Irgendwo zwischen den Ländern

Schon seit Stunden sitze ich auf dem selben Platz. Nr.1 im zweiten Geschoss direkt über dem Fahrer ganz vorne links im Flechabus von Florianopolis, Santa Catarina nach Santa Fe, Argentinien. Hier kann man am Besten rausgucken: vor mir eine große Scheibe, links gehen die Fenster weiter, wenn nur die Gardinen nicht wären.

Langsam arbeiten wir uns auf der endlos langen Straße fort.

Erst entlang der brasilianischen Küste immer weiter nach Süden. Während es langsam immer dunkler wird sieht man manchmal noch das blaue Meer aufblitzen.  Hoch und runter, immer wieder eine Kurve. Die Autobahn ist dreispurig, der Bus zu breit für nur eine Spur und so fährt er einfach in der Mitte. Ich bin müde, aber noch ist die Sonne noch nicht ganz untergegangen. Links und rechts der Straße sind so viele Dinge zu sehen, die ich nicht verpassen will.

Es ist eiskalt, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Warum versucht der Busfahrer uns erfrieren zu lassen?

Endlich ist es 22 Uhr , draußen ist es schwarz. Die Nacht wird nur unterbrochen durch die Lichter der Laternen und Autos. Also klappe ich meinen Sitz noch weiter nach hinten und lehne meinen Kopf an das Fenster.

Irgendwann um 2 Uhr schrecke ich auf. Wir halten kurz vor Porto Alegre, Rio Grande do Sul an einer riesigen Raststätte, auf der mehrere Busse aufgereiht stehen um weitere Passagiere aufzusammeln. Auf den Platz neben mir setzt sich eine ältere Dame. Ich drehe mich um und bin schon wieder eingeschlafen als der Bus wieder auf die Autobahn fährt.

Irgendwann zwischen 6 und 9 Uhr wache ich endgültig auf. Auf GoogleMaps sehe ich, dass wir uns am äußersten Zipfel von Rio Grande do Sul befinden. Dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens, direkt angrenzend an Argentinien und Uruguay. Seit gestern Abend hat sich die Landschaft verändert. Das Land ist flach, weniger grün. Immer wieder überholen wir LKW´s, immer wieder überholen uns Autos. Aus jedem Bus, der uns entgegenkommt winkt jemand. Einmal wedelt ein anderer Busfahrer freudig aufgeregt sein weißes Stofftaschentuch. Wir kommen der Grenze immer näher. Imm wieder muss an mich an meinen Reisepass denken, den der Busfahrer mir abgenommen hat, als ich eingestiegen bin. Hoffentlich fällt der kleine Zettel der Receita Federal wegen meines Visums nicht raus. Wahrscheinlich hätte ich ihn doch mit einem Tacker befestigen sollen.

Trotzdem glücklich sitze ich auf meinem Platz, freue mich über jede Kuh, an der wir vorbei fahren. Abwechselnd höre ich Podcasts und Musik. Das Lesen gebe ich schnell wieder auf, weil ich mich dann auf den Bildschirm meines Kindle konzentriere und verpasse woran ich vorbeifahre. Jetzt würde nur ein Kaffee die Situation perfektionieren. Meine Sitznachbarin löst abwechselnd Kreuzworträtsel und Sudoku, ab und zu schreibt sie Nachrichten. Irgendwann nach 10 Uhr kommen wir an der brasilianischen Grenze an, endlich bekomme ich meinen Reisepass mit dem Papierschnitzel wieder. Nur um ihn gleich darauf an der argentinischen Grenze wieder zu verlieren. Der Stempel mit dem ich ihn später wiederbekomme ist enttäuschend einfallslos. Aber hier kann ich mir endlich einen Kaffe und eine Packung Kekse kaufen.

Mit einer Packung Kekse und Kaffee an der Grenze. Ich sitze auf dem Bürgersteig im Schatten vor dem Imbissverkauf und beobachte die Autoschlange, die sich langsam von Brasilien nach Argentinien schiebt. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Bus wieder. Endlich kann ich mich wieder auf meinen Platz hinsetzen. Nachdem ich jetzt wirklich lange die endlos weite argentinische Landschaft beschaut habe, wird es mir jetzt doch etwas langweilig und ich schlage mein rotes Kindle auf. Mit Buch und Keksen schwinden die Stunden nur so vor sich hin.

Irgendwann werde ich das Lesen leid, aber mein Handy hat inzwischen geladen. Um ein bisschen Abwechslung zu erzeugen gönne ich meinen Ohren ein bisschen Musik.

Das brasilianische Mädchen neben mir verbessert mit Hilfe ihrer Sitznachbarin ihr spanisch. Für ihren Freund, den sie das erste Mal in seiner Heimat Argentinien besuchen fährt.  Die ältere Dame packt ihre Cuia aus und schüttet etwas Erva hinein. Dann gießt sie das ganze mit Wasser auf. Genüßlich genießt sie ihr Chimarrao. Wir fahren vorbei an kleinen und großen Seen, an einem steht eine Ansammlung von Autos. Eine Gruppe von Menschen hat ein großes Zelt aufgebaut, unter dem sich jetzt alle vor der Sonne verstecken.

Minutenlang versuche ich irgendwie Netz zu bekommen. Wenn wir an einer Ansammlung von Häusern vorbeifahren scheint das Netz zu funktionieren und ich gebe meinen Aufenthaltsort durch. „According to Google Maps it will take two more hours.“ Unsere eigentliche Ankunftszeit ist schon längst vergangen.

Aber fast wie in einem Traum fahren wir plötzlich in eine größere Stadt ein. Überall Menschen, ein richtiges Straßennetz. Wir fahren nicht mehr nur noch gerade aus sondern biegen ab. Mal nach links, mal nach rechts.

Viel zu schnell erreichen wir den Busbahnhof von Santa Fe. Ich will doch noch nicht aussteigen! Aber erleichtert, dass ich wieder alle meine Sachen im Blick habe, nehme ich meinen Backpack entgegen.

Voll bepackt laufe ich ins Gebäude. Wo soll ich jetzt hin? Wo werde ich abgeholt? Nach wenigen Minuten unsicheren Wartens läuft strahlend ein Mann auf mich zu.

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