannte. Ein Viertklässler und ein Sechstklässler. Spätestens nach einer Stunde fingen die zwei an zu quatschen und ließen sich fortan nur schwer von mir motivieren. Aus dem Gequatsche rief das Zuckergesicht plötzlich hervor: „Der [er zeigte auf den kleinen Klugscheißer] hat mich beleidigt! Der meint, mein T-Shirt sieht schwul aus!“. „Aber ‚schwul‘ ist doch keine Beleidigung!“, sagte ich. Langsam löste sich die Empörung aus dem Zuckergesicht. Das Gequatsche setzte wieder ein. Warum wachsen Viert- und Sechstklässler mit der Annahme auf, „schwul“ sei eine Beleidigung? Schwul sei etwas Negatives, etwas Peinliches, Beschämendes, etwas, dass es ermögliche, andere zu beschmunzeln oder gar sich über sie lustig zu machen?

Ich möchte nicht, dass Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die ihnen vorlebt, die Merkmale „schwul“ oder „trans“ nur in negativen Kontexten benutzen zu können. Die ihnen eine gespaltene Gesellschaft vorlebt, aus Heterosexuellen, die die Normgruppe bilden, und Homo- und Transsexuellen Menschen, die die Randgruppe, das Anormale, das Abweichende bilden. Die ihnen die Legitimität vorlebt, die Attribute „schwul“ und „trans“ zur Belustigung, Ironisierung und Diffamierung der Randgruppe zu verwenden. Indem eben diese Verwendung nicht in Frage gestellt wird. Die ihnen dadurch ein System vorlebt, das sich aus den Ängsten und Sorgen der eigenen Abweichung und der eigenen Diffamierung, Ausgeschlossenheit nährt. Ein System, dessen Motor es ist, sich normgemäß zu verhalten, zu leben, zu lieben, Sex zu haben. Wie schrecklich!

Was mich ebenso anwidert, ist eine Fernsehkultur, die Homosexualität als „Tool“ verwendet, um die Quoten hochzutreiben. Es werden Unterhaltungsshows gezeigt, in denen sich offen über ‚das Schwule‘ und ‚Attribute des Schwulen‘, d.h. ein geschlechtsuntypischer Kleidungsstil, eine nasale Stimme, eine exotische Wortwahl […] lustig gemacht, in denen die Gesichter der Randgruppe gewohnheitsmäßig gedemütigt, ironisiert und ins Lächerliche gezogen werden. Eine solche Fernsehkultur widert mich an, denn: ein schwulenbelustigendes und -feindliches Fernsehprogramm ist für mich keine Unterhaltung! Ich möchte nicht, dass Homosexualität als Mittel zur Skandalisierung, zur reißerischen Berichterstattung verwendet wird. Nichts an Homosexualität ist reißerisch, nichts ist skandalös. Wenn ich eine solche Berichterstattung sehe, fühle ich mich 30, 40 Jahre zurückversetzt. Frage mich, ob die Gesellschaft dort stehen geblieben ist, wo per Gesetz Homosexualität legitimiert wurde. Dass es mit einem Gesetz nicht getan ist, ist selbstverständlich. Dass die Medien selbst heutzutage noch aus kommerziellen Zwecken gegen eine Normalisierung von Homosexualität arbeiten, ist ein Trauerspiel.

Was ich auch nicht möchte, ist, dass Eltern, Verwandte, Bekannte, Freunde eines Kindes diese ‚Abweichung‘ als Belastung wahrnehmen. Erst kürzlich erzählte mir eine Mutter, sie müsse sich (im Falle eines solchen Szenarios) erst einmal daran gewöhnen, dass ihr Sohn schwul wäre. Sie war so entschlossen mit ihrer Aussage, und ich so kraftlos, so erschüttert, dass ich nicht wusste, was ich entgegnen sollte. Auch hatte ich das Gefühl, ich würde sie mit keiner Argumentation erreichen können. Ich bin mir sicher, dass es unmöglich ist, einen solchen mütterlichen ‚Schock‘, eine Gewöhnungsphase an die ‚Andersartigkeit‘ des Kindes, vor dem Kind verbergen zu können. Ich fragte mich in dem Moment, was ihr Sohn denken und fühlen würde, hätte er mitbekommen, wie seine Mutter über das Thema Homosexualität dachte. Wäre er schwul, würde er sich nach einer solchen Aussage jemals seiner Mutter gegenüber öffnen können? Würde er seine Homosexualität jemals offen ausleben können? Würde er jemals er selbst sein können?

