Von der Frage nach dem Französisch in mir und einer Zelle kurz vor Überhitzung

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wir drei – eine Klassenkameradin von mir, die Halbfranzösin war, ein Junge zwei Stufen unter uns, dessen Mutter ebenfalls aus Frankreich kam, und ich, mit meiner Frankophilie – in der üblichen Konstellation vor unserer Lehrerin saßen, die gleichzeitig die Mutter meiner Freundin war. Wir waren die kleine Französisch Gemeinde unserer Schule, trafen uns auch ab und zu mal auf einen Crepes Abend. Gerade, in der besagten Situation, stand aber die Delf Vorbereitung an, nichts wahnsinnig Spannendes also. Und plötzlich, stellte unsere Lehrerin uns eine Frage, ganz fernab vom Unterricht, mit der wir, glaube ich, alle nicht gerechnet hatten. Wobei sie dies gerne machte, Fragen stellen, mit denen wir nicht rechneten. Den Unterricht anders als Lehrplanmäßig gestalten. „Davon würden wir am meisten lernen“, so mutmaße ich heute war damals ihre Philosophie. Auch ich beobachte und spüre besonders an mir, dass ich das Leben nicht in der Schule gelernt habe. Die Schule war vielmehr ein Hindernis auf dem Weg in die große, weite Welt.

« Pourquoi aimez-vous le français tellement ? » („Warum liebt ihr Französisch so sehr?“), wird sie damals ungefähr gefragt haben. Zugegebenermaßen habe ich die Frage nicht mehr genau im Kopf, ich erinnere mich dafür umso intensiver an unsere verdutzten Gesichter. Zumindest an jenes von mir und dem Jungen, der später für eine kurze Zeit mein Freund werden würde. Meine Freundin, die Tochter der Lehrerin, war solche Fragen vielleicht gewöhnt, reagierte gelassener, vor allem kommunikativer. Wir hingegen stockten, waren überfordert. Ein Kloß steckte mir im Hals, der verhinderte, dass Wörter, egal ob französische oder deutsche, in meinen Mundraum gelangten. Eine so klare, und im Vergleich zu den politischen und ökonomischen Fragen, die uns sonst gestellt wurden auch einfache, lebensnahe Frage, auf die wir keine Antwort fanden. Es war, als würde mich etwas schütteln, als wäre eine wichtige Zelle geplatzt. Eine Zelle, die vielleicht alltäglich wenig Bedeutung hatte, und durch diese plötzliche Aufmerksamkeit mächtig überfordert war. Wie eine Maschine, die auf Volldampft läuft und kurz vor Überhitzung steht. So ging es der Zelle. So viel tat sich in meinem Körper. Vielleicht nicht ganz so viel, aber ziemlich viel. Und so viel Spannung und Energie baute sich im Raum auf.

Ähnlich, von meiner Außenperspektive nicht ganz so dramatisch, lief der Schülerzeitungsworkshop neulich ab. Ich hatte den Schüler*innen angekündigt, dass wir uns mit Identität auseinandersetzen würden, dass wir herausfinden würden, wie unsere persönlichen Gedanken und Gefühle einen Weg in die Schülerzeitung finden würden. Wir starteten mit zwei Energizern. Die Gruppe war sehr entspannt, fast träge, ähnlich wird es damals in unserer Französisch Gemeinde auch gewesen war. Dann erklärte ich die Regeln des nächsten Spiels: Mehrheit oder Minderheit? Norm oder Randgruppe? Ich las Aussagen vor, zu denen sich die Schüler*innen positionieren mussten, wobei sie auch lügen durften. Es gab eine „Ja-Wand“ und eine „Nein-Wand“. „Ich rauche“, war beispielsweise eine Aussage. Danach erörterten wir, wie es sich anfühlte zur Mehrheit und zur Minderheit zu gehören, was sich besser anfühlte, was langweilig oder besonders war. Bei so viel Laufen kamen ein paar lachende Gesichter, ein bisschen Bewegung zum Vorschein. Dann stellte ich die letzte Aufgabe: 10 Definitionen von sich selbst in Stichwörtern notieren. Sehr viel Ruhe kehrte ein, das Lösen der Aufgabe brauchte deutlich mehr Zeit, und ein paar leise, verzweifelte Ausrufe waren zu hören, als ich vorgab: „Now strike out four of the definitions“ („Jetzt streicht vier der Definitionen heraus“). Die Vorgaben führte ich in kleinen Schritten fort bis schließlich nur noch eine Definition auf den Blättern der Schüler*innen übrig war. Ich erinnere mich noch gut, wie ich das Spiel beim kulturweitschen Vorbereitungsseminar mitgespielt hatte, daran wie sich ein paar Funken Wut und Hilflosigkeit aufbauten als wir von unserem Trainer die Aufforderung bekamen nun wieder vier von den mühsam gesammelten zehn Definitionen herauszustreichen. Es war als würden wir gezwungen uns zu verunvollständigen, als würde uns etwas genommen, oder vielmehr als wären wir gezwungen uns selbst etwas zu nehmen. Ich forderte meine Schülerzeitungsgruppe auf in einem Kreis zusammenzukommen, in dem wir die finalen Definitionen miteinander teilten und uns überlegten, wie diese in Prosa oder Zeitungsartikel verpackt werden können. Jeder einzelnen Zelle wurde ein Stück Aufmerksamkeit, Gehör geschenkt. Ruhe breitete sich aus. Die Trägheit war weg.

