So fühlt sich die Freiheit an

~ 14.05.2021-16.05.2021

Wie beinahe alle anderen Reisen in Rumänien beginnt auch dieser Ausflug von uns am Bahnhof in Brașov. Luca kam gerade noch pünktlich die Treppen zum Gleis hochgehechtet, an dem Jojo und ich schon auf den Zug warteten, da konnten wir praktisch direkt einsteigen.

Im Abteil ging es in Richtung Westen Rumäniens. Die Zeit vertrieben wir uns mit unzähligen Runden Skat, extrem guten Snacks (die Granny Smith Äpfel waren durchaus eine schöne Wiederentdeckung) und der siebenbürgischen Landschaft, die draußen vorbei zog. In die gleiche Zugstrecke habe ich mich schon damals auf dem Weg nach Sighișoara verliebt und war auch jetzt wieder von den vielen Kontrasten und der Natur ganz gebannt.

Die Zugfahrt im Abteil fühlt sich an, als sitze man im Hogwartsexpress. Wie in jedem Zug hört man das Rattern während der Fahrt vergleichsweise laut, inzwischen würde ich behaupten angenehm laut, die Vorhänge vor den Abteilen lassen sich zuziehen und im 30 Minuten Takt läuft ein Bahnmitarbeiter durch die Gänge und bietet Kaffee und Sneakers zu Wucherpreisen an. Ein bisschen wie in der deutschen Bahn.

Ziemlich müde und im Dunkeln erreichten wir Deva. Sehr eindrücklich strahlte der Mond über der erleuchteten Festung über der Stadt und begrüßt uns. Irgendwie schafften wir es, uns ein Taxi zu bestellen, und trotz überschrittener Sperrstunde nicht von der Polizei aufgegabelt zu werden. Diese kann schnell ungemütlich werden, wenn es um die Sperrstunden geht, auch wenn ihre Bezeichnung auf rumänisch noch so niedlich klingen mag, als Politiştii. 

Also standen wir zuletzt etwas gestresst vor einer Häuserreihe, unsicher, welcher Eingang Joenas sei, die hier in Deva ebenfalls an einer Schule eingesetzt ist und hielten etwas besorgt nach der Polizeistation ausschau. Es wäre einfach zu ärgerlich gewesen, an diesem Abend noch erwischt zu werden, da die Sperrstunde, dank sinkender Corona-Fallzahlen, ab dem nächsten Tag aufgehoben werden sollte. Doch alles klappt noch ohne Zwischenfälle und wir kamen bei Joena an.

Nächster morgen, ich wachte in aller Frühe auf und sah als erstes die wunderschöne Plattenbauromantik vom Wohnzimmer aus. Uns gegenüber Anwohner, die ihre erste Tasse Kaffee auf dem Balkon genossen. Sehr guter Start in den Tag. Verträumt wollte ich ich es ihnen eigentlich gleich tun und etwas Musik hören, musste dann aber geschockt feststellen, dass die Bauchtasche, in der ich meine Wertsachen (also alles von Geldbeutel, über Schlüssel und Kopfhörer) aufbewahre nicht mehr auffindbar war. Kurz stellte ich alle Taschen von mir auf den Kopf, doch keine Spur. Dann traf es mich wie ein Blitz. In der Nacht beim Warten vor dem Haus hatten wir unser Gepäck kurz auf der Bank vor einem der Blöcke abgestellt. Wie von der Tarantel gestochen rannte ich aus der Wohnung, alle Stockwerke runter, raus auf die Straße und um mehrere Hecken. Ungläubig erreichte ich die Bank von gestern und konnte mein Glück kaum fassen. Die Tasche lag noch immer unberührt dort, alle Kreditkarten, das Bargeld, das ich ausnahmsweise mal besaß und meine Kopfhörer waren noch da! Wenn die Ausgangssperre für eine Sache gut gewesen ist, dann wohl dafür, dass nachts echt niemand auf der Straße war… Noch ganz schön aufgekratzt kam ich in die Wohnung. Nun war auch nicht mehr an entspannte Balkonstimmung, geschweige denn weiterschlafen, für mich zu denken.

Also verließ ich wieder das Haus und schlenderte ein Bisschen durch Deva, auch unter dem alten Namen Diemrich bekannt. In einem Laden wollte ich mir einen Apfel kaufen, hatte allerdings nur meine Kreditkarte dabei, weshalb der Verkäufer ähnlich ungläubig schaute, wie ich an dem morgen bei der Bank, als er die umgerechnet 8 Cent in das Kartenlesegerät eintippte und mir mein Stressessen kopfschüttelnd überreichte.

Zurück bei Joena frühstückten wir alle zusammen sehr ausgiebig und brachen dann für einen Snackkauf zu Lidl auf. Unser Plan: Eine Wanderung ins benachbarte Simeria, in den Botanischen Garten und auf den Măgura Uroiului, eine kleine, rumänische Version des Tafelbergs in Kapstadt.

Wir wollten das gute Wetter und unsere morgentliche Motivation noch nutzen, die 13km Weg zu bewältigen. Klassischerweise begegneten wir natürlich jeder Menge wütender Straßenhunde, zwei Schäfern, die sich freudig mit uns, auf der hälfte der Strecke unterhielten und nicht glauben konnten, dass wir zu Fuß unterwegs waren. Außerdem sahen wir viele Schafe, Hühner und erreichten unsere erste Etappe, den Botanischen Garten in Simeria. Von außen erschien dieser noch sehr unbedeutend und klein, von ihnen war er dafür umso größer. Läd an einen Ecken zum Rasten und Schlendern über verträumte Brücken und an kleinen Seen ein und erinnert an anderen, mit steinernen Statuen, an den Garten der Medusa. Wir nutzen den Park für eine ausgiebige Hummus und Brotpause, bevor wir gut gestärkt weiter zogen.

Verwunschen wie in einem Märchen.

Zum Tagesanfang hatten wir noch nicht mit der Intensität der Sonne gerechnet und nicht genug Wasser eingepackt. Leider konnten wir auch an keiner Stelle in Simeria einen Laden finden, der uns welches verkauft hätte. Somit wurden wir praktisch magisch angezogen, als wir die Schrift Campingplatz und deutsches Forum entdeckten. Und tatsächlich, die Besitzerin war so lieb und verkaufte und zwei große Flaschen Wasser und unterhielt sich eine Weile glücklich mit uns. Seit die Pandemie begonnen hat, waren wohl auch nicht mehr so viele Leute aus Deutschland vorbei gekommen…

Unser finales Ziel war nun auch schon zum Greifen nah und der letzte Aufstieg am Berg ging sehr schnell. Oben angekommen war klar, dass sich der Weg sicherlich für diese Aussicht gelohnt hatte. Westlich von uns konnten wir Deva und die Festungsanlage auf dem Berg ausmachen, im Südosten zeichnete sich das Panorama der Karpaten ab, was alles vom wechselnden Licht- und Schattenspiel der Sonne und Wolken gezeichnet wurde. Wir legten und auf die Wiese, umgeben von duftenden Kräutern und Blumen, genossen den Moment und ruhten uns von der vergangenen Wanderung aus.

Ein richtig freier Moment hier oben auf dem Berg, das Panorama zu Füßen, nach der langen Wanderung.

Nach dem Abstieg, war unsere Lust zurück nach Simeria zu laufen verschwindend gering, weshalb wir daraufhin per Taxi zurück nach Deva fuhren und den Abend mit einer guten Runde Seccomate ausklingen ließen.

Am nächsten Tag stand eine Stadtrundgang durch das schöne Diemrich an. Zwar wurden wir von Regen begleitet, aber das Zentrum und die Festung waren sehr sehenswert und den schlimmsten Regen saßen wir in einem Café mit Getränken und Wizard aus.

Das Kulturzentrum Devas, das aktuell in ein Impfzentrum umgewandelt wurde und den Hauptplatz der Stadt markiert.

In Deva ist man immer gut vor Regen geschützt.

Das Stadtbild ist geprägt von sehr vielen Plattenbauten, durchzogen von grünen Ecken und hin und wieder alten Prachtvillen. Die Festung ist eine sehr gut erhaltene Ruine, in der schon der bayerische König vor langer Zeit festgehalten wurde. Dem schlechten Wetter trotzten auch die Schaulustigen und Mitglieder des Mittelaltervereins, die sich in den Festungsmauern getroffen hatten und das Schießen mit Pfeil und Bogen in entsprechenden Kostümen zelebrierten. Alles in allem war Deva wunderschön und die Natur der Umgebung sehr gut zum Wandern und der Blick auf Berge einmalig.

Am Abend stiegen wir daraufhin wieder an Devas Bahnhof in den Zug ein und nach etwa sechs Stunden im Bahnhof in Brașov, zuhause wieder aus.

Seeluft über dem Monument

Der Zug rollt gemächlich durch ein Industriegebiet. Kräne reihen sich an den Gleisen und stehen Spalier. Ich strecke meinen Kopf aus dem Fenster und atme tief durch. Seeluft. Die gleiche, die ich vor mehr als drei Monaten schon mal gerochen habe. Es ruckelt noch einige Male und schon halten wir.

Die Abfahrt aus София zum Sonnenaufgang und dem untergehenden Mond.

Der Bahnhof von Varna begrüßt uns unter strahlendem Sonnenschein. Es ist definitiv auch um einiges wärmer, als vor einigen Wochen in Sulina. Zunächst checken Elias und ich in unserem AirBnB ein, wonach wir den Park auskundschaften. Die gigantische, kommunistische Statue steht immer noch, genauso wie die Skulptur des tauchenden Paars. Schön, dass sich gewissermaßen nichts geändert hat. Der Weg zu Billa ist auch immernoch der Gleiche.

In der nationalen Kunstgalerie Sofias sind auch total viele Statuen ausgestellt. Etwas, das die Bulgaren wohl irgendwie drauf haben, da die Figuren, fand ich, immer sehr flüssig und sanft aussahen.

Daraufhin die ersten Schritte am Strand, neben der untergehenden Sonne. Die Schuhe füllen sich sofort zur Hälfte mit Sand. Also barfuß weiter. Das Wasser ist eiskalt, die Algendecke wie ein dicker Teppich. Möwen schreien und unsere Zugfahrt ist anstrengend gewesen. Der erste Tag des orthodoxen Osterns hat sämtliche Bewohner Sofias in Richtung Meer getrieben und mit uns in einen Zug gesetzt. Ohne Reservierung noch einen Platz zu finden war dadurch schon abenteuerlich. Aber egal, auf dem Gang neben den Abteilen zu stehen und die Gedanken vom Fahrtwind durchpusten zu lassen ist sowieso schöner.

Ein Paar Tage die Nähe des Meeres genießen, dazwischen einen kurzen Ausflug nach Shumen zum Impfen und und wieder zurück nach Hause. Soweit der Plan. Eigentlich hätten wir es auch schon vorher wissen können und uns die Aufregung sparen können. Natürlich ging der Plan nicht auf.

Wir kommen in Shumen an, keine Impfdosis mehr, dafür 30°C Außentemperatur. Nächster Versuch am darauffolgenden Morgen. Ein Freund von Karla, Soner, nimmt uns lieberweise auf und zeigt uns die Stadt nochmal aus seiner Perspektive. Neuer Plan: ein Spaziergang zum Monument, nicht-Verirren im Irrwald, Kaffe trinken in sämtlichen Stadtcafés und typisch bulgarisches Essen kochen.