Ich möchte nicht, dass Eltern Homosexualität als Belastung wahrnehmen, als negative Abweichung, an die sich gewöhnt werden muss. Und viel weniger möchte ich, dass Kinder diese Wahrnehmung spüren müssen. Dass sie sich verstellen müssen, um weiterhin die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bekommen, die sie vorher bekamen. Dass sie sich selbst, ihre Identität, ihr „Ich“ leugnen müssen, um der Mutter eine Belastung, einen Gewöhnungsprozess zu ersparen. Wie geht es einem Kind, das sich selbst aufgeben muss, um die Liebe der Mutter zu bekommen? Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?

Teil 1: Von dem, was ich sehe

 

„Viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.“

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit einem Menschen. Er erzählte mir, dass er es satt habe, in Deutschland zu leben. Dass er es satt habe, tagtäglich beim Küssen seines Freundes angegafft zu werden, bei jeder Wohnungssuche den Namen einer Freundin angeben zu müssen, um für ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden (sein eigener klinge zu ausländisch), permanent diskriminierenden Sprüchen, die nur spaßig gemeint seien, ausgesetzt zu sein. Ich zuckte die Augenbrauen. Redete er wirklich von Deutschland? Und wenn ja, hatten wir wirklich unsere Jugend in dem gleichen Deutschland verbracht? Natürlich schockierten mich seine Erzählungen. Und doch kamen sie mir völlig fremd vor. Dann erzählte er von seinem Plan, in zwei Jahren in die Philippinen zu emigrieren. Er habe lange genug versucht, Bewusstsein für Homophobie und Ausländerfeindlichkeit zu erregen, unermüdlich zu argumentieren und sich den zweifelnden, skeptischen, negierenden Sichtweisen seiner Gesprächspartner zu stellen, er habe die Situation lange genug ertragen und für ein besseres, toleranteres Deutschland gekämpft. Jetzt sei es an den Aderen [mit anderen meinte er wohl die bio-deutsche, weiße, hetero Norm], sich zu bewegen, aufzustehen gegen Ungleichheit, für eine plurale Gesellschaft. Puuh, dachte ich. Mir saß ganz schön viel Ermüdung, Kraftlosigkeit, aber auch Entschlossenheit gegenüber. Wie konnte es sein, dass ich all das in 19 Jahren Aufwachsen nicht gesehen hatte, nicht wahrgenommen hatte? Menschen, die ausreisen, weil sie es in dem Land nicht mehr aushalten, das sich seine freiheitlich demokratische Grundordnung und den Schutz von Minderheiten ganz oben auf die politische Agenda schreibt? Ein Land, das versucht, Aus diesem Land wollte der Mensch ausreisen, weil er sich nicht toleriert fühlte???

Ich versuchte fortan, meine Augen zu weiten und das mir gezeichnete Bild wahrzunehmen. Mich selbst beobachtete ich am meisten. Ich sehe mich zum Beispiel im Lehrerzimmer meiner alten Schule stehen. Ich hatte Lust, nach langer Abwesenheit mal wieder vorbei zu schauen. Ich begrüße viele Lehrerinnen. Das Hauptgesprächsthema: mein neuer Kurzhaarschnitt. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, aber plötzlich höre ich eine Lehrerin etwas von „Trans […]“ zu einer anderen sagen, und kurz darauf: meinen Namen. Verwirrt schaue ich die Beiden an, reiße intuitiv meine Augen auf, als hätte ich das dringende Bedürfnis, mich von dem ersteren Wort distanzieren zu wollen, die gefallene Assoziationsleine durch meine Mimik, große, erschrockene Augen, durchzuschneiden. Meinen Blick wahrnehmend oder nicht, erklärte mir die eine dann nüchtern, dass es um ironische Videos zu Transsexualität ging. „Aso“, nickte ich, ebenfalls nüchtern.

