Archiv des Autors: Clara Bobbert

Der Charme liegt im Unbekannten

Um ehrlich zu sein war ich mir nicht sicher ob ich hier nochmal irgendwann etwas posten würde. Aber es tut mir leid dem Ganzen so ein abruptes Ende zu geben. Und so langsam tut es mir mehr leid, als das meine Faulheit mich davon abhält noch einen Beitrag zu schreiben.
Erst habe ich gedacht ich hätte im Moment einfach keine Zeit. Nach tiefgehender Reflektion bin ich aber zu der Erkenntnis gekommen, dass ich anstatt der 30 min. YouTube Kochvideos, die meine Zeit definitiv auch wert sind, auch diesen Eintrag schreiben könnte. Mein innerer Schweinehund hat also verloren, 1:0 für die Produktivität.

Wenn ich eins auf jeden Fall bin, habe ich bis jetzt gedacht, dann offen. Ich probiere (fast) alles, sage deutlich mehr „Ja, das probiere ich“ als „Nein“. Und doch habe ich hier gemerkt bin ich doch schon festgefahren in manchen meiner Gewohnheiten.

Das Obst schmeckt hier super. Noch nie habe ich so saftige Ananas oder süße Mangos gegessen. Die brasilianischen Bananen sind nicht mit den Deutschen, die ich wohl nie wieder essen kann, zu vergleichen.  Und doch erwische ich mich immer öfter dabei wie ich anstatt der saftigen Ananas die vergleichsweise geschmacklosen Äpfel kaufe. „Die haben einfach eine andere Konsistenz, die mir sonst im Obstsalat fehlt“, versuche ich meinen Fehlkauf recht zu fertigen. Eigentlich ist es aber pure Gewohnheit, Faulheit von dem gewohnten abzuweichen. Es kostet mich jedes Mal aufs neue Überwindung die Äpfel nicht in meinen Einkaufskorb zu legen.

Seit meinem zweiten Tag hier in Brasilien fahre ich alle meine Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad. Weil mir das unglaublich viel Spaß macht, weil ich dann keine zusätzlichen Schadstoffe erzeuge, weil ich morgens dann erst richtig wach bin, weil es am billigsten ist und, weil ich das in Deutschland auch schon so gemacht habe.

Nach drei Monaten, als mein Reifen einen Platten hatte, bin ich dann mal mit dem Bus gefahren. Im Bus stand ich zwischen all den Menschen, die ich sonst immer nur durch die Busfenster gesehen hatte. Und da sind sie mir erst so richtig aufgefallen. Ich hatte Zeit, wie ich so mit meinen Kopfhörern im Bus stand und sie alle beobachtete.
Am nächsten Tag war der Reifen geflickt und ich wieder auf dem Fahrradweg.
Und irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl in einem Rhythmus unterwegs zu sein und der Rest der Stadt in einem ganz anderen. Wir spielten gleichzeitig, aber komplett unterschiedlich. Ich war irgendwie außerhalb. „Vielleicht liegt das daran, dass ich meine Kopfhörer in den Ohren habe?“ Also nahm ich sie raus und hörte den Geräuschen der Stadt anstatt AnnenMayKantereit zu. Trotzdem fühlte ich mich als jemand Fremdes. Anders als im Bus, in dem ich gar nicht aufgefallen war.

Genauso wie ich meine Sonntage in zwei verschiedene Arten einteile, teile ich inzwischen die Cafés hier in zwei Verschiedene ein. Manchmal ist die Welt eben doch Schwarz und Weiß.
Auf der einen Seite gibt es Cafés, wie ich sie kenne. Gemütliche Sitze, eine schöne Einrichtung. Es wird viel Wert auf Aussehen gesetzt. Sowohl bei der Einrichtung, beim Essen, beim Instagramfeed als auch bei der Bedienung.
Oft wird dabei leider der Geschmack des Servierten vergessen. Der Kuchen ist definitiv „instagram-worthy“, aber auch eben nur, weil man ihn dort nicht schmecken kann.

Und wenn mir in meinem Leben eines wichtig ist, dann das Essen.

Und so stehen auf der anderen Seite die hier sogenannten „Padarias“. Bäckereien, in denen sich jeder morgens seine Brötchen oder pão de queijo holt. Dort kann man sich aber auch an einen der Tische mit Plastikstühlen setzen und sich Kuchen und Gebäck aus der Theke direkt auf den Teller wünschen. Der Kaffee kostet hier nur einen Euro. Da fühlt man sich wie im Italienurlaub. Übrigens ein Bruchteil des Preises, den man in den selbsternannten „Hipstercafés“ zahlen würde. Und richtiger Luxus ist, wie ich finde, sich im Café einen zweiten Kaffee bestellen zu können. Ja, seine Bestellung muss man hier selber am Tresen machen und auf Plastikstühlen in einem Raum mit wenig Dekoration sitzen. Der Charme liegt im Verborgenen. Ich habe schon so manches zweite Frühstück eingelegt, weil es bis auf den Fahrradweg nach Frischgebackenem geduftet hat. Außerdem ist die Masse der Kaffeetrinker hier viel heterogener. Und so eignen sich die Cafés zweiter Sorte besser zum „People Watching“.

Besonders in meinen letzten drei Monaten hier versuche ich meine, wie ich gemerkt habe, doch eingefahrenen Angewohnheiten ein bisschen los zu lassen. Das wollte ich einfach mal Teilen und dazu aufmuntern jeden Tag etwas Neues zu probieren. Und wenn man im Supermarkt einfach mal „Boskoop“-Äpfel anstatt „Elstar“ kauft.  Oder wie in meinem Fall Bananen Sorte „Figo“ anstatt „Branca“.

Generell alles was Spaß macht-keine Arbeit!

Ich habe schonmal angefangen diesen Eintrag zu schreiben, aber er ist todlangweilig geworden. Wahrscheinlich hätten sogar die Familienmitglieder, die mir am nächsten stehen, das Lesen abgebrochen. Trotzdem werde ich wohl weiter versuchen müssen dieses Thema hier mal anzuschneiden. Das Beste an diesem Beitrag wird aber wohl der Titel bleiben.

Letzte Woche habe ich das erste Mal nach der Arbeit mein Fahrrad den Berg hochgeschoben und mich schon auf den nächsten Tag gefreut um wieder in die Schule zu fahren. Und da habe ich gedacht es ist jetzt wirklich mal Zeit über meine Einsatzstelle zu schrieben. Auch, weil das Thema hier noch nicht besonders viel vorkam und es ja irgendwie ein wichtiger Teil des Ganzen ist. Außerdem habe ich das Gefühl, dass sich meine Arbeit an der Schule sehr stark von der unterscheidet, die andere Freiwillige machen.


In dem bräunlichen Gebäude mittig-rechts, der „Unidade Saguacu“ des Colégio BONJA, halte ich mich vom Montags bis Freitags drin auf.

Fünf Uhr:
Dienstagmorgen, der Wecker klingelt.
Zu meinem Leid wurde die erste Stunde auf 7.15 Uhr vorverlegt, so habe ich jeden Morgen jetzt noch weniger Zeit „Die ZEIT“ auf meinem Kindle zu lesen. Drei Ausgaben hänge ich schon hinterher.  Um kurz vor sieben verlasse ich das Haus.
Jeden Morgen freue ich mich über das viele Grün überall. Wenn ich wegen meiner Yogastunden nicht so ausgeglichen wäre würde ich mich wohl über der die Autofahrer ärgern, die das Fahrrad nicht als gleichwertigen Verkehrsteilnehmer wahrnehmen.

7.15 Uhr
Die Schulglocke klingelt nicht, sie dröhnt. Einzelstunde Deutsch mit Paul*. Seine Eltern sind Expats aus Deutschland, er ist also Muttersprachler und bekommt von mir drei zusätzliche Deutschstunden pro Woche. Zusammen üben wir lesen und schreiben. Mir macht der Unterricht total Spaß, weil wir ein richtig freundschaftliches Verhältnis aufgebaut haben und er merkbar Fortschritte macht.

8.05 Uhr
Auch Pauls älteren Geschwistern Elisabeth* und Katja* begleite ich mit einer Deutschlehrerin beim Unterricht. Wie ergänzen uns total gut und verstehen uns auch prima. Sie ist auf jeden Fall auch ein Grund dafür, dass ich mich mittlerweile so wohl fühle an der Schule. Wir verbringen die meiste Zeit des Tages zusammen, und wenn das nur heißt, dass wir arbeitend im selben Raum sitzen und uns zwischendurch nach Tipps fragen.

*Die Namen habe ich geändert und meiner Kreativität keine Grenzen gesetzt.


Ich auf dem Flur.