Das Monument, dessen Löwe über dem schönen Shumen tront. Die Windstärke weicht hier oben, genauso wie vor Karla Haus, jedes Mal um mindesten 4 Stärken, vom Rest der Stadt ab.

Der Irrgarten im Wald über den Dächern Shumens. Wenn man ihn erstmal durchquert hat, ist der Ausblick über die Ebene wunderschön.

Am nächsten Morgen klappt die Impfung wieder nicht. Wir stehen etwas ratlos, in aller Frühe, im windigen Schumen und fahren dann einfach zurück nach Varna. Man kann sein Glück ja nicht erzwingen. Noch ein wunderschöner Tag im Park, am Meer und in den Straßen der Stadt zwischen römischen Ausgrabungsstätten und Häusern im Jugendstil. Egal wo wir uns an diesem Tag befinden, immer kommt eine deutschsprachige Gruppe Studenten vorbei. Woher diese plötzliche Ansammlung rührt, ist abschießend nicht klar.

Die traumhafte Architektur Varnas zeichnet sich durch eine Mischung aus wunderschönen Villen, im Umbau und Renoviert und alten Ausgrabungsstätten, sowie einer Hand voll orthodoxer Kirchen aus.

Der letzte Tag schreit auch nochmal nach Schwimmen im schwarzen Meer. Jetzt wären eigentlich die heißen Temperaturen aus Shumen angenehm, aber das Vorhaben steht dennoch. Die 11°C Wassertemperatur tuen dann trotzdem ein Bisschen weh.

Wie die Zeit hier schon wieder verflogen ist. Knappe 13h Zugfahrt braucht es noch, um wieder in Brașov zu landen, wieder in Rumänien. Auch schön, ankommen und zuhause zu sein, wobei Bulgarien durchaus ein Teil davon geworden ist.

Zu spät kommen, ist gut für die Gesundheit

Soweit zumindest die Philosophie der Bulgaren. Ein Motto das ich nicht unterschreiben würde, wenn ich um kurz vor vier Uhr nachts, mein Taxi in Bukarest storniert bekomme, das ich eigentlich gebraucht hätte, um meinen Bus nach Bulgarien zu erreichen. Da kann mein Stresslevel schon mal um so 470% steigen. Dass das noch so gut für die Gesundheit ist, bezweifle ich. Nun ja letztlich erreichte ich die Bushaltestelle noch pünktlich genug, um mitgenommen zu werden und steckte den Kopf nicht in den Sand. Auf der zweistündigen Fahrt bis Ruse hatte ich auch erstmal genug Zeit, mich von dem vergangenen Schrecken zu erholen und auf Sofia zu freuen.

Da die Osterferien in Rumänien verlängert wurden, hatte ich die Möglichkeit, meine Arbeit im Homeoffice zu erledigen und nochmal zurück nach Bulgarien zu reisen. Die Strecke zwischen Ruse und Sofia kam mir inzwischen schon total bekannt vor, was meine Vorfreude auf die Stadt, die anderen Freiwilligen und die Zeit vor Ort ganz besonders steigerte. Erstmal angekommen wurde ich zwar von schlechtem Wetter begrüßt, fühlte mich jedoch sofort wieder pudelwohl. In den darauffolgenden Tagen konnte ich die Stadt dann ganz in gelassen weiter erkunden.

Die Ausstellung von Andrey Daniel in der Nähe des Theaters fand ich extrem spannend mit sehr vielen inspirierenden Werken.

Bei einer Freewalking-Tour im Zentrum erklärte unser Guide, dass der bulgarische Zar in den 1920er Jahren einem Anschlag auf sein Leben während eines Gottesdienstes nur entging, weil er typisch bulgarisch war. Bedeutet, er kam eben zu spät. Daraufhin entstand das Sprichwort, dass zu spät kommen gut für die Gesundheit sei, was mir nach der Nacht in Bukarest nur noch ein müdes Lachen entlockte. Außerdem schieben die Bulgaren typischerweise gerne Aufgaben vor sich her. Diese Eigenschaft soll wohl dazu beigetragen haben, dass während des zweiten Weltkrieges keine jüdischen Bürger des Landes deportiert wurden.

Ich habe das Gefühl, über die Tage in София einen noch viel intensiveren Einblick in die bulgarische Kultur erhalten zu haben, als während meines letzten Besuches. Der Löwe, der als Wahrzeichen des Landes an jeder Ecke und auf den Geldscheinen zu finden ist, repräsentiert die Stärke und Wehrhaftigkeit der Bulgaren. Zwar ist der Löwe hin und wieder etwas deformiert, weil die wenigsten Bildhauer der vergangenen Jahrhunderte so ein Tier in echt gesehen hatten, doch das Symbol ist schön.

Im nationalen Kunstmuseum habe ich so viele Bilder aus Plovdiv gesehen, dass ich riesige Lust bekommen habe, die Stadt kennenzulernen und an einem freien Tag mit Elias hingefahren bin. Einige der anderen Freiwilligen hatten mir vorher schon von dieser, als der schönsten Stadt Bulgariens berichtet, wobei ich immer nur dachte, naja, das sagt man ja irgendwie bei jedem Dorf mit Altstadt. Doch diesmal war ich echt platt.

Wenn das nicht spannend aussieht? Die farbigen Häuser und steilen Straßen sind heute auch immernoch so zu finden.

Neben all der schönen Kunst zu den hübschesten Flecken Bulgariens, wird in der Gallerie auch die triste Geschichte des Landes abgedeckt, mit Werken aus der Zeit des Sozialismus und der Weltkriege.

Auf angeblich sieben Hügeln erbaut erreicht man Plovdiv und betritt eine neue Welt. Überall schimmert der alte, römische Charme durch, der von einer 6000 jährigen Geschichte zeugt und Plovdiv neben der schönsten auch zur ältesten Stadt Europas macht. Die Sonne entschied sich an dem Tag einen Sommervorgeschmack zu geben, was ich mit verbrannten Schultern und zu wenig eingepacktem Wasser quittierte.

Das römische Theater in Plovdiv wurde laut Schätzungen zwischen 116 und 117 nach Chr. erbaut und ist heute immer noch sehr beeindruckend.

Eine von vielen steilen Gassen, die zur Handwerks- und Kunststraße führt.

Über Pflastersteine, Antiquitätenläden und Parks schlenderten wir durch die Stadt. In einem Geschäft fand ich Postkarten des letzten Jahrhunderts, die aus dem damaligen dritten Reich nach Bulgarien geschickt wurden. Leider alles auf kyrillisch. Auf einem der vielen Hügel machten wir bei alten Mauerruinen Halt. Einmal schnell nachgezählt kamen wir tatsächlich nur auf drei statt sieben Bergen, doch der Ausblick auf die Stadt war trotzdem wunderschön.

Im Museum zur Vereinigung Bulgariens bekamen wir einen Querschnitt der letzten großen geschichtlichen Veränderungen des Landes präsentiert, das sich erst im 19ten Jahrhundert in seiner heutigen Struktur abschließend zusammensetzte. Vorher waren die Grenzen flüssig und bezogen auf der einen Seite ab und an Rumänien, Mazedonien und Teile der Türkei mit ein, verloren aber andererseits auch immer wieder Gebiete. Plovdiv, früher unter dem Namen Philippopolis, als Hauptstadt Ostromeliens bekannt, ist heute außerdem für die große kulturelle Dichte berühmt. Ein buntes Viertel schließt sich dem nächste an. An allen freien Hauswänden gibt es große, farbenfrohe Graffiti, die Straßen sind von blühenden Bäumen gesäumt und ein Kunstmuseum reiht sich ans andere.

Das ist leider kein öffentliches Schwimmbad, sondern nur der Stadtpark. Etwas enttäuschend, weil uns nach diesem sonnigen Tag in der Stadt eine Abkühlung gut getan hätte. Die Abendstunden waren dennoch traumhaft, mit der langsam untergehenden Sonne.

Zurück in Sofia sammelten sich weitere Highlights.

Mit Bele, einer anderen Freiwilligen und ihrem Freund Max, wanderten wir bei phantastischem Wetter zu den Boyana-Wasserfällen am Vitosha, dem pendant zur Zinne in Brașov. Oben lag zum Teil noch Schnee und das tauende Eis schwemmte die dünnen Pfade davon. Bei den Kletterpartien, auf der Suche nach festem Grund, hatten wir unseren Spaß und spielten eine ziemlich schwere Runde Wer bin ich?, bevor wir an den Wasserfällen eine Picknickpause einlegten. Max wagte sich für eine Dusche unter den eiskalten Wasserstrom, woraufhin wir beim Weitergehen an einem sonnigen Aussichtspunkt stoppten und uns aufwärmten.

Die Bulgarienflagge steht hier selbstverständlich auch wieder in voller Pracht und eignet sich besonders gut für Erinnerungsfotos.

Wieder am Fuße des Berges waren wir alle ziemlich erschöpft, machten aber noch einen Abstecher zum Boyanakloster. Dank der mittelalterlichen bulgarisch-orthodoxen Fresken, als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet, bekamen wir exakte 10 Minuten, von einer winzigen, gelben Eieruhr abgemessen, um die kleine Kirche zu besichtigen. Die Wandmalereien waren wirklich sehr faszinierend und unheimlich gut erhalten. Selbst die Gesichtsausdrücke der vergangenen Herrscher und Regenten des Landes waren zumeist sehr gut erkennbar.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Klosterkirche, mit den schönen Fresken.

Auch in Sofia schaffte ich es jetzt mal in eine Synagoge, wobei mir zugleich der Eintritt in die vielen Moscheen verwehrt blieb, da zu der Zeit der Fastenmonat Ramadan lief.

Dafür lohnte sich die bunte und reich verzierte Synagoge umso mehr und hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir.

Manchmal muss man in Sofia ein bisschen suchen, um die versteckten Orte zu finden, wie zum Beispiel diese, von Wohnblogs umgebene Kirche.

Auch sehr lohnenswert empfand ich den Blick auf Sofia von oben. Bei der Wanderung am Vitosha, der sich auf dem folgenden Bild am rechten Rand erstreckt, konnten wir schon etwas von der Stadt erkennen, doch direkt aus dem Zentrum ging das natürlich noch besser. Während es gewitterte und zahllose Blitze auf die Häuser niedergingen, konnten wir das Schauspiel ganz gelassen von oben beobachten. Eine richtig gute Mischung, aus Naturschauspiel und Großstadt.

Bei dem guten Wetter, verbrachten wir auch so viel Zeit wie möglich im Park, zum lesen oder uns mit Freunden treffen.

Sofia wirkt für mich, durch das sehr geordnete Zentrum auch gar nicht so groß und vergleichsweise übersichtlich. Alles ist gut zu Fuß erreichbar, die Häuser sind sehr schön restauriert und der bulgarische Flair kommt dennoch überall durch. Ich habe mich glaube ich echt noch mehr in die Stadt verliebt, über die vergangen Tage hier. Ich genieße es, zu wissen, wo ich lang muss, um von a nach b zu gelangen, dass die Besitzer des kleinen Cafés an der Ecke schon wissen, was ich gerne möchte und dass ich höllisch aufpassen muss, auf dem Bürgersteig nicht einfach in eines, der vielen, tiefen Schlaglöcher zu fallen.

