Teil 1: Von dem, was ich sehe

 

„Viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.“

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit einem Menschen. Er erzählte mir, dass er es satt habe, in Deutschland zu leben. Dass er es satt habe, tagtäglich beim Küssen seines Freundes angegafft zu werden, bei jeder Wohnungssuche den Namen einer Freundin angeben zu müssen, um für ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden (sein eigener klinge zu ausländisch), permanent diskriminierenden Sprüchen, die nur spaßig gemeint seien, ausgesetzt zu sein. Ich zuckte die Augenbrauen. Redete er wirklich von Deutschland? Und wenn ja, hatten wir wirklich unsere Jugend in dem gleichen Deutschland verbracht? Natürlich schockierten mich seine Erzählungen. Und doch kamen sie mir völlig fremd vor. Dann erzählte er von seinem Plan, in zwei Jahren in die Philippinen zu emigrieren. Er habe lange genug versucht, Bewusstsein für Homophobie und Ausländerfeindlichkeit zu erregen, unermüdlich zu argumentieren und sich den zweifelnden, skeptischen, negierenden Sichtweisen seiner Gesprächspartner zu stellen, er habe die Situation lange genug ertragen und für ein besseres, toleranteres Deutschland gekämpft. Jetzt sei es an den Aderen [mit anderen meinte er wohl die bio-deutsche, weiße, hetero Norm], sich zu bewegen, aufzustehen gegen Ungleichheit, für eine plurale Gesellschaft. Puuh, dachte ich. Mir saß ganz schön viel Ermüdung, Kraftlosigkeit, aber auch Entschlossenheit gegenüber. Wie konnte es sein, dass ich all das in 19 Jahren Aufwachsen nicht gesehen hatte, nicht wahrgenommen hatte? Menschen, die ausreisen, weil sie es in dem Land nicht mehr aushalten, das sich seine freiheitlich demokratische Grundordnung und den Schutz von Minderheiten ganz oben auf die politische Agenda schreibt? Ein Land, das versucht, Aus diesem Land wollte der Mensch ausreisen, weil er sich nicht toleriert fühlte???

Ich versuchte fortan, meine Augen zu weiten und das mir gezeichnete Bild wahrzunehmen. Mich selbst beobachtete ich am meisten. Ich sehe mich zum Beispiel im Lehrerzimmer meiner alten Schule stehen. Ich hatte Lust, nach langer Abwesenheit mal wieder vorbei zu schauen. Ich begrüße viele Lehrerinnen. Das Hauptgesprächsthema: mein neuer Kurzhaarschnitt. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, aber plötzlich höre ich eine Lehrerin etwas von „Trans […]“ zu einer anderen sagen, und kurz darauf: meinen Namen. Verwirrt schaue ich die Beiden an, reiße intuitiv meine Augen auf, als hätte ich das dringende Bedürfnis, mich von dem ersteren Wort distanzieren zu wollen, die gefallene Assoziationsleine durch meine Mimik, große, erschrockene Augen, durchzuschneiden. Meinen Blick wahrnehmend oder nicht, erklärte mir die eine dann nüchtern, dass es um ironische Videos zu Transsexualität ging. „Aso“, nickte ich, ebenfalls nüchtern.

Jetzt frage ich mich: Warum der Blick zuvor? Warum hatte ich das intuitive Bedürfnis, mich mimisch von dem „Trans-Thema“ distanzieren zu müssen? Warum nahm ich „Trans“ als etwas Bedrohliches, Negatives, Peinliches, ja Unnormales war? Was verursachte meine Abneigung, oder eigentlich: meine Sorge, selbst der Gefahr von Demütigung und Diffamierung ausgesetzt zu sein, würde ich mich in der nächsten Sekunde nicht von dem Gesprochenen distanzieren? Und das, obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es eigentlich ging, sondern lediglich die Silbe „Trans“ aufgeschnappt hatte.

Ich schäme mich für meinen Blick. Für meine Unreife. Und darüber, dass es dieser Reflektion bedarf, um zu realisieren, dass gerade solche Blicke, Gedanken, Gefühle die bestehende Machtstruktur zwischen der Heteronorm und der Homo-, Trans, Queer-Randgruppe aufrechterhalten, stärken. Ich schäme mich auch dafür, dass ich erst jetzt, wo sich mein Blick geweitet hat, das sehe, womit der Mensch, mit dem ich vor einigen Monaten sprach, sein Leben lang zu kämpfen hatte. Ich schäme mich für das, was ich sehe. Ich sehe viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.

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