9.55 Uhr
Elisabeth gebe ich auch Unterricht in BWR (Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen). Die Familie wird Im Juni zurück nach Deutschland gehen und zusammen erarbeiten wir uns ein bisschen den Stoff, den sie in Deutschland verpasst hat. Den größten Teil meiner Zeit verwende ich darauf alles erstmal selber zu verstehen. Dann erstelle ich Arbeitsblätter und überlege wie auch Elisabeth alles verstehen kann.
Heute hatten wir eine besondern gute Stunde und am Ende waren wir beide richtig glücklich, dass wir so gut verstanden haben wie bestimmte Geschäftsfälle in die Bestandskonten in T-Form eingetragen werden müssen.

*Die Namen habe ich geändert und meiner Kreativität keine Grenzen gesetzt.

12.30 Uhr
Zu den üblichen Krankenhauszeiten gibt es auch bei mir in der Schule Mittag essen.

Es gibt ein kleines Büffet, ab dem man sich immer bedienen kann. Jeden tag eine frische Salatbar, Reis und Bohnen und einige wechselnde (Fleisch)gerichte. Letzte Woche hat die Kantine eine Umfrage zu Essens-Qualität und Wünschen gemacht, seitdem schmeckt es merklich besser. Zum Nachtisch gibt es jeden Tag frisches Obst (Banane, Apfel, Papaya). Reis und Bohnen schmecken mir langsam auch  wirklich gut.

13.30 Uhr


„Unser“ Alemão Aplicado Raum, in dem ich wohl die meiste Zeit verbringe, weil dort sonst keiner unterrichtet.

Endlich fängt meine Lieblingsstunde der Woche an. Alemão Aplicado mit den Mädels (Elisabeth und Kaja und zwei andere). Diese Gruppe von Schülern besteht aus Schülerinnen, die alle ein (fast) perfektes Deutsch haben, weil sie aus Deutschland kommen, ein Elternteil aus Deutschland kommt oder sie eine lange Zeit dort gelebt haben. Die Hälfte der gemeinsame Stunden machen wir immer ein Projekt, dessen Stunden ich eigenverantwortlich vorbereiten darf. So haben wir uns schon drei Wochen lang mit dem ökologischen Fußabdruck oder uns mit Fast vs. Fair Fashion beschäftigt. Diese Stunden machen mir besonders Spaß, weil ich in der Vorbereitung tiefer über Themen recherchieren kann, die mich sowieso schon interessieren. Und ich kann in den Schülerinnen ein erstes Bewusstsein für Nachhaltigkeit und verantwortungsvollen Konsum wecken.

15.15 Uhr

Instituições – Rede Sinodal de Educação
Die „Undidade Centro“

Nachdem Alemão Aplicado geschafft ist schwinge ich mich möglichst schnell aufs Fahrrad um ins Zentrum von Joinville zu fahren. Dort hat das Colégio Bonja eine zweite Einheit. Hier verbringe ich meine Dienstag- und Donnerstagnachmittage.
Dort bereite ich die etwas älteren Schüler auf ihre mündliche Deutsches-Sprach-Diplom Prüfung vor. Manchmal proben sie mit mir ihre Kurzvorträge, in anderen Stunden stelle ich ihnen fragen über ihre Familie, Feiertage oder Freizeitgestaltung. Die Fragen werden von der Prüfungskommission des DSDvorgeschrieben. Am Anfang habe ich mich noch unwohl dabei gefühlt mir vollkommen fremde Schüler zu fragen was ihre Eltern beruflich machen oder wo ihre Großeltern wohnen. Aber mittlerweile kenne ich sie schon besser und finde die Antworten super interessant. Für mich ist das ganze ein bisschen wie eine kulturelle Studie.

16.30 Uhr
Mit der Arbeit in der Schule bin ich jetzt fertig. Aber bevor ich nach Hause radle habe ich noch meine Portugiesisch-Stunde. Meine Sprachschule hat Ende letztes Jahres zugemacht, muss aber meinen Vertrag und den von ein paar anderen noch zu Ende führen. Ich treffe mich mit meiner Lehrerin jetzt immer in einem Hinterzimmer einer Anwaltskanzlei. Um dort hinzukommen muss man einmal durch die Büros der Angestellten laufen. Der Qualität des Unterrichts hat das keinen Abbruch getan. Und die Anwaltskanzlei ist nur 200 Meter von der Schule entfernt.
Wenn die Leute mich verstehen macht es mir unheimlich viel Spaß Portugiesisch zu reden und so freue ich mich auf jede Stunde.

17.30 Uhr
Das Pflichtprogramm des Tages ist erledigt. Weil ich sowieso schon im Zentrum bin gehe ich auf dem Heimweg meistens noch einkaufen und bin dann um 18.30 Uhr zuhause.

22.00 Uhr
Damit ich meine 7 Stunden Schlaf bekomme gehe ich ins Bett (manchmal auch früher).
Boa noite.

Gerade erst angekommen oder schon wieder weg

Meine Mutter hat am Wochenende zu mir gesagt sie warte auf einen neuen Blogpost.

Mittwochs habe ich jetzt immer nur eine Stunde und kann, nachdem ich weitere Vorbereitungen getroffen habe, immer schon Mittags zuhause sein. Heute ist Mittwoch und ich war um 12 Uhr zu Hause. Jetzt ist es aber schon 16.30 Uhr und plötzlich kam in mir der Drang auf meiner Mutter ihren Wunsch zu erfüllen und einfach mal anfangen zu schreiben. Spoiler: am Mittwoch habe ich nur angefangen, inzwischen ist es Freitag.

Dann saß ich also vor meinem Computer auf meinem Bett, draußen fällt der Regen. Und ich weiß gar nicht so genau was ich schreiben soll. Das liegt aber eher nicht daran, dass ich nichts zu erzählen hätte, sondern vielmehr daran, dass es zuviel, zu verschiedene Sachen gibt.

Der kulturweit-blog ist voll mit abschließenden Worten. Alle Freiwillige, die nur für sechs Monate im Ausland waren, sind schon zurück in Deutschland. Am Werbellinsee.
Was bedeutet das für mich? Die Hälfte meiner Zeit hier ist schon vorbei.

Eins kann ich mit Sicherheit sagen, ich bin froh, dass es erst die Hälfte ist. Aber wenn die Zeit der zweiten Hälfte genau so schnell fliegt wie die der ersten, dann bin ich im Grunde schon wieder im Flieger zurück. Daran wollen wir aber noch nicht denken.

Das Gefühl, dass ich hier fremd bin und nicht rein passe, fühlt sich mittlerweile bekannt an. Ich erlebe immer noch Sachen zum ersten Mal, aber das „Sachen zum ersten Mal erleben“ habe ich schon ganz oft erlebt. Meiner Meinung nach, bin ich ja inzwischen ganz gut darin.

Denn auf der anderen Seite habe ich mir meinen eigenen kleinen Tagesablauf gebastelt, der mir im Moment wirklich Spaß macht.

Seit drei Wochen gehe ich jetzt regelmäßig abends zum Yoga. Das habe ich vorher noch nie gemacht und dementsprechend umprofessionell sieht das ganze dann natürlich auch aus. Zusätzlich fehlen mir die portugiesischen Vokabeln für Knöchel und Hüfte. (jetzt nicht mehr) Besonders als ich in der letzten Stunde etwas später gekommen bin, war das unangenehm. Es war leider nur noch ein Platz im Zentrum der anderen Teilnehmer frei.
Links und rechts kann ich auch im Deutschen nur nach reichlicher Überlegung auseinander halten. Wenn also alle ihren Linken Arm heben, hebe ich meinen Rechten.
Außer mir scheint das aber keinen zu stören. Alle, die nicht bei den anderen abgucken müssen haben ihre Augen ja geschlossen. Und das ist ganz klar ein Vorteil von meinem Platz in der Mitte der Gruppe-abgucken kann man da super. Trotzdem gehe ich heute ein bisschen früher hin.
Trotz der Verwirrung, die ich in den Stunden vermehrt spüre, sind es die schönsten Stunden der Woche. Den Rest der Woche bin ich mit meinem Gedanken überall und irgendwo (Haben die Kinder verstanden was ich versucht habe zu vermitteln in der Stunde? Wo feier ich Karneval? Was esse ich heute Abend? Heißt „ich bin gefahren“ auf portugiesisch „foi“ oder „fui“?)
Aber beim Yoga, da bin ich irgendwie ganz für mich. Sind meine Bauchmuskeln jetzt genug angespannt? Muss das Bein noch höher? Bedeutet esquerda jetzt rechts oder links?
Auf dem Rückweg bin ich dann immer ganz ruhig.

Dienstags und Donnerstags arbeite ich lang und habe danach noch portugiesisch. Mein Portugiesisch fängt doch jetzt erst richtig an.  Das habe ich hier wahrscheinlich auch schon oft genug geschrieben. Ich bin aber einfach unglaublich fasziniert davon wie man so eine Sprache einfach aus dem Nichts lernt. Am Anfang habe ich wirklich absolut nichts verstanden (auch wenn ich manchmal behauptet hätte es wäre anders um mich nicht zu entmutigen) aber jetzt verstehe ich wirklich was (diesmal wirklich) und ich würde fast behaupten fast alles. Außerdem ist es mir mittlerweile egal, dass ich nicht perfekt spreche, sehr wenig grammatikalische Strukturen benutze. Ich fange einfach an zu reden.
Sehr gut ist außerdem, dass meine sozialen Strukturen sich langsam verfestigen. Und diese Strukturen meistens nur Portugiesisch sprechen, sodass ich gezwungen bin mitmachen.

