Am Olgaeck

Er rollte an. Heut Morgen schon zum zwölften Mal, passierte er die russische Kirche. Die Sonne, ganz unüblich in diesen Tagen, knallte auf das Armaturenbrett. Ihm war warm ums Herz.

Er kniff die Augen zusammen, lächelte, halb in Trance, während er an Trauben voller Fußgänger vorbeirauschte.

An der nächsten Haltestelle stieg ein Mädchen in den Bus. Ein Ticket. Sie nahm das Rückgeld und setzte sich schräg hinter seine rechte Schulter, sodass er sie im Rückspiegel sehen konnte.

Ab und zu schaute er nach oben, ihr in die Augen. Ihr suchender Blick amüsierte ihn. Sie wandte sich ab.

Sie kamen ans Olgaeck, wo viele Menschen ein und ausstiegen. Er drückte einen Knopf, um die Türen zu öffnen. Sah, wie Passagiere drängelten, rauchten, schimpften.

„Wie machen sie das eigentlich?“, fragte es hinter seiner Rechten. Er fuhr herum.

     „Ich drücke den Knopf“, fragte er zurück.

„Glücklich sein“

     „Achso.“ Er wandte sich ab. „Gute Frage eigentlich“

Sie stand auf. Der Tumult vor den Türen hatte sich gelegt. Menschen warteten, dass er anfuhr. Sie hielt ein Ohr ihm zugewandt, während sich ihre Beine zur Tür bewegten.

Er wollte ihr vieles erzählen. Aber ihm kam nichts zu Gemüt. Außer sein Lächeln. Bis zur nächsten Fahrt, sagte es.

Sie ließ los. Sprang aus dem Bus. Er rollte an.

Jenseits, von Wegabzweig

Es war wie im Jenseits. Jedenfalls stellte sie sich das Jenseits so vor.

Zu zweit hatte sie mit ihrem Vater einen Spaziergang gemacht. Verwunschen. An mit Raureif bedeckten Feldern und dichten Nebelschwaden entlang. Sie hatte sich sehr gefreut ihn wiederzusehen, wäre ihm am liebsten entgegengesprungen. Vom Sockel des Hauses herunter, so wie früher, als er ihr Gewicht noch tragen konnte.

Heute griffen sie sich an die Unterarme. Sie sah hin, dann zu Boden, vergoss eine Träne.

Dann gingen sie los. Er erzählte von dem, was ihn umtrieb, unterbrach sich selbst, wenn etwas in der Landschaft geschah, blieb stehen, wenn sie stehen blieb, erzählte weiter. Gedankenverloren. Lebendig.

Bis sie an den Wegabzweig kamen, an dem sie sich trennten. Es waren lange letzte Worte. Immer wieder neu. Floskelhaft. Unbeschwert. Immer wieder drehte er sich um und winkte ihr zu. Und sie winkte zurück, im Rückwärtsgehen. Die Floskeln flogen, das Winken blieb.

Und während sie schwankte, zwischen Rückwärts- und Vorwärtsgehen, erblickte sie aus der neuen Richtung kommend ihre Mutter. Es konnte nur sie sein. Ihren Zylinder auf dem Kopf, ihr dunkelvioletter Mantel, der zu Boden fiel.

Nach Westen war er verschwunden. Aus Osten war sie erschienen. Beide hielt sie fest. Es gab keinen Grund sich zu entscheiden.

Wie im Jenseits. Nach dem sie verschwanden und erschienen.