Jetzt frage ich mich: Warum der Blick zuvor? Warum hatte ich das intuitive Bedürfnis, mich mimisch von dem „Trans-Thema“ distanzieren zu müssen? Warum nahm ich „Trans“ als etwas Bedrohliches, Negatives, Peinliches, ja Unnormales war? Was verursachte meine Abneigung, oder eigentlich: meine Sorge, selbst der Gefahr von Demütigung und Diffamierung ausgesetzt zu sein, würde ich mich in der nächsten Sekunde nicht von dem Gesprochenen distanzieren? Und das, obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es eigentlich ging, sondern lediglich die Silbe „Trans“ aufgeschnappt hatte.

Ich schäme mich für meinen Blick. Für meine Unreife. Und darüber, dass es dieser Reflektion bedarf, um zu realisieren, dass gerade solche Blicke, Gedanken, Gefühle die bestehende Machtstruktur zwischen der Heteronorm und der Homo-, Trans, Queer-Randgruppe aufrechterhalten, stärken. Ich schäme mich auch dafür, dass ich erst jetzt, wo sich mein Blick geweitet hat, das sehe, womit der Mensch, mit dem ich vor einigen Monaten sprach, sein Leben lang zu kämpfen hatte. Ich schäme mich für das, was ich sehe. Ich sehe viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

 

Ich sitze wieder mal im Zug und fahre dieselbe Strecke, die ich ca. einen Monat zuvor zum ersten Mal wahrnahm. Ich versuche die Landschaft wiederzuerkennen, besondere Auffälligkeiten. Vor einem Monat sah es deutlich verschneiter aus. Damals nahm ich den Zug von Timisoara nach Iasi, d.h. einmal quer durch den Norden Rumäniens. 17 Stunden Fahrt. Heute, von Cluj aus ist es nur die Hälfte. Ich hatte mich vor einem Monat aus Umweltgründen bewusst für den Zug entschieden, statt mich in das nur unwesentlich teurere, aber schnellere und komfortablere Flugzeug zu setzen. Als ich die Fahrt dann mit einer Erkältung antrat, und ich spätestens nach der Hälfte der zurück gelegten Kilometer die 17 Stunden Zugfahrt wirklich zu spüren begann, sah meine Laune natürlich anders aus, als beim Kauf des Tickets. Damals war ich von meiner guten Tat für die Umwelt überzeugt, meinte, mir über die Nachteile der langen Fahrt bewusst zu sein und drückte euphorisch auf den „Kauf-Button“. Denn: Ich liebte Zugfahren, warum dann nicht auch mal etwas länger, um ein paar Emissionen einzusparen?

Ich war froh und fertig, als ich endlich in Iasi ausstieg. Papa, der bisweilen dazu gedrängt hatte, ich solle doch mit dem Flugzeug fliegen, nutzte die kurze Nachricht, wie fertig ich sei, um seine im Vorhinein ausgesprochene Empfehlung zu bestätigen. „Siehste, manchmal sollte man auch mal auf Menschen hören, die 40 Jahre mehr Lebenserfahrung haben!“, bekam ich als Antwort. Bisheriges Argument gegen meine gelegentlichen Versuche, umweltbewusster zu handeln, klang ungefähr so: „Ja, aber dann darfst du ja gar nichts mehr machen. Dann kannst du nur noch zuhause bleiben, Licht und Heizung ausgeschaltet lassen, und Nahrungsergänzungsmittel zu dir nehmen!“