Und das Wochenende, ja das Wochenende. Also, hier gibt es zwei verschiedene Arten von Wochenenden. Es gibt die regnerischen und die sonnigen. An erstgenannten ist das mit der Freizeitgestaltung ein bisschen schwierig. Gerne schlafe ich dann aus, gehe auf den Biomarkt von Joinville (gibts hier tatsächlich), dann Skype ich, koche ein aufwendiges Frühstück. Dann ist meistens schon Samstagnachmittag. Ich habe schon versucht, die restliche Zeit des Wochenendes ganz brasilianisch im Shoppingcenter zu verbringen, aber das werde ich wohl nie wieder machen. An einem regnerischen Wochenende sind da eine meeeeeeenge Leute. Außerdem jede Menge Kleidungsläden, Kinos, Trampolin-Hüpf-Möglichkeiten, Cafés. Und wenn eine menge Brasilianer auf ein Shoppingcenter treffen ist der Konsum groß. Da fühle ich mich irgendwie unwohl.
Ganz anders sieht die Realität an einem sonnigen Wochenende aus. Dann versuche ich möglichst früh aufzustehen um den ersten Bus zum Strand zu bekommen. Der zweite fährt nämlich zu spät und kommt dann erst nachmittags an.
Oder ich werde von den Deutschlehrerinnen, die mittlerweile ein bisschen wie Freunde geworden sind, mit zum Strand genommen. Meistens fahren wir dann schon um acht um dem Stau zu entkommen. Ihr seht: auf dem einen oder anderen Weg geht es immer zum Strand.
Auf Sao Francisco do Sul, einer Halbinsel östlich von Joinville, habe ich jetzt einen Surflehrer gefunden, bei dem ich Samstagmorgens bei guten Konditionen für einen sehr akzeptablen Preis  eine Surfstunde nehmen kann.

Einmal pro Woche backe ich mein eigenes Brot, denn das brasilianische Toast, macht einfach nicht satt. Ich versuche so viel Obst zu essen wie möglich und weiß wo ich das frischeste Gemüse und beste Acai finde.

Soviel zu meinem Alltag, der immer wieder durch neues aufgebrochen wird.
Ich hoffe der Blogpost ist so in Ordnung, Mama. Und tut mir leid, dass du länger drauf warten musstest als ich gesagt habe.

Liebe Grüße und bis Bald,

Eure Clara

Die erste Traube

In den letzten Wochen hatte ich von allem wirklich viel. So viele neue Gesichter, viele neue Gedanken, viel Essen, viel Café de leite, viele neue Landschaften, viele Geschichten, viele Abschiede, viel Sonne, viel Sonnencreme, viel Spaß. Nur eines hat mir irgendwie gefehlt. Die Zeit.  Und überall finden sich Rückstände des Mangelzustands.

Auf meinem Handy warten Nachrichten von vor zwei Wochen auf eine Antwort. Alles, was nicht innerhalb von 15 sek. beantwortet werden kann wird nicht beantwortet. Jedenfalls vorläufig nicht. Davon können sicher noch mehr kulturweit-Freiwillige ein Lied singen. Die Frage: „Wie geht es dir?“ ist oft schwieriger zu beantworten als man denkt.

Und was soll ich sagen: auch für einen neuen Blogeintrag hat mir auch die zeit gefehlt. Oder die Motivation?

Vor fast genau einer Woche bin ich nach 6 Wochen reisen wieder in Joinville angekommen. Und, ich kann es gar nicht anders sagen. Es war viel.

Die ersten Tage habe ich in Florianopolis verbracht. Dort habe ich im Hostel eine Gruppe von alleinereisenden Brasilianerinnen („Sozinhas“)  getroffen. Mit ihnen habe ich zwei Tage einfach am Strand gelegen. Crashkurs in Portugiesisch.

Aufgrund meiner Unachtsamkeit bezüglich der Abfahrtzeit meines Buses habe ich dann fast meinen Bus am Rodoviaria verpasst. Gott sei Dank war aber nicht nur ich verspätet, sondern auch der Bus. Ich habe mich noch nie so sehr über eine Verspätung gefreut. Nach zwei Stunden warten war aber auch diese Freude verschwunden. Du kannst über die Busfahrt alles bei „Zwischen den Ländern“ lesen.

Die ersten anderthalb der Wochen meiner Ferien habe ich bei der ehemaligen Gastfamilie meiner Mutter verbracht. Für mich war es super interessant neben Brasilien nochmal ein anderes Land in Südamerika so intensiv kennen lernen zu können. Zusammen mit ihnen habe ich Weihnachten und Neujahr verbracht.
An Neujahr musste jeder 12 Trauben essen, eine für jeden Monat. Meine erste Traube ist jetzt schon vorbei.

Den Anfang des Januars haben wir in Cabalango verbracht. Ein kleiner Ort ungefähr eine Stunde entfernt von Cordoba Capital. Dort sind wir jeden Tag an den Fluss gegangen haben frittierte Teigwaren mit Dulce de leche gegessen und gelesen.

Am 6. Januar habe ich die Familie dann hinter mir gelassen und bin alleine nach Mendoza aufgebrochen.
Mendoza ist bekannt für seine guten Rotweine, speziell die Traube Malbec ist für die Region sehr gut geeignet. Und so habe ich meine Zeit dort hauptsächlich mit Wein trinken und (mal wieder) essen verbracht.
Ich war mir erst nicht sicher ob ich die tage dort alleine verbringen müsste und war total überrascht wie einfach man im Hostel Leute kennen lernen kann. Viele meiner Bekanntschaften habe ich einfach morgens beim Frühstück angesprochen, weil sie das selbe geplant hatten wie ich. Abends waren wir dann zusammen feiern.

Zusammen haben wir uns zum Beispiel Fahrräder ausgeliehen und sind verschiedene Bodegas (dt. Winzer) abgefahren.

           

Wegen der vielen netten Leute, die ich dort kennengelernt habe fiel mir der Abschied entsprechend schwer, aber Chile hat schon auf mich gewartet.

Alle haben sehr empfohlen die Strecke zwischen Mendoza und Valparaiso am Tag zu fahren, weil der Weg direkt durch die Anden führt und sehr schön ist. Diesen Tipp kann ich nur an alle weiter geben. Mit einem guten Podcast (@hotelmatze) und einem gut gemischten Studentenfutter habe ich die Aussicht genoßen.
Im Abendlicht bin ich dann in Valparaiso angekommen.

Am nächsten Morgen ist Maria angekommen, kulturweit-Freiwillige aus Argentinien. Wir haben vorher durch Zufall mitgekriegt, dass wir ungefähr zur selben Zeit reisen und uns verabredet.  In Valparaiso haben wir die nächsten Tage hauptsächlich damit verbracht durch die Straßen zu laufen, Fotos zu machen, Murals anzugucken.
Die Stadt war aufgrund ihres Status als UNESCO Weltkulturerbe Stätte etwas voll. Besonders an der Stadt hat mir gefallen, dass der Hafen so integriert in das Stadtbild war. ich habe rausgefunden: ich liebe Häfen. Deshalb war mein persönliches Highlight auch die Rundfahrt durch den Hafen bei Sonnenuntergang.

Der nächste Stopp war Buenos Aires. Darauf hatte ich mich vorher besonders gefreut und ich kann sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde. Überall große Bäume, kleine Straßecafes an der Ecke, prächtige Gebäude.
Die ersten drei Tage dort habe ich alleine verbracht. Ich habe Museen besucht (MALBA,  Museo Nacional de Bellas Artes und Museo de Arte Moderno). Ich war auf dem Markt von San Telmo, habe Empanadas gegessen und Büchereien besucht.

An meinem vierten Tag sin dann meine Eltern gekommen und zusammen haben wir noch 3 weitere Tage in der Stadt verbracht. Hauptsächlich sind wir mit dem Fahrrad dorthin gefahren wo es schön aussah und  haben Café de leche getrunken. Es war schön die gemeinsame Zeit genießen zu können-wir hatten viele gute Gespräche.

Auf unserem Weg zurück nach Brasilien haben wir noch einen Stopp in Uruguay gemacht und so haben wir die Fähre von Buenos Aires nach Montevideo genommen. Wie, die uns auf eine schöne Fährfahrt gefreut hatten, waren mächtig enttäuscht. Die Fähre die wir genommen haben, sei ein Schnellboot und deshalb könne man nicht draußen sein, sagte man uns. Jetzt werden sich einige denken dann guckt man eben aus dem Fenster. Auch das war aufgrund der Folien, die vor den Fenstern klebten nicht möglich. Wir haben drüber gelacht und in Montevideo  angekommen sind wir dann auch.