Bei diesem tollen Wetter bleibt einem auch kaum etwas anderes übrig, als die Sonne zu genießen.

Am Nachmittag meines letzten Tages in София passierten dann noch einige witzige Zufälle. Als wir gerade in einer kleinen Gruppe auf der Wiese im Dr. Garden lagen und Spiele spielten, kam ein Mann zu uns rüber und erklärte ganz fasziniert, dass wir aussahen, wie ein Kunstwerk. Er selbst sei Fotograf und es würde ihn in den Fingern jucken, Bilder von uns zu machen. Kein Thema, wann bekommt man schonmal die Chance zu professioneller Kunst zu werden?

Ein wahres Meisterwerk der Kunstgeschichte.

Der nächste ließ auch nicht lang auf sich warten. Keine zehn Minuten später erklärte uns ein ziemlich verloren wirkender Bulgare, dass er sich dringend bei jemandem entschuldigen müsse und unsere Hilfe benötige. Er hatte Plakate, das passende Outfit und Blumen im Gepäck und wir mussten uns nur noch dekorativ um ihn herum arrangieren.

Ich kann garnicht sagen, welches Bild ich lieber mag, aber beide Fotos, die an diesem Nachmittag im Park entstanden sind, kann man eigentlich schon repräsentativ für die vergangenen zwei Wochen in Bulgarien sehen.

Mit einer Zugfahrt am folgenden Morgen, endete mein Aufenthalt in der Hauptstadt Bulgariens schon wieder viel zu schnell, doch zumindest ging es vorerst nicht nach Rumänien zurück, sondern weiter, in das schöne Varna am schwarzen Meer.

20 Stunden im Zug und eine Höhlenexpedition

Zitat des Ausflugs: ,,Spaziergang auf Hügel auf Suche nach Höhle“ (Eine wundervolle doppelte Alliteration)

Șuncuiuș. Man weiß, dass man womöglich die japanische Adaption eines ungarischen Gulasches auf der Speisekarte entdeckt hat, oder es das richtige, rumänische Dorf ist, um seine Wanderung zu beginnen. Auf uns traf eher letzteres zu, als Nicole, Klara (beide als Freiwillige in Oradea eingesetzt), Jojo und ich mit dem langsamsten Regio Rumäniens, am gefühlt kleinsten Bahnhof des Landes ankamen.

Beim durchstreifen des winzigen Ortes, konnte ich meine Begeisterung über die ganzen typischen Besonderheiten der Gegend schwer in Zaum halten. Frei herumlaufende Hühner. Ein zugewachsener Brunnen. Eine alte Dame, die messerschärfend vor ihrem Haus sitzt und uns Fremde misstrauisch beäugt. Noch mehr Hühner und jede Menge kleiner, bunter Häuser. Hin und wieder bellt ein verunsicherter Haus- und Hütehund.

Meine Romantisierung lag zum einen an der tatsächlichen Schönheit der Gegend, zum anderen Wahrscheinlich an meiner sich nachziehenden Übermüdung der letzten Tage. Nachdem wir von unserem weiten Trip aus dem Donaudelta zurückgekehrt waren, hatten wir eine (sehr) kurze Verschnaufpause in Brașov, woraufhin wir in der Nacht vom 15. auf den 16. April wieder mit gepackten Sachen im Zug saßen. Unser Ziel: Oradea.

Die rund 200.000 Einwohner Stadt liegt im Westen des Landes, nahe der ungarischen Grenze. Die Fahrt dauerte knapp zehn Stunden, bis wir am nächsten Morgen am Bahnhof ankamen. Zur Begrüßung des Tages erst mal eine Plăcintă, die sich aus der Gegend hier als besonders gut erwies. Daran schlossen wir auf unserem Weg zu Nicoles Wohnung eine Runde Yoga im Bishop Schlauch Lőrinc Park an, der in diesen frühen Morgenstunden noch wie ausgestorben war, um unsere zusammengestauchten Knochen von der Nacht im Zug zu entspannen.

Unsere Begleiter in abgestufter Größe, während wir die Zeit für etwas Bewegung nutzten.

Die Fassade des Palatul Episkopal, von lauter blühenden Kirschbäumen gesäumt.

Bei Nicole angekommen, war die Freude über unser Wiedersehen erstmal sehr groß und es gab bei einer guten Tasse Kaffee jede Menge zu erzählen. Daraufhin begannen Johanna und ich einen Spaziergang durch die Innenstadt. Auch hier, so viel zu entdecken. Die Stadt wieder unvergleichbar mit allen anderen Städten, die ich bisher besucht habe. Der Crișul Repede teilt sie in zwei ziemlich gleich große Teile. In der Innenstadt wird der Fluss unter einer modernen Brücke gestaut und verbindet die beiden getrennten Altstadtkerne miteinander.

Auf der einen Seite erreichten wir den prächtigen Marktplatz der Stadt. Mehrere dutzend Gebäude im Jugendstil reihen sich hier aneinander, eins schöner als das andere. Die Mondkirche zeigt, ähnlich wie der Stundturm in Sighișoara, den Besuchern die aktuelle Mondphase an. Von innen ist es eine klassisch orthodoxe Kirche, in einem immer noch barocken Stil. Daneben reihten sich noch jede Menge weitere Kirchen, orthodox und katholisch, sowie eine Synagoge an den Piața Unirii an.

Letztere besuchten wir ganz begeistert. Seit mindestens vier Monaten versuchen wir nun schon in jede vorhandene Synagoge zu gelangen, wohin wir auch kommen. Allerdings haben diese immer geschlossen oder sind nicht für Besucher zugänglich. Dieser Fluch hat sich nun in Oradea wohl verflüchtigt.

Das riesige Bauwerk wird seit den 90er Jahren nicht mehr für religiöse Rituale genutzt und dient als Ausstellungshalle für Künstler. Blickt man nach oben erwartet einen riesige Kuppel, die man auch schon von Außen auf lange Entfernung erkennen kann. Der Raum ist lichtdurchflutet und die Farben rot, blau und gelb dominieren, alle in Pastelltönen. Wir waren ganz alleine und konnten jedes Stockwerk in aller Ruhe erkunden. Danach entdeckten wir noch eines der wichtigsten Wahrzeichen Oradeas: Die Einkaufspassage zum Schwarzen Adler.

Überdacht kann man hier ganz entspannt durch Läden bummeln, selbst wenn draußen gerade die Welt am untergehen ist. Bevor wir uns mit Nicole und Klara trafen besichtigten wir noch eine Hand voll weiterer Kirchen und die sternförmig angelegte Festung.

Wer kann den schwarzen Adler finden?

Daraufhin hatten wir noch genug Zeit, um durch die zweite Hälfte der Stadt zu laufen, das große Theater, wunderschöne Straßen und die wichtigsten Dichter und Denker der Gegend zu sehen.

Die großen Denker(Innen) des Landes

Zum Abschluss unserer Entdeckungstour gingen wir auf den nächsten Hügel über der Stadt, bevor wir unseren ersten Tag in Oradea in aller Ruhe zu viert ausklingen ließen.

Unsere Wanderung am nächsten Tag zwang uns, vergleichsweise früh aufzustehen, um den Zug in Richtung Cluj bekommen zu können. Wir schmierten uns ein paar gute Kulturweitbrote (also klassisch mit Hummus) und packten unsere Rucksäcke mit Snacks voll. Denn wenn wir eins gelernt haben, dann dass die meisten Wanderungen nur so gut sind, wie ihr Picknick. Von Șuncuiuș starteten wir die Tour und liefen entlang des Crișul Repede durch steile Felsklippen, entlang waghalsiger Hängebrücken, bis zur Höhle Unguru Mare.

Das Wasser am Fluss war eiskalt und die rostige Brücke schaukelte sehr verdächtig, als wir sie überquerten, um zum Eingang zu gelangen. Nicht sehr vertrauenserweckend. Doch das Bisschen Aufregung war es wert. Die Höhle zog sich tief ins Innere des Felsen. Von der Decke hingen Stalaktiten, dick wie Baumstämme und Wasser tropfte im Takt auf den Boden. Wir mussten uns zum Teil mit unseren Handys den Weg ausleuchten, um bei den unebenen Steinen nicht hinzufallen. Sehr faszinierend waren auch die Bäche, die sich durch die Steine gefräst hatten und übergittert begehbar gemacht wurden.

Im Hintergrund ist der Eingang zur Höhle zu sehen. Der Fluss zieht ganz unbeeindruckt daran vorbei.

Wer könnte das nur alles sein?

Nach unserem Picknick wollten wir in eine weitere Höhle. Suchten diese schlauerweise auf einem Berg. Scheiterten und kehrten nach Șuncuiuș zurück. Sehr viel Zeit blieb auch garnicht mehr und wir fuhren nach Oradea, von wo aus Johanna und ich unsere Sachen packten, die besten selbstgemachten Burger probieren durften und mit dem Zug zurück nach Brașov fuhren. Mit im Gepäck nun wieder die Erinnerung an ganz viel gemeinsames Lachen und das wunderschöne Oradea.

Long time no sea

Inzwischen weckt das Klingeln des frühen Weckers eine gewisse Abenteuerlust.

So auch, als Jojo und ich uns von Iași aus am Donnerstagmorgen noch vor dem Sonnenaufgang auf den Weg zum Busbahnhof machten. Zusammen mit einer bunten Mischung weiterer Mitfahrer aller Altersgruppen ging es los. Unser erstes Ziel: Brăila. Hier mussten wir in einen weiteren Microbus umsteigen, um Tulcea zu erreichen. Das Busfahren hat etwas total meditatives. Die wunderschöne Landschaft Rumäniens zieht draußen vorbei, dabei wird man von schnellen Überholmanövern und unebenen Straßenbedingungen in den Schlaf geschaukelt. Zum ersten Mal habe ich hier Windräder in Rumänien gesehen, die unsere Fahrt bis in die Hafenstadt Tulcea begleiteten. Dort angekommen legten wir eine entspannte Snackpause am Ufer der Donau ein, bekamen das Angebot beim Anstrich eines Brunnenbeckens mitzuhelfen, was wir dankend ablehnten und daraufhin in Richtung der Anleger liefen. Der Adrenalinspiegel stieg nochmal kurz, als wir um 13:30 feststellten, dass die Fähre nach Sulina gerade am ablegen war. Gnädigerweise wurde auf uns gewartet, als wir die letzten hundert Meter sprinteten und an Bord sprangen.

Weiter ging es einen Hauptarm der Donau entlang in Richtung schwarzem Meer, wo sich am Flussufer die unterschiedlichsten Wasservögel tummelten. Zwischen dem Schilf an Land tauchte immer wieder der Kopf eines grasenden Wildpferdes auf und in den vereinzelten Ansiedlungen spielte ein scheinbar alltägliches Dorfleben. Die Sonne wechselte sich mit bauschigen Haufenwolken ab, während der Fahrtwind über das Außendeck zog. Die dreistündige Fahrt, bei der sich die Anzahl der Passagiere an jedem Stop ausdünnte, bis praktisch nur noch wir, ein Vater mit Sohn und ein orthodoxer Priester übrig geblieben sind, verging wie im Flug. Letzten Endes kamen wir in Sulina an, einer ehemals historisch bedeutenden Hafenstadt, an einer Mündung des Deltas ins Meer.