Natürlich realisierte unsere Lehrerin das Spektakel, und natürlich würde sie uns auch nicht mit dem Dampf ent- bzw. allein lassen. Wir versuchten uns in den nächsten Minuten eine Antwort zu erarbeiten, sehr verstandesgeleitet, denn wie gesagt, die kleine Zelle war überfordert. Und dann versuchte sie uns etwas zu sagen. Sie sagte ungefähr, dass das, was uns verstummen lässt, was uns innerlich arbeiten lässt und mitreißt, dessen Schönheit uns umhaut, weil wir keine Antwort darauf wissen, dass wir diesen Spirit, diese Begeisterung lernen sollen, weiterzugeben. Sicher wird sie dies auf Französisch alles etwas vereinfachter gesagt haben, und sicher wird es auch viel schöner geklungen haben, denn es war ja Französisch! Und irgendwie war dann auch die Stunde vorbei. Wir verließen den Raum. Der Junge mit nassen Augen, ich sehr nah bei meiner Zelle, wo Mutter und Tochter waren weiß ich nicht mehr, dafür hatte ich in dem Moment auch kein Auge. Erst später würde ich die Bedeutung dieser „Lebenslehre“ erahnen können. Wenn ich danach suchen oder vielmehr anfangen würde darauf zu hören, was die kleine Zelle möchte, und mich von dem ganzen Krimskrams lösen würde, der die kleine Zelle umgibt. Wenn ich reflektieren würde, dass dies sicher eine der wichtigsten Lebensaufgaben sei

– der kleinen Zelle Gehör zu schenken.

Auf Fahrrädern durch die Hermannstädter Festung

Oder: Eu, Noi und unsere Umwelt

Der eisige Wind wehte durch unsere Haare. Einige von uns stülpten sich Mützen oder Stirnbänder über, um sich für die Fahrt von der Hermannstädter- zur Öko-Festung in Gusterita zu wappnen. Voller Geschwindigkeit schossen wir das Gefälle hinunter und unter der Lügen-Brücke, dem Tor des kleinen Rings, hervor. Ein paar Minuten später standen wir auch schon mit unseren Fahrrädern vor einem anderen Ring, jener Mauer, welche die evangelische Kirche in Gusterita umgibt.

„Wir teilen Rumänien als unser gemeinsames Zuhause“

Wir, das sind 30 Jugendliche aus ganz Rumänien, die sich bei dem Projekt „Interkultural“ engagierten. Wir kommen nicht nur aus unterschiedlichen Städten, sondern bringen auch andere ethnische und kulturelle Hintergründe mit. Wir gehören verschiedenen Minderheiten und Mehrheiten an, teilen Rumänien aber alle (momentan) als unser gemeinsames Zuhause. Im Rahmen diverser Kennenlern-/Identitätsspiele und Freizeitbeschäftigungen, ob auf der Mülltrennungsanlage, beim oben beschriebenen Fahrradfahren, bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder bei einem abendlichen Bierchen, traten wir miteinander in den Dialog und lösten (unbewusst) so gut es ging die Fremdheit, welche teilweise aufgrund unserer unterschiedlichen Hintergründe existierte.

