Von Traum. Und Brot. Und der Relevanz des Lokaljournalismus.

Teamsitzung. Noch zwei Tage, dann ist auch dieses Praktikum vorüber. Während ich mit Skepsis gegenüber dem Format des Radiosenders in das Praktikum gestartet bin, erfüllt es mich im Nachhinein mit Freude, um einige Erfahrungen reicher geworden zu sein. Und gerade jetzt in der Teamsitzung erfüllt es mich mit Faszination für die Wichtigkeit und die Möglichkeiten des Lokaljournalismus. Wie immer sitzen wir im Besprechungsraum eine Etage tiefer. Nach den üblichen Berichten von Morgenmoderator*in und Nachrichtensprecher*in und einem Überblick über die anstehenden Termine und Programmplanung, kommt das Herzstück der Teamsitzung – die Ideensammlung. „Any ideas?“, steht als Frage im Raum, und viel intensiver als sonst: wird gesammelt und gesammelt. Was die Eine vorschlägt, wird durch den Nächsten ergänzt, von der Dritten kritisiert, dem Vierten hinterfragt und der Fünften weitergedacht. Flüchtig gleitet mein Blick an die digitale Uhranzeige der an die Wand geworfenen Projektion. 11:15 Uhr, schon seit einer halben Stunde wird ausgetauscht, inspiriert, befruchtet mit Ideen! Und was mir so sehr gefällt: die Motivation des Lokaljournalismus, sich wie ein Äffchen an die großen, ungreifbaren überregionalen Themen dranzuhängen, um die Relevanz für die Kommune oder den Kreis hervorzuheben. Ich merke, dass genau das die Daseinsberechtigung des Lokaljournalismus ist. Die Aufgabe, abstrakten Themen eine Form, eine Kontur zu geben, sie wie ein Hund, an eine Leine zu binden, um die Verbindung zum Menschen herzustellen, um sie zurückzuführen auf die schnöde Alltagsebene der Bürgerinnen und Bürger, die genau dann eins nicht mehr ist – schnöde!

Dieses kleine Manifest erinnert mich an ein Gespräch mit einem Journalisten. Wir sprachen darüber, wie wenig Menschen noch Lokalzeitungen lesen, und in welch bedrohliche Lage der Lokaljournalismus dadurch geraten sei. Auflagen, die Tag für Tag schwinden. Personal, das Tag für Tag entlassen wird. Eine geringere Anzahl an Journalisten, die Tag für Tag für eine relativ größere Anzahl an Zeitungsseiten zuständig ist. Qualität, die Tag für Tag abnimmt. Ein Teufelskreis, aus dem, wie ich finde, nur eine Bewusstseinsveränderung der Menschen und höhere Investitionen in den Lokaljournalismus hinausführen können. Ich scherzte „Wir könnten ja ein Manifest für den Lokaljournalismus schreiben…“. Als Antwort bekam ich: „Kannst du machen, das würde nur niemand lesen!“. Ich lachte. Verzweifelt. Traurig. Machtlos. Unwissend darüber, wie es weitergehen kann.

Was ich dennoch weiß: mein Traum ist es, Journalistin zu werden. Und wie auch immer sich der (Lokal-) Journalismus entwickelt, es ist der richtige Weg, an meinem Traum, mit dem Schreiben mein Brot zu verdienen, festzuhalten. Dass mich mein Traum begleitet, erlebte ich eindrucksvoll auf dem Besuch der Generalprobe eines Gospelchors in Stuttgart. Ich war so fasziniert von dem Chor, dem Gesang und dem Chorleiter, der mit seinem ganzen Herzen anwesend zu sein schien und den rund 600 Menschen starken Chor durch die Chorprobe führte. Als Zuschauerin durfte ich direkt hinter ihm sitzen. Nahm leider nicht sein mit Sicherheit voller Leidenschaft blühendes Gesicht wahr, dafür aber sein Hawaihemd und seine energischen, taktvollen Sprünge, die von den Handbewegungen eingeleitet wurden und den ganzen Körper in Anspannung und Rhythmus versetzten. Diese Energie schien er, wortwörtlich, leichtfüßig auf den Chor zu übertragen, der wiederum umso stärker aufblühte und um sein Leben sang! Zu gerne, dachte ich, würde ich diesen Chorleiter interviewen! Als ich nach Abschluss der Chorprobe von dem Menschenstrom hinausgeleitet wurde und es schaffte, mich für eine Spende an den Rand zu drängen, erzählte ich prompt derjenigen Frau, die das Spendenkörbchen in der Hand hielt, von meinem Interview-Wunsch. Ich leitete ihn ein, mit meinem Traum, Journalistin werden zu wollen. Es schien mir am plausibelsten, denn: warum sonst würde eine wildfremde Zuschauerin aus dem weit entfernten Niederrhein einen Stuttgarter Chorleiter interviewen wollen? Die Frau lächelte. Erzählte mir, sie sei auch Journalistin. Mitten im Kirchenausgangsgewusel kamen wir ins Gespräch. Mit dem Resultat: den Kontakt auszutauschen und der Möglichkeit einen Kommentar über die Chorprobe für die SWR Homepage zu schreiben. Wow! Ich war begeistert! Und das nur, weil ich aus dem Nähkästchen heraus meinen Traum geteilt hatte! ‚Als wäre es selbstverständlich, fremden Menschen als Begrüßung von seinen Träumen zu erzählen!‘, schmunzele ich im Nachhinein. Jedenfalls finde ich seitdem: mein Traum bestimmt meinen Weg. Er selbst gibt mir Anstöße und Inspiration und Menschen, die mich auf diesem Weg begleiten. Aber das, und vieles mehr, kann er nur, wenn ich ihn mit anderen Menschen teile, wenn ich ihn hinausschicke in die weite Welt…

