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Über meine Reise

Bună ziua Brașov!

Hallo zusammen!

Zwar befinde ich mich weder auf dem Appalachian Trail, noch ist mein Weggefährte Robert Redford, aber ein Picknick mit Bären scheint dennoch garnicht so unwahrscheinlich!

Das haben mir zumindest Reiseführer und Berichte aus dem Internet in der Vorbereitung auf meine Zeit in Rumänien wirksam glauben machen wollen, weshalb ich mich etwas unbedarft bei meiner Ansprechperson Carol, nach der Notwendigkeit eines Bärenglöckchens erkundigte.

An seiner Reaktion gemessen, wurde mir die Realität des rumänischen Alltags schnell bewusst, die sehr fern von meiner damaligen Vorstellung der wilden Natur, mit einer Menge Bären und Wölfen lag. Johanna, meine Mitfreiwillige und -bewohnerin hier in Brasov und Karla (https://kulturweit.blog/dieshumenshow/), die gerade ihr FSJ in Bulgarien macht, nutzen meinen Geburtstag als Vorwand dennoch gnadenlos aus, um mich bis zu meiner Ausreise mit einem passenden Glöckchen zu versehen.

Daraufhin gut ausgestattet stand meiner Ausreise Mitte Oktober glücklicherweise nichts mehr im Wege und so begann mein Weg ins Unbekannte, mit der Fahrt von Aschaffenburg nach Schöndorf, von wo aus ich mit Johanna, ihrem Vater und deren Wohnmobil, über Österreich und Ungarn bis nach Rumänien gelangte.

Die zweitägige Reise ist vor lauter ungeduldiger Erwartung und dem phantastischen Ausblick auf die vorbeiziehende Landschaft wie im Flug verstrichen und ehe wir’s uns versahen, hatten wir die Grenze nach Rumänien überquert.

 

Dass es vermehrt Grenzkontrollen gab, die vermutlich vor allem der aktuellen Corona-Pandemie verschuldet sind, haben wir auf jeden Fall auch erlebt, sind aber dennoch ohne weitere Probleme durchgekommen. Nach der Fahrt quer durch Ungarn war der Übertritt nach Rumänien für uns alle ein besonderer Moment, der die Vorfreude auf Brasov umso mehr steigerte!

Die Landschaft erschien mir zunächst verglichen mit Österreich flacher, das Gras irgendwie ein bisschen grüner und die Erde dunkler als in Deutschland. Ob das an meiner euphorischen Aufbruchsstimmung oder tatsächlich an satteren Farben der Natur lag, lässt sich jetzt im Nachhinein schwer einschätzen, ändert aber nichts an der Schönheit der Landschaft, die sich im Verlauf der Fahrt stetig änderte.

Noch einige Kilometer weiter und wir erreichten das in die Karpaden eingebette Brasov, was für die kommenden Monate unsere neue Heimat werden sollte.

Begeistert habe ich festgestellt, dass auf der Straße, über die wir ins Zentrum gelangten, sogar feste Radwege integriert waren und somit mein Plan Fahrrad zu fahren nicht völlig abwegig war. Ein weiterer Vorteil der Anreise mit dem Wohnmobil war nämlich auch, dass neben unseres ganzen Hausstandes auch mein Rad einen Platz gefunden hat und mir zumindest dadurch die Möglichkeit geben kann, mich freier in der Stadt zu bewegen. Wenigstens in der Theorie.

Später musste ich erst noch lernen, dass viele Leute (insbesondere die Autofahrer) in Rumänien noch nicht an Fahrräder in der Stadt gewöhnt sind und es daher zum Teil echt gefährlich sein kann, sich so fortzubewegen, was mich in der ersten Woche ein bisschen demotiviert hat. Legt man allerdings die nötige Vorsicht an den Tag und fährt vor allem auf Geh- und den ausgebauten Radwegen, kann eigentlich wenig passieren.

Inzwischen fühle ich mich auch immer schon sehr mit anderen Radfahrern verbunden und freue mich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn ich einen weiteren in der Stadt sehe. Die Notwendigkeit eines Helms wird hier aber anscheinend- ähnlich wie in Deutschland -mit geteilter Meinung gesehen, obwohl die Unfallrate so vergleichsweise hoch ist.

Nachdem wir an unserem ersten Abend total übermüdet unser Gepäck ausgeladen (mithilfe einiger super lieben Schüler von Jojos Schule) und eine Pizza aus der Nachbarschaft to go geholt haben, sind wir anschließend nur noch ins Bett gefallen.

Die folgenden Tage konnten wir dann aber umso mehr nutzen, um die Stadt und das wunderschöne Umland zu erkunden.

Insbesondere morgens bei Sonnenaufgang wird die Stadt oft in einen besonderen Charme eingehüllt, wenn die Zinne (der große Berg, auf dem das Brasov-Logo zu sehen ist) noch im Nebel versunken ist und dennoch die ersten Sonnenstrahlen über ihre Kuppe blitzen.