„t’s too late to be a pessimist!“

Worum es bei unserem Projekt aber eigentlich ging, und was uns in diesem Sinne sicher nicht unterschied, sondern, was wir teilten, was uns miteinander verband, war die Umwelt, bzw. die an uns gerichtete Botschaft: wir alle teilen und profitieren von der Umwelt, und jeder Einzelne von uns ist mit verantwortlich für die Gestaltung unserer Lebenswelt. Wenn wir auch in 20 Jahren noch von Mutter Erde profitieren wollen, müssen wir etwas verändern. Dann müssen wir uns engagieren, denn: „It’s too late to be a pessimist!“ (Es ist zu spät ein Pessimist zu sein!), wie der Film „Home“ verdeutlicht.

„Wir tauchten ein in die inspirierende Welt von Hundeschützer*innen, Bäumeplanzer*innen, Umweltpädagogen*innen, Pfarrer*innen und Ökogartenbetreiber*innen…!“

Der Film bot den Einstieg in die einwöchige Seminarwoche (vom 21.-27.10.2018), in der wir uns zunächst mit ökologischen Problemen, Herausforderungen und Lösungsansätzen auf globaler, dann auf regionaler und schließlich auf individueller Ebene beschäftigen würden. Auf globaler Ebene sammelten wir Informationen zu Themen wie Resilienz, Nachhaltigkeit, Effizienz, Pharmakultur und Klimawandel. Auch erprobten wir Simulationsspiele, wie „Keep Cool“, um einen Eindruck zu bekommen, wie schwierig es ist teils widersprüchliche globale Interessen im Hinblick auf eine gemeinsame Umweltpolitik zu vereinen. Regional ging es dann mit Besuchen einer Mülltrennungsanlage, einer ökologischen Farm, und verschiedenen Vorstellungen einzelner engagierter Persönlichkeiten weiter. Wir tauchten ein in die inspirierende Welt von Hundeschützer*innen, Bäumeplanzer*innen, Umweltpädagogen*innen, Pfarrer*innen und Ökogartenbetreiber*innen…!

„Was werde ich ab Montag tun…?“

Und das führte uns schließlich zu der letzten Etappe: dem Ich. Was werde ich ab Montag tun, um einen positiven Einfluss auf die Umwelt zu haben? Was werde ich ab Montag tun, um meinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren? Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Es ging um die Reduzierung des Müllkonsums, um den Kauf von second-hand Klamotten, um eine Verringerung des Wasser- und Energiekonsums, um weniger Autofahren, stattdessen mehr Fahrradfahren!

Neun Stunden später öffneten wir die Tore der Öko-Festung, und schwangen uns auf die Sattel, ließen den eisigen Wind wieder durch unsere Haare streifen, und trudelten zurück in die Hermannstädter Festung. Wie erholsam und vor allem gesund Fahrradfahren doch ist, besonders wenn der Weg zu einer solch schönen, alten Festung führt!

Home

I was shown some wet eyes,
some little tears I was passed
to the back Until no one was left
To hug for good bye was I
waved to the trains
Arrival will be
Late was your
Hug made me
Loved was I
was called by my name
When I arrived in the night
I was greeted with much
laughter I was
remained silent with a
smile was talked to quite
a lot was helped with some
leaves and stones was listened to
Whatever story I was sharing
I was missed and asked
For I was speculated
Wherever place I could be
I was hugged very
Tight in the day
I was made a
Home In the time
I was absent
And I was let
through the door
When I was present
Again, In Romania