Bevor wir den ersten Abstecher zum Meer machen konnten, trafen wir uns mit Cristi, dem Vermieter unseres AirBnB-Zimmers. Zusammen mit seiner Mutter lebt er als Künstler praktisch sein ganzes Leben in Sulina und bezieht einen Großteil der Inspiration für seine Aquarelle aus der Natur in der Gegend. Während eines Tees, um die Kälte der Fahrt wieder zu vertreiben, gab er uns einige nützliche Besichtigungstipps im Ort und half uns bei der Planung der nächsten Tage weiter. Sehr viel länger warteten wir dann auch nicht und machten uns auf den Weg zum Strand.  Von der untergehenden Sonne begleitet liefen wir durch das schöne Fischerörtchen, das größtenteils aus drei parallel zur Donau verlaufenden Straßen besteht, die numerisch benannt wurden. Vorbei an einer großen orthodoxen Kirche, einem alten, verfallenen Leuchtturm und jeder Menge kleiner baufälliger Häuschen, kamen wir zunächst zum großen Friedhof außerhalb des Dorfes.

Laut unserem Vermieter sollen hier neben Piraten, reichlich Deutschen auch eine Prinzessin beerdigt worden sein. Abgesehen vom sehr deutsch klingenden Heinrich fanden wir die übrigen aber leider nicht. Dafür begegnete uns ein neugieriges Wildpferd und Kühe als wir auf einem abenteuerlich morschen Holzsteg zum Strand weiter liefen.

Endlich am schwarzen Meer anzukommen war dann erstmal überwältigend. Das Meer war nahezu spiegelglatt und die vereinzelten Wolken am Himmel wurden vom Sonnenuntergang in einem sanften Lila gefärbt. Wir freuten uns wie kleine Kinder, den langen Sandstrand für uns zu haben und konnten kaum glauben, nach der langen Anreise angekommen zu sein.

Endlich am schwarzen Meer angekommen und überglücklich mal wieder Seeeluft zu schnuppern…

Auf dem Rückweg kauften wir noch ein, um dann in der Wohnung ein paar Nudeln kochen zu können. Die Mutter unseres Vermieters hatten wir nur flüchtig kennengelernt, doch die alte Dame hörte unheimlich schlecht, wodurch die Seifenopern, die sie in einem Fort schaute, durch die ganze Wohnung schallten und bestätigten, dass sie zuhause war. Im Wohnzimmer hingen ansonsten jede Menge Bilder von Christi, die Szenen vom Hafen Sulinas und des Deltas zeigten. Cristi selbst trafen wir erst wieder, als er mit seinem, von der Straße adoptierten Hund, Bobo, nach Hause kam und uns auf eine Runde Țuică einlud. Gemeinsam saßen wir dann noch bis spät in die Nacht im Wohnzimmer zusammen, haben Musik gehört und fast schon einen kleinen Kreativworkshop bekommen, da wir zusammen zeichneten und Eindrücke festhielten.

Bei seinem Selbstportrait hat Cristi sich tatsächlich ziemlich gut selbst getroffen, das obwohl kein SPiegel in der Nähe war.

Ein sehr inspirierender Abend, bei dem wir viel über sein Leben als Künstler und den Alltag im Delta erfahren haben. Ganz stereotypisch für seine Berufswahl hat er seinen Küchentisch nach dem Trommelklang ausgewählt, rauchte seine selbstgedrehten Zigaretten in Kette und zerstört gerne mal die eigene Kunst, um etwas genialeres daraus zu schaffen. Im Mai hat er eine Ausstellung in Bukarest, bei der wir nun mit Sicherheit mal vorbei schauen werden und am Ende des Abends hat er uns sogar zwei seiner traumhaft schönen Blumenaquarelle geschenkt.

Ziemlich geschafft schliefen wir dann auch ein und starteten am nächsten Morgen gleich mit unserem Strandtag durch. Von den frostigen Temperaturen ließen wir uns nicht abhalten suchten uns einen windgeschützten Ort in den Dünen, um Sonne zu tanken. Dabei wurden drei Hunde unsere Begleiter, die uns ab dem Ortsende begleitet hatten und nun immer wieder einforderten, gestreichelt zu werden. Nach unserem kleinen Picknick hatte die Sonne es schwer, durch die bauschigen Wolken zu kommen, weshalb wir uns auf den Weg zu einem Spaziergang machen. Der kilometerweite Strand hat mich ein bisschen an Vergleichbares der deutschen Ostseestrände erinnert, genauso wie die Temperaturen.

Unser ursprüngliches Vorhaben war es, schwimmen zu gehen, was in der Realität ganz schnell verworfen wurde. Statdessen zogen wir alles an, was wir mitgebracht hatten und liefen ähnlich gut ausgestatten, wie zu einer Marsxpedition, zur Mündung der Donau ins schwarze Meer.

Ich denke man kann erahnen, wie kalt es tatsächlich gewesen ist… Im Hintergrund einer unserer neuen Freunde.

Mit von der Partie, natürlich die drei Hunde, schnell zu Zeus, Hades und Poseidon getauft, begleiteten uns den ganzen Weg. Überall lagen große, gewundene Muscheln, teils noch mit Bewohner am Strand und eine Gruppe Wildpferde gallopierte vom Wasser in die Dünen, als sich unsere fünfer Truppe näherte. Wir hatten den kompletten Nachmittag Zeit zum genießen der menschenleeren Gegend. Erst am Abend kamen wir zurück in unser AirBnb, wo die Mutter von Cristi uns mit einem selbstgekochten, typischen Fischgericht überraschte und sich beim Essen zu uns gesellte.

Von so viel Gastfreundschaft überwälltigt, plauderten wir eine ganze Weile mit ihr, was vermutlich mehr gebracht hat, als unser anschließender Sprachkurs. Sie selbst hat sehr deutlich und laut gesprochen, nicht zuletzt, um sich selbst zu hören, wodurch wie sie gut verstehen konnten. Alles übrige erschlossen wir uns aus ihren wilden Gestiken, den tiefen Stirnfalten und empörten Ausrufen, als sie über internationale Politik sprach, immer wieder Namen wie Merkel oder Johannis einwerfend. Die sonst so gemächliche Dame sprang dann hin und wieder vom Sofa auf, um sich noch besser ausdrücken zu können, wurde aber auf der anderen Seite fast schon verträumt, als sie über ihre andere Tochter in Italien und Enkelkinder sprach. Aus Angst vor dem Fliegen berichtete sie uns, sei sie selbst auch immer sehr viel Zug gefahren und habe ähnlich wie wir gerne mal Tage mit Reisen verbracht.

Fast schon komisch, die Wohnung am nächsten Tag zu verlassen, um das Boot nach Tulcea zu erreichen. Ich hatte mich in der kurzen Zeit schon so sehr an Cristi und seine Mutter gewöhnt…

Umso schöner war es, dass wir am Morgen von einem ungetrübten Sonnenaufgang am Steg überrascht wurden und mit der steigenden, kräftigen Sonne im Nacken, per Speedboot losfuhren. In den letzten Tagen waren die Pelikane wieder ins Delta zurück gekehrt, weshalb wir einige der Tiere sehen konnten, die die frühen Morgenstunden genossen. Die Fahrt dauerte immerhin auch nicht mehr so ewig, wie die Fähre auf dem Hinweg, weshalb wir nach nur eineinhalb Stunden die große Hafenstadt erreichten.  Die obligatorischen und wahrscheinlich besten Covrigi Rumäniens gab es natürlich gleich wieder zum Frühstück.

Die aufgehende Sonne in Sulina. Cristis Hund Bobo begleitete uns noch bis wir im Boot saßen und los fuhren.

Covrigi bekommt man hier an fast jeder Ecke. Dabei handelt es sich um einen Hefe-Sesam-Ring, der zu jeder Tages- und Nachtzeit passend ist. Allerdings war uns die Verkaufweise an einer Schnur auch neu, aber sehr praktisch.

Die Botschaft dieses Mülleimers hat sich mir nicht so ganz erschlossen… Auf gehts, werfen wir dem freundlich lächelndem Delphin doch unseren Müll in den Rachen?

Jojo führte mich dann noch durch die Innenstadt Tulceas, da sie vor ein paar Monaten schonmal hier gewesen ist, und sich alles gut zu Fuß erlaufen lässt. Daraufhin trafen wir uns mit unserem BlablaCar-Fahrer Ionut und auf ging es nach Bukarest. Von hier aus hatten wir nur noch eine kurzweilige Zugfahrt vor uns, bis wir wohlbehalten abends, um einige Erlebnisse reicher, wieder in Brasov ankamen.

Die Stadt der tausend Kirchen und Mülleimer

Am Abend erreichten wir nach einer sehr langen Fahrt mit dem hiesigen Regio, der an jeder Häuseransammlung der Gegend anhält, Iași (Jasch gesprochen, oder à la Jakob Lasi). Doch mit guten Gesprächen und einem Ausblick auf die Felder und Herden von Schafen ließ sich die Zeit gut vertreiben.

Zunächst begrüßten uns riesige Häuserfronten, als wir das alte Bahnhofsgebäude in Iași  verließen. Die Abendsonne legte alles in ein goldenes Licht, während der Großstadtverkehr sich durch die Straßen schob. Die Stimmung war ganz anders als in allen anderen Städten Rumäniens, die ich bisher besuch habe. Irgendwie größer, voller, lebendiger.

Am nächsten Morgen nutzen wir das gute Wetter für einen Abstecher in den botanischen Garten. Kommt man von unten durch den Park, kann man sich das Kassenhäuschen sparen und gelangt durch relativ unberührte Wald- und Wiesenabschnitte zum tatsächlichen Garten. Eine kleine Ausstellung von Infotafeln klärt einen darüber auf, welche Pflanzen welches Nervengift enthalten und somit nicht vom Strauch gesnackt werden sollten, woran sich ein regelrechtes Meer an Rosenstöcken anschloss.

Daraufhin schlenderten Jojo und ich durch die Altstadt Iașis, besuchten unzählige orthodoxe Kirchen und landeten zuletzt im Kulturpalast.

Der Kulturpalast wurde über die Jahrzehnte seiner Bebauung immer wieder erweitert und mit Verzierungen ergänzt. Heute beherbergt er einige Säle zur Geschichte des Gebäudes und verschiedene Museen.

Wir schauten uns die sehr expressive Kunstausstellung, voller bunter und abstrakter Werke eines Künstlers aus Iași an. Das technische Museum hat uns daraufhin nicht mehr so sehr begeistert, weshalb wir die Gramophone und alten Poststempel schnell hinter uns ließen und lieber das Gebäude bewunderten. Der Palast, von Außen schon monumental, wirkt im Inneren noch größer und prachtvoller. Die Räume sind reich verziert mit Holzverkleidungen und Stuck an den Decken. Das Treppenhaus zeichnet sich durch riesige Fensterfronten, die den Saal mit Licht durchfluten, aus.

Als uns die technische Ausstellung zu fade wurde, stellten wir einfach unsere eigene Kunst her und fügten uns perfekt in die Atmosphäre des Palastes ein.