Die Teamsitzung neigt sich tatsächlich langsam dem Ende zu. Themen, auf die ich mich am liebsten selbst stürzen würde, sind die Lage der SPD – wie steht der hiesige SPD Bundestagsabgeordnete zum Vorschlag des Fraktionsvorsitzes einer Doppelspitze? Gibt es Ideen zur Reformation der Partei seitens des SPD Ortsverbands? Und wie hat die Partei rückblickend bei den Europawahlen im Kreis abgeschnitten? Wo liegt sie bei aktuellen Umfrageergebnissen? Und auch: Rechtsextremismus im Kreis – wurden die Bundestagsabgeordneten von Krefeld oder dem Kreis Viersen schon einmal bedroht? Wie nehmen sie die verbale Umgangsart innerhalb der Bevölkerung und politischen Milieus wahr? Was können Bürgermeister tun, um sich zu schützen, und wie effektiv sind diese Möglichkeiten des polizeilichen und rechtlichen Schutzes? Fragen über Fragen…der Teil meines Gehirns, der fürs Fragen zuständig ist, will keine Pause einlegen! Mir fällt auf: Lokaljournalismus macht abstrakte Problematiken, die die Bürgerinnen und Bürger meinen nicht mehr beeinflussen zu können, greifbar. Er zeigt Betroffenheit und damit auch Möglichkeiten des Einflusses auf lokaler Ebene, Möglichkeiten des Engagements. Ein Hoch also auf den Lokaljournalismus, den vielleicht so viele meinen vergessen zu haben.

Die Gartendusche

Oder: erste Berührung mit dem Morgen

Frühstück. An einem ganz gewöhnlichen Morgen sitzen wir um den runden Holztisch, den ich als kleines Mädchen nach den Mahlzeiten immer abzuschrubben pflegte, als wären jegliche Biersorten über ihm verschüttet worden. Die Sonne schimmert wie sonst auch durch die weiten Fensterscheiben, erhellt das Wohnzimmer. Der Garten ist fast vollständig von dem Schatten, den der Schuppen wirft, bedeckt. Pflanzen und Kräuter streifen unter der Sonne ihre dünne, nächtliche Feuchtigkeitsschicht ab.

Das helle, gelbliche Licht und der seichte Wind locken mich nach draußen. Ob der Wind behutsam genug ist, um Inlinerfahren zu gehen? Dann mache ich eine Schnupperprobe vor der Haustür. Im Gegensatz zur Gartenseite, ist hier schon alles im vollen Gange – Geschäftigkeit, dörflicher Berufsverkehr, Kinderstimmen und Schülerlotsen, Autos und Ampel und die Sirene eines Krankenwagens. Und trotz der Bewegung, die ich um mich herum wahrnehme, finde ich: Morgen riecht gut. Frisch. Unberührt. Unbeschrieben. Die Entscheidung ist gefallen.

Ein paar Minuten später rolle ich meine Standardrunde über den Asphalt. Zehn Kilometer bis zum Nachbardorf und wieder zurück. Gleite über den Radweg der Landstraße, genieße die Schnelligkeit, die Leichtigkeit auf meinen acht Rollen. Erst Gegenwind, dann Rückenwind. Eine halbe Stunde später rolle ich wieder durch die Haustür. Geschafft. Meine Haut ist abgekühlt vom Fahrtwind, mein Körper ist aufgewärmt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch genug Zeit für eine Runde Dehnen habe. Ich winke Papa auf einen morgendlichen Kaffee raus in den Garten. Während ich mich dehne, lehnt er sich auf dem Stuhl zurück und schließt die Augen. Stillschweigend genießen wir. Langsam trocknet der Schweiß auf meiner Haut, meine Muskeln entspannen sich, auch von außen ist meine Haut jetzt Sonnenlicht-erwärmt. Nach der letzten Dehnübung hebe ich meinen Kopf.