Silvester-Likör

Ort: am Hörer und in einer Telefonzelle. Personen: junge Frau, am Anfang ihres Lebens; alte Frau, am Ende ihres Lebens.
Alte Frau: Ich war heute bei Käthe. Und da hab ich den Silvester-Likör mitgenommen und wir haben ein Glas getrunken. Käthe und ich. Und haben ein bisschen gequatscht. Und dann bin ich wieder hochgegangen.
Junge Frau: Biste denn noch hoch gekommen?
Alte Frau: Ach, von so ein bisschen Likör…
Junge Frau: Und die Käthe hat den auch gut verkraftet?
Alte Frau: Die Käthe erst recht. Die sagt immer, dass sie nicht viel verträgt. Aber in Wahrheit zählt sie gar nicht mehr mit.
Junge Frau: Aber du zählst mit?
Alte Frau: Nein. Ich schau zu.
Junge Frau: So kenn ich dich ja gar nicht. Du lachst ja wie beim Pfuschen.
Alte Frau: Es ist nicht wahr! Was ich mir immer anhören muss…
Junge Frau: Du weißt doch, ist alles lieb gemeint.
Alte Frau: Ja, ich weiß doch. Aber Unwahrheiten musst du trotzdem nicht erzählen.
Junge Frau: Dass du pfuschst ist eine Tatsache. Scheinbar auch lieb gemeint. Sonst wärst du ja nicht so davon überzeugt, dass es zum Spiel dazu gehört.
Alte Frau: Ich spring gleich durch den Hörer!
Junge Frau: Und ich fang dich auf.
Alte Frau: Das will ich aber auch hoffen.
Junge Frau: Jedenfalls geb ich mir Mühe.
(Schweigen)
Junge Frau: Ich denk an unseren Abschied zurück. Als ich gesagt hab ‚Danke, dass ich bei dir sein durfte.‘ Und du gesagt hast ‚Du Spinner! Du weißt doch, dass du immer bei mir sein darfst‘
Alte Frau: Ja, so ist das auch.
Junge Frau: Und das Gefühl, bei jemandem sein zu dürfen, das beschreibt einfach, wie ich mich fühle. Nämlich, dass ich nicht weiß, wohin mit mir.
(Unterbrochene Verbindung)
Alte Frau: Sina? Ich hab dich nicht mehr gehört. Du warst einfach weg. Also irgendwas war da mit der Verbindung. Du warst ganz verschwommen. Hast du das auch gehört? Da war so ein Rauschen. Bist du wieder da?
Junge Frau: Ich wollt dir bloß sagen, dass ich dich lieb hab.
Alte Frau: Sina. Ich liebe dich auch.

tanzum, freisam

Wenn du wüsstest, was es mir gibt, zu tanzen.

Jene Freiheit auf der Welt, mit der ich etwas anzufangen weiß.

Die meine.

Die ich in vollen Zügen auskosten, in Gänze zu bewegen liebe.

Zwar mag ich mich schämen unter mancherlei Blicken.

Aber bin ich einmal bei mir, ist die Scham einmal fort, ist die Freiheit einmal da,

so tanz ich und tanz,

vermag ganze Gedankenstränge zu vergessen.

Denn es lässt sich nicht in Worten tanzen.

Nur auf sie hören. Und zuweilen auf ihnen atmen.

For you to say good bye

Abschied von dem einen auf den anderen Tag funktionierte nicht. Den Abschied zu vollziehen war eine Sache, ihn zu spüren eine andere. Der Moment des Abschiednehmens selbst war banal. Beiläufig. Es passierte, weil es hatte kommen müssen, so erzählte man. Es war schlank; man könnte sogar meinen kurz angebunden. Notgedrungen. Nein, schon das wäre zu bedeutungsvoll. Es war, als spazierte jemand vorbei und hob die Hand. Überhaupt war es ein Vorbeigehen. Kein Hasten. Kein Schleichen. Ein einfaches Gehen. Es passierte so beiläufig, dass es eben schlichtweg vollzogen war. Nicht gespürt. Vielleicht sollte es auch so sein, vielleicht ließ sich der Abschied nur alleine spüren. Jetzt, im Alleinsein, spürte es sich jedenfalls viel stärker, viel bedeutsamer. Vielleicht zu bedeutsam. Sowie es schmerzte. Es war überwältigend. Denn es war schließlich ein Abschied. Ja, es war einer.

Erst im Alleinsein war es möglich, das Vorbeisein zu spüren. Damals, und heute. Jetzt erst war es möglich, wirklich Abschied zu nehmen. Mal sehnsuchtsvoll. Mal gönnerisch. Mal heiter. Mal hysterisch. Mal mit geschlossenen Augen. Mal mit offenem Visier. Mal lachend und weinend zugleich. Schrill klang das. Mal mit weichem Herz. Immer wieder neu.

Das Seil rieb sich am Poller. Das Schiff wollte sich lösen. Und wieder nicht. Suchte den Halt in der vertrauten Bucht. Abschiednehmen war das sich reibende Seil am Poller. Es tat weh, je fester das Seil um den Poller schürfte, je weiter es sich aus seiner Flechtung löste. Es tat unfassbar weh. Man sagte, Dankbarkeit würde den Schmerz lindern. So ein Blödsinn! Dankbar sein zur Schmerzlinderung. Man sagte, dankbar sei dann, wenn absichtslos. Aha.

Abschiednehmen war da. Jetzt. Und Gestern. Und Morgen. Abschiednehmen waren keine Schlüsselmomente, wie man sich versuchte einzureden. Abschiednehmen war Zeit. Die verstrich.  

Mein Freund, oh du Reichtum.