Dort sind meine Eltern für die nächsten beiden Tage geblieben undicht bin am nächsten Morgen weiter nach Rocha gefahren. Eine kleine Stadt etwas weiter Nord-östlich von Montevideo, in deren Nähe eine Estancia (zu dt. Reiterhof?) liegt. Ich hatte total Lust mal wieder zu reiten und im Internet sah der Ort total toll aus.
Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Zwei Tage lange habe ich in einem Zimmer über den Sierras von Rocha geschlafen, bin ausgeritten und mit vegetarischem Essen verwöhnt. Die Ausritte durch die urugayanische Landschaft waren wohl eins meiner Highlights. Zum Grundstück gehörte auch ein kleiner Fluss mit Palmen (!) in dem man schwimmen konnte. Jeden Abend gab es Rotwein en masse und interessante Gespräche.

Umso trauriger war es wieder zu fahren. Auch wenn man an den meisten Orten nicht mehr als eine Woche verbringt, hier waren es nur zwei Nächte, hat sich der Abschied immer so angefühlt als würde man ein neues zuhause verlassen, dass man gerade erst lieben gelernt hat.

In Punta del Este, Strandstadt Uruguays, bin ich wieder auf meine Eltern gestoßen. Zusammen haben wir den Bus nach Florianopolis bestiegen. Zurück nach Brasilien!

Es war total schön nach wochenlanger Trennung wieder in Brasilien zu sein und portugiesisch zu hören.
In Campeche, einem Ort im Osten der „Ilha Santa Catarina“ haben wir unsere letzten Tage am Strand verbracht.

Jeden Morgen sind wir an den Strand gegangen, zum Surfen, Schwimmen, lesen. Am Nachmittag sind wir mit dem Auto, das wir geliehen hatten dann zu einem anderen Teil der Insel gefahren.
Mein Lieblingsausflug war zur Lagoinha do Leste, einem Strand, der nur mit dem Boot oder zu Fuß zu erreichen ist. Und deshalb hatten wir doch noch unsere schöne Bootsfahrt, die fast schöner war als der Strand.

Unsere letzte Station vor Joinville, dem Heimathafen, war Estaleiro. Dort hatten wir über eine Reiseagentur eine Wanderung durch den subtropischen Wald Brasiliens gebucht. Am Morgen sind wir so um neun aufgebrochen und ein paar Kilometer ins Inland gefahren. Von einer alten Mühle aus ging es los in den Wald. Gegen die Schlangenbisse hatten wir um die Unterschenkel dicke Ledergamschen. 5h lang sind wir damit auch den Wald gelaufen, unser Guide hat uns die verschiedensten Blumen und Bäume gezeigt. Wir haben wilde Limetten gepflückt, sind an Lianen durch den Wald geschwungen. Es war super interessant, den Wald den ich in Joinville immer nur von außen sehe mal von innen erkunden zu können.

Mein persönliches Highlight kam allerdings nach der Tour. Adi, unser Guide, hat uns zu einem Bambusbaum geführt. Dort mussten wir ein ca. 20 cm lange Intermodie eines Bambus finden. Und wisst ihr was ungefähr 20 cm lang sein sollte? Genau – ein Caipirinhastößel. Ich habe jetzt also meinen eigenen Caipirinhastößel aus Bambus, etwas mehr als 20 cm lang mit eigener Gravur. Selber abgeschnitten. Ich möchte es nur nochmal betonen: Ich bin jetzt Besitzer meines eigenen Caipirinhastößels aus Bambus, den ich selber abgeschlagen und graviert habe. Liebe Freunde zu Hause, ihr könnt euch auf eine Caipirinhaparty freuen wenn ich wieder da bin.

Am Abend sind wir dann zu einem Pizza Rodizio gegangen, etwas was hier in Brasilien tatsächlich sehr bekannt ist. Es ist so ähnlich wie ein „All you can eat“ Pizza Büffet. Nur, dass die verschiedenen Pizzen von den Kellnern herumgetragen werden und man gefragt wird ob man ein Stück möchte oder nicht. Genau die richtige Stärkung nach einer anstrengend Tour, bei der wir durch die hohe Luftfeuchtigkeit sehr viel geschwitzt haben.

Nach diesem einschneidenden Erlebnis sind wir am nächsten Morgen in Richtung zu Hause aufgebrochen. Auf gehts in die zweite Hälfte des FSJ!

Irgendwo zwischen den Ländern

Schon seit Stunden sitze ich auf dem selben Platz. Nr.1 im zweiten Geschoss direkt über dem Fahrer ganz vorne links im Flechabus von Florianopolis, Santa Catarina nach Santa Fe, Argentinien. Hier kann man am Besten rausgucken: vor mir eine große Scheibe, links gehen die Fenster weiter, wenn nur die Gardinen nicht wären.

Langsam arbeiten wir uns auf der endlos langen Straße fort.

Erst entlang der brasilianischen Küste immer weiter nach Süden. Während es langsam immer dunkler wird sieht man manchmal noch das blaue Meer aufblitzen.  Hoch und runter, immer wieder eine Kurve. Die Autobahn ist dreispurig, der Bus zu breit für nur eine Spur und so fährt er einfach in der Mitte. Ich bin müde, aber noch ist die Sonne noch nicht ganz untergegangen. Links und rechts der Straße sind so viele Dinge zu sehen, die ich nicht verpassen will.

Es ist eiskalt, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Warum versucht der Busfahrer uns erfrieren zu lassen?

Endlich ist es 22 Uhr , draußen ist es schwarz. Die Nacht wird nur unterbrochen durch die Lichter der Laternen und Autos. Also klappe ich meinen Sitz noch weiter nach hinten und lehne meinen Kopf an das Fenster.

Irgendwann um 2 Uhr schrecke ich auf. Wir halten kurz vor Porto Alegre, Rio Grande do Sul an einer riesigen Raststätte, auf der mehrere Busse aufgereiht stehen um weitere Passagiere aufzusammeln. Auf den Platz neben mir setzt sich eine ältere Dame. Ich drehe mich um und bin schon wieder eingeschlafen als der Bus wieder auf die Autobahn fährt.

Irgendwann zwischen 6 und 9 Uhr wache ich endgültig auf. Auf GoogleMaps sehe ich, dass wir uns am äußersten Zipfel von Rio Grande do Sul befinden. Dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens, direkt angrenzend an Argentinien und Uruguay. Seit gestern Abend hat sich die Landschaft verändert. Das Land ist flach, weniger grün. Immer wieder überholen wir LKW´s, immer wieder überholen uns Autos. Aus jedem Bus, der uns entgegenkommt winkt jemand. Einmal wedelt ein anderer Busfahrer freudig aufgeregt sein weißes Stofftaschentuch. Wir kommen der Grenze immer näher. Imm wieder muss an mich an meinen Reisepass denken, den der Busfahrer mir abgenommen hat, als ich eingestiegen bin. Hoffentlich fällt der kleine Zettel der Receita Federal wegen meines Visums nicht raus. Wahrscheinlich hätte ich ihn doch mit einem Tacker befestigen sollen.

Trotzdem glücklich sitze ich auf meinem Platz, freue mich über jede Kuh, an der wir vorbei fahren. Abwechselnd höre ich Podcasts und Musik. Das Lesen gebe ich schnell wieder auf, weil ich mich dann auf den Bildschirm meines Kindle konzentriere und verpasse woran ich vorbeifahre. Jetzt würde nur ein Kaffee die Situation perfektionieren. Meine Sitznachbarin löst abwechselnd Kreuzworträtsel und Sudoku, ab und zu schreibt sie Nachrichten. Irgendwann nach 10 Uhr kommen wir an der brasilianischen Grenze an, endlich bekomme ich meinen Reisepass mit dem Papierschnitzel wieder. Nur um ihn gleich darauf an der argentinischen Grenze wieder zu verlieren. Der Stempel mit dem ich ihn später wiederbekomme ist enttäuschend einfallslos. Aber hier kann ich mir endlich einen Kaffe und eine Packung Kekse kaufen.

Mit einer Packung Kekse und Kaffee an der Grenze. Ich sitze auf dem Bürgersteig im Schatten vor dem Imbissverkauf und beobachte die Autoschlange, die sich langsam von Brasilien nach Argentinien schiebt. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Bus wieder. Endlich kann ich mich wieder auf meinen Platz hinsetzen. Nachdem ich jetzt wirklich lange die endlos weite argentinische Landschaft beschaut habe, wird es mir jetzt doch etwas langweilig und ich schlage mein rotes Kindle auf. Mit Buch und Keksen schwinden die Stunden nur so vor sich hin.

Irgendwann werde ich das Lesen leid, aber mein Handy hat inzwischen geladen. Um ein bisschen Abwechslung zu erzeugen gönne ich meinen Ohren ein bisschen Musik.