Von den Sieben-Hügeln nach Siebenbürgen

oder: neue Welt entdecken

Wir sitzen im Zug von Brasov nach Sibiu. Die Sonne scheint. Vorhergesagt war Regen. Richtig viel sogar. Wahrscheinlich werden die Wolken von den Bergen aufgehalten, sodass in den von Bergketten umrahmten Städten kein Regen ankommt. Bei mir sind kleine Sonnenfunken, keine Wolken, kein Regen, vielleicht noch leichter Nebel. Aber je mehr die Sonne durch das Fenster hereinscheint, desto mehr kommt auch bei mir die Sonne raus. Meine erste Zugfahrt durch Rumänien. Stille. Nur das Rollen des Zuges. Die Erhitzung der Gleise. Das Rauschen. Vorbei an Sträuchern, deren Bewegungen ich wegen der Geschwindigkeit nicht erkenne. Sicher zucken sie zusammen von dem Windstoß des Zuges. Felder. Die verwachsene Natur. Einzelne Sträucher hier und da. Chaotisch. Unstrukturiert. Schön. Ich sehe mich durch die Dry Savanna fahren. Erinnere mich bei diesem Stichwort, und auch bei den den Regen aufhaltenden Bergbarrieren an den Erdkunde Unterricht. Dry Savanna. Relief Rainfall. Die unterschiedlichen Grün- und Brauntöne der Sträucher holen mich wieder zurück in den Zug. Der Himmel ist diesmal weiß. Durch das Weiß scheint eine zitronenfarbene Sonne hindurch. Dieser weiße, blasse Zitronenton steht über den Bergen. Wo ich hinschaue in der Ferne nur Berge. Die Sonne ist schon im Winter. Die Bäume noch im Herbst. Es ist Ende Oktober.

Schwarz. Tunnel. So plötzlich. Schreibpause, ist das letzte Wort, das ich noch zu Papier bringe. Braune Blätter. Jedes Mal, wenn ich von meinem mit Knien und Buchunterlage gebastelten Schreibtisch wieder aufschaue haben die Blätter eine andere Farbe. Ich komme gar nicht hinterher sie zu beschreiben. Grün gelb. Orange. Jetzt Wald. Schräger Wald. Dunkel grün. Braun. Gelb. See. Sehr klein. Aufeinander gestapeltes Holz. Das würde Papa freuen. Dunkel Grün. Und jetzt plötzlich alle Farben in einer Waldlichtung, zu der es einen Abhang hinuntergeht.

Bremsen. Laut. Gekrächze. Wir stehen.

Puuh. Ich habe Zeit herunterzuschreiben. Meine Stichworte in Sätze zu verpacken. Ich denke zurück an den Mann, der unsere Zugfahrt eingeleitet hatte. Wir saßen nicht lange, da kamen zwei Rumänen, und machten uns darauf aufmerksam, dass wir scheinbar auf den falschen Plätzen säßen. Ich zeigte ihm unsere Tickets. Als sich die beiden zunächst nicht zufriedengaben, eilte ein Mann herbei. Er hatte ein schmales, kleines Gesicht, einen dunklen Teint, schwarze Haare mit grauen Strähnen und gläserne, kindliche Augen. Er reihte ein paar Fetzen deutsch aneinander, versuchte uns zu erklären, dass wir tatsächlich im falschen Wagon waren. Die Fetzen deutsch, unsere Gesten und Fetzen Englisch, und das Rumänisch der anderen beiden Beteiligten löste ein leises Gemurmel im Wagon aus. Wir fingen die Aufmerksamkeit der anderen Mitreisenden ein. Ungewollt. Die Situation löste sich auf als sich eine ältere Frau unsere Tickets ansah und in fließendem Deutsch moderierte. Ich war baff. Ich sei jetzt in Siebenbürgen, kommentierte Julika als Erklärung. Ich nickte langsam. Und während sich das Gemurmel im Abteil wieder beruhigte, und die Menschen ihre Aufmerksamkeit wieder von uns abwandten, begann der Mann mit dem dünnen Gesicht und den gläsernen Augen zu reden. Er redete langsam und bedacht. Erzählte von seinen sieben Kindern in Sibiu, und seiner Arbeit in München. Dass er sie jeden Monat besuchen käme. Erzählte weiter von gesundheitlichen Problemen, die wir nicht richtig verstanden. Seine gläsernen Augen strahlten uns an. Glück breitete sich aus. Trauer auch, als er über Krankheit und Vermissen sprach. Doch so traurig seine Sätze auch waren, am Ende kam wieder das Glück in seine gläsernen Augen zurück. Seine Augen hatten eine solche Kraft. Es fiel mir schwer, mich irgendwann abzuwenden, und endlich einen Blick aus dem Fenster zu wagen, als der Zug langsam ins Rollen kam.