Es ist schade, dass umweltfreundliches Handeln oft als ein Verbot aufgefasst wird. Genauso ist es schade, dass die Grüne gerne als Mutter mit erhobenem Zeigefinger bezeichnet wird. Jene einzige Partei, die Umweltverschmutzung und Klimawandel als gegenwärtige Probleme wahrnimmt, und einen Lösungskatalog für derartige zukünftige Herausforderungen anbietet. „Verbote“, mit denen Menschen sich konfrontiert und in ihrer Freiheit verletzt sehen lauten dann: „Du darfst kein Fleisch mehr essen!“, „Du darfst keine Produkte mehr kaufen, die unter niederen Arbeitsbedingungen oder in weit entfernten Ländern hergestellt wurden, obwohl Du Lust darauf hast!“, „Selbiges gilt für Klamotten, auch hier darfst Du keine inhumanen Arbeitsbedingungen oder tierische Ressourcen enthaltende Produkte fördern, so sehr Du Dir diese Lederjacke auch wünschst!“, „Du darfst kein Flugzeug mehr betreten, überhaupt solltest Du aus Emissionsgründen so wenig reisen wie möglich!“, etc.

Ich verstehe, dass sich Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Sehnsucht, bestimmte Lebensmittel zu essen, in ihrer Lust, besondere Kleidungsstücke zu tragen, bedrängt sehen. Es ist mit wichtig, all die moralischen Umweltgebote, als Angebote, statt als Verbote wahrzunehmen. D.h. dass ich mich bewusst für eine bestimmte umweltfreundliche Verhaltensweise entscheide, weil ich davon überzeugt bin, dass es die für mich richtige Verhaltensweise ist. Diese Überzeugung verdrängt wiederum das Verbotsempfinden. Diese Überzeugung führt zu Wohlwollen, Euphorie und Optimismus. Sie führt dazu, dass ich vermeintliche Einschränkungen nicht mehr als solche wahrnehme, sondern als Veränderungen meiner individuellen Handlungspolitik, als Reform- oder Verbesserungsvorschlag.

Meine Antwort auf das Bild des im kalten und dunklen Wohnzimmer sitzenden, sich von Kartoffeln ernährenden Ich, ist, dass ich nur auf jene Dinge verzichten muss, auf die ich selbst verzichten möchte. Im Gegenzug versuche ich dann aber den umweltschonendsten Weg zu wählen. Natürlich möchte ich nicht auf das Reisen verzichten. Ich bin jung, abenteuerlustig und will die Welt entdecken. Auf der anderen Seite kann ich 17 Stunden Zugfahrt auch mal auf mich nehmen. Ich liebe Fleisch und werde sicherlich nicht in absehbarer Zeit Vegetarierin. Dennoch versuche ich meinen Fleischkonsum auf bestimmte Tage unter der Woche zu reduzieren.

Innere Überzeugung, nicht Verbote sollten unser Handeln leiten. Ersteres ist auch viel nachhaltiger, denn ich arbeite für mich, nicht gegen den moralischen Zeigefinger Anderer. `Überzeugung trägt Früchte, Verbote lassen sie nur verwelken´, denke ich, und rolle meinem Ziel im halbverschneiten Rumänien entgegen.

Nachruf

Oder: ein bisschen Zeit zusammen, ein bisschen Abschied

 

Wir sitzen ein letztes Mal zusammen, nehmen in einem Café gemeinsam unser letztes Morgenmahl ein. Der Großteil ist noch sehr verschlafen von der gestrigen Nacht. Ich sitze unter roten Köpfen und zufallenden Liedern. Einige haben Hoffnung, dass der Kaffee hilft. Vergeblich, wie sie ein paar Minuten später bemerken. Zu müde. Trotzdem schön, dass wir es noch einmal alle geschafft haben. Mit der Zeit mischen sich ein paar lustige Geschichten in unseren Kreis, ein bisschen Planungsgeist, ein paar sarkastische Kommentare.