Das brasilianische Mädchen neben mir verbessert mit Hilfe ihrer Sitznachbarin ihr spanisch. Für ihren Freund, den sie das erste Mal in seiner Heimat Argentinien besuchen fährt.  Die ältere Dame packt ihre Cuia aus und schüttet etwas Erva hinein. Dann gießt sie das ganze mit Wasser auf. Genüßlich genießt sie ihr Chimarrao. Wir fahren vorbei an kleinen und großen Seen, an einem steht eine Ansammlung von Autos. Eine Gruppe von Menschen hat ein großes Zelt aufgebaut, unter dem sich jetzt alle vor der Sonne verstecken.

Minutenlang versuche ich irgendwie Netz zu bekommen. Wenn wir an einer Ansammlung von Häusern vorbeifahren scheint das Netz zu funktionieren und ich gebe meinen Aufenthaltsort durch. „According to Google Maps it will take two more hours.“ Unsere eigentliche Ankunftszeit ist schon längst vergangen.

Aber fast wie in einem Traum fahren wir plötzlich in eine größere Stadt ein. Überall Menschen, ein richtiges Straßennetz. Wir fahren nicht mehr nur noch gerade aus sondern biegen ab. Mal nach links, mal nach rechts.

Viel zu schnell erreichen wir den Busbahnhof von Santa Fe. Ich will doch noch nicht aussteigen! Aber erleichtert, dass ich wieder alle meine Sachen im Blick habe, nehme ich meinen Backpack entgegen.

Voll bepackt laufe ich ins Gebäude. Wo soll ich jetzt hin? Wo werde ich abgeholt? Nach wenigen Minuten unsicheren Wartens läuft strahlend ein Mann auf mich zu.

É verão

Jedes Mal wenn ich aus der klimatisierten Schule komme werde ich umarmt. Von der Hitze, die die Stadt seit zwei Wochen erfasst hat. Weil ich immer mit dem Fahrrad unterwegs bin komme ich überall schweißgebadet, und ich meine gebadet, an. Den Lärm vom Ventilator in meinem Zimmer nehme ich schon gar nicht mehr war. Haare trocknen in zehn Minuten.

Und mit dem Umschwung des Wetters kann auch ein Umschwung meiner Laune. Mir geht es einfach gut.

Der Regen war viel und lang. In der Schule war es in den letzten Monaten hauptsächlich meine Aufgabe vor dem Computer zu sitzen um Materialien für drei verschiedene Arbeitsbücher als Vorbereitung auf die DSD-Prüfungen herauszusuchen. Ich sitze nicht gerne vor dem Computer. Ich mag es nicht alleine zu arbeiten, werde super schnell müde und kann mich nicht mehr konzentrieren. Also war ich unzufrieden mit meiner Arbeit in der Schule. Und wegen des Wetters hat auch meine Freizeit keine Abwechslung geboten.

Aber jetzt scheint die Sonne. Seit Ende letzter Woche haben einige der Schüler schon Ferien, die letzten wurden gestern in den Sommer entlassen. Ich war nicht mehr alleine in meinem kleinen Raum. Immer waren eins/zwei andere Leute da mit denen ich zusammen gearbeitet habe. Zwischendurch haben wir die Arbeit unterbrochen um uns ein bisschen zu unterhalten. So habe ich auch endlich die Lehrer ein bisschen besser kennengelernt. Morgen fahre ich mit einigen Bekanntschaften meiner letzten Woche an den Strand. Außerdem hatte ich mit meinen Ansprechpartnern ein erstes Gespräch über meine Aufgaben nächstes Jahr. Ich werde die Expat-Kinder im Teamteaching unterrichten, die brasilianischen Schüler auf die mündliche DSD Prüfung vorbereiten. Aus meiner Idee eines „Deutsch-Newsletters“ durch den wir monatlich Bücher, Musik, Ereignisse aus Deutschland teilen wurde ein Instagramaccount, den ich nächstes Jahr für die Sprachabteilung machen werde.

In der Schule benutzen die Schüler immer Plastikbecher um sich Wasser aus den Spendern zu nehmen. Um das zu minimieren (vllt ganz abzuschaffen) will ich nächstes Jahr, wenn die Marketingabteilung das erlabt, einen Design-Wettbewerb für Trinkflaschen organisieren. Die Trinkflaschen sollen die Schüler dann als Teil der Schuluniform erwerben. Was ich damit zeigen will: meine Aufgaben werden vielseitig sein und ich freue mich darauf das es nach den Ferien losgeht.

Die Ferien. Natürlich halten auch die Ferien den Gemütszustand hoch, ich kann es kaum erwarten wieder zu reisen, im Hostel zu schlafen, neue Leute kennenzulernen. Ich habe eine, wie ich finde, tolle und abwechslungsreiche Route geplant und freue mich sehr darauf, dass es endlich losgeht. Mehr dazu im nächsten Blogpost.

Alle waren so begeistert von der Schönheit der Portugiesischen Sprache, als ich erzählt habe, dass ich die im nächsten Jahr lernen werde. Und um ehrlich zu sein: ich habe nicht verstanden, was alle daran so toll finde. Aber es ist als wäre ein Schalter umgelegt worden. Ich weiß jetzt was ihr meint! Durch diese Entdeckung habe ich jetzt noch mehr Motivation meine Zeit hier zu nutzen um Portugiesisch zu lernen. Und in den letzten Wochen habe ich wirklich einen Schub erfahren. Ich kann jetzt einfache (sehr einfache!) Sätze grammatikalisch richtig bilden.  Andere Sätze bestehen einfach aus aneinander gereihten Nomen und umkonjugierten Verben. Ich sage jetzt nicht mehr: Eu nao falo portuguese, wenn ich nicht verstanden werden. Sondern: Eu sou falo um pouco portuguese. (Beide Sätze ohne Akzente. Ich habe keine Lust, die aus meiner deutschen Tastatur herauszukitzlen.)  In meiner letzten Portugiesischstunde vor den Ferien, also gestern, hat mir meine Lehrerin ein Kompliment für mein Portugiesisch gemacht, das für die zehn Stunden schon sehr gut sei. Jetzt muss ich es nur noch schaffen meine Kenntnisse über die Ferien zu retten, die ich hauptsächlich in den spanischsprachigen Nachbarländern verbringen werde.

Und was soll ich sagen, einen ganz großen Teil zu meinem Glück hat auch mal wieder das Essen beigetragen. Nachdem ich am Montag den Bioladen Joinville´s entdeckt habe, in dem der Tofu nur 9 Reais kostet, war ich heute Morgen auf dem Biomarkt. Besonders der Käse, den ich dort auf Portugiesisch erstanden habe lässt mein Herz höher schlagen. Endlich mal einer der nicht nur nach Butter schmeckt! Außerdem habe ich angefangen Brot zu backen und mich dazu entschieden nie wieder welches zu kaufen. Eins ist gerade im Ofen, damit ich den Käse auch genügend zelebrieren kann, und es riecht toll!

Clara

Rupac-warum geht der Mensch wandern?

Trotz der harten Matratze im Bett des Hostels habe ich gut geschlafen. Am Samstagmorgen wird meine freudige Erwartung nur davon geschmälert, dass ich die süßen Honigpops vom Hostel-Frühstück verpasse. Die haben mich an meine gaaaanz jungen Jahre erinnert, in denen ich die wahrscheinlich kiloweise mit Milch in mich reingeschüttet habe. Aber das Frühstück fängt erst um acht Uhr an und ich treffe mich schon um sieben (oder war es sieben Uhr dreißig?) mit Luisa und Johanna am Gran Terminal Terreste in Lima, Peru.  Als ich dort ankomme ist das Zelt, das wir uns übers Wochenende ausleihen schon da und so können wir am Z-Buss Schalter direkt unsere Tickets kaufen. Dank der UNESCO und unseres von kulturweit so toll konzipierten Freiwilligenausweises bekommen wir sogar den ermäßigten Preis. Wir fahren erst mit dem Bus zwei Stunden aus Lima raus in die kleine Stadt Huaral. Das Grau der Stadt wandelt sich langsam zum Grün der Erdbeerfelder außerhalb Limas.

An dieser Stelle könnte ich vielleicht kurz erklären was wir überhaupt vorhaben. Zu diesem Zeitpunkt WOLLEN wir noch wandern gehen. Circa vier Stunden von Lima entfernt gibt es auf 3.700 Metern Ruinen einer Stadt einer präinkaischen Kultur, die man nur durch eine 3-4 h lange Wanderung erreichen kann. Das ist unser Ziel, noch liegt ein langer Weg von uns.  Ursprünglich wollten Luisa und ich nach Macahuasi, eine Wanderung die sehr ähnlich verläuft aber bekannter ist und deshalb mehr ausländische Touristen anzieht. Spontan hat Johanna sich angeschlossen, die schon in Macahuasi war, aber von ihrem Mitbewohner den Rupac-Tipp bekommen hat. Diese Wanderung ist weit weniger bekannt und so hatten wir von Anfang an Angst, dass wir die einzigen sein würden, die auf dem Berg übernachten.