Auf unserem Rückweg zur Wohnung von Jakob und Marie besuchten wir noch weitere Kirchen und Klöster, die sich zu Haufen im Zentrum der Stadt konzentrieren. Doch nicht nur diese. Gefühlt alle zwei Meter, tatsächlich nur an jedem stabilen Baum, befindet sich ein grüner Mülleimer. Sollte man sich in Iasi nicht entscheiden können, ob man seinen Abfall wegwerfen möchte, so wird man etwa jede zehn Meter erneut vor die Frage gestellt, alleine durch die schiere Menge an Tonnen und Eimern. Zugegebenermaßen ist mir auch an keiner Stelle im Stadtbild, Müll negativ ins Auge gefallen, da es wahrscheinlich auch abwegig ist, diesem Angebot von Mülleimern zu widerstehen und etwas auf den Boden fallen zu lassen.

Die Reihe der Mülleimer zieht sich scheinbar ins Unendliche weiter… Sobald wie diese Tatsache einmal bemerkt hatten, war es schwer sie zu ignorieren.

Beim weiteren Bummel durch die Stadt sind wir außerdem auf die wohl größte Katzengemeinde nördlich von Varna gestoßen, haben der schönsten Bibliothek Europas (laut BBC) einen Besuch abgestattet und wurden von Schildern vor dem Kulturpalast freundlich darauf hingewiesen, dass hier Schwimmen untersagt ist. Nur falls jemand auf die Idee kommen sollte…

Leider durften wir den Großteil der Bibliothek, pandemiebedingt nicht betreten, doch ein sehr engagierter Securetymann machte mit vollem Einsatz, inklusive Kniefall, Fotos von uns.

Es gab viele Gegensätze hier und noch so viel mehr neues zu entdecken und zu erkunden. Inzwischen wissen wir, dank Marie und Jakob, um die gesundheitsfördernde Wirkung von Bier und haben das erste Mal vegetarische Sarmale probiert. Die Krautwickel sind eigentlich das Nationalessen Rumäniens schlecht hin und doch haben wir sie die vergangenen sieben Monate immer umgangen. Ein großer Fehler! Die kleinen Rollen sind wirklich köstlich. Da wundert es mich nicht, dass man hier jeden noch so kleinen Anlass darauf verwendet, sie zu kochen.

Unsere Zeit hier haben wir zudem dafür genutzt, die Reisemittel des Landes zu reflektieren. In den vergangenen Wochen haben wir so ziemlich alle Möglichkeiten mindestens einmal genutzt und sehen uns in der Position nun qualitativ hochwertige Empfehlungen aussprechen zu können.

Falls sich also jemand unsicher sein sollte, was aus dem großen Pool der Angebote zu wählen ist, dem lege ich einen Blick auf die folgende Tabelle ans Herz (alle anderen sind womöglich mit den Verbindungen hier vertraut und erkennen das ein oder andere wieder…):

Das Leben ist eben manchmal doch ein Ponyhof

In der Nacht vom ersten auf den zweiten April starteten unsere Osterferien mit einem kleinen Abenteuer. Wie ein verspäteter schlechter Aprilscherz musste ich um kurz nach drei Uhr nachts feststellen, dass unser BlablaCar-Fahrer die Fahrt mit uns storniert und vergebens versucht hatte mich zu erreichen. Kein Wunder, bei der Uhrzeit. Etwas in Panik rufe ich ihn zurück. Es stellt sich heraus, dass sein Auto leider nicht durch die historischen Straßen Brașovs fahren darf und es für ihn keine Chance gab zu uns zu gelangen. Kritisch. Zu dem Zeitpunkt herrschte noch die nächtliche Ausgangssperre, weshalb wir auch nicht zu ihm gehen konnten. Noch während des Telefonats mit Ionut, unserem Fahrer, schaltete sich die Polizei seinerseits ein und erklärte sich bereit ihn zu unserem Standort zu eskortieren.

Ein skurriles Bild, als dann plötzlich der Polizeiwagen samt zweier müder Polizisten und dem Kurierwagen von Ionut durch das Stadttor rollten, um Johanna und mich abzuholen. Immerhin verlief daraufhin alles reibungslos. Mit dauerhaft mindestens 50 km/h über der Geschwindigkeitsbeschränkung donnerten wir gen Norden. Auf dem Weg nach Suceava, der normalerweise nie in unter fünf Stunden zu bewältigen wäre, wollte unser BlablaCar-Fahrer wohl einen neuen, persönlichen Rekord aufstellen. Während der Fahrt konnten wir der Sonne beim Aufgehen zuschauen und sahen diverse kleine, bunte Ansiedlungen, mit rauchenden Kaminen. Ein Fahrradfahrer fuhr in schlingernden Linien an einer orthodoxen Kirche vorbei und verlor beinahe die Kontrolle über sein Rad, als er sich standardmäßig bekreuzigt. Klassiker.

In Vorbereitung auf das was uns in Suceava wohl erwarten würde, schauten wir in den Blogeintrag von Fynn zu seiner Reise in die Bukowina rein. (https://kulturweit.blog/notizenausderwalachei/2021/01/18/suceava-das-saarland-rumaeniens/) Dabei zieht er gleich zu Beginn den Vergleich von Suceava mit dem Saarland. Jojo und ich mussten beide herzlich lachen und versuchten daraufhin trotz der geschürten Vorurteile unvoreingenommen die Stadt kennenzulernen. Das Wetter hat immerhin mehr oder weniger mitgespielt und wir trafen uns gleich darauf mit Marie, die in der nächst kleineren Stadt hier in der Gegend ebenfalls von Kulturweit als Freiwillige eingesetzt ist. Mit ihr und einer Gruppe Schüler zusammen fuhren wir erstmal jede Menge Tierfutter und Medikamente einkaufen, um daraufhin ein Tierheim zu besuchen.

Wir stehen hier schön vor dem wunderschönen Stadtschild Suceavas.

Das Heim finanziert sich praktisch ausschließlich aus Spenden und über Freiwillige, weshalb die Leiterin extrem froh war, als unser bunter Trupp ankam. Genauso glücklich waren die mehrere Dutzend Hunde, die uns teils schwanzwedelnd, bellend, knurrend oder mit aufgestellten Ohren begrüßten. Ich finde es nach wie vor sehr stark, dass die Gruppe von Schülern sich regelmäßig dafür einsetzt und Geld zusammen trägt, um diese und ähnliche Auffangstationen zu unterstützen und zu besuchen. Dennoch war es auch eine traurige Situation zu sehen, wie viele teils abgemagerte und kranke Hunde hier existierten, die durch die mangelnde Hilfe nicht die Pflege bekommen können, die sie eigentlich benötigen würden.

Tierisch ging es dann noch weiter, als wir in Rădăuți (Maries Einsatzstelle) ankamen und von einer Überbevölkerung Raben und Krähen begrüßt wurden, die an jeder Ecke in den Baumkronen saßen. Dementsprechend laut war auch ihr Krähen zu hören. Langsam trudelte noch der Rest unserer kleinen Gruppe ein, die sich für Ostern gefunden hat als Marie und Jakob aus Iași ebenfalls ankamen. Wir machten es uns in Maries Wohnung mit selbstgemachten Burgern gemütlich und nutzten den Abend dazu, uns alle erstmal ein bisschen kennen zu lernen. Unser Samstagmorgen begann daraufhin mit einem Besuch des großen Marktes in Rădăuți, auf dem wir neben ganz viel Obst und Gemüse auch die traditionellen Ostereier der Bukowina fanden.

In ganz vielen bunten Farben verkleidet wurden uns die Eier stolz präsentiert. Die auf den ersten Blick wie mit Bügelperlen besetzten Eierschalen müssen wirklich unheimlich viel Arbeit gemacht haben.

Im Anschluss daran wollten wir das Pensum an Tierzeit weiter ausdehnen und fuhren in das rumänische Hinterland zu einem Bauernhof. Trotz grauer Wolkendecke und schlammigen Autopisten kamen wir hochmotiviert an und lernten sogleich unsere Pferde für den Ausritt kennen. Zugegebenermaßen handelte es sich bei unserem Vorhaben ein bisschen um ein Experiment. Jojo, Marie und ich saßen das letzte Mal vor sehr langer Zeit auf einem Pferderücken und Jakobs Erfahrungen beschränkten sich auf unsere kargen Erzählungen. Als einzige wusste die ortsansässige Marie so wirklich was zu tun war. Nichts desto trotz starteten wir mit Striegel und Sattel so professionell wie möglich. Nepal, mein Pferd, gab mir allerdings ziemlich bald darauf Bescheid, wie gering sein Interesse an einem Ausritt bei Nieselregen war, als er sich, nachdem er fertig gesattelt war, in die tiefste Ecke seiner Box verzog. Kein Wunder, dass er nach unseren ersten Runden auf der Koppel, auf direktem Weg mit mir zurück in den Stall trabte, wo er sich vermutlich frisches Heu und Ruhe erhoffte.

Aber nicht mit mir, dachte ich, denn so leicht wollte ich nicht aufgeben! Den Machtkampf zwischen uns beiden verlor ich jedoch spätestens, als er beschloss auf halber Strecke, als wir mit den anderen auf dem Feld waren, stiften zu gehen und zum Hof zurückkehren zu wollen. Ein bisschen nervös lachend meinte unser Reitlehrer, dass Nepal einfach einen sehr faulen und sturen Charakter habe und tauschte mein Pferd mit seinem. Mein neues Pferd war der Bruder von Nepal, der zumindest ein Bisschen besser folgte, aber sich spontan dem Ausbruch von Maries Pferd anschloss, als dieses ebenfalls in den Stall zurückkehren wollte. Am Ende des Tages konnten wir aber sehr darüber lachen und hatten trotz einiger Fauxpas eine gute Zeit und ein unvergessliches Erlebnis gehabt.

Den Ostersonntag starteten wir mit einer großen Runde Pfannkuchen (genau, keine Eierkuchen), sowie einer wilden Mischung an Belägen.

Daraufhin fuhren wir erstmal zum Kloster Arbore, das ca. 25 km von Suceava entfernt liegt. Es gehört gemeinsam mit den anderen bekannten Klöstern der Bukowina zur Hauptsehenswürdigkeit der Region und ist einen Besuch allemale wert!

Leider konnten wir das Innere des Klosters nicht besichtigen, doch schon von Außen gab es sehr viel zu entdecken.

Über die Außenfassade verteilt kann man wunderschöne Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert sehen, die sich mit biblischen Geschichten, wie der Schöpfung der Welt und den verschiedenen Heiligen beschäftigen.

Jeder von uns suchte sich daraufhin ein Lieblingsbild von den Malereien aus. Schnell stellten wir fest, dass wir alle die Ironie der Hinrichtungsdarstellungen sehr makaber fanden. Auf der einen Seite, wird in nahezu jedem Bild der gleiche Heilige, der total entspannt wirkt, exekutiert, wobei auf der anderen jedes Mal eine Gruppe weiterer Figuren steht und sich berät, wie sie ihm wahrscheinlich noch effektiver den Garaus machen können. Aber vor allem die schönen türkisen Farben und das rote Raster zur Abgrenzung, haben mir sehr gut gefallen.