Direkt vor meiner Nase steht die Gartendusche. „Würd‘ ich jetzt gern im Garten duschen!“, strahle ich Papa an. Der Gedanke an eine erfrischende, kühle Willkommensdusche lässt meine Augen aufleuchten. Papa selbst hatte die Dusche letzten Sommer tagtäglich benutzt „bis es nicht mehr ging“, um Strom zu sparen. Während ich den lapidaren Wunschgedanken unbekümmert und ohne weitere Umsetzungsvorstellung ausspreche, hat Papa in der nächsten Minute schon Gartenschlauch und Wasserzufuhr angeschaltet, und deutet einladend zum Regler der Dusche.

Mit Bikini springe ich erwartungslos unter die Gartendusche, kreische vor Frische, Sonnenlicht und erster Berührung mit dem Tag. Ich springe sogar eine kleine Pfütze in den Rasen, beschnuppre die Blumen und strecke mich gen Himmel. Papa lacht.

Welch wunderschönes Ritual, im Garten zu duschen. Garten und Tag willkommen zu heißen – mit einer Willkommensdusche! Ab jetzt wird nur noch im Garten geduscht, denke ich, während mein Arbeitswecker schon klingelt und ich gedanklich zur Bahn eile.

Meer – du machst mich vergessen

Ich stehe am Strand. Vor mir das Meer. Der seichte, ablandige Wind streicht mir durch die Haare. Mein Blick ist weit. Nur Meer bis zum Horizont. Die Wellen treffen in regelmäßigen Abständen auf den Strand. Ich zähle eine Wellenperiode von dreizehn Sekunden zwischen dem Brechen einer und der nächsten Welle. Dreizehn Sekunden, die ich habe, um die Brandung zu überwinden und ins Line Up – dem Platz hinter den Wellen – zu kommen.

Vor mir erscheint ein Monster. Viel größer als erwartet und viel schneller als gewohnt, schiebt es sich mir entgegen. Bei dem Gedanken, von dem Wassermonster überwälzt und an den Strand zurück gespült zu werden, schüttelt es mich.  Ich tauche meine Arme tiefer ein, ziehe sie schneller durchs Wasser. Japse nach Luft, verbiete mir aber jeden Gedanken daran, langsamer zu paddeln, mich der Kraft des Meeres auszuliefern. Die Wassermasse vor mir verändert sich. Der anfänglich sanfte Berg formt sich zu einer steilen Wand, einzig die Füße des Bergs sind flache Ausläufer. Ich denke an Harakiri, eine schwarze Skipiste in Österreich, vor der ich mich im letzten Winter gedrückt hatte, und auch: eine rituelle Selbsttötung in Japan. Nicht ganz so dramatisch, aber ähnlich angsteinflößend ist der Wasserberg vor mir. Ich ahne, wie schwierig es werden würde, die Welle trocken zu überwinden. Mental bereite ich mich darauf vor, tief Luft holen zu müssen. Mein Brett in der letzten Sekunde nach hinten abzustoßen. Tief unter Wasser zu tauchen, um mich vor den Finnen zu schützen. Ich sehe, wie alles, was im Fußbereich der Welle schwimmt, nach oben gesaugt wird. Die Wellenlippe neigt sich mir langsam entgegen.

In der nächsten Sekunde peitscht sie in mein Gesicht, die Welle fließt unter mir hindurch. Ich krache auf den Rücken der Welle und gleite über den massigen Körper hinweg. Atme aus. Die Gischt der gebrochenen Welle spritzt durch den ablandigen Wind nach hinten weg. Salzregen ergießt sich über mir. Kurz und kräftig. Als wolle mir die Welle zeigen, wer hier draußen das Sagen hat. Ein letztes Zeichen geben, einen Warnhinweis, ein Schnaufen, das von dem gefallenen Monster ausgeht. Ich jubele, schreie vor Freude, vor Meereskraft. Ich liebe das Meer. Ich liebe die Kraft, die es in sich birgt.

‚Geh ans Meer‘, sage ich mir fortan, um meiner Angst mit Vertrauen zu begegnen. Das Meer ist mir ein Riegel, den ich vor das Schloss schiebe, wenn sich die Tür zur Angstspirale öffnet. Das Meer lässt mich Angst und Sorgen vergessen. Schenkt mir Ruhe und Jubel. Schenkt mir ein Bild, ein Meeresbild für die Zukunft.

Vom Meer aus schaue ich jetzt zum Strand. Perspektivwechsel. Ich blicke zurück, wundere mich, wie unüberwindbar die Monsterwelle schien.  Beobachte Welle für Welle, die anfangen am Peak, dem höchsten Punkt der Welle, zu brechen. Welle für Welle, deren Farbe sich von Ozeanblau in Rasierschaumweiß verwandelt. Schaumkronen, die am Strand ankommen, als Überbleibsel jener Energie, die sich weit draußen im Ozean aufgebaut hat, wo sich Milliarden Wassermoleküle zusammengeschlossen und von ihrem Freund, ‚dem Wind‘, in Bewegung gesetzt wurden, um dann tausende Meilen über den Ozean zu wandern. Ich erkenne in der Ferne, dass sich die nächste Monsterwelle dem Strand nähert. Frage mich verwundert, wie es sein kann, dass Angst und Vertrauen im Meer so eng miteinander verbunden sind.