In Huaral also besorgen wir uns ein Taxi, dass uns in circa zwei Stunden 3.000 Meter hoch in die Anden fahren soll. Beziehungsweise es wird uns besorgt. Natürlich fallen wir mit unseren Backpacks auf dem Rücken auf und man kann uns als ausländisch identifizieren. Dann kommen meistens viele Männer mit Autoschlüsseln in der Hand angerannt und bieten dir ein Taxi an.  Dieses Mal brauchen wir tatsächlich eins und so sitzen wir schnell zusammengepresst auf der Rückbank eines funktionstüchtigen Autos. Spontan fällt uns auf, dass keiner von uns vorher das Wetter gecheckt hat. Dank mobiler Daten lässt sich das (glücklicherweise) nachholen. Erschreckt und ein bisschen belustigt stellen wir fest, dass Regen bzw. Gewitter und Kälte vorhergesagt ist. Warum ist hier außer uns eigentlich kein anderer, der aussieht als würde er wandern gehen wollen?

Wir haben Glück: mit dem nächsten Bus kommt doch tatsächlich ein Mann mit Rucksack, und es werden mehr! Dann sitzen wir wenigstens nicht alleine im Regen! Kurze Zeit später joint uns auf unsere Rückbank eine Peruanerin aus Lima, ihr Freund nimmt vorne Platz. Da das Auto jetzt aber auch wirklich voll ist beginnen wir unsere Fahrt. Im Auto ist es eng und je höher wir uns den staubigen Bergweg hocharbeiten desto heißer und eben staubiger wird es im Auto. Das wäre ein Problem, wenn der Fahrer nicht einen wirklich guten Mix an englischsprachiger Musik und Reggaeton auf seinem Stick hätte.

So passieren wir La Floripa, eine fast verlassenen Stadt in den Anden. Hier kassiert ein älterer Peruaner ein paar Sol. Unser Eintritt in die Berge! Nach weiteren dreißig Minuten kommen wir in der Geisterstadt an, in der man seinen Aufstieg beginnt. Die ehemaligen Bewohner haben die Stadt verlassen als La Florida ans Stromnetz angeschlossen wurde. Jetzt gibt es hier nur noch ein Restaurant, in dem wir Tequenos und Choclo con queso essen. Unsere letzte richtige Mahlzeit.

Dann beginnen wir unseren Aufstieg, schon nach 15 min. sind wir nicht sicher ob wir auf dem richtigen Weg sind. Ein bisschen irritiert und begleitet von einer Kuh gehen wir einfach weiter. Es stellt sich heraus, dass wir natürlich richtig waren. Kurzer Fotostopp auf der so pitoresken Brücke, weiter gehts. Durchschnittlich wahrscheinlich alle 45 min. machen wir eine Pause. Kekse werden verspeist, Zitronenbonbons werden gelutscht. Die helfen gegen die Höhe. Es wird immer heißer, die Sonne brennt auf unsere Haut. 

 

 

 

Am Wegrand gibt es keine Schilder die anzeigen, wie viel man schon geschafft hat. Also können wir nach jeder Kurve oder Windung nur hoffen, dass die Ruinen, die man manchmal aufblitzen sieht, näher kommen. Oder das die Geisterstadt, die wir zurückgelassen haben immer weiter weg erscheint. Immer mehr merke ich, dass ich fürs Fahrrad geschaffen bin. Zu Fuß ist man so unglaublich langsam. Der Weg ist insgesamt 7 km lang, das schaffe ich mit dem Fahrrad in unter 30 Minuten, geht mir immer wieder durch den Kopf. Leider ist kein Fahrrad dabei und der Weg eignet sich auch wirklich nicht.

Auf jeder Pause finden wir erneut Motivation. Zum Beispiel werden nach circa anderthalb Stunden die Esel an uns vorbeigetrieben. Bepackt mit den Habseligkeiten der Mitwanderer. Wir haben uns gegen Esel entschieden, wenn wir uns aus freien Stücken für den Aufstieg entscheiden, soll auch kein anderer unsere Sachen schleppen. Vorangetrieben vom Stolz geht es also weiter.

Man merkt den Höhenunterschied schon sehr. Die Schritte sind, für meine Verhältnisse, winzig und genau so ineffizient fühlt sich jeder Atemzug an. Auf der nächsten Pause bezeichnet man uns als „Kriegerinnen“, das spornt an!

Irgendwann passieren wir das 800 Meter Schild. Was sind schon 800 Meter wenn man 6 KILOmeter hinter sich hat? Immer mehr wird allerdings klar 800 Meter sind eben auch fast ein Kilometer. So schnell können wir dann doch kein Bergfest feiern. Nach gefühlten Ewigkeiten kommt das 300 Meter Schild, das ist jetzt wirklich nicht mehr so lange!

Nach drei Stunden Aufstieg haben wir es endlich geschafft, um 18 Uhr kommt der Zeltplatz in Sicht. Auf den letzten Metern treffen wir einen Guide, der uns freundlicherweise in seine Gruppe aufnimmt. So haben wir als wir ankommen direkt einen Zeltplatz am Lagerfeuer. Das Zelt ist schnell aufgebaut und uns wird eine kleine Tour angeboten, nehmen wir natürlich dankend an!

Kurze Information aus dem Off: ich bin an dieser Stelle schon weeeeeeeeit über der empfohlenen Wortanzahl von 500, wer will kann nachzählen. Trotzdem werde ich weiter schreiben und freue mich über jeden, der es bis jetzt geschafft hat und weiter liest. 

Mit den anderen Teilnehmern der Reisegruppe, die wahrscheinlich tatsächlich für diese Tour bezahlt haben, geht es in die Ruinen. Mein persönliches Highlight ist der Sonnenuntergang, der wahrscheinlich schönste (und verdienteste!) meines doch so kurzen Lebens.

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Rückweg wird Feuerholz gesammelt, dann geht es für eine kurze Pause ins Zelt. Wir ziehen uns eine Schicht mehr an, es wird sehr kalt! Nachdem wir ungefähr eine Stunde geruht haben bekommen wir Hunger und packen so unser Abendbrot aus. Am Abend zuvor waren wir einkaufen und so haben wir Käse, Baguette, Aufstrich und Thunfisch.

Physisch geht es für mich nach dem Abendbrot leider bergab. Ich bekomme Kopf- und Bauchschmerzen. Das wird durch den harten Untergrund, auf dem wir liegen nicht unbedingt besser. Trotzdem werden wir irgendwann zum Lagerfeuer gerufen, die Hitze des Feuers tut gut. Uns wird ein Marshmallow und Koka-Tee angeboten. Nach einer Gruselgeschichte, die mir glücklicherweise erst am nächsten Tag übersetzt wurde, gehen wir ins Bett.

Alles anziehen was geht und versuchen zu schlafen! Die Betonung liegt auf versuchen, das ganze fällt leider nicht besonders erfolgreich aus. Während die anderen beiden neben mir scheinbar friedlich vor sich hin schlummern liege ich grübelnd wach. Natürlich bin ich am nächsten Tag nicht besonders ausgeschlafen. Außerdem merke ich stark, dass die 3.700 Meter mich daran hindern so zu Atmen wie ich will.

Ich fühle mich absolut elend und meine körperliche Fitness fühlt sich stark eingeschränkt an. Tolle Vorraussetzungen für den Abstieg, denke ich mir. Aber erstmal gibt es Frühstück: Dosenpfirsiche, Bananen und Äpfel. Langsam versuchen wir unseren Kreislauf hochzufahren. Endlich erreicht die Sonne unser Zelt und die Kälte hat ein Ende. Die anderen machen noch einen letzten Rundgang. Ich bleibe lieber auf einem Stein sitzen und sammle meine Energie.

Weil wir so viel gegessen haben fühlt sich wenigstens der Rucksack viel leichter an, als wir ihn umschnallen und ich falle nicht wie erwartet hinten über. Wie beginnen unseren Abstieg, ich setze einfach einen Fuß vor den anderen. Noch bevor wir das 800 Meter Schild erreichen spüren ich wie der Boden unter meinen Füßen wegrutscht und falle einmal der Länge nach hin. Ich sehe aus, wie eine Schildkröte, die auf ihrem Panzer liegt. Während des Sturzes sehe ich mich schon auf einem Esel den Berg runter reiten, vielleicht kann mich jemand abholen. Das alles passiert nicht. Ich stehe auf, bekomme ein bisschen Desinfektionsmittel auf meine Hände und begleitet von einem schmerzenden Steißbein geht es weiter.