Davon ausgehend ging es weiter zur Salzmine in Cacica. Anders als die Miene in Turda wurde diese hier nicht zu einem gigantischen Freizeitpark umgestaltet und wir konnten neben einer kleinen Kapelle, einem unterirdischen See auch jede Menge alter Schächte und Hallen besichtigen. Die Luft wurde, je tiefer wir in den Bau vordrangen, modriger und stickiger und die Gänge wurden mit jedem Meter in die Tiefe älter.

Die Gänge sehen hier wirklich so aus, als würden sie kein Ende nehmen.

Der unterirdische See der Miene wies lauter Salzkristalle auf der Oberfläche auf, die dort schwammen und das Licht der Scheinwerfer zurück warfen.

Irgendwie war ich da auch wieder ganz froh, als wir nach einer guten Stunde unbeschadet von unserem Rundgang aufstiegen und an der frischen Luft durchatmen konnten. Ich will mir garnicht vorstellen wie der Arbeitsalltag der Minenarbeiter ausgesehen haben muss, als hier noch Betrieb war und dass die Bedingungen heutzutage an anderen Orten der Welt nicht wirklich besser sind…

Um auf andere Gedanken zu kommen und das Osterwochenende noch entsprechend ausklingen zu lassen, bemalten wir gemeinsam mehrere Eier in bunten Farben. Außerdem wollte ich mal wieder Laufen gehen, wofür ich mich den rumänischen Gepflogenheiten anschloss und zu einem riesigen Stadion am Stadtrand ging. Das ist hier typisch und man sieht tatsächlich auch nur sehr wenige Menschen in den Parks joggen, sondern meistens in den dafür vorgesehenen Laufstrecken. Im Falle von Rădăuți wurde ich natürlich von lautem Krähengeschrei begleitet.

Daraufhin endete unsere Zeit in der Bukowina schon und wir brachen am nächsten Morgen mit Jakob und Marie in deren Stadt Iași auf.

Achso und warum das Leben doch ein Ponyhof ist? Vermutlich einfach nur, weil ich mich so sehr gefreut habe, nach all den Jahren mal wieder reiten zu können und wir somit eine richtig schöne Erfahrung und ein einmaliges Ostern hatten. Auch wenn die Pferde des Ponnyhofes nicht wirklich motiviert waren.

Auf den Spuren der Vergangenheit

1986, meine Eltern beide in bunten Skianzügen auf der Piste von Poiana Brașov . Gleich daneben ein vergilbtes Bild von meinem Vater, mit Jeansjacke und sehr seltsamer Frisur vor der schwarzen Kirche in Brașov .

Auf diese Fotos sind wir gestoßen, als ich mit meinen Eltern alte Fotoalben durchkämmt habe, nachdem ich die Platzzusage für Rumänien von Kulturweit erhalten hatte. ,,Ob die Spuren von damals wohl immer noch im Schnee zu sehen sind?“, haben wir da noch gewitzelt. Zeit das heraus zu finden.

Nach einem ruhigen Officeday Anfang März, haben wir uns in Lichtgeschwindigkeit Zuhause in Skischale geworfen, Schuhe und Skier über die Schultern geworden und sind zum Busbahnhof gelaufen. In gerade mal 20 Minuten erreichten wir Poiana, wo wir uns auf die Skier schwangen und den Rest des Tages damit verbrachten, die Pisten herab zu fegen, um die letzten Fahrten der Lifte zu erreichen. Wir hatten einen riesigen Spaß und uns am Ende des Ausfluges jede ein großes Langos verdient.

Auch wenn die Sicht auf der Piste nicht optimal war, haben wir unseren Skinachmittag dennoch sehr genossen!

Passenderweise kam an diesem Abend mein Vater zu Besuch aus Deutschland angereist, nachdem er das letzte Mal vor über dreißig Jahren hier gewesen ist. Aufregend, jemandem aus der Heimat das neue Zuhause zeigen zu können! Wir ließen den ersten Abend ganz entspannt ausklingen und fuhren am darauffolgenden Morgen gleich los, um nach Târgu Mureș zu kommen. Die Stadt, nord-westlich von Brașov hatte mich schon seit langem mit den großen kulturellen Angebot gelockt. Umso schöner jetzt sogar mit meinem Vater und Johanna gemeinsam dorthin reisen zu können.

In Farbe und Form fügen sich die zahlreichen Kirchen Târgu Mureșs wirklich sehr harmonisch in den die Altstadt ein. Allerdings verläuft sich der Baustil mit jedem Meter, den man sich vom Zentrum entfernt.

Die Synagoge der Stadt war leider für Besucher geschlossen, als wir sie an diesem Tag besichtigen wollten, doch auch von außen gibt sie schon sehr viel her!

Târgu Mureș wirkt auf den ersten Blick gar nicht so besonders, wobei man auf den zweiten Blick ja bekanntlich erst die versteckten Details entdeckt. Die Hauptstraße im Stadtzentrum ist sehr hübsch hergerichtet und die orthodoxe Kathedrale unheimlich beeindruckend! Am ansprechendsten ist natürlich der gigantische Kulturpalast mit buntem, wie auch schon aus Sebeș bekanntem, typisch sächsischen Dach. Wir waren knapp zu spät, um das Bauwerk an diesem Tag noch zu besichtigen, weshalb wir uns das für den darauffolgenden Tag vornahmen und den Samstag noch dafür nutzten, die Stadt zu erkunden und die Sonne im Park zu genießen. Sehr empfehlenswert war gleich darauf unsere Bestellung (ganz untraditionell) in einem thailändischen Restaurant, aus der puren Begeisterung heraus, endlich mal eines gefunden zu haben! Gute asiatische Restaurants sind in Rumänien nämlich ähnlich schlecht zu finden, wie eine Stadt frei von dicken Tauben! Doch wir hatten Glück…

Der Kulturpalast mit seinem bunten Dach ist wirklich der Hingucker der Stadt. Von außen…

… wie auch von innen, wenn mit den Buntglasscheiben traditionelle Geschichten erzählt und gezeigt werden…

… wo es auch an einer sehr reichen Innenausstattung nicht mangelt.

Am nächsten Morgen liefen wir direkt zum Kulturpalast, wo wir vom begeisterten Lichtmechaniker des Gebäudes eine private Führung erhielten. Total glücklich, auf waschechte deutsche getroffen zu sein, hat er uns in allen Einzelheiten erklärt, dass die bunten Ziegeln auf dem Dach alleine pro Stück um die 36€ kosten und dass bis zu 30kg Gold im Palast verbaut wurden. Die Buntglasfront im oberen Stockwerk erzählt traditionelle Volksgeschichten des Landes und im Konzertsaal steht die Schwesterorgel zu der aus der schwarzen Kirche in Brașov, die sich über zwei Stockwerke nach oben erstreckt.

Aus einem riesigen Zufall heraus hat eine der Organistinnen gerade ihre Probe für ein Konzert am Abend begonnen, wofür uns unser Freund der Lichttechniker einlud im ersten Rang Platz zu nehmen, zuzuhören und die extra von ihm eingeschaltete Festbeleuchtung auf uns wirken zu lassen. Eine tolle Stimmung und besser als jedes volle Konzert aktuell, da wir zu dieser Zeit die einzigen Besucher waren.

Daraufhin fuhren wir weiter nach Turda, um die Salina zu besichtigen. Einige Freiwillige waren vor uns schon hier gewesen und hatten unheimlich von der Salzmiene geschwärmt, weshalb wir mit sehr hohen Erwartungen den Besuch starteten. Die Mine wurde so ausgebaut, dass es neben den alten Schächten einen riesigen unterirdischen Saal gibt, in dem ein indoor Freizeitpark errichtet wurde. Man kann Tischtennis spielen, Riesenrad fahren, nach Programm Theaterstücke sehen und auf einem Salzsee in kleinen Nusschalenbooten rudern gehen. Doch selbst die schönen Lichtinstallationen konnten nicht verdecken, dass die Höhle extrem voll war, weshalb wir uns ein bisschen unwohl fühlten, mit dem erhöhten Infektionsrisiko in geschlossenen Räumen.

Als wir wieder heil ans Tageslicht kamen, ging unsere Fahrt weiter nach Sibiu, vorbei an Alba Iulia und den Râpa Roșie, die gleich nochmal schöne Erinnerungen von der Woche zuvor weckten.

In Sibiu durfte natürlich ein Spaziergang durch die Altstadt nicht fehlen und mein Vater stellte fest, wie viel sich in den letzten Jahren verändert hatte, da er kaum noch etwas aus der Gegend wiedererkannte. Um weiter in der Geschichte zu kramen, fuhren wir am nächsten Morgen nach Cisnădie oder Heltau, wie der sächsische Name ist, wo Papa vor vielen vielen Jahren während eines Urlaubs rumänische Freunde gefunden hat und deren Gastfreundschaft noch sehr in Erinnerung hatte. Auf gut Glück wollten wir sehen, ob er etwas wiedererkennt oder wir sogar jemanden von damals wiederfinden können. Doch auch Heltau hatte sich ziemlich stark verändert. Gerade als wir die Suche aufgeben wollten, erreichten wir das Touristenbüro, in dem sich die sehr engagierte Mitarbeiterin unsere Suche zum Tagesprojekt erklärte und ihren Mann, den Dorfpolizisten, einschaltete. Über ganz viele Umwege gelangten wir an eine deutschstämmige Frau, die sich noch gut an das Ehepaar erinnerte, nach dem wir suchten. Sie konnte uns den Kontakt zu deren Neffen herstellen, der in Heltau geblieben ist und uns berichtete, dass die beiden schon vor vielen Jahren, nach der Wende nach Deutschland ausgewandert waren und seither dort leben.

Was für eine spannende Spurensuche! Ich glaube die Dame aus dem Büro war bei weitem noch aufgeregter als wir, als wir tatsächlich den Kontakt der alten Freunde erhielten.

Auf den ganzen Trubel erst mal eine Plăcintă! Das Haus der zwei konnten wir leider nicht mehr finden, doch unsere Detektivarbeit war schon zufriedenstellend genug gewesen und wir konnten guten Gewissens zurück nach Brașov fahren.

In der darauf folgenden Woche kramten wir noch weiter in der Geschichte, besichtigten das Schloss des Grafen Vlad Țepeș, der ja viel mehr unter dem Namen Dracula in die Erinnerung eingegangen ist und die Residenz des ersten Rumänischen Königs Carol (ein Namensvetter unseres Betreuers) in Sinaia. Außerdem erweiterte Luca nun unsere Gruppe, da er als weiterer Freiwilliger in Rumänien angekommen ist und mit uns zusammen in Brașov eingesetzt sein wird.

Beide sind wunderschön aber in grundsätzlich verschiedenen Stilen erbaut. Passend zum kalten, mittelalterlichen Flair in Schloss Bran hatten wir den Tag über einen plötzlichen Temperatureinsturz und sehr unangenehmen Schneeregen. Das hat die Gruselgeschichten, über Drachen, Werwölfe, Untote und den Sensenmann als personifizierten Tod besonders schön untermalt.

Ganz klares Gruselflair, wie das Schloss da im grauen Schneenebel auf dem kleinen Berg thront.

Von innen sieht es immerhin ein bisschen freundlicher aus, doch die hohen, dicken Mauern wirken dennoch ein wenig erdrückend.