Hymne der europäischen Jugend

Hymne der europäischen Jugend

Ich sitze im Zug. Die Sonne scheint über die sattgrünen Felder. Ich staune, wie so oft, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin. Von dem brutalistischen Stuttgart, dessen Sanftheit und Ästhetik ich noch versuche zu entdecken, kehre ich heim an den blauen Niederrhein. Hinter mir liegt eine intensive Woche Bewerbungsstress, zwei Gespräche, und schon glücklicherweise: eine Zusage. Mein nächster Abzweig ist gesichert! Ich blinzele der Sonne entgegen. Es fühlt sich an, als wäre ich mit Helium befüllt.

Nachdem ich jetzt sicher bin, dass und wie es mit mir weitergeht, denke ich an meine Freunde, oder besser: meine Mitreisenden, die sich wie ich auf derselben Reise befinden, nur andere Destinationen anvisieren. Illustration, Musikpädagogik, Ethnologie, interkulturelle Spanischstudien, internationale Beziehungen, Elektrotechnik in Schweden, Ernährungswissenschaften (und ein Umzug von Iasi, Rumänien nach München, Deutschland)….welch wunderschöne Träume, welch wunderschöner Sinn vor uns liegt!

Gestern erzählte mir eine Französin, dass in ihrem Heimatdorf in der französischen Provence 93 % der Wähler*innen den rechtspopulistischen Rassemblement National gewählt haben. Dass sie bei solchen Zahlen Angst bekomme um ihr Land. Wenn ich an mein bevorstehendes Frankreich Studium denke, denke ich auch an Europa. Denke „Wie viele junge Europäer*innen nutzen die offenen Grenzen, den freien Personenverkehr Europas, um sich zu entfalten, um ihren Platz in Europa, oder in der Welt zu finden! Welch Freiheit!“

Die Welt liegt uns zu Füßen, habe ich das Gefühl. Oder zu Europa. Und seinem Frieden. Der Gesang liegt im Himmel, fällt mir als nächstes ein, wenn ich an das Gospelkonzert von gestern Abend denke. Ein Ohrwurm schleicht sich in meinen Kopf und erhöht die Helium Konzentration in meinem Körper…

 

We are a chosen generation
Called forth to show His excellence
All I require for life; God has given me
And I know who I am

We are a chosen generation
Called forth to show His excellence

All I require for life; God has given me
And I know who I am

I know who God says I am; What He says I am
Where He says am at; I know who I am
I'm working in power, I'm working miracles
I live a life of favor, Cause I know who I am
Ohh oh oh, oh oh oh
I know who I am

I am holy, I am righteous oh…
I am so rich, I am beautiful
I'm working in power, I'm working miracles
I live a life of favor, Cause I know who I am
Take a look at me, I'm a wonder
It doesn't matter what you see now
Can you see His glory, ‘Cause I know who I am
Ohh oh oh, oh oh oh
I know who I am

 

“I know who I am” – Sinach

https://www.youtube.com/watch?v=frtZ4XfoXxM

Teil 3: Von dem, was ich mir wünsche

 

„Nur wenn ich mich liebe, kann ich auch andere lieben.“

Dieser letzte Teil fällt mir deutlich leichter, er scheint mir so klar, so eindeutig. Von Carolyn Emcke las ich vor einiger Zeit etwas sehr Einleuchtendes. Pluralität bedrohe die Gesellschaft nicht. Sie schütze und stärke jeden Einzelnen, die Individualität eines jeden. Je pluraler eine Gesellschaft ist, desto weniger gefährdet ist das Individuum, gedemütigt, diffamiert, ausgegrenzt zu werden. Je pluraler eine Gesellschaft ist, desto mehr wird das Individuum ermutigt, sich zu entfalten, sich dazugehörig zu fühlen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Pluralität nicht als Bedrohung wahrgenommen wird, sondern als Schutzraum. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kinder ermutigt werden, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen, unabhängig davon, ob sie der (vermeintlichen) Norm entsprechen oder nicht.

Ich wünsche mir, dass Attribute, wie „schwul“ und „trans“ nicht mehr als Beleidung verwendet werden, weil es dafür keine inhaltliche Erklärung gibt.

Ich wünsche mir eine Fernsehindustrie, die Homosexualität nicht mehr hinterfragt. Sie als normal, als zugehörig behandelt, weil sie das ist.

Ich wünsche mir, dass Eltern ihren Kindern Ängste und Sorgen vor Abweichung nehmen, statt sie hervorzurufen. Dass sie ihre Liebe zu dem Kind nicht an Bedingungen knüpfen. Dass sie das können – lieben, ohne zu bedingen – weil sie selbst in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die ihnen das vorgelebt hat.