Ich passe erheblich auf nicht noch einmal hinzufallen, laufe ganz hinten und konzentriere mich einfach auf die Gespräche von Luisa und Johanna. Schon gestern haben wir uns gefragt: aus was für einem selbstzerstörerischen Willen heraus entscheidet man sich wandern zu gehen? Bestimmt 70% der Zeit ging es bei unserem Ausflug darum wann wir da seien, wie lange es noch brauche, wir haben uns darüber ausgetauscht wie elend es uns ginge. Es schien absolut keinen Spaß zu machen. Und doch hat sich jeder von uns vorher dazu entschieden mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken sieben Kilometer Land staubige Wege hoch zu laufen. Es muss das Gefühl sein, wenn man ankommt. Wenn man weiß, dass man es geschafft hat. So hoffen wir jedenfalls.

Pausen legen wir aus strategischen Gründen im Schatten ein. Sie sind weitaus kürzer als gestern, dafür gibt es mehr. Langsam und Schritt für Schritt arbeiten wir uns voran. Ich rede nicht viel, folge nur den Anderen und so geht es Minute für Minute den Berg herab. Da ist der Stein, an dem wir gestern verzweifelt sind. Hier das Schild, auf dem steht, man solle auf die Natur achten. Nur die Zitronenbonbons und die billigen Schokokekse halten uns am Leben.

Mal werden wir von einer Gruppe überholt, mal überholen wir selber.

Irgendwann hören wir den Wasserfall, vor dem wir gestern unser erstes Foto gemacht haben. Hier noch eine letzte Pause, bevor es nochmal ein paar hundert Meter bergauf geht und wir endlich die Geisterstadt erreichen. Wir setzen uns in den Schatten, essen unsere letzten Kekse, fragen uns ob es das alles wert war. Rückblickend kann ich sagen: Ja. Wir hatten so viele Insider nach dieser kurzen Zeit, so vieles über das wir im Rückblick lachen können. Man vergisst wie absolut elend man sich gefühlt hat und erinnert sich nur noch daran wie schön die gemeinsame Zeit und der Geschmack der Zitronenbonbons ist.

Mit diesem Gedanken im Kopf schaffen wir auch noch die letzten Meter, die leider zahlreicher sind als erwartet. Viermal legen wir eine Pause ein. Ich will nicht sterben kurz bevor wir ankommen, dann lieber eine Pause mehr. Natürlich gehen wir am Ende noch ein bisschen falsch, sodass wir nicht beim Restaurant rauskommen, sondern etwas weiter oben. Die letzte Strapaze unserer Reise ist es also den Berg hinabzuklettern.

Ich erinnert mich jetzt noch an den Moment. Noch nie war es so schön auf einem Plastikstuhl zu sitzen mit einer Banane in der Hand, der Rucksack steht daneben. Mit einer kalten Cola in der Hand (die ich eigentlich gar nicht mag) und man weiß, gleich steht man nicht wieder auf um weiter zu gehen. Um durch so kleine Dinge, ein so schönes Gefühl hervorzurufen muss man wahrscheinlich eine strapazierende Wanderung hinter sich haben.

Weil es der Zufall so wollte waren der Donnerstag und Freitag vor dem Start meines Zwischenseminars in Brasilien Feiertage. Und so bin ich schon am Donnerstagmorgen in den Flieger nach Lima, Peru gestiegen. Und ich muss sagen, ich habe es sehr genossen. Erst habe ich gewartet, dass das Boarding losgeht und dann darauf, dass das Flugzeug wieder landet und die ganze Zeit habe ich einfach meinen Gedanken nachgehangen. Das hatte ich schon lange nicht mehr.

Nach einem Stoppover in Sao Paulo, bin ich also gegen 22 Uhr am anderen Ende Südamerikas angekommen. Als erstes habe ich im Taxi dann das Fenster ganz aufgemacht um nichts von der Stadt zu verpassen. Im Hostel angekommen bin ich nur noch ins Bett gefallen…

…schließlich wollte ich am nächsten Tag Lima erkunden. Früh um acht hat also mein Wecker geklingelt, was Gott sei Dank keinen stören konnte, da ich alleine im Zimmer war. Nach einem Frühstück mit mehr oder wenigen warmen Kaffee aber dafür mit selbstgemachter Erdbeermarmelade habe ich mir 300 m die Straße runter ein Fahrrad ausgeliehen. Aufgrund meines Studentenreisebudgets habe ich dann einfach auf eigene Faust eine Stadtrundfahrt für umgerechnet 10 Euro gemacht.

Erst führte mich meine Karte zu einem Olivenbaum-Park, dann konnte ich die präinkaischen Tempelpyramiden Huaca Huallamarca besichtigen. Letzteres war umgeben von kleinen Häusern im Kolonialstil und verschiedenen Botschaften. Ich habe Fotos gemacht und mich wieder in die Pedale geschwungen. Weiter gings auf dem Fahrradweg entlang der Küste bis ins hippe Viertel Barranco. Über die Schönheit der Steilküste Limas kann sich jeder seine eigene Meinung bilden.                     

                           

In Barranco angekommen habe ich erst das Museum von Mario Testino, einem berühmten peruanischen Fotografen, besucht. Ich bin absolut beeindruckt davon welche Verbindung Fotografen wie Peter Lindbergh oder eben Mario Testino in ihren Fotos wiederspiegeln können aber seit längerem merke ich, dass mir Fotografieren wenig Spaß macht. Natürlich ist es absolut schön wenn man durch Fotos die Erfahrungen, die man macht mit seinen Lieben teilen kann. Aber ich habe immer mehr das Gefühl, dass es mir eigentlich die wertvolle Zeit des Moments nimmt. Außerdem hält sich mein Talent, glaube ich, in Grenzen.

Zum Mittag habe ichmich in ein wunderschönes Café gesetzt und ein bisschen gelesen. Und so konnte ich danach, gestärkt durch einen Falafelwrap, die Graffitis und Barranco erkunden.

Auf dem Rückweg zum Hostel habe ich dann eine französische Bäckerei gefunden. Deshalb sah ich mich gezwungen direkt ein Croissant und ein Pain au Chocolat zu kaufen. Mit der Tüte am Lenker und in Erinnerung an meinen Sommer in Frankreich schwelgend habe ich den nächsten Park aufgesucht. Die Abendsonne im Gesicht im Schneidersitz auf einer Bank sitzend und französisches Gebäck essend habe ich die Peruaner auf ihrem Heimweg und die Touristen beim Erkunden beobachtet.

Am Abend habe ich mich dann mit Johanna und Luisa, zwei anderen Freiwilligen aus Lima, getroffen. Eigentlich war unser Treffpunkt nur 4km von meinem Hostel entfernt. Aus, auch mir unerklärlichen, Gründen habe ich für den Weg allerdings drei Stunden gebraucht. Im Nachhinein ist mir natürlich klar, dass ich einfach hätte aussteigen und laufen sollen. Aber nach der langen Tortur war es umso schöner die beiden wieder zu sehen.

This story is to be continued, denn die Tortur war ganz klar noch nicht beendet. Deshalb: bleibt neugierig!

Die beiden letzten Wochenenden habe ich am Strand verbracht. Heute will ich euch von meinem letzten Wochenende erzählen.

2.-4. November: Florianopolis, Brasilien

Am Freitagmorgn bin ich mit blabla Car aufgebrochen. Blabla Car ist eine App, die zwischen Menschen vermittelt, die sowieso eine gewisse Destination ansteuern und zwischen denen die selber kein Auto haben und deshalb am liebsten mitfahren würden. Es ist also eine Art organisiertes und bezahltes „per Anhalter fahren“. Ich bin um neun Uhr losgefahren, damit ich davor noch Zeit hatte mein allwochenendliches Bananenbrot zum Frühstück zu backen. Auf der Fahrt konnte ich dann meine neuen Portugiesischkenntnisse zeigen und Fragen wie: Woher kommst du? Was machst du? beantworten.

Nachdem ich nach 2, 5 Stunden Fahrt entlang der brasilianischen Küste gen Süden angekommen bin habe ich erstmal meinen Couchsurfing-Host aufgesucht. Der hat mir erzählt, dass Floripa durch eine Hügelkette von Norden nach Süden zweigeteilt ist. Im Westen findet das „ernste Leben“ statt: überall stehen Hochhäuser, hier sind die Universität und die meisten Arbeitsplätze. Im Osten sind die Strände, Restaurants und Touristen. So wie ich es wahrgenommen habe ist das Besondere an Floripa, dass es beide Welten vereint. Am Wochenende fahren alle mit ihren Surfboards auf dem Autodach zum Strand um die Vorzüge der Insel zu nutzen. 

Den Freitagnachmittag habe ich an den Piscinas Naturais verbracht. Einfach eine durch Steine geschützte Ecke an der Küste, wo die jungen Leute der Insel „chillen“. Zwei Stunden habe ich damit verbracht den Leuten zuzugucken und meinen Gedanken nachzuhängen bis die einsetzende Dunkelheit mich gezwungen hat aufzustehen. Der Weg zurück hat anstatt normalerweise 20 Minuten 2 Stunden gedauert. Es gibt nur eine Straße, die zum Strand und wieder zurückführt und natürlich ist die an einem Freitagabend überlastet. 