Auf der anderen Seite hatten wir einen strahlend blauen Himmel und eine märchenhaft verschneite Landschaft, als wir das in den Karpaten versteckte Schloss Peleș besuchten. Jeder Raum sah hier verschieden aus und war in einem anderen Stil wundervoll dekoriert. An manchen Stellen womöglich etwas überladen und protzig, doch ich fand es immer noch traumhaft! Es gab so viele Details zu sehen und zu entdecken, dass der Rundgang über alle Räume und Etagen nicht langweilig wurde.

Von außen sieht das Schloss aus wie aus einem Märchen entsprungen.

Das Treppenhaus im Inneren. Mit Holz ausgekleidet, lauter Schnitzereien und Kunstwerken bestückt und von einem gläsernen Dach mit jeder Menge Tageslicht versorgt, zieht einen schon der erste Saal den man betritt in seinen Bann.

Leider neigte sich mit dem Ende der Woche der Besuch meines Vaters auch schon seinem Rückflug nach Deutschland entgegen und wir mussten uns sonntagmorgens schweren Herzens wieder voneinander verabschieden. Ausgeschlossen ist aber nicht, dass schon bald eine Rückkehr in das schöne Rumänien von ihm ausgehen wird.

Transilvanien, Siebenbürgen oder doch noch Szeklerland?

Jetzt lebe ich schon fast ein halbes Jahr in Siebenbürgen und lerne dennoch ständig neues dazu. In unserem Vorbereitungsseminar haben wir das Eisbergmodell der Kulturen kennengelernt. Hier wird die Kultur eines Landes als Eisberg dargestellt, dessen Spitze man schon von Weitem gut erkennen kann. Allerdings bleibt der größere und noch viel wichtigere Teil unter der Wasseroberfläche verborgen. Um den erfassen zu können, muss man schonmal ins eisige Wasser abtauchen und dabei lange genug die Luft anhalten können. Irgendwie keine besonders berauschende Vorstellung…

Das Modell habe ich vor kurzem mit Karla wieder diskutiert und war eigentlich der Meinung, doch schon das ein oder andere Mal einen Blick auf den Kern der rumänischen Kultur geworfen zu haben. Jedoch haben mich die vergangenen drei Wochen eines besseren belehrt. Ich habe so viel neues kennengelernt und erfahren, was mich immer wieder überrascht hat. Einen Aspekt Siebenbürgens, den ich zum Beispiel noch gar nicht wirklich beachtet hatte, war der ungarische Einfluss auf die Region.

Bewusst ist mir dieser geworden, als ich mit Henning, einem Freiwilligen aus Sebeș, der in der Woche nach meinem Ausflug nach Cluj zu Besuch war, für einen Nachmittag nach Sfântu Gheorghe gefahren bin. Die Kleinstadt liegt etwa 30 Minuten mit dem Zug von Brașov entfernt und ist mit den Regios wirklich gut zu erreichen. Auch sehr erfreulich sind jedes Mal die günstigen Zugtickets. Für gerade mal 5 Lei, was grob einem Euro entspricht, sind wir direkt von Bahnhof zu Bahnhof gekommen. Für das gleiche Geld, würde mich in Deutschland kein öffentliches Verkehrsmittel auch nur hundert Meter weit fahren, geschweige denn mir so ein schickes Zugticket wie hier ausstellen.

In S.G. angekommen, war es wie der Eintritt in ein anderes Land. Die Corona-Warnhinweise an den Bustüren und unsere Tickets selbst, alles auf ungarisch. Kein Wunder, bei der ungarischen Minderheit, die mit drei Vierteln der Einwohner, die Mehrheit ausmacht. Das gleiche spiegelt sich an Straßenschildern und in der gesprochenen Sprache auf der Straße wieder. Im super schön gestalteten zentralen Elisabethpark haben wir in der Sonne mitgebrachte Brote mit Fasole und Hummus (vermutlich das Kulturweitfreiwilligenessen schlechthin) gepicknickt und sind nach einem Rundgang durch die Stadt ins Museum der Ostkarpaten gegangen.

Wir wurden völlig überrascht, als uns in dem unscheinbaren Gebäude eine vielfältige Ausstellung zu den ersten Siedlern der Region erwartete!

Der Altar, der gleich unter dem Fuchs aufgebaut ist, ehrt die Frauen der Siedlung und würdigt nochmal ihre gesellschaftliche Stellung.

Das Pferd schaut finde ich ein bisschen aggressiv… Kein Wunder, wenn Henning ihm auch direkt in die Nase greift. WIr vermuten mal, dass es sich beim Reiter wieder um Mihai handelt, der Rumänien vereinigt hat, da eine Statue von ihm in eigentlich jeder größeren Rumänischen Stadt zu finden ist.

Ich weiß, das Wort multimedial fällt im Zusammenhang mit den hiesigen Museen sehr oft bei mir, aber so habe ich das in dieser Form auch noch nie irgendwo anders erlebt… In der, über drei Räume ausgebreiteten Ausstellung wurden uns über einen animierten Film, originale Ausgrabungsstücke aus der Kupfer und Bronzezeit, sogar der Nachbau eines Siedlungshauses, für Blinde zum Anfassen geboten.

Sehr interessant fand ich den Gesellschaftsaufbau der damaligen Kultur der Daca, der als Matriarchat organisiert war und in jedem Haus einen eigenen kleinen Altar zu Ehren der Frauen aufgestellt hatten. Wirklich faszinierend waren zudem die Stempeldrucke auf der handgemachten Keramik und die präzise Ausarbeitung von Pfeilspitzen und anderen Handwerksgegenständen.

Eine weitere monumentale Statue mit Häusern im Hintergrund, die das Stadtbild S.G. stark prägen.

Daraufhin sind wir eine Weile durch die Stadt geschlendert, haben uns die hübschen Gebäude der Bibliothek und des Theaters angesehen und daraufhin zur Biserică Fortificată. Leider wird diese aktuell umgebaut, allerdings war die Eingangstür offen und wir ziemlich neugierig.

Der Ausblick aus dem Glockenturm bot eine super Sicht auf die Region und als uns der Hausmeister kurz darauf erwischte, als wir gehen wollten, nahm er es auch mit Humor und winkte noch freundlich zum Abschied.

Henning musste am Tag drauf schon wieder zurück nach Sebeș , wohin Jojo und ich am darauffolgenden Wochenende nachreisten. Via BlablaCar kamen wir in Windeseile von Brașov bis vor Hennings Haustür, ins Zentrum des typisch sächsischen Städtchens. Sebeș, oder zu deutsch auch Mühlbach, wurde geprägt durch eine große deutsche Minderheit, die ab dem 12. Jahrhundert hier sesshaft war. Zuvor lebten lange zeit die Szekler, eine ungarische Volksgruppe, ähnlich wie auch heute noch in S.G. in der Gegend um Mühlbach, bevor diese weiter in den Osten umgesiedelt wurden.

Besonders ist hier das bunt gemusterte Dach, das sich bei vielen Bauten der siebenbürger Sachsen wiederfinden lässt. Zum Beispiel in Brasov oder Sibiu sind wichtige Gebäude der Stadt mit ähnlichen Ziegeln gedeckt.

Das Zentrum des heute knapp 27 tausend Einwohner zählenden Ortes ist die große, evangelische Stadtpfarrkirche , die sich keine fünfzig Meter von Hennings Wohnung befindet. Als wir am Morgen vorbei gingen, hatten wir das Glück, den Verantwortlichen der Kirche zu treffen, der uns die Türen auf schloss, einen Blick ins innere gewährte und sogar die Tür zum Turm öffnete. Wieder eröffnete sich uns ein toller Blick über die Stadt und auf das Umland. In der Ferne konnte man auch schon die Râpa Roșie erahnen, eine unter Naturschutz stehende Felsformation, die wir später auch noch besuchen wollten. Zunächst stand aber noch ein bisschen mehr Kultur auf dem Programm und wir erkundeten Sebeș’s Kirchenvielfalt ausgiebig. Ganz im Sinne der Geschichte kann man neben der evangelischen auch eine katholische und natürlich mehrere orthodoxe Kirchen überall hier finden.

Überraschenderweise konnten wir die wohl bisher schönste orthodoxe Kirche in Sebeș finden. Zu dieser Einschätzung sind wir gekommen, da es hier anders als in all den anderen Kirchen tatsächlich lichtdurchlässige Fenster gab, die zugelassen haben, dass man die bunten Wandmalereien wirklich betrachten konnte.

Ist das etwa echtes, ungetrübtes Tageslicht?

Dadurch konnten wir auch das erste Mal erkennen, welche Geschichten die Wände zu erzählen versuchen, wobei wir schnell mit unserem Bibelvokabular am Ende waren und die Dame fragten, die gerade (wie man es aus all den orthodoxen Kirchen in bester Manier gewohnt war) das blitzsaubere Gebäude putzte. Erst noch etwas schüchtern, berichtete sie dann in großen, ausholenden Bewegungen und leuchtenden Augen, von Johannes, Petrus und Co. und war kaum noch in ihrem Schwelgen in den Geschichten zu stoppen. Wieder etwas gelernt und auch wenn immer noch nicht geklärt ist, wessen Kopf nun auf dem Silbertablett präsentiert wurde, so wissen wir immerhin sicher, dass ganz oben meistens Jesus auf die Gläubigen schaut.

Mit hauseigens fabrizierten Verschwörungstheorien und einer Retrospektive der Politik der letzten Jahre ging es weiter zu den berühmten Felsen, die wir unter gefühlter Windstärke 7 erklommen. Doch für den Blick auf die Gegend und die an eine Marslandschaft erinnernden roten Steine, war es diesen Adrenalinkick in jedem Fall wert.

Das war noch die Motivation vor dem Aufstieg, als ich die Klippen und Felsen noch nicht von Nahem gesehen hatte.

Am nächsten Tag stand ein längerer Ausflug nach Aiud auf unserer Tagesplanung. Via Rufbus kamen wir in die ungarisch geprägte Stadt. Erste Ernüchterung: So gut wie alle historischen Sehenswürdigkeiten waren gerade im Umbau und deshalb geschlossen. Vielleicht gibt es deshalb den Zweitnamen Straßburg am Mieresch? Doch in der ungarischen Schule hatten wir kurz darauf Glück: eine anatomische Sammlung an grotesk mutierten Tieren und mehrere ausgestopfte Vertreter von Igeln, Geiern und vielem mehr wurde uns präsentiert. Da hat es Spaß gemacht, sich durch die Ausstellung zu arbeiten, auf der Suche, nach der Eule, die ertappt die Augen aufgerissen hat und den Bären, der sich gerade auf leisen Pfoten davon schleichen will. Außerdem hatte Aiud noch einen netten Park voller Sportgeräte und einen großen Berg, über den man zum ungarischen Friedhof kommen kann. DIe ungarische Minderheit ist hier wieder in wirklich großen Zahlen vertreten und zeigt nochmal mehr, ihren auch heute noch großen Einfluss auf Transsilvanien.