Die Zinne, auf die man sowohl mit einer Seilbahn gelangen kann, oder (mein persönlicher Tipp!) über verschiedene Wanderwege erreicht. Von oben hat man einen phantastischen Blick über die ganze Stadt und kann von Aussichtspunkten rund um die Spitze das ganze Umland überblicken.

Bald darauf folgten auch schon unsere ersten Tage in den Einsatzstellen.

Meine Schule liegt etwas abseits vom Altstadtzentrum im moderneren Viertel Brasovs, weshalb ich viele neue Straßen und Wege in den ersten Arbeitstagen kennenlernen konnte, als ich mich noch nicht traute, das Rad zu nehmen. Jetzt, vier Wochen später, bin ich wesentlich routinierter und kenne die Stadt und ausgetretenen Pfade schon um einiges besser. Trotzdem gibt es jeden Tag noch so viel neues zu entdecken!

Auch meine Arbeit gestaltet sich als sehr vielfältig und spannend! Deutsch wird am Colegiul Natioal Dr. Ioan Mesota als Fremdsprache gelernt. Wie an anderen Schulen können die Schüler der 12ten Klasse dann im November die DSD Prüfungen im B2 oder C1 Niveau ablegen, worauf schon in den Jahrgangsstufen zuvor vorbereitet wird.

Nachdem ich in den ersten Tagen meistens mit den Deutschlehrerinnen meiner Schule, im Unterricht mitgegangen bin, konnte ich bald darauf eigenes DSD-Training mit der 12ten beginnen und vor allem den mündlichen Teil der Prüfung üben.

Daneben führe ich das Projekt ,,Lesefüchse“ mit Schülern der 9ten und 10ten Klasse durch und arbeite regelmäßig mit Schülergruppen einer Klasse zu bestimmten Themen in einer Stunde zusammen.

Bei den Lesefüchsen lesen wir über das Jahr verteilt verschiedene Bücher, der aktuellen deutschen Jugendliteratur und besprechen diese thematisch danach zusammen. Zur Zeit lesen wir noch das Buch ,,Was wir dachten, was wir taten“, was das schwierige Thema eines Amoklaufs an einer Schule nachzeichnet, doch ich bin jedes Mal wieder begeistert, wie gut das Verständnis der Schüler für die Sprache und die Inhalte ist! Darüber hinaus helfe ich bei Jugend Debattiert mit, was an der Mesota fest etabliert ist und woran die Schule in den letzten Jahren, auch im nationalen Vergleich, immer sehr erfolgreich war!

Was mir außerdem sehr viel Freude bereitet ist ein Marketingprojekt, das ich mit ein paar motivierten Jugendlichen der 11ten begonnen habe. Hierbei konzentrieren wir uns auf Sehenswürdigkeiten der Stadt Brasov und wollen eine Broschüre erstellen, um sie für Touristen zu präsentieren und auf deutsch und englisch zugänglich zu machen.

Generell haben mich sowohl Schüler als auch Lehrer extrem freundlich und offen in Empfang genommen und mir den Einstieg in der Einsatzstelle somit enorm erleichtert!

Neben dem Alltag in der Schule hat es sich schon fest in mein Leben hier integriert die traumhafte Natur zu genießen. Zusammen mit Johanna bin ich schon einige Male rauf auf die Zinne gewandert und auch einen Ausflug nach Poiana Brasov (der Ort in unserer Gegend, der sich im Winter ins Skiparadies verwandelt) haben wir bereits unternommen.

Der Ausblick von der Zinne auf die Stadt ist wirklich eine Wucht! Mit dem großen Brasov-Logo kommt auch immer ein bisschen Hollywood-Flair auf, wenn man die Spitze erreicht hat, wobei wir hier cooler weise sogar bis an die Buchstaben kommen und es sogar eine Aussichtsplattform gleich daneben gibt!

Bei den dichten und ursprünglichen Wäldern hier in Siebenbürgen wundert es mich nicht, warum so viele Märchen rund um Drachen und Zwerge entstehen konnten.

 

Insgesamt ist es trotz der kurzen Zeit, die ich jetzt erst hier bin, verrückt, wie heimisch sich alles anfühlt. Selbst solche banalen Dinge wie Einkaufen, die zu Beginn des FSJs durch die enorme Sprachbarriere wirklich eine Herausforderung gewesen sind, fallen mir jetzt schon so viel leichter!

Was die Einfindung in den Alltag aber auch enorm vereinfacht hat, ist der deutsche Einfluss, den man hier an jede Ecke spürt und der von vertrauten Straßennamen, über bekannte Produkte in den Regalen, bis hin zu echt guten Deutschkenntnissen einiger Einheimische , die viele Rumänen zumindest hier in Brasov haben!

In der kommenden Zeit möchte ich mir auf jeden Fall noch mehr Zeit für ausführliche Berichte nehmen und gerne gezielter auf einzelne Aspekte des Lebens hier eingehen.

Bis dahin hoffe ich, dass es allen gut geht und wir die aktuell noch verschärfte Coronazeit gut überstehen!

La revedere!