Ich wünsche mir, dass Kinder nicht wählen müssen – zwischen der Akzeptanz ihres Ich und der Liebe ihrer Eltern, weil: nur wenn ich mich liebe, kann ich auch andere lieben.

 

 

„You can be anybody that you want to be. You can love whomever you will. You can travel any country where your heart leads. And I know I will love you still […]”

– Everything Possible, The Flirtations

 

https://www.youtube.com/watch?v=6VA8DFFNQFA

Teil 2: Von dem, was mich anwidert

 

„Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?“

In meiner Nachhilfestunde saßen mir die altbekannten Gesichter gegenüber. Das Zuckergesicht und der kleine Klugscheißer, wie ich sie insgeheim nannte. Ein Viertklässler und ein Sechstklässler. Spätestens nach einer Stunde fingen die zwei an zu quatschen und ließen sich fortan nur schwer von mir motivieren. Aus dem Gequatsche rief das Zuckergesicht plötzlich hervor: „Der [er zeigte auf den kleinen Klugscheißer] hat mich beleidigt! Der meint, mein T-Shirt sieht schwul aus!“. „Aber ‚schwul‘ ist doch keine Beleidigung!“, sagte ich. Langsam löste sich die Empörung aus dem Zuckergesicht. Das Gequatsche setzte wieder ein. Warum wachsen Viert- und Sechstklässler mit der Annahme auf, „schwul“ sei eine Beleidigung? Schwul sei etwas Negatives, etwas Peinliches, Beschämendes, etwas, dass es ermögliche, andere zu beschmunzeln oder gar sich über sie lustig zu machen?

Ich möchte nicht, dass Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die ihnen vorlebt, die Merkmale „schwul“ oder „trans“ nur in negativen Kontexten benutzen zu können. Die ihnen eine gespaltene Gesellschaft vorlebt, aus Heterosexuellen, die die Normgruppe bilden, und Homo- und Transsexuellen Menschen, die die Randgruppe, das Anormale, das Abweichende bilden. Die ihnen die Legitimität vorlebt, die Attribute „schwul“ und „trans“ zur Belustigung, Ironisierung und Diffamierung der Randgruppe zu verwenden. Indem eben diese Verwendung nicht in Frage gestellt wird. Die ihnen dadurch ein System vorlebt, das sich aus den Ängsten und Sorgen der eigenen Abweichung und der eigenen Diffamierung, Ausgeschlossenheit nährt. Ein System, dessen Motor es ist, sich normgemäß zu verhalten, zu leben, zu lieben, Sex zu haben. Wie schrecklich!

Was mich ebenso anwidert, ist eine Fernsehkultur, die Homosexualität als „Tool“ verwendet, um die Quoten hochzutreiben. Es werden Unterhaltungsshows gezeigt, in denen sich offen über ‚das Schwule‘ und ‚Attribute des Schwulen‘, d.h. ein geschlechtsuntypischer Kleidungsstil, eine nasale Stimme, eine exotische Wortwahl […] lustig gemacht, in denen die Gesichter der Randgruppe gewohnheitsmäßig gedemütigt, ironisiert und ins Lächerliche gezogen werden. Eine solche Fernsehkultur widert mich an, denn: ein schwulenbelustigendes und -feindliches Fernsehprogramm ist für mich keine Unterhaltung! Ich möchte nicht, dass Homosexualität als Mittel zur Skandalisierung, zur reißerischen Berichterstattung verwendet wird. Nichts an Homosexualität ist reißerisch, nichts ist skandalös. Wenn ich eine solche Berichterstattung sehe, fühle ich mich 30, 40 Jahre zurückversetzt. Frage mich, ob die Gesellschaft dort stehen geblieben ist, wo per Gesetz Homosexualität legitimiert wurde. Dass es mit einem Gesetz nicht getan ist, ist selbstverständlich. Dass die Medien selbst heutzutage noch aus kommerziellen Zwecken gegen eine Normalisierung von Homosexualität arbeiten, ist ein Trauerspiel.

Was ich auch nicht möchte, ist, dass Eltern, Verwandte, Bekannte, Freunde eines Kindes diese ‚Abweichung‘ als Belastung wahrnehmen. Erst kürzlich erzählte mir eine Mutter, sie müsse sich (im Falle eines solchen Szenarios) erst einmal daran gewöhnen, dass ihr Sohn schwul wäre. Sie war so entschlossen mit ihrer Aussage, und ich so kraftlos, so erschüttert, dass ich nicht wusste, was ich entgegnen sollte. Auch hatte ich das Gefühl, ich würde sie mit keiner Argumentation erreichen können. Ich bin mir sicher, dass es unmöglich ist, einen solchen mütterlichen ‚Schock‘, eine Gewöhnungsphase an die ‚Andersartigkeit‘ des Kindes, vor dem Kind verbergen zu können. Ich fragte mich in dem Moment, was ihr Sohn denken und fühlen würde, hätte er mitbekommen, wie seine Mutter über das Thema Homosexualität dachte. Wäre er schwul, würde er sich nach einer solchen Aussage jemals seiner Mutter gegenüber öffnen können? Würde er seine Homosexualität jemals offen ausleben können? Würde er jemals er selbst sein können?