Es geht wieder weiter. Rechts von uns taucht plötzlich ein kleines mit Stacheldraht eingezäuntes Gehege auf. Zwei Ziegen grasen vor sich hin. Ich beuge mich vor, um aus dem Fenster auf der anderen Seite zu gucken. Links in der Ferne stehen verstreut kleine Häusergruppen. Beim Vorbeugen erkenne ich, dass die Frau auf der linken Sitzbank damit beschäftigt ist, Julika abzuzeichnen. Julika sitzt neben mir und liest. Die Frau zeichnet. Ich schreibe. Auch Julika fühlt sich beobachtet. Einzelne, sekundenlange Blicke, die die Frau braucht, um sich Julikas Silhouette einzuprägen. Ich erinnere mich an die Abschreib-Übungen in der Grundschulzeit, bei denen wir aufstehen und zu einem Stuhl nach vorne laufen mussten, um uns die Seite eines Buches einzuprägen. Die Lehrerin zählte dann die Anzahl der Abschreib-Gänge, oder gab dies zumindest vor. Ich wende meinen Blick von der Frau ab, die sich inzwischen von mir beobachtet fühlt. Künstler sollten nicht gestört werden. Auch Julika dachte vermutlich so, und las trotz der Blicke, die ihr Gesicht regelmäßig streiften, einfach weiter. Es ist so schön, wie sich Menschen ergänzen, denke ich. Wie eine Kreativität in die nächste wandert. Wie sie sich abzeichnen, beschreiben, erinnern, gedenken. Wie sie in und miteinander wirken.

Jetzt sind rechts Schafe. Eine große, weite Herde. Kein Schäfer. Ich wunder mich, warum sich auf der strohigen Weide so komische Stoppeln befinden, bis ich erkenne, dass die Stoppeln Schafe sind. Jetzt geschorene Felder. Dann ein kleiner, frisch renovierter Fußballplatz, der einsam neben den Schienen steht. Das Weiß der Linien glänzt. Am Rand befinden sich für die Heim- und Auswärtsmannschaft jeweils eine Bank aus stadionähnlichen Plastikstühlen. Abwechselnd gelb und weiß. So niedlich. Alles geht so schnell. Es passiert sehr viel. Wenn ich auf meiner Lieblingszugstrecke von Köln nach Berlin aus dem Fenster schaute, kam mir alles sehr langsam vor. Monoton. Deswegen liebte ich das Zugfahren. Hier ist es spannender. Wahrscheinlich, weil die Welt noch so neu ist. So viele Premieren. So viel neue Welt entdecken.

Wiedersehensstein, der mir vom Herzen fällt

Plötzlich standen wir alle in einem Kreis. Redeten miteinander als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen. Als wären wir wie beim Vorbereitungsseminar lediglich aus unterschiedlichen Kajüten gekrochen, nicht aber aus unterschiedlichen Städten Rumäniens angereist, teilweise über fünf Autostunden entfernt. Es ähnelte auch einem Weihnachtsfest, bei dem die Verwandten lange auf ihre Liebsten warten müssen, weil diese wegen eines Schneesturms im Stau stecken, oder weil sie reguläre Zuspätkommer sind, oder weil ein Kind geboren wird! Und als die Liebsten dann endlich da sind, fällt den Verwandten ein richtiger Stein vom Herzen. Ein Wiedersehensstein. Unser Fest hatte schon angefangen, inmitten einer großen Gruppe saßen wir an länglichen Tischen und aßen die Vorspeise. Und dann, plötzlich, standen wir alle in einem Kreis, und auch mir fiel ein Wiedersehensstein vom Herzen. Freya und Julika – die letzten beiden, die sich angemeldet hatten, waren nun auch angekommen. Wir umarmten uns, erzählten von unserem inneren Wetter. Stille. Ankunft. Viel Energie im Kreis. Ich genoss den Moment der Vertrautheit, der Heimat, die ich in unserer „Homezone“ fand. Was uns verbindet sind zehn sehr intensive Tage in einem kleinen Kaff in Brandenburg. Ich brauch euch nicht im Einzelnen zu kennen, ich muss mich nur an unsere gemeinsame Zeit zurückerinnern, um zu verstehen warum. Um zu fühlen, warum mir ein Wiedersehensstein vom Herzen fällt, wenn ich in unserem Kreis stehe.

von rechts unten nach links oben: Maxi, Freya, Julika, Mäxchen, Linus, Ich.