Einen Tag zuvor schrieb ich: „Ich spüre wieder den Kulturweit-Spirit. Wir sind wieder da. Alle zusammen. An einem Ort. In unserem Grüppchen. Leider nicht ganz vollständig (Carina mit C, Biermax und der coole Linus fehlen). Trotzdem fühlt es sich gut an. Ein paar letzte Atemzüge zusammen. Ein paar letzte Schritte nebeneinander her. Unser Treffen in Cluj scheint ein bisschen weniger Werwolf-lastig zu sein. Stattdessen beschnuppern wir die prachtvollen Häuser der Altstadt, lassen uns von der Wärme einiger Cafés einhüllen, und die salzhaltige Luft in der Saline Turdas durch unsere Atemwege strömen. Ich bin froh, als ich endlich wieder spüre, dass wir alle zusammen sind. Ich höre es auch. An dem Mamamia-Gesang der Mädels, an dem gemeinsamen Lachen und den ironisch-tiefgründigen Reflektionen. Über Methoden des Ruhigstellens von Schüler*innen. Über die Emotionalität der rumänischen Sprache. Über das, was ist. Und das, was kommt. Was ist, ist keine Abschiedsstimmung. Statt Trauergedanken, wird gerade besprochen, wo es heute Nacht hingeht. Tanzen oder feiern oder Bar? Oder Tanzen und feiern? Oder nur Bar? Unentschlossenheit. Noch kein Konsens. Das gehört dazu in so einer Gruppe. Ich freue mich über meine Bereitschaft, zurückzustecken für die Gruppe. Aufs Wandern, Werwolf, oder was auch immer zu verzichten. Damit wir zusammen sind. Das Verzichten fällt viel leichter für ein bisschen Zeit zusammen. Für ein bisschen Abschied.“

Ehe ich mich versehe, stolpere ich schon aus dem im imperialistischen Stil eingerichteten Café hinaus. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Der Abschied fühlt sich leicht an. Ich bin froh, genügend Zeit mit der Truppe verbracht zu haben. Genügend Abschied. Sinnbildlich schwebe ich über die Türschwelle hinweg und lasse die Tür hinter mir zu fallen. Bevor mein Fuß aufsetzt, nehme ich das geschäftige Treiben der Menschen wahr, höre die Predigt und die Kirchengesänge aus der orthodoxen Kirche. Freiheit, als mein Fuß den Boden berührt. Ein Windzug weht um mein Gesicht. Ich schließe die Augen, und denke an die Meeresbrise und die Strandpromenade von Biarritz, von der steinige, wuchtige Treppen zu den Wellen hinunterführen. Renne durch den heißen Sand dem Meer entgegen, schmeiße mich auf mein Surfboard. Und öffne die Augen. Rufe nach Freiheit, nach neuer Zeit.

 

Inspiriert von dem Lied „Hello Goodbye“ von den Beatles

https://www.youtube.com/watch?v=H_CCBLt_9rM

Straßenseite wechseln

Oder: von vertrauten Fassaden und barrocken Bauten

 

Ich laufe durch die Straßen Cluj Napocas. Bewundere die bunten Häuser, die die Altstadt verzieren. Das älteste von ihnen, das Geburtshaus des rumänischen Königs Matia Corvin, reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. In anderen Bauten kann ich das barocke Erbe der „Sachsen“ wiedererkennen. Der etwas neuere Teil der Altstadt wird von neo-klassischen, romantischen Häusern geschmückt. Ich lasse meinen Blick an den frischen Fassaden entlangwandern. `Menschen, die tagtäglich durch eine solche Altstadt spazieren, brauchen nicht mehr ins Kunstmuseum gehen´, denke ich, und bestaune die sich mir eröffnende Szenerie heute schon den vierten Tag. Das Passieren von Straßen, die mir am ersten Tag fremd waren, ist jetzt zur Gewohnheit geworden. Die bunten Fassaden sind mir vertraut. Die Neugierde und Faszination der ersten Schritte und Blicke durch die Gassen, sind der Erwartung von Schönheit und Lust nach Wiedersehen gewichen.

Unerwartet erreiche ich einen hinteren Teil der Altstadt, der mir bisher verborgen geblieben war. Vor mir schlängelt sich ein Teil der alten Stadtmauer entlang. Ich klettere die Steigung eines sich vor mir erstreckenden Hügels hinauf. Einer von mehreren das Tal umrundenden Hügeln und Bergen, durch die die Stadt unter anderem ihren Namen bekam. Cluj ist lateinisch und steht für Kreis bzw. eingekreistes Tal, Napoca steht für Feuchtigkeit und Wald. Nach ein paar Höhenmetern scheint die Stadtmauer in ein paar Häuserbuchten verlaufen zu sein.

