20 Stunden im Zug und eine Höhlenexpedition

Zitat des Ausflugs: ,,Spaziergang auf Hügel auf Suche nach Höhle“ (Eine wundervolle doppelte Alliteration)

Șuncuiuș. Man weiß, dass man womöglich die japanische Adaption eines ungarischen Gulasches auf der Speisekarte entdeckt hat, oder es das richtige, rumänische Dorf ist, um seine Wanderung zu beginnen. Auf uns traf eher letzteres zu, als Nicole, Klara (beide als Freiwillige in Oradea eingesetzt), Jojo und ich mit dem langsamsten Regio Rumäniens, am gefühlt kleinsten Bahnhof des Landes ankamen.

Beim durchstreifen des winzigen Ortes, konnte ich meine Begeisterung über die ganzen typischen Besonderheiten der Gegend schwer in Zaum halten. Frei herumlaufende Hühner. Ein zugewachsener Brunnen. Eine alte Dame, die messerschärfend vor ihrem Haus sitzt und uns Fremde misstrauisch beäugt. Noch mehr Hühner und jede Menge kleiner, bunter Häuser. Hin und wieder bellt ein verunsicherter Haus- und Hütehund.

Meine Romantisierung lag zum einen an der tatsächlichen Schönheit der Gegend, zum anderen Wahrscheinlich an meiner sich nachziehenden Übermüdung der letzten Tage. Nachdem wir von unserem weiten Trip aus dem Donaudelta zurückgekehrt waren, hatten wir eine (sehr) kurze Verschnaufpause in Brașov, woraufhin wir in der Nacht vom 15. auf den 16. April wieder mit gepackten Sachen im Zug saßen. Unser Ziel: Oradea.

Die rund 200.000 Einwohner Stadt liegt im Westen des Landes, nahe der ungarischen Grenze. Die Fahrt dauerte knapp zehn Stunden, bis wir am nächsten Morgen am Bahnhof ankamen. Zur Begrüßung des Tages erst mal eine Plăcintă, die sich aus der Gegend hier als besonders gut erwies. Daran schlossen wir auf unserem Weg zu Nicoles Wohnung eine Runde Yoga im Bishop Schlauch Lőrinc Park an, der in diesen frühen Morgenstunden noch wie ausgestorben war, um unsere zusammengestauchten Knochen von der Nacht im Zug zu entspannen.

Unsere Begleiter in abgestufter Größe, während wir die Zeit für etwas Bewegung nutzten.

Die Fassade des Palatul Episkopal, von lauter blühenden Kirschbäumen gesäumt.

Bei Nicole angekommen, war die Freude über unser Wiedersehen erstmal sehr groß und es gab bei einer guten Tasse Kaffee jede Menge zu erzählen. Daraufhin begannen Johanna und ich einen Spaziergang durch die Innenstadt. Auch hier, so viel zu entdecken. Die Stadt wieder unvergleichbar mit allen anderen Städten, die ich bisher besucht habe. Der Crișul Repede teilt sie in zwei ziemlich gleich große Teile. In der Innenstadt wird der Fluss unter einer modernen Brücke gestaut und verbindet die beiden getrennten Altstadtkerne miteinander.

Auf der einen Seite erreichten wir den prächtigen Marktplatz der Stadt. Mehrere dutzend Gebäude im Jugendstil reihen sich hier aneinander, eins schöner als das andere. Die Mondkirche zeigt, ähnlich wie der Stundturm in Sighișoara, den Besuchern die aktuelle Mondphase an. Von innen ist es eine klassisch orthodoxe Kirche, in einem immer noch barocken Stil. Daneben reihten sich noch jede Menge weitere Kirchen, orthodox und katholisch, sowie eine Synagoge an den Piața Unirii an.

Letztere besuchten wir ganz begeistert. Seit mindestens vier Monaten versuchen wir nun schon in jede vorhandene Synagoge zu gelangen, wohin wir auch kommen. Allerdings haben diese immer geschlossen oder sind nicht für Besucher zugänglich. Dieser Fluch hat sich nun in Oradea wohl verflüchtigt.

Das riesige Bauwerk wird seit den 90er Jahren nicht mehr für religiöse Rituale genutzt und dient als Ausstellungshalle für Künstler. Blickt man nach oben erwartet einen riesige Kuppel, die man auch schon von Außen auf lange Entfernung erkennen kann. Der Raum ist lichtdurchflutet und die Farben rot, blau und gelb dominieren, alle in Pastelltönen. Wir waren ganz alleine und konnten jedes Stockwerk in aller Ruhe erkunden. Danach entdeckten wir noch eines der wichtigsten Wahrzeichen Oradeas: Die Einkaufspassage zum Schwarzen Adler.

Überdacht kann man hier ganz entspannt durch Läden bummeln, selbst wenn draußen gerade die Welt am untergehen ist. Bevor wir uns mit Nicole und Klara trafen besichtigten wir noch eine Hand voll weiterer Kirchen und die sternförmig angelegte Festung.

Wer kann den schwarzen Adler finden?

Daraufhin hatten wir noch genug Zeit, um durch die zweite Hälfte der Stadt zu laufen, das große Theater, wunderschöne Straßen und die wichtigsten Dichter und Denker der Gegend zu sehen.

Die großen Denker(Innen) des Landes

Zum Abschluss unserer Entdeckungstour gingen wir auf den nächsten Hügel über der Stadt, bevor wir unseren ersten Tag in Oradea in aller Ruhe zu viert ausklingen ließen.

Unsere Wanderung am nächsten Tag zwang uns, vergleichsweise früh aufzustehen, um den Zug in Richtung Cluj bekommen zu können. Wir schmierten uns ein paar gute Kulturweitbrote (also klassisch mit Hummus) und packten unsere Rucksäcke mit Snacks voll. Denn wenn wir eins gelernt haben, dann dass die meisten Wanderungen nur so gut sind, wie ihr Picknick. Von Șuncuiuș starteten wir die Tour und liefen entlang des Crișul Repede durch steile Felsklippen, entlang waghalsiger Hängebrücken, bis zur Höhle Unguru Mare.

Das Wasser am Fluss war eiskalt und die rostige Brücke schaukelte sehr verdächtig, als wir sie überquerten, um zum Eingang zu gelangen. Nicht sehr vertrauenserweckend. Doch das Bisschen Aufregung war es wert. Die Höhle zog sich tief ins Innere des Felsen. Von der Decke hingen Stalaktiten, dick wie Baumstämme und Wasser tropfte im Takt auf den Boden. Wir mussten uns zum Teil mit unseren Handys den Weg ausleuchten, um bei den unebenen Steinen nicht hinzufallen. Sehr faszinierend waren auch die Bäche, die sich durch die Steine gefräst hatten und übergittert begehbar gemacht wurden.

Im Hintergrund ist der Eingang zur Höhle zu sehen. Der Fluss zieht ganz unbeeindruckt daran vorbei.

Wer könnte das nur alles sein?

Nach unserem Picknick wollten wir in eine weitere Höhle. Suchten diese schlauerweise auf einem Berg. Scheiterten und kehrten nach Șuncuiuș zurück. Sehr viel Zeit blieb auch garnicht mehr und wir fuhren nach Oradea, von wo aus Johanna und ich unsere Sachen packten, die besten selbstgemachten Burger probieren durften und mit dem Zug zurück nach Brașov fuhren. Mit im Gepäck nun wieder die Erinnerung an ganz viel gemeinsames Lachen und das wunderschöne Oradea.

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