Tu me manques

Tu m’a manquée vraiment
Tu me manques encore
Cette instant j’aimerais te prendre dans mes bras
Je t’ai dit que je n’ai pas mal de pays
Mais mal de toi
J’ai pleuré la tristesse
M’a entourée
Puis mes larmes
M’ont libérées
J’ai réfléchi ce que je préfère
Soit un mot d’échange
et le risque d’escalation
Soit le silence
Et l’absence
Puis j’ai osé parler à toi
Cette instant
J’étais près de toi
J’ai retenu mon souffle
Je pouvais plus respirer
Ca aurait été trop fort
Trop bruyant
Alors, j’ai décrocher
Pour respirer
Justement
Respirer
Comme c’était joli
Mon haleine
Comme c’est joli
de respirer
Il n’y a pas de perfection
Cette imperfection
Je la vois maintenant
Ce n’est plus de défaut
Je t’aime

https://www.youtube.com/watch?v=GSYnOeO5rdk

Ganz aufgewühlt, aber nicht wegen der kurzen Haare

Ich bin ganz aufgewühlt. So viele schöne Dinge sind zu tun. Vorzubereiten. Zu tragen. So Vieles, an das ich denken muss. Darf. Gerade sagte mir der Museumswächter ‚Guten Abend‘, fragte, warum ich die Straße heruntergehe. Glaube ich. Mehr verstand ich dann auch nicht. Auf die Frage, wie es mir geht, antwortete ich stolz und gelassen ‚Bine, foarte bine‘. Ich sprach es in der melodischen und zufriedenen Tonlage aus, in der mir die Mädels des Internats die Worte vorgesprochen hatten. Sehr langsam und monoton, fast maschinell spulte ich die Wörter ab. Der Museumswächter war nicht der einzige, der bisher gelacht hatte. Jetzt liege ich in meinem Bett, dabei hatte ich versprochen nach dem Abendessen wiederzukommen. Er steht wohl die ganze Nacht bis um 7 Uhr morgens draußen. Das ist Aufwühlthema Nr.1.

Die Workshops, die ich noch vorbereiten muss, wühlen mich auch auf. Nächstes Wochenende geht es nach Brasov zum Debattierwettbewerb. Langsam werden die Mädels nervös. Ich auch. Nur die Kartoffel scheint ihre wundersamen antistress Kräfte nicht zu verlieren. Was der Energizer für die nächste Stunde sein kann, was die letzten Tipps sind, die ich den Mädels noch mit auf den Weg geben kann, geht mir durch den Kopf. Nichts, außer Freude. Freude am Debattieren. Freude am Deutsch sprechen. Der einzige und beste Motor eine Sprache zu lernen. Freude am Menschen kennenlernen. Freude an der Herausforderung. Das alles kann ich nur vermitteln, wenn ich es auch empfinde. Ich stelle mir gerade einen Lehrer vor, der die Schüler im Hinblick auf die Abiturprüfungen beruhigen möchte. Und weil er mit der Situation, der Vorbereitung, dem Curriculum selbst überfordert ist, schreibt er sich den „Beruhigungsvortrag“ auf einen Zettel, und liest diesen stotternd vor, während die das Blatt haltende Hand hin und her zittert, und seine Blicke hin und her springen. Die Schüler*innen werden nichts anderes als Beruhigung spüren!

Ich möchte Freude vermitteln. Meine Aufgewühltheit muss weg.

Eigentlich wollte ich aber über meine Sehnsucht nach kurzen Haaren schreiben. Ich wünsche mir kurze Haare.

Sie sollen vier Zentimeter kurz sein. Ich werde sie mir in Berlin schneiden lassen, nach dem Nachbereitungsseminar. Wahrscheinlich kommt eine Freundin mit zum Friseur. Dann können wir zu zweit geschockt sein. Ich weiß noch nicht wo. Vielleicht irgendwo im Wedding. Vielleicht irgendwo im Prenzlauer Berg. Und dann gehe ich zum Mauerpark. Dort gibt es so schöne, stylische Stirnbänder, die ich schon seit Beginn meiner Berliner Studienzeit bewundere. Das muss toll aussehen. Die kurzen Haare mit dem Band um mein Gesichtchen. Warum fragen mich die Menschen nicht nach meiner nächsten Frisur, statt nach meinen Studienplänen? Kurze Haare werden meine Zukunft. So schön!