Ich möchte nicht, dass Eltern Homosexualität als Belastung wahrnehmen, als negative Abweichung, an die sich gewöhnt werden muss. Und viel weniger möchte ich, dass Kinder diese Wahrnehmung spüren müssen. Dass sie sich verstellen müssen, um weiterhin die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bekommen, die sie vorher bekamen. Dass sie sich selbst, ihre Identität, ihr „Ich“ leugnen müssen, um der Mutter eine Belastung, einen Gewöhnungsprozess zu ersparen. Wie geht es einem Kind, das sich selbst aufgeben muss, um die Liebe der Mutter zu bekommen? Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?

Teil 1: Von dem, was ich sehe

 

„Viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.“

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit einem Menschen. Er erzählte mir, dass er es satt habe, in Deutschland zu leben. Dass er es satt habe, tagtäglich beim Küssen seines Freundes angegafft zu werden, bei jeder Wohnungssuche den Namen einer Freundin angeben zu müssen, um für ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden (sein eigener klinge zu ausländisch), permanent diskriminierenden Sprüchen, die nur spaßig gemeint seien, ausgesetzt zu sein. Ich zuckte die Augenbrauen. Redete er wirklich von Deutschland? Und wenn ja, hatten wir wirklich unsere Jugend in dem gleichen Deutschland verbracht? Natürlich schockierten mich seine Erzählungen. Und doch kamen sie mir völlig fremd vor. Dann erzählte er von seinem Plan, in zwei Jahren in die Philippinen zu emigrieren. Er habe lange genug versucht, Bewusstsein für Homophobie und Ausländerfeindlichkeit zu erregen, unermüdlich zu argumentieren und sich den zweifelnden, skeptischen, negierenden Sichtweisen seiner Gesprächspartner zu stellen, er habe die Situation lange genug ertragen und für ein besseres, toleranteres Deutschland gekämpft. Jetzt sei es an den Aderen [mit anderen meinte er wohl die bio-deutsche, weiße, hetero Norm], sich zu bewegen, aufzustehen gegen Ungleichheit, für eine plurale Gesellschaft. Puuh, dachte ich. Mir saß ganz schön viel Ermüdung, Kraftlosigkeit, aber auch Entschlossenheit gegenüber. Wie konnte es sein, dass ich all das in 19 Jahren Aufwachsen nicht gesehen hatte, nicht wahrgenommen hatte? Menschen, die ausreisen, weil sie es in dem Land nicht mehr aushalten, das sich seine freiheitlich demokratische Grundordnung und den Schutz von Minderheiten ganz oben auf die politische Agenda schreibt? Ein Land, das versucht, Aus diesem Land wollte der Mensch ausreisen, weil er sich nicht toleriert fühlte???

Ich versuchte fortan, meine Augen zu weiten und das mir gezeichnete Bild wahrzunehmen. Mich selbst beobachtete ich am meisten. Ich sehe mich zum Beispiel im Lehrerzimmer meiner alten Schule stehen. Ich hatte Lust, nach langer Abwesenheit mal wieder vorbei zu schauen. Ich begrüße viele Lehrerinnen. Das Hauptgesprächsthema: mein neuer Kurzhaarschnitt. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, aber plötzlich höre ich eine Lehrerin etwas von „Trans […]“ zu einer anderen sagen, und kurz darauf: meinen Namen. Verwirrt schaue ich die Beiden an, reiße intuitiv meine Augen auf, als hätte ich das dringende Bedürfnis, mich von dem ersteren Wort distanzieren zu wollen, die gefallene Assoziationsleine durch meine Mimik, große, erschrockene Augen, durchzuschneiden. Meinen Blick wahrnehmend oder nicht, erklärte mir die eine dann nüchtern, dass es um ironische Videos zu Transsexualität ging. „Aso“, nickte ich, ebenfalls nüchtern.

Jetzt frage ich mich: Warum der Blick zuvor? Warum hatte ich das intuitive Bedürfnis, mich mimisch von dem „Trans-Thema“ distanzieren zu müssen? Warum nahm ich „Trans“ als etwas Bedrohliches, Negatives, Peinliches, ja Unnormales war? Was verursachte meine Abneigung, oder eigentlich: meine Sorge, selbst der Gefahr von Demütigung und Diffamierung ausgesetzt zu sein, würde ich mich in der nächsten Sekunde nicht von dem Gesprochenen distanzieren? Und das, obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es eigentlich ging, sondern lediglich die Silbe „Trans“ aufgeschnappt hatte.

