Die Suggestion

Manchmal zieht mich die Musik

In einen dunklen Tunnel

Oberkörperfrei

Erfasst mich die Kälte

Und die Haut soll ihr trotzen

Unter schepperndem Bass

Bis die Wände vibrieren

Und nur der Gesang

Den Rausch kontrolliert

Den Kopf

Den Tanz

Die springenden Füße

Und sich der nackte Körper

Zur Deckenwölbung neigt

Let me go crazy tonight

Let me walk over to the

Dark side

Aus Gleichgültigkeit

Einmal laufen lassen

Einmal

Spielen

Mit dem Feuer

Let me just lose lose lose

All bonds to reality

Let me be free

From load

From fuming thee

Singt die Stimme

In die Venen meines Körpers hinein

Volle Dröhnung ohne Schuss

Und suggeriert

Nicht fühlen zu können

Für einen Moment

Im Rausch des Tunnels

Je länger der ist

Desto größer der Abstand

Zu den sausenden Motoren

Den Hupen und Sirenen

Leere

Ist der Preis für die Suggestion

Der Innenraum

Ich dachte, der Schmerz

Ließe sich ausschaben

Sauber

Wie der Mutterkuchen

Nach einer Fehlgeburt

Mit einem scharfen Löffel

An den Rändern der Organe entlang

Sodass jede Blutung

Den Körper entlastet

Jedes ausgeschabte Material

Den Innenraum weitet

Und zum Atmen verhilft

Bis selbst Wehen von außen

Ihn nur noch tangieren

Aber inzwischen

Widersetzt sich der Körper

Müde

Und matt

Poltert Wut in die Leere

Und rinnen dünne Tränen

An seiner Skyline entlang

Tür zum Schmerz

I. 

Schützen heißt nicht

Mauer aufbauen

Schützen heißt

Rückzug

Still

Und ohne Beschluss

In ein verriegeltes Versteck

 

II. 

Hinter dieser Türe

Gibt’s kein Ego

Kein Lob, kein Schmerz

Nur Taubheit

Die Seele

Weit entfernt, tief verborgen

Unangreifbar

 

III.

Jedes Mal eine Errungenschaft

Wenn das Ich dorthin verschwindet

Doch dieses Mal

Zerbrach der Riegel

Zum ersten Mal

Ohne

Verschluss

Der Fallschirmsprung

I.

Eigentlich fühlt sich das Fallen

Nicht nach Freiheit an

Der Flug nicht nach Rausch

Zu schnell

Trifft man auf den Boden

Erschüttert

Betäubt

 

II.

Das Bodenlose:

Kaum zu erkennen

Schon als der Atem verschwindet

Im Geschwindigkeitswahn

Und das Bewusstsein verfliegt

Kündigt sie sich an

Die Härte des Asphalts

 

III.

Der Fallschirm selbst:

(Sofern er vorhanden)

Zwei einfache Hände

Die sich behutsam

Um die Schultern legen

Tragen

Und dämpfen

 

IV.

Am Boden:

Steht die Zeit still

Das Gehör ist benebelt

Reset.

Und beruhigend ist nur

Dass man einmal am Boden

Nicht noch tiefer fällt

Stille

Jedes Vogelgezwitscher
Jedes Kräuseln des Windes
Jedes Miauen
Jeder Gedanke dreifach so laut
Jedes Atmen doppelt so hörbar
Jedes Außeratemsein ein Segen
Jedes Gefühl unmittelbar
Sprengt die Stille, füllt den Raum
Stößt auf Resonanz
Auf die Katze, die Großmutter, den Vater
Hingabe
Ans Dasein

aufgeben

Wir sitzen am Abendessenstisch. Zweiter Weihnachtsfeiertag. Wir betrinken uns heut Abend, sag ich zu meiner Tante am Telefon. Ja, anders kann man das auch nicht aushalten, sagt sie. Überrascht lache ich auf. Die Stimmung am Tisch ist ähnlich: Schweigen. Wässrige Augen. Plötzliches, ersehntes Gelächter, das polternd hervorbricht und in eine neue Tränenlache mündet.

Ich sage, ich überlege meine Stelle zu kündigen. Ich wäge die Argumente ab, erzähle und erzähle, schaue dabei zu meiner Oma, die von all dem wenig versteht, weil sie den Hintergrund nicht kennt, und spüre das Zuhören meines Vaters, dessen Reaktion ich bis zum letzten Satz meide. Als ich fertig bin, halb beschwingt vom Wein, halb erhellt vom Reden, sagt er: eines ist klar, Aufgeben ist auch eine Option.

Ich bin verunsichert. Warum zeigt er mir diese Tür ins Negative? Warum keine Bestärkung?

Dann erzählt er von einer Frau, die nach mehreren Schicksalsschlägen erklärte, jetzt aufgeben zu wollen. Ich verstehe, spüre eine leise Beruhigung, einen dazugewonnenen Raum. Die Entscheidung zu kündigen: eine alleinige Verhandlung zwischen mir und meinem Ego.

Wie viel Uhr es sei, fragt mein Vater, der den Sonntagabendfilm im Ersten sehen will. Viertel vor Acht, antworte ich. Dann haben wir noch eine halbe Stunde, um übers Aufgeben zu reden.

Lilagefärbter Beerenjoghurt

Gestern habe ich mir diesen komischen lila gefärbten Beerenjogurt gekauft, der in meinen letzten Urlauben tagtäglich auf eurem Frühstückstisch stand. Er schien den frisch gepressten Möhrensaft von früher in seinem Stellenwert zu ersetzen. Oftmals aßt du nur diesen Joghurt, beschmiertest unfreiwillig das Tischset und dein Gesicht, eines lilafarbener als das andere. Ich schielte zu dir rüber, zu deiner Joghurtzunge und deinem Joghurtspeichel, der in deinen Mundwinkeln aussah wie die Schwimmhäute einer Ente. Die leicht verdauliche Flüssigkeit war eine letzte karge Gewohnheit, die du annahmst. Sie gruselte mich. Und jetzt, Opa, jetzt habe ich mir tatsächlich diesen lila gefärbten Beerenjoghurt zugelegt. Das ganze volle Glas stopfe ich mit Haferflocken und Nüssen in mich rein. So eine eklige Scheiße, denke ich kopfschüttelnd, und schlucke weiter. 

Vole vole

Vole, vole, mon enfant
Vole légèrement à travers ta vie
Comme un petit oiseau qui découvre ses ailes
Laisse-toi emporter
Par un vent très léger
Et en platant,
Soigne toute ta douleur
Embrasse ton cœur
Quand il pique
Embrasse ton corps
Par un tendre doudou
Si jamais t’es seul
Dans l’air