Danke, mein Freund. Das Blut meiner kalten Finger fließt durch diese Zeilen. Ich versuch’s aufzufangen. Das Glück. Deine triefende Nase. Auf dem Weg zu – ach, wohin auch immer.

Dass es schön mit dir ist. Ja, mein Herz lässt dich herein. Du umfasst es, gibst ihm einen sanften, aufrichtigen Kuss. Einen Hauch von Fülle

Mit fünf Worten und einem Blick im Hinterkopf entlässt du mich. Du Wiederholungstäter. Strebst voran. Nicht von mir weg. Kein Geld der Welt vermag so etwas zu geben.

Was ein erfolgreiches Leben sei, fragte man zu Neujahr. Antworten waren mir fremd.

Jetzt. Du. Bist mir eine Antwort. Dieser Blick im Hinterkopf. Dieser Reichtum.

Leutnant in deiner Armee

„Komm in meine Armee, dann bist du mein Leutnant“, sagt sie. Nachts, wenn sie schon im Bett liegt, und ich mit geputzten Zähnen im Zimmer erscheine. Sie wirft die Decke auf und lädt ein, mit ihrem linken Arm. Ich krieche zu ihr, schmiege mich an ihren warmen Körper. Spüre ihr Herz, ihre Brust, ihren Bauch. Vergrabe mich in ihrem Gesicht. Es liegt leicht über mir, mit Augen, deren Lieder sich kurz aufklappen. Sie lächeln zu mir herunter. Der lange Mund folgt. Dann schließen sich die Lieder wieder. Alles gut. Alles beisammen. Hinter dem gelben Laternenlicht, das durch die Ritzen im Rollladen schimmert, liege ich in ihrer Armee. Bin ihr Leutnant. Schaue auf das gelbe Sternenmuster an der Wand.

Sie zuckt, wenn ich mich bewege. Greift nach meiner Hand. Ihr Körper reagiert auf meinen. Spürt mich neben sich.

Wir lachen einander zu. Sehen einander.

Irgendwann drifte ich ab. Sie ist eingeschlafen. Das Bett ist zu klein. Schön, dass es dich gibt. Wunderschön.

Zug von dannen

Weißer Himmel, zugezogen

So siehst du aus,

der weder Sonne noch Regen spüren lässt.

Hinterm Bahnhofsgelände

Da rauschen die Züge

Von ganz weit her nach ganz weit weg

Und ein jeder einzelner

Bringt einen um den Atem

Dabei weiß doch jeder Fahrgast

dass Züge ziehen müssen,

des freien Reiseherzens Willen.

Nackt und transparent

Wenn es sich so anfühlt, das Aufwachen nach einem chirurgischen Eingriff, der einst tatkräftig und kalkuliert versuchte, es zu richten oder gar zu errichten, sodann will ich mich auf die Stelle ins Krankenhaus begeben, mich unter die Klingen werfen, zuvor bis aufs Nötigste enthüllen, ja, vielleicht gerade drum, tragen sie dort bloß weiße, luftige Gewänder, in denen es sich, so glaube ich, ausgezeichnet atmen lässt, und vielleicht gerade drum, sind sie auf der Straße so schichtenweise bunt ummantelt, dass einem gar schwindelig werden kann; nach so einem wundersamen Aufenthalt in der Chirurgie, in der man es wässrig schwenkte, behutsam massierte und Yo-Yo-flugartig in die Höhe schnellen ließ, da verweile es für einige Sekunden, ja, es suhle sich in einem mit Lammfell bedeckten Schaukelstuhl, mit ruhig anhaltendem Puls, wie ein Ausstellungsstück, nackt und transparent, sowie man es sezierte, das geerdete Herz.

Von deiner unbeirrbaren Zuversicht

Was wärst du ohne deine stille Zuversicht? Ohne deine Augen, die sich zu allem Anderen wenden, vielmehr als zu dir selbst. Ich merk, wie deine Erzählungen langsamer werden. Worte finden ist schwer. Sich die Welt in Erinnerung zu rufen auch. Was Anderen ihr Charisma ist, ist dir deine Weichheit. Aus ihr spricht dein Leben. Deine Lebendigkeit. Das i meines Namens, das du bewundernd in die Länge ziehst. Stärke in deiner gemächlichen Ruhe. In deiner unbeirrbaren Zuversicht. Dass ich das schon schaffe. Ob du weißt, was du da sagst? Fühlen bestimmt. Dein Herz ist mit mir. Zumeist erwartungslos. Wie schön. Wie liebevoll. Ich werd dir Bücher widmen, ja eine ganze Bibliothek. Dass du für immer bei uns bleibst.