Ich schäme mich für meinen Blick. Für meine Unreife. Und darüber, dass es dieser Reflektion bedarf, um zu realisieren, dass gerade solche Blicke, Gedanken, Gefühle die bestehende Machtstruktur zwischen der Heteronorm und der Homo-, Trans, Queer-Randgruppe aufrechterhalten, stärken. Ich schäme mich auch dafür, dass ich erst jetzt, wo sich mein Blick geweitet hat, das sehe, womit der Mensch, mit dem ich vor einigen Monaten sprach, sein Leben lang zu kämpfen hatte. Ich schäme mich für das, was ich sehe. Ich sehe viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

 

Ich sitze wieder mal im Zug und fahre dieselbe Strecke, die ich ca. einen Monat zuvor zum ersten Mal wahrnahm. Ich versuche die Landschaft wiederzuerkennen, besondere Auffälligkeiten. Vor einem Monat sah es deutlich verschneiter aus. Damals nahm ich den Zug von Timisoara nach Iasi, d.h. einmal quer durch den Norden Rumäniens. 17 Stunden Fahrt. Heute, von Cluj aus ist es nur die Hälfte. Ich hatte mich vor einem Monat aus Umweltgründen bewusst für den Zug entschieden, statt mich in das nur unwesentlich teurere, aber schnellere und komfortablere Flugzeug zu setzen. Als ich die Fahrt dann mit einer Erkältung antrat, und ich spätestens nach der Hälfte der zurück gelegten Kilometer die 17 Stunden Zugfahrt wirklich zu spüren begann, sah meine Laune natürlich anders aus, als beim Kauf des Tickets. Damals war ich von meiner guten Tat für die Umwelt überzeugt, meinte, mir über die Nachteile der langen Fahrt bewusst zu sein und drückte euphorisch auf den „Kauf-Button“. Denn: Ich liebte Zugfahren, warum dann nicht auch mal etwas länger, um ein paar Emissionen einzusparen?

Ich war froh und fertig, als ich endlich in Iasi ausstieg. Papa, der bisweilen dazu gedrängt hatte, ich solle doch mit dem Flugzeug fliegen, nutzte die kurze Nachricht, wie fertig ich sei, um seine im Vorhinein ausgesprochene Empfehlung zu bestätigen. „Siehste, manchmal sollte man auch mal auf Menschen hören, die 40 Jahre mehr Lebenserfahrung haben!“, bekam ich als Antwort. Bisheriges Argument gegen meine gelegentlichen Versuche, umweltbewusster zu handeln, klang ungefähr so: „Ja, aber dann darfst du ja gar nichts mehr machen. Dann kannst du nur noch zuhause bleiben, Licht und Heizung ausgeschaltet lassen, und Nahrungsergänzungsmittel zu dir nehmen!“

Es ist schade, dass umweltfreundliches Handeln oft als ein Verbot aufgefasst wird. Genauso ist es schade, dass die Grüne gerne als Mutter mit erhobenem Zeigefinger bezeichnet wird. Jene einzige Partei, die Umweltverschmutzung und Klimawandel als gegenwärtige Probleme wahrnimmt, und einen Lösungskatalog für derartige zukünftige Herausforderungen anbietet. „Verbote“, mit denen Menschen sich konfrontiert und in ihrer Freiheit verletzt sehen lauten dann: „Du darfst kein Fleisch mehr essen!“, „Du darfst keine Produkte mehr kaufen, die unter niederen Arbeitsbedingungen oder in weit entfernten Ländern hergestellt wurden, obwohl Du Lust darauf hast!“, „Selbiges gilt für Klamotten, auch hier darfst Du keine inhumanen Arbeitsbedingungen oder tierische Ressourcen enthaltende Produkte fördern, so sehr Du Dir diese Lederjacke auch wünschst!“, „Du darfst kein Flugzeug mehr betreten, überhaupt solltest Du aus Emissionsgründen so wenig reisen wie möglich!“, etc.

Ich verstehe, dass sich Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Sehnsucht, bestimmte Lebensmittel zu essen, in ihrer Lust, besondere Kleidungsstücke zu tragen, bedrängt sehen. Es ist mit wichtig, all die moralischen Umweltgebote, als Angebote, statt als Verbote wahrzunehmen. D.h. dass ich mich bewusst für eine bestimmte umweltfreundliche Verhaltensweise entscheide, weil ich davon überzeugt bin, dass es die für mich richtige Verhaltensweise ist. Diese Überzeugung verdrängt wiederum das Verbotsempfinden. Diese Überzeugung führt zu Wohlwollen, Euphorie und Optimismus. Sie führt dazu, dass ich vermeintliche Einschränkungen nicht mehr als solche wahrnehme, sondern als Veränderungen meiner individuellen Handlungspolitik, als Reform- oder Verbesserungsvorschlag.