Ich freue mich, dass die Gassen auf meinem Rückweg noch genauso fremd sind wie zuvor. Als ich wieder in den mir bekannteren Teil der Altstadt gelange, zieht sich das Gefühl des Neuen, Unentdeckten überraschenderweise fort. Denn: ich sehe zum ersten Mal die andere Straßenseite der Hauptstraße. Staune. Wooow, noch mehr wunderschöne bunte, prachtvolle Häuser mit alten, frisch bestrichenen Fassaden. Noch mehr Lichtspiel durch die Sonne, welche sich an der ein oder anderen Häuserecke ausruht oder spiegelt. Was ich bemerke: durch das Wechseln der Straßenseite, sehe ich jene Häuserwand, an der ich bisher entlang gestreift war von einer anderen Perspektive. Ja, während sie mir bis dato verborgen geblieben war, weil ich direkt neben ihr lief, mich in ihrer unmittelbaren Gegenwart befand, sehe ich sie jetzt in ihrer Gänze, in ihrer vollen Schönheit. Durch Abstand.  Durch Distanz.

Ich denke an meine monatelange andauernde, wirklich intensive Leidenschaft für die Materie der Psychologie zurück. Damals hatte ich Artikel und Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologische Modelle studiert, hatte Europarechtsvorlesungen für Vorlesungen der klinischen Psychotherapie sausen lassen, hatte sämtliche „Psycho-Bekanntschaften“ kontaktiert, um mich mit ihnen über den Studiengang, den späteren Beruf und vor allem über Beobachtungen und Modelle gebannt auszutauschen. Ich hatte einen wahnsinnigen Durst, mich in diesem Fach zu verwirklichen. Wie ein den Körper befallender Virus, hatte dieser Durst nach und nach mein (trockenes) Interesse am Jurastudium vertrieben. Hatte sich eingeschlichen in mein Gehirn, mein Herz, mein Handeln. Im Sommer war für mich klar, dass ich das eine Fach gegen das andere eintauschen würde!

Und dann, scheinbar von einem Tag auf den Nächsten, war sie weg. Jene Leidenschaft, die mich während meines Studiums weitaus mehr beschäftigt hatte, als der eigentliche Studienstoff. Meinem näheren Umfeld schien dies recht zu sein, der Beruf der Psychotherapeutin war bisher auf Skepsis gestoßen. Menschen, denen ich die Geschichte erzählte, besonders Freunde, die mich mit eben jener Leidenschaft in Erinnerung trugen, fragten nach dem Warum. Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Das ist einfach so verflogen. Weiß nicht, warum. Ist irgendwie unbewusst passiert.“ Eine Schranke war plötzlich da, die die Zugschienen in Richtung der Psychologie versperrte. Ich, als Lokführerin nahm diese Tatsache achselzuckend hin, schaltete den Rückwärtsgang ein, und wartete auf einen neuen Abzweig. `Okay, dann halt nicht´, dachte ich.

Mittlerweile sind sechs Monate verstrichen. Ich schaue zurück auf das Verfließen der damaligen Leidenschaft. Mit ein bisschen Abstand. Distanz. Spüre weit entfernte Angst, wenn ich an Psychologie denke. Angst, in Leid und Instabilität zu rutschen, durch das mich umgebende Leid, die mich umgebende Instabilität als Psychotherapeutin. Ich spüre Respekt vor dem Berufsbild, und sehe ein rot umrandetes Schild vor mir. Darauf steht geschrieben: Vorsicht, diesen Weg bitte nur bei Schwindelfreiheit betreten. Das bin ich nicht, schwindelfrei. Okay, dann eben einen anderen Weg, sage ich mir. Und wende meinen Blick von der früheren Straßenseite ab, um auf der jetzigen weiterzugehen.