Und von Berlin aus werde ich dann, samt meiner kurzen Haare und dem Stirnband, nach Hause fahren. Und Papa beim Holzhacken helfen. Und alte Weinkisten bemalen. Und das Haus putzen.

Bis mir ein Licht aufgeht. Oder ich nicht mehr danach suche?

Himmelblau

Freya schwärmte von dem schönen, blauen rumänischen Himmel und erzählte mir von den Himmel-Fotos, die sie schoss. Hier ihr Gastbeitrag.

Ich erinnere mich an eine Situation mit meinem früheren Mitbewohner Valli in unserer Berliner Altbauwohnung. Wir saßen in der Küche und blödelten wie so oft herum. Ich sorgte für Stille. Wartete kurz ab, bis ich auch wirklich seine volle Aufmerksamkeit hatte. Wartete. Und sagte langsam mit einer theatralischen Armbewegung „Der Himmel ist blau.“ Wir waren erleuchtet.

Ich erinnere mich auch an das Bewerbungsgespräch beim PAD in Bonn. Mir wurde die Frage gestellt, welche deutsche Musik ich den Schüler*innen im Ausland zeigen würde, wenn sie mich danach fragten. Ich zählte wahllos deutsche Lieder auf. Und dann fiel mir das Lied „Himmelblau“ von den Ärzten ein. Ich sang eine Zeile

„[…] der Himmel ist blau, und der Rest deines Lebens steht vor dir […]“

Sie lachten.

 

https://www.youtube.com/watch?v=v_KfKRkPWF8

Von Zeigefinger-Kultur und Zickenkrieg

Das Problem vieler Politiker ist, dass sie, statt Lösungsansätze für aktuelle Probleme auszuarbeiten, strategische Parteipolitik betreiben. Dies tritt besonders in politischen Talkshows zum Vorschein. Hier umgehen sie Fragen, die ihnen gestellt werden, indem sie die Schwächen des Anderen aufzählen. Gleichzeitig versuchen sie dann paradoxerweise die Argumentationsstrategie des Anderen zu enthüllen und darauf hinzuweisen, dass dieser, der Andere, lediglich von seinen Fehlern/internen Probleme ablenkt, und mit dem Zeigefinger auf die Anderen zeigt. Als Vorbereitung auf eine Talkshow gilt, die Schwächen, die Faux-pas, die internen Kämpfchen des Gegners zu recherchieren und als Konter verwenden zu können, anstatt sich mit der Thematik, mit den wirklichen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen. Leider wird dieses Verhalten oft von dem Moderator/in der Talkshow unterstützt, indem diese[r] Fragen stellt, die auf parteipolitische Machtkämpfe abstellen, bzw. einen solchen vorprogrammieren. Was wir erleben ist ein politisches Klima, das sich immer mehr jenem in den USA besonders zu, aber auch außerhalb von Wahlkampfzeiten annähert. Es geht nicht mehr um die Inhalte, die Problemstellungen, es geht nicht mehr um die Spaltung der Gesellschaft, um den rechten, auch rechtsextremen Mob, der sich mit Teilen der AFD vermengt, um Rentenarmut, um das Bildungssystem, den Mangel von Pflegekräften, […] wirklich wichtige Probleme, die angepackt werden müssen, sondern um politische Namen und Gesichter, deren Rang und Position, um Parteien, deren Geschlossenheit oder Widersprüchlichkeit. Während der Rücktritt eines Politikers/in, die Distanzierung oder Zurücknahme einer Aussage rauf und runter diskutiert wird, gerät die Sache zunehmend stark in den Hintergrund. Auch ich bemerke, dass ich inzwischen besser über die einzelnen politischen Gesichter informiert bin, als über die Themen, für die sie, jene Gesichter, einst ins Amt gewählt wurden.

