Teil 2: Von dem, was mich anwidert

 

„Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?“

In meiner Nachhilfestunde saßen mir die altbekannten Gesichter gegenüber. Das Zuckergesicht und der kleine Klugscheißer, wie ich sie insgeheim nannte. Ein Viertklässler und ein Sechstklässler. Spätestens nach einer Stunde fingen die zwei an zu quatschen und ließen sich fortan nur schwer von mir motivieren. Aus dem Gequatsche rief das Zuckergesicht plötzlich hervor: „Der [er zeigte auf den kleinen Klugscheißer] hat mich beleidigt! Der meint, mein T-Shirt sieht schwul aus!“. „Aber ‚schwul‘ ist doch keine Beleidigung!“, sagte ich. Langsam löste sich die Empörung aus dem Zuckergesicht. Das Gequatsche setzte wieder ein. Warum wachsen Viert- und Sechstklässler mit der Annahme auf, „schwul“ sei eine Beleidigung? Schwul sei etwas Negatives, etwas Peinliches, Beschämendes, etwas, dass es ermögliche, andere zu beschmunzeln oder gar sich über sie lustig zu machen?

Ich möchte nicht, dass Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die ihnen vorlebt, die Merkmale „schwul“ oder „trans“ nur in negativen Kontexten benutzen zu können. Die ihnen eine gespaltene Gesellschaft vorlebt, aus Heterosexuellen, die die Normgruppe bilden, und Homo- und Transsexuellen Menschen, die die Randgruppe, das Anormale, das Abweichende bilden. Die ihnen die Legitimität vorlebt, die Attribute „schwul“ und „trans“ zur Belustigung, Ironisierung und Diffamierung der Randgruppe zu verwenden. Indem eben diese Verwendung nicht in Frage gestellt wird. Die ihnen dadurch ein System vorlebt, das sich aus den Ängsten und Sorgen der eigenen Abweichung und der eigenen Diffamierung, Ausgeschlossenheit nährt. Ein System, dessen Motor es ist, sich normgemäß zu verhalten, zu leben, zu lieben, Sex zu haben. Wie schrecklich!

Was mich ebenso anwidert, ist eine Fernsehkultur, die Homosexualität als „Tool“ verwendet, um die Quoten hochzutreiben. Es werden Unterhaltungsshows gezeigt, in denen sich offen über ‚das Schwule‘ und ‚Attribute des Schwulen‘, d.h. ein geschlechtsuntypischer Kleidungsstil, eine nasale Stimme, eine exotische Wortwahl […] lustig gemacht, in denen die Gesichter der Randgruppe gewohnheitsmäßig gedemütigt, ironisiert und ins Lächerliche gezogen werden. Eine solche Fernsehkultur widert mich an, denn: ein schwulenbelustigendes und -feindliches Fernsehprogramm ist für mich keine Unterhaltung! Ich möchte nicht, dass Homosexualität als Mittel zur Skandalisierung, zur reißerischen Berichterstattung verwendet wird. Nichts an Homosexualität ist reißerisch, nichts ist skandalös. Wenn ich eine solche Berichterstattung sehe, fühle ich mich 30, 40 Jahre zurückversetzt. Frage mich, ob die Gesellschaft dort stehen geblieben ist, wo per Gesetz Homosexualität legitimiert wurde. Dass es mit einem Gesetz nicht getan ist, ist selbstverständlich. Dass die Medien selbst heutzutage noch aus kommerziellen Zwecken gegen eine Normalisierung von Homosexualität arbeiten, ist ein Trauerspiel.

Was ich auch nicht möchte, ist, dass Eltern, Verwandte, Bekannte, Freunde eines Kindes diese ‚Abweichung‘ als Belastung wahrnehmen. Erst kürzlich erzählte mir eine Mutter, sie müsse sich (im Falle eines solchen Szenarios) erst einmal daran gewöhnen, dass ihr Sohn schwul wäre. Sie war so entschlossen mit ihrer Aussage, und ich so kraftlos, so erschüttert, dass ich nicht wusste, was ich entgegnen sollte. Auch hatte ich das Gefühl, ich würde sie mit keiner Argumentation erreichen können. Ich bin mir sicher, dass es unmöglich ist, einen solchen mütterlichen ‚Schock‘, eine Gewöhnungsphase an die ‚Andersartigkeit‘ des Kindes, vor dem Kind verbergen zu können. Ich fragte mich in dem Moment, was ihr Sohn denken und fühlen würde, hätte er mitbekommen, wie seine Mutter über das Thema Homosexualität dachte. Wäre er schwul, würde er sich nach einer solchen Aussage jemals seiner Mutter gegenüber öffnen können? Würde er seine Homosexualität jemals offen ausleben können? Würde er jemals er selbst sein können?

Ich möchte nicht, dass Eltern Homosexualität als Belastung wahrnehmen, als negative Abweichung, an die sich gewöhnt werden muss. Und viel weniger möchte ich, dass Kinder diese Wahrnehmung spüren müssen. Dass sie sich verstellen müssen, um weiterhin die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bekommen, die sie vorher bekamen. Dass sie sich selbst, ihre Identität, ihr „Ich“ leugnen müssen, um der Mutter eine Belastung, einen Gewöhnungsprozess zu ersparen. Wie geht es einem Kind, das sich selbst aufgeben muss, um die Liebe der Mutter zu bekommen? Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?