Zugphilosophie

Oder : Timpul meu si vointa mea (meine Zeit und mein Wille)

 

“You don’t have time, you make yourself time.” („Du hast keine Zeit, du schaffst dir Zeit.”), sagte ein Freund zu mir vor nicht langer Zeit. Für mich ist dies eine so wichtige Philosophie, dennoch schuf ich mir erst jetzt die Zeit, um meine Gedanken zu sortieren und ein paar Zeilen darüber zu schreiben.

Oft sind Menschen so sehr in ihren Job, ihr Engagement, ihren Freundeskreis oder Alltag eingebunden, dass sie das Gefühl haben, sie würden von der Zeit regiert, und nicht: Sie selbst regierten die Zeit. Auch mir passiert es gelegentlich, dass ich auf meine zwei letzten Schuljahre oder meine Studienzeit zurückblicke und denke „Man, hatte ich wenig Zeit [für mich]!“. Und es stimmt, denn, ohne bestimmte Berufe oder Studiengänge abwerten zu wollen, liegt es in der Natur von einigen Berufen und Studiengängen, dass sie zeitintensiver sind, d.h. mehr Engagement erfordern. Als Selbstständige*r oder Arbeitgeber*in arbeite ich tendenziell mehr als Angestellte, „habe also weniger Zeit“. Als Erwerbstätige*r arbeite ich zumeist mehr als Kinder, Jugendliche oder Rentner*innen, „habe also weniger Zeit“. Als beispielsweise Mathematik- oder Medizinstudierende arbeite ich gewöhnlicherweise mehr als Studierende anderer Studiengänge (weil die Durchfallquote höher ist, die Konkurrenz größer, der Lernstoff umfangreicher, die spätere berufliche Verantwortung höher ist…), „Ich habe also weniger Zeit.“. Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern müssen, arbeiten in dem Sinne mehr als Singles, „haben also weniger Zeit“.

Dennoch finde ich die Formulierung „Zeit haben“ missverständlich, denn Zeit habe ich auch beim Nachgehen meines Berufes, lediglich investiere ich sie dort in meinen Beruf. Es ist aber nicht der Beruf, der mir die Zeit raubt, sondern ich bin es, die die Zeit in den Beruf investiert, statt sie in das Treffen von Freunden, das Lesen eines Buchs, das Schreiben eines Blogeintrags, das Ausüben meiner Leidenschaften, etc. zu investieren. „Zeit haben“ wird somit gleichgesetzt mit „Zeit für Entspannung“, „Zeit für Abschalten“, „Zeit für Selbstverwirklichung“. Dass ich meine Zeit in den Beruf investiere, hat seine Gründe. Ich muss Geld verdienen, ich liebe meinen Beruf, ich trage viel Verantwortung, ich möchte mich einbringen und helfen. Trotzdem bin ich diejenige, die entscheidet, dass ich jetzt gerade meinem Beruf nachgehen möchte, oder jetzt gerade einen Blogeintrag schreiben möchte, usw.

Für mich ist es wichtig, zu realisieren, dass wir alle denselben Umfang der Ressource „Zeit“ haben, wir haben alle dieselbe Lebenszeit (abgesehen von einer unterschiedlichen Lebenserwartung je nach Lebensweise, biologischen Voraussetzungen und Fleck, auf dem wir leben – das ist aber für diese Zeilen irrelevant). Was uns voneinander unterscheidet, ist, wie wir diese Ressource einsetzen. Natürlich war ich es, die sich in der Oberstufe dafür entschieden hat, sehr viel Zeit in die Schule zu investieren (die Gründe sind mir heute schleierhaft 😉). Natürlich war auch ich es, die sich dafür entschieden hat, Jura zu studieren, wohlwissend (nach all den furchtsamen Kommentaren und hochachtungsvollen Blicken), dass es ein zeitintensiver Studiengang ist.