 

Kein Problem für mich, ich war sowieso erst um 22 Uhr mit meinem Couchsurfunghost verabredet. Er hatte angeboten mich mitzunehmen, wenn er mit seinen Freunden feiern geht. Lange habe ich hin und her überlegt ob ich denn nun tatsächlich um 22 Uhr vor der Tür stehe oder es, ganz brasilianisch, mit der Zeit nicht so genau nehme. Ich entschied mich für ersteres und merkte das letzteres besser gewesen wär. Ungefähr zwei Stunden später gingen wir also los zum Club und, was soll ich sagen, sind zurück nach Hause gefahren als es draußen schon wieder hell war.

Nachdem ich die Nacht in der Hängematte verbracht habe wachte ich wegen des Regens auf. Nicht gerade perfektes Erkundungswetter. Aber im Großen und Ganzen regnet es seitdem ich hier bin und ich hatte keine Lust mich mal wieder vom Wetter einschränken zu lassen. So habe ich mich auf den Weg gemacht um den Trilha de Costa da Lagoazu bewältigen. Ein dreistündiger Wanderweg um den See, der sich im Inneren der Insel befindet. Er endet in einer Gemeinde, die nur über diesen Weg oder per Boot zu erreichen ist. Long story short: diese Gemeinde habe ich nicht erreicht. Nach ungefähr 3/4 des Weges war ich von Kopf bis Fuß überall nass und wusste nicht so genau ob ich lachen oder weinen sollten als ich durch braunes Wasser watete anstatt auf den Wanderwegen zu laufen. Wegen meiner nassen Brillen konnte ich nicht mehr gucken, was auch nicht so schlimm war, weil der ganze See von grauen Regenwolken verhangen war. Ich hatte den Regen ganz klar unterschätzt und entschied mich so von einer früheren Boothaltestelle zurück zu fahren.

Den Rest des Tages habe ich dann wieder in der Hängematte mit Lesen, Podcast hören und Skypen verbracht.

So hatte ich am nächsten Morgen wieder genug Energie um abermals zum Wandern aufzubrechen. Allerdings hatte ich nicht genug Zeit und auch wenig Lust nochmal denselben Weg zu versuchen. Da die Sonne schön vom Himmel schien entschied ich mich für einen Wanderweg, der von einem Strand zum Anderen führt. Wie als wollte die Insel für das gestrige Desaster wettmachen wurde ich belohnt mit tollen Ausblicken entlang der Küste. Unten und oben das blaue Wasser bzw. der blaue Himmel und dazwischen grüne Palmen und weiteres Gewächs. Ungefähr eine Stunde bin ich erst den Hügel hoch. Oben angekommen kam der nächste Strand in Sicht und den Rest des Weges bin ich immer mit dem Strand im Blick weiter gelaufen. So war meine Freude groß, als ich mich endlich ins kalte Wasser stürzen konnte.

Leider musste ich schon viel zu früh diesen Ort verlassen um meine Mitfahrgelegenheit für den Abend nicht zu verpassen. Das bedeutet aber nur, dass ich unbedingt wieder kommen werde!

Ele Não – Er nicht

Ähnliches Foto

„Ele Não“ dt. „Er nicht“ ist die Bewegung gegen den rechtsradikalen vorraussichtlichen Präsidenten von Brasilien.

Beim Verfassen dieses Beitrages stehe ich vor einem Problem. Ich sehe mich eigentlich nicht in der Lage einen politischen Kommentar abzugeben. Ich bin erst seit kurzer Zeit hier in Brasilien. Ich kann nicht beurteilen, was in diesem Land wirklich vor sich geht. Ich weiß nicht welche Probleme im alltäglichen Leben für einen Staatsbürger dieses Landes am wichtigsten sind. Ich spreche nicht mal die Sprache. Noch dazu gibt es zu diesem Thema so viele Meinungen, Gründe, Ansichten, dass ich unmöglich alle nennen kann. 

Ganz sicher kann ich aber nicht meinen nächsten Blogpost verfassen ohne dieses Thema angesprochen zu haben, und das soll nicht in einem Nebensatz geschehen.

Am 7. Oktober hat Brasilien das erste mal gewählt. In die Stichwahl für das Amt des Präsidenten kamen Jair Bolsonaro und Fernando Haddad. Jair Bolsonaro ist rechtsextrem, Haddas links. Das erste Problem in dieser Wahl sei für viele, dass diese Kandidaten und ihre Parteien so radikal unterschiedlich seien und deswegen kein Austausch, kein Kompromiss zwischen den Wählern statt finden könne. 

Und im Grunde war es schon vor dem heutigen Ausgang für viele klar, dass Bolsonaro der nächste Präsident Brasiliens wird. Er will jeden „guten“ Brasilianer mit Waffen ausstatten um die Kriminalität zu bekämpfen und um hart gegen die Korruption vorzugehen. Das finden viele gut. Noch dazu ist er streng religiös und viele gläubige Brasilianer haben das Gefühl, dass die Kirchen in Brasilien an Wert verlieren.

Gegen Haddads Partei PT (Partidos dos Trabalhadores) ist der Hass groß. Die Tagesschau schreibt: “Die Arbeiterpartei […] war tief verstrickt in die Schmiergeldaffäre. Sie regierte das Land von 2003 bis 2016. Der beschädigte Ruf der Partei ließ auch Haddads Wahlkampfkampagne nicht recht vom Fleck kommen.” Der Expräsident, der von allen nur Lula genannt wird und auch aus der PT kam, sitzt wegen Korruption im Gefängnis. Und Korruption scheint für viele hier ein rotes Tuch zu sein, weil sie so viele Chancen dieses Landes zu Grunde richtet. Ich habe viele meiner Kollegen gefragt und alle (wirklich alle) haben dasselbe gesagt. Die Leute wählen nicht für Bolsonaro sondern gegen die Korruption. 

Schon nach den Stichwahlen Anfag Oktober war es klar, dass dieser Mann der nächste Präsident Brasiliens wird. Doch gestern Abend kam das Ergebnis dann wie ein Schlag ins Gesicht. Im letzten Monat habe ich vor allem wahrgenommen wie kontrastreich dieses Land ist. Auf der Straße sieht man schneeweiße Männer mit roten Haaren, schwarze Frauen und Männer, braungebrannte Mädchen mit braunen, blonden, schwarzen Haaren. Keine Hautfarbe, Haarfarbe oder Augenfarbe ist hier ungewöhnlich. Nirgendswo habe ich homosexuellePaare so selbstverständlich rumlaufen sehen wie in Sao Paulo. Dieses Land hat so offen für alles auf mich gewirkt, ich glaube, besonders deswegen bin ich so erschüttert. 

Denn Bolsonaro äußert sich abschätzend gegenüber jedem, der nicht so ist wie er. Männlich, weiß, hetero, reich und militaristisch. “Ich bin homophop und sage diese Worte mit Stolz,”  hat er in einem Radiointerview gesagt. Er äußert sich frauenfeindlich und hetzt gegen ethnische Minderheiten. Er ist für Folter, verheerlicht die Militärdiktatur,die es in Brasilien gab. Unnötig zu sagen, dass diese Ansichten  Viele beschreiben ihn als Trump Südamerikas. Hier fehlen mir um ehrlich zu sein die Worte. Ich habe nicht ansatzweise das Gefühl wirklich verpacken zu können, was dieser Mann für ein Hass gegenüber Schwarzen, Frauen oder Schwulen vermittelt und wie sauer mich das macht. Dafür fehlt mir zum einen der Platz, zum anderen das Geschick. 

Joinville ist der Wahlbezirk in Brasilien in dem der Anteil der gültigen Stimmen für Bolsonaro am höchsten waren. Insgesamt haben 55% für Bolsonaro gestimmt. Hier in Joinville waren es 83%. Das hat man gestern Abend ganz klar gemerkt. Ich bin mit der Uber vom Busbahnhof nach Hause gefahren. Überall in der Stadt war Stau. Begleitet vom ständigen Hupkonzert fahren ganze Familien im mit Auto behängten Fahnen durch die Stadt. Man sieht Radfahrer, die sich eine Fahne umgebunden haben, überall sind Motorroller mit wehenden Fahnen. Manche Autos hatten Musikanlagen im Kofferraum aus denen Bolsonaros Name als Technobeat dröhnt. Bis spät in die Nacht hört man Feuwerwerke. Es war wie eine große öffentliche Party mit Freibier. Gefühlt war die ganze Stadt auf den Beinen. Der Wahlsieger ist für viele ein Messias. Für manche nur eine Notlösung, für andere der Albtraum. 

Bolsonaro wird wenn alles verläuft wie erwartet sein Amt im Januar antreten. Ich habe Angst erleben zumüssen, was die Wahl eines rassistischen, homphoben und sexistischen Präsidenten mit sich bringt.