Holz

Papa und ich fahren in den Wald, Brennholz sammeln, frisches Holz, denn Altes ist in Nullkommanix runtergebrannt. In den Tiefen des Waldes sägt er dicke, frische Äste in transportfähige Größen, von dort aus ziehe ich die Stämme hinter mir hier. Wie erkennt man frisches Holz? Die Schnittenden sind hell; ich sammele, helle, transportfähige Schnittenden, meine Arme werden lang, sie hängen, wie ein benutztes Kondom. Papa pausiert in der Ferne, die Ferne, vielleicht hat er sich den weiten Transportweg extra ausgesucht, um mir zu zeigen, dass Holzsammeln doch anstrengender ist als meine große Klappe es zuvor verheißen hatte, ich gluckse. Ich höre ein leises Pfeifen über mir, ein Fluggeräusch, meine Pupillen springen nach oben und segeln mit herunterrasselnden Ästen auf den Waldboden zurück, sie landen einen Meter vor mir, dünne, in sich verdärtelte Äste, die sich aus der kahlen Baumkrone gelöst haben. Totholz, aufpassen, kann dich erschlagen. Und woran erkennt man Totholz? Hat keine Rinde mehr, die ist abgefallen. Siehst du den Ast, der über dem Weg hängt? Hier rechts hoch bis zur Gabelung, ich folge seinem Finger, dann wieder rechts, die Zweite, nicht die Erste, und da der Ast, der über dem Weg hängt? Totholz. Deshalb am besten bei Windstille in den Wald gehen. Wie heute. Ja, heute ist es windstill. Bis auf ein paar Böen, die die kahlen Baumkronen ins Wanken bringen, nackte, ausgehungerte Gesellen, die durch die Windkraft sachte beisammen gedrückt werden, um sich mit einem Wangenkuss zu begrüßen, so meinte man, ehe sie wieder zurückschwanken. Dein Werkzeug heißt Handsappie. Ich lächele ihn an, wie jemand lächelt, der sich des Nutzens einer Sache sicher ist, er lächelt zurück, wie jemand, der etwas ausgefressen hat und sich des Nutzens des Ausgefressenen sicher ist, der sogenannten Beute. Ich hole weit aus und ramme den Handsappie in die nassen Baumstämme. Pures Wasser, was wir hinter uns herziehen. Und warum sammeln wir dann keine trockenen Stämme? Da lässt sich schwer erkennen, wie alt die sind. Je älter, desto niedriger der Brennwert. Zu hohes Risiko. Ich streife meine Handschuhe ab und rieche an meinen Fingern, vertrauter Geruch, Geruch von Harz und Sauerstoff, der durch die Handschuhe getrieft und sich unter den Fingernägeln festgesetzt hat.

Kindheitserinnerung reloaded. Wir sind im Wald, Mama, Papa und ich – eine der wenigen Erinnerungen, in denen wir alle zusammen sind, und die ich vermutlich habe, weil wir zusammen sind. Der silberne Ford Focus steht mit geöffnetem Kofferraum am Waldrand. Wir laufen über zerzaustem Waldboden, ein Schlachtfeld an wüst umherliegenden Ästen und gekappten Bäumen. Wie Arbeiterwespen schwärmen wir aus, um Brennholz für unser Nest zu suchen, für unsere Nestwärme. Wir machen das öfter. Mehrmals im Jahr fahren wir in den Wald, um Holz zu sammeln, das im Garten gesägt, dann gespalten und schließlich im Schuppen aufgeschichtet wird, um dort zwei Jahre lang zu trocknen. Meine Aufgabe ist es, kleine „Käsestücke“ einzusammeln, die Enden von dicken Stämmen, die ich (als vielleicht Zehnjährige?) tragen kann. Ich erinnere mich an das Gefühl, beschäftigt zu sein, schwer zugange zu sein. An einsetzenden Hunger. Ich rieche Waldluft, erdigen Boden, der unter meinen dicken Profilschuhen nachgibt, leicht sinke ich ein und drücke mich von dem organischen Material wieder ab; der federnde Boden und die sperrigen Schuhe geben mir das Gefühl von Trainingscamp, zum Aufbau von Kondition und Durchhaltevermögen. Wir machen eine Pause, setzen uns in den Kofferraum. Mama öffnet eine Thermosflasche, die heiße Wienerwürstchen enthält. Ich empfinde Belohnung, die haben wir uns verdient, diese superleckeren Wienerwürstchen. Dann später Sättigung, Geborgenheit.

El memoria

Erinnerst du dich noch? An deinen Blick? Du hast ihn ja nicht gesehen. Wenngleich bei dir wohl ungewiss ist, was du siehst. Wer weiß, wo dir überall Spiegel stehen. Bestimmt vielerorts. Jedenfalls hast du so betont bedächtig, so lauthals nachdenklich geschaut, dass es ja doch kein Nachdenken sein konnte, was in dir stattfand. Vielleicht verriet dich bloß dein Mundwinkel, dein intensiv zuhörender Blick. Er war herrlich, dein Blick. Ich sah Opa in dir. Wie verwunschen. Und dann riefst du mich von weit weg. Und ich antwortete. Welche Farben hörten deine Ohren? Sie hallten nach, deine Frage, meine Antwort. Und als ich schließlich kam, da begrüßtest du mich, obwohl der Tag doch schon seit vielen, vielen Stunden angebrochen war. Du sagtest etwas Verspieltes, Musikalisches. Und ich antwortete. In genau demselben Duktus.  Ich hab’s erst überhört, das abermals nachschwingende Echo, die Süße. Du hast sofort gelacht. Ich dann auch, konnte gar nicht mehr zu Ende atmen, prustete die Luft heraus. Vorbei. Flüchtig. Niedlich und sanft. Erinnerst du dich noch?