Meine Antwort auf das Bild des im kalten und dunklen Wohnzimmer sitzenden, sich von Kartoffeln ernährenden Ich, ist, dass ich nur auf jene Dinge verzichten muss, auf die ich selbst verzichten möchte. Im Gegenzug versuche ich dann aber den umweltschonendsten Weg zu wählen. Natürlich möchte ich nicht auf das Reisen verzichten. Ich bin jung, abenteuerlustig und will die Welt entdecken. Auf der anderen Seite kann ich 17 Stunden Zugfahrt auch mal auf mich nehmen. Ich liebe Fleisch und werde sicherlich nicht in absehbarer Zeit Vegetarierin. Dennoch versuche ich meinen Fleischkonsum auf bestimmte Tage unter der Woche zu reduzieren.

Innere Überzeugung, nicht Verbote sollten unser Handeln leiten. Ersteres ist auch viel nachhaltiger, denn ich arbeite für mich, nicht gegen den moralischen Zeigefinger Anderer. `Überzeugung trägt Früchte, Verbote lassen sie nur verwelken´, denke ich, und rolle meinem Ziel im halbverschneiten Rumänien entgegen.

Nachruf

Oder: ein bisschen Zeit zusammen, ein bisschen Abschied

 

Wir sitzen ein letztes Mal zusammen, nehmen in einem Café gemeinsam unser letztes Morgenmahl ein. Der Großteil ist noch sehr verschlafen von der gestrigen Nacht. Ich sitze unter roten Köpfen und zufallenden Liedern. Einige haben Hoffnung, dass der Kaffee hilft. Vergeblich, wie sie ein paar Minuten später bemerken. Zu müde. Trotzdem schön, dass wir es noch einmal alle geschafft haben. Mit der Zeit mischen sich ein paar lustige Geschichten in unseren Kreis, ein bisschen Planungsgeist, ein paar sarkastische Kommentare.

Einen Tag zuvor schrieb ich: „Ich spüre wieder den Kulturweit-Spirit. Wir sind wieder da. Alle zusammen. An einem Ort. In unserem Grüppchen. Leider nicht ganz vollständig (Carina mit C, Biermax und der coole Linus fehlen). Trotzdem fühlt es sich gut an. Ein paar letzte Atemzüge zusammen. Ein paar letzte Schritte nebeneinander her. Unser Treffen in Cluj scheint ein bisschen weniger Werwolf-lastig zu sein. Stattdessen beschnuppern wir die prachtvollen Häuser der Altstadt, lassen uns von der Wärme einiger Cafés einhüllen, und die salzhaltige Luft in der Saline Turdas durch unsere Atemwege strömen. Ich bin froh, als ich endlich wieder spüre, dass wir alle zusammen sind. Ich höre es auch. An dem Mamamia-Gesang der Mädels, an dem gemeinsamen Lachen und den ironisch-tiefgründigen Reflektionen. Über Methoden des Ruhigstellens von Schüler*innen. Über die Emotionalität der rumänischen Sprache. Über das, was ist. Und das, was kommt. Was ist, ist keine Abschiedsstimmung. Statt Trauergedanken, wird gerade besprochen, wo es heute Nacht hingeht. Tanzen oder feiern oder Bar? Oder Tanzen und feiern? Oder nur Bar? Unentschlossenheit. Noch kein Konsens. Das gehört dazu in so einer Gruppe. Ich freue mich über meine Bereitschaft, zurückzustecken für die Gruppe. Aufs Wandern, Werwolf, oder was auch immer zu verzichten. Damit wir zusammen sind. Das Verzichten fällt viel leichter für ein bisschen Zeit zusammen. Für ein bisschen Abschied.“

Ehe ich mich versehe, stolpere ich schon aus dem im imperialistischen Stil eingerichteten Café hinaus. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Der Abschied fühlt sich leicht an. Ich bin froh, genügend Zeit mit der Truppe verbracht zu haben. Genügend Abschied. Sinnbildlich schwebe ich über die Türschwelle hinweg und lasse die Tür hinter mir zu fallen. Bevor mein Fuß aufsetzt, nehme ich das geschäftige Treiben der Menschen wahr, höre die Predigt und die Kirchengesänge aus der orthodoxen Kirche. Freiheit, als mein Fuß den Boden berührt. Ein Windzug weht um mein Gesicht. Ich schließe die Augen, und denke an die Meeresbrise und die Strandpromenade von Biarritz, von der steinige, wuchtige Treppen zu den Wellen hinunterführen. Renne durch den heißen Sand dem Meer entgegen, schmeiße mich auf mein Surfboard. Und öffne die Augen. Rufe nach Freiheit, nach neuer Zeit.

 

Inspiriert von dem Lied „Hello Goodbye“ von den Beatles

https://www.youtube.com/watch?v=H_CCBLt_9rM