Dass die Bevölkerung dann enttäuscht ist, sich mit den sie umzingelnden Problemen allein gelassen, ja, von den Politiker/innen im Stich gelassen und in ihrem Vertrauen missbraucht fühlt, ist kein Wunder. Traurig ist auch, dass sich dieser parteipolitische Zickenkrieg in das Auftreten der jungen Politiker/innen einpflanzt, bzw. diese keine konträre Position beziehen, sondern sich von dem verführerischen Spiel mitreißen lassen. Dem Spiel, Wahlkampf auf Kosten Anderer zu führen, Wählerstimmen durch das Fehler-Aufzeigen Anderer gewinnen zu wollen. Jenes Spiel führt offensichtlich auch zu einer gewissen Blindheit. Einer Blindheit dafür, dass eine solche Strategie bei den Wähler/innen erfolglos ist, und stattdessen (rechts-)populistische Parteien erstarken lässt. Es scheint einer Alkoholsucht zu ähneln, durch das Trinken (bzw. Mitspielen) können die eigentlichen Probleme ignoriert werden. Die Sucht (hier: das Spiel, die Schuldzuschreibungen) ist somit ein Vorhang, eine Kaschierung der eigentlichen Fragen, der eigenen Inaktivität. So lernen schon die Parteichefs/Parteichefinnen der jungen Parteien (Jusos, junge Union, junge Liberalen, etc.), wie sie sich zu verhalten haben, um an die Spitze zu kommen. Und die älteren aktuellen Minister/innen nutzen nicht ihre Erfahrung, um den Anschuldigungen mit Gelassenheit und Sachlichkeit entgegenzutreten, diese vielleicht sogar selbstkritisch und reflektiert zu behandeln. Nein, sie spielen mit und unterstützen die vom medialen Sensationsgeist geprägte politische Zeigefinger-Kultur. Gesagt sei auch, dass diese Strategie von allen Parteien verwendet wird, egal ob Opposition oder Regierungspartei, d.h. egal ob, von Natur der Sache her „kritisierende Partei“, oder „befürwortende Partei“.

Politiker/innen müssen begreifen, dass sie die Menschen durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit verlieren. Jeder einzelne politische Geist kann durch ein themen-fokussierteres Auftreten das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen! Wichtig ist, dass überhaupt ein Bewusstsein für das eigene politische Spiel entsteht. Wichtig ist, dass gehandelt wird, und zwar schnell! Weg von den Gesichtern, Namen, Anschuldigungen und Rücktrittsforderungen, hin zu Themen, Lösungsstrategien und Kooperation!

Dass dieser Beitrag ein wenig ernster und im Verhältnis zur Lebenserfahrung einer 19-Jährigen etwas „zeigefingerhaft“ formuliert ist, liegt daran, dass ich kurz zuvor eine Polit Talkshow gesehen habe. Seltsamerweise hat mich die Sendung gleichzeitig ermüdet und gereizt, ja, geärgert. Meine Eindrücke bzw. im Speziellen meine Ärgernis will ich gerne teilen. Ich denke, dass gerade in den heutigen Zeiten das Teilen von Eindrücken und auch Empfindungen, wie Ärgernis oder Ermüdung, etc. sehr wichtig ist. Jedweder Versuch in den Diskurs zu treten erhält offene, freiheitliche Denk- und Verhaltensstrukturen, somit also einen der Grundpfeiler der Demokratie. Das Beitragsbild zeigt ein an eine Hauswand gekleistertes Plakat (sog. Paste Up). Auf diesem ist ein Witz über die Inaktivität der politischen Parteien Rumäniens gekritzelt, die, laut des Street Art Künstlers, die Bevölkerung im Stich lassen. Die rumänische Bevölkerung hat momentan mit antidemokratischen Bewegungen stark zu kämpfen. Ich wiederum möchte dennoch nicht nach Rumänien, sondern in mein eigenes Land schauen. Möchte auf Deutschland zeigen. Auf uns. Auf mich. Sehe, dass dort, besonders wenn ich wieder Zuhause bin, genügend Bedürfnis für Benennung (dessen, was passiert) und aktiver Gestaltung der Gesellschaft besteht.

https://www.ardmediathek.de/tv/Anne-Will/Streit-um-Maa%C3%9Fen-in-welcher-Verfassung/Das-Erste/Video?bcastId=328454&documentId=56096326