Es ist für mich so essentiell, davon auszugehen, dass ich mir Zeit für Dinge schaffe, dass ich der/die Regisseur*in meiner Zeit bin, weil dieser Ansatz das Fundament dafür ist, einen freien Willen zu haben. Und wozu lebe ich, wenn ich mein Leben nicht frei gestalten kann? Was bringt es mir, mich selbst zu entmachten, indem ich meinen „Zeitmangel“ als Rechtfertigung für das Unterlassen von Dingen verwende, die mir wirklich wichtig sind? Was bringt es mir, mich selbst zu einer Marionette meiner Zeit zu machen? Wie viel freier und selbstbestimmter könnte ich sein, wenn ich die Regisseurin meiner Zeit wäre? Wenn ich meine Zeit als Chance und nicht als Belastung wahrnähme?

Durch das, was vor dir steht

Oder: die Geschichte von dem Titel meines Blogs

 

Vor gut einem dreiviertel Jahr befand ich mich in Berlin, und machte mir Gedanken über die wichtige Frage: wie sollte ich meinen Kulturweit Blog nennen?  Die Antwort fand ich außergewöhnlicher Weise recht schnell. Mir summte ein simpler Nebensatz durch den Kopf, den Michael Patric Kelly einmal von sich gegeben hatte: Er glaube, dass Gott sehr real sei, sehr realistisch […], und nicht immer durch außergewöhnliche, übernatürliche Wege zu einem spreche, sondern durch das, was vor einem stehe. Ich spielte die Sequenz noch einmal ab, um mir die Worte genau durch den Kopf gehen zu lassen. Ja, mit dieser Aussage konnte ich mich (mit meinem bis dato atheistischen, aber auch unreflektierten „Gottes- und Glaubensverständnis“) gut identifizieren. Automatisch begann ich nach Erfahrungen zu suchen, die die Aussage bestätigen oder widerlegen würden. Gott, der sich in dem Menschen befindet, der vor dir steht…

Natürlich hatte der Gedankengang etwas Paradoxes, scheinbar Unpassendes an sich: der allwissende, allmächtige Gott sollte sich in einem einfachen, unvollkommenen Geschöpf befinden? Ein Geschöpf, das weder allwissend, noch allmächtig war?

Doch geht es für mich bei der Aussage Kellys nicht um jene überweltlichen Attribute, die dem Menschen, der vor dir steht durch einen derartigen Vergleich zugeschrieben würden. Nein, es geht um ganz einfache, alltägliche, aber auch wichtige und besondere Attribute, die jene Menschen [in denen sich Gott befindet] repräsentieren. Es geht, um Liebe, um Nähe, um Vertrauen, und Wertschätzung, Dankbarkeit, Fürsorge, Mitgefühl. Wenn ich an Menschen denke, die vor mir standen [von denen ich sagen würde, ich habe durch ihre Liebe die Anwesenheit Gottes gespürt], denke ich an warmherzige Umarmungen, an liebevolle Berührungen, an Aufmerksamkeit und Zuspruch. Ich denke an unerwartete Emails und Briefe, an unerwartete Dankbarkeit und Glückwünsche. Ich denke an all diese Menschen, und an all die schönen, verbindenden Momente, die ich nicht vergessen werde. Ich denke daran, dass in diesen Menschen Gott steckt, denn vollkommener hätten die Momente mit ihnen nicht sein können. Durch sie erlebe ich ganz konkret, was Gott uns von seiner Liebe gibt. Ich brauche nur die Augen öffnen, und das [oder denjenigen Menschen] genießen, der vor mir steht.

„Durch das, was vor die steht“ beschreibt schließlich auch den Weg, der vor mir steht. Dieser Weg hängt wohl eng mit den Menschen, die vor mir stehen, zusammen. Denn sie zeigen mir, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Befände ich mich auf dem Falschen, wäre ich diesen Menschen wohl nicht begegnet. Aus diesen Menschen ziehe ich Kraft und Sicherheit für das [Unbekannte], was kommt.

Was zählt, ist nicht, dass ich diese Menschen wieder verlassen muss, sondern, dass ich ihnen begegnet bin, und dass dieser gemeinsame Moment jetzt zu mir gehört. Auch, wenn dies natürlich in der Situation des Verlassens jener Menschen schwer zu begreifen ist. Aber die Trauer gehört schließlich [wie die Wartezeit] auch dazu!

 

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner-treff/video-michael-patrick-kelly-saenger-100.html