Da sich kein Rufbus mehr rufen ließ, kehrten wir per Zug und einer Stunde voller Improspiele am Bahnhof, abends in Hennings Wohnung zurück. Ganz im Sinne des kulturellen Austausches gab es dort eine überdimensionale Portion Sauerkraut, schwäbische Spinatspätzle und vegane Lidl-Mici, getoppt mit einer großen Portion transilvanischer Knoblauchsauce.

Unsere Rückfahrt nach Brașov planten wir aus Alba Iulia, der Gründungsstadt Rumäniens, wohin wir uns am Sonntag, unter strahlend blauem Himmel auf den Weg machten. Alba Iulia bekommt vor allem eine so große Bedeutung zugeschrieben, da hier 1918 der Anschluss der unter ungarischer Herrschaft stehenden Gebiete, an Rumänien beschlossen wurde. Im Prinzip wurde die ganze Stadt dafür gebaut und neu arrangiert, weshalb sich heute das Stadtleben um die sternförmig angelegte Festung im Zentrum dreht. Hier findet sich auch die Krönungskathedrale der Königin Marie, der Sala Unirii, wo das Großreich Rumäniens festgelegt wurde und ein gigantisches Museum zur gesamten Geschichte Rumäniens. Ausnahmsweise mal nicht multimedial und ausschließlich auf rumänisch, was das tiefere Eintauchen in die Geschehnisse etwas erschwerte. Doch nach einem wenigstens zweistündigen Ritt durch die Vergangenheit des Landes und der anschließenden Besichtigung einer römischen Ausgrabungsstätte, mussten wir uns nach einer kurzen Stärkung auch schon wieder auf den Heimweg machen. Per zuverlässigem BlablaCar (ja, das ist kein Widerspruch), waren wir sogar schneller als auf der Hinfahrt wieder zurück zuhause, um eine volle Playlist mit rumänischen Liedern und einem tieferen Verständnis für die Identität der Region Siebenbürgens reicher. Einen einzigen richtigen Namen der Region kann es für die Fülle an Kultur auf jeden Fall nicht geben auch, da die Städte und Dörfter so verschieden geprägt sind!

Von der Krönungskathedrale aus kann man perfekt auf das Denkmal zur Einigung blicke. Ziemlich beeindruckende Dimensionen…

Ein Blick in den Einigungspalast, wo alle relevanten Verträge unterzeichnet wurden und RUmänien zu dem wurde, was es heute noch immer ist.

Rumänien wird gerade zum Sehensuchtsort

Sâmbătă. Ora cinci dimineața. Johanna und ich machen uns in aller Herrgottsfrühe auf den Weg zum Bahnhof. Eigentlich soll es heute richtig warm werden, fast schon sommerlich. Doch ohne die Strahlen der Sonne, die erst noch aufgehen muss, bleibt die Luft schneidend, die Pfützen am Boden gefroren und spiegelglatt.

Immerhin legen vereinzelte Vögel  los und zwischtschern zaghaft die ersten Töne des Tages, während wir durch die menschenleeren Straßen laufen. Langsam wechselt die Farbe des Himmels von einem dunklen grau zu blau. Am Bahnhof sind wir immerhin nicht mehr die einzigen. Einige Gruppen stehen zusammen. Männer und Frauen mit dicken Pelzmützen, große Taschen voller Angeln, Keschern und Ruten, rauchen ihre letzte Zigarette bevor sie in den Zug steigen.

Acesta este trenul până la Sighișoara? – Da, puteți intra deja!

Alles klar, wir sind richtig. Einen schönen Platz am Fenster gesucht und tief in die Jacke eingekuschelt erstmal wieder zur Ruhe kommen. Kurz vor sechs wird die Tür ein letztes Mal aufgerissen und ein altes Paar in dunkelgrünen Jacken und großen Taschen steigt außer Atem ein. Das muss knapp gewesen sein. Der Zug setzt sich ruckelnd in Bewegung, während die beiden freudig die anderen Angler auf den Plätzen weiter vorne begrüßen.

Wir fahren durch die Vororte von Brasov. Im Gegensatz zur verträumten Innenstadt mit all den sächsischen Häusern und Kirchen, reihen sich hier die Plattenbauten. Ein Anblick der mir lange sehr fremd gewesen ist, inzwischen aber fast so vertraut und lieb gewonnen, wie das Gurren, der dicken Tauben auf dem Marktplatz, oder die kurzen Unterhaltungen auf rumänisch in Geschäften und auf der Straße. Wir verlassen die Stadt und der Zug nimmt langsam an Geschwindigkeit auf. Was bedeutet Rumänien eigentlich für mich, frage ich mich. Bevor ich hierher gekommen bin waren meine Assoziationen auf Märchengeschichten und das made in Eticket in Kleidung beschränkt gewesen. Kaum zu glauben, wie viel knapp sechs Monate verändern können. Während ich der Sonne beim aufgehen zuschaue, wird mir bewusst, wie sehr ich dieses Land und meinen Alltag hier schon in mein Herz geschlossen habe. Ich liebe die scharfen Gegensätze, zwischen vollkommen wilder Natur, den kleinen Dörfern auf dem Land und einer modernen Stadt wie Brasov. Zwischen den gezackten Gipfeln der Karpaten und den weich geschwungenen Feldern.

Die Sonne erhebt sich inzwischen wie ein Feuerball über den Hügeln im Osten. Răsărit ist der rumänische Begriff für Sonnenaufgang. Auch die Namen der Dörfer durch die wir fahren haben einen ähnlichen Klang. Vânători. Paloş. Caţa. Das alles klingt nun schon vertraut. Draußen ziehen die Ortschaften an uns vorbei. An bunte Häuser reihen sich hözerne Ställe voller Hühner, Schafe und Pferde. Der Boden auf den Höfen ist schlammig und braun, die Tore häufig in vielen Farben angemalt. Vereinzelt sitzen die Grundstücksbesitzer auf Stühlen vor ihren Häusern und beobachten den Morgen. Ich kann mich kaum satt sehen.

Irgendwie besteht auch immernoch meine Hoffnung, zwischen den vom Wind krumm gebogenen, knorrigen Bäumen einen Bären zu entdecken, der gerade aus dem Winterschlaf erwacht ist.

EIn Bach schlängelt sich entlang der Zugstrecke. Es ist gerade eine einsame Gegend, vielleicht liegt deshalb so wenig Müll am Ufer. Hin und wieder ist ein Baum abgeknickt im Wasser. Ohne menschliche Eingriffe in die Natur, wirkt alles so viel rauer, authentischer, wilder, schöner und natürlicher. Die warmen Sonnenstrahlen vertreiben nun auch den letzten Rest Nebel und Müdigkeit. Gegen 10 Uhr fahren wir am Bahnhof in Sighișoara ein. Der Himmel strahlt so hell und blau, wie seit Wochen schon nicht mehr. Voller Energie verlassen wir den Zug. Die Bahnhofsgegend scheint erstmal etwas unbelebt und einsam. Zielstrebig gehen wir in Richtung Stadtzentrum. Unser erstes Ziel ist die große orthodoxe Kathedrale, die gleich neben dem breiten Fluss, dem Komitat liegt. Auf dem Weg dahin kommen wir an ein Kriegsdenkmal. Etwas holprig aber korrekt entziffern wir, wem da gedacht wird: Hier sind Gräber für gefallene sowjetische Soldaten im Kampf gegen die Faschisten, deklariert als die unbekannten Helden.


Wir gehen erstmal weiter, entlang einer grünen Parkanlage und erreichen den Fluss samt gigantischer Kathedrale. Von Außen errinnert sie mich ein wenig an die Kirche in Târgu Mureș und wir sind ganz euphorisch, als wir auf den Platz vor dem Portal ankommen. Wie verrückt, dass der Plan unseres Ausflugs bisher problemlos aufgegangen ist und wir nun tatsächlich in Sighișoara sind! Die letzten Monate haben uns neben all der Schönheit in Rumänien eben auch gelehrt, dass die meisten Pläne nicht so klappen, wie man sie sich vorstellt und dass wir dadurch immer eine riesige Portion Flexibilität mitbringen müssen.

Gespannt öffnen wir die massive Holztür der Biserica Sfânta Treime und treten ein. Ein lichtdurchflutetes Kirchenschiff erwartet uns, in dem die unzähligen, der für die orthodoxen Kirchen typischen Wandmalereien erkennbar sind. Wir schauen uns um, entdecken die Geschichte der Passionszeit ins Bildern und eine Ikone, die ein bisschen aussieht wie ein Bandmitglied aus Jojos lieblings KPop-Gruppe. Natürlich gibt es auch wieder eine Reinigungskraft, die die blitzblanke Kirche fegt und alle Besucher auf Schritt und tritt verfolgt, während sie sich die prunkvollen Wände anschauen. Schnell sind wir uns einig, dass wir bisher kaum eine schönere Kathedrale gesehen haben und probieren gleich auch noch die hölzernen Bänke aus, die vor dem Altar an der Wand aufgestellt sind.

Für kleine Personen könnte es schwierig werden hier noch einen Blick über die hohe Stuhllehne zu werfen. Dafür waren die Kissen, die auf jeder Sitznische auslagen, extrem bequem. Eigentlich ist in orthodoxen Kirchen vorgesehen, während der Gottesdienste zu stehen, weshalb die Bänke vor allem für Alte und schwache Menschen da sind.

Mir fällt auf, dass ich in keiner einzigen orthodoxen Kirche bisher eine Orgel oder etwaiges Instrument gesehen habe, im Gegensatz zu den katholischen und  protestantischen Kirchen, wo hin und wieder zwei oder mehr in einem Raum sind. Eine schnelle Befragung von Google erklärt, dass hier die menschliche Stimme als einzig würdiges Ausdrucksmittel, den Kontakt mit ihrem Gott suchen darf, weshalb alles andere streng untersagt ist.

Genug orthodoxe Kirche für den Tag. Wir verlassen die Kathedrale und betreten die von einem mittelalterlichen Schutzwall umgebene, auf einem Hügel gelegene Altstadt.

Die Häuser sind wunderschön. Über Treppen gelangen wir ins historische Zentrum, können das Museum am Stadttor besuchen und sogar auf den Stundturm steigen. Dieser ist wahrscheinlich das bekannteste Monument der Stadt, da er zum einen die typische transsilvanische Baukunst, die sich zum Beispiel durch das bunte Dach auszeichnet, mit einem hoch raffiniertem Uhrensystem kombiniert. Je nach Wochentag erscheinen unterschiedliche, aus Lindenholz geschnitzte, etwa hüfthohe Figuren an der kleinen Öffnung neben der großen Uhr. Außerdem gibt es noch die entsprechenden Äquivalente, um das Wetter darzustellen, damit die Bewohner der Stadt rundum informiert sind.

Die beiden FIguren im Vordergrund repräsentieren Montag und DIenstag. Luna, mit dem silbernen Metall, steht für den ersten Tag der Woche, während Ares, der Kriegsgott mit seinem Speer in der Hand, den Dienstag darstellt.

Über Pflastersteine schlendern wir durch den Ort. All die Häuser sind so schön bunt, klein, verwinkelt und irgendwie putzig. Ein Bisschen erinnert mich die Stadt an Marburg nur ohne das ganze Fachwerk. Im Umland erheben sich viele Hügel und scheinen die Stadt somit von der Außenwelt abzuschotten, während die Zeit hier im Inneren schier angehalten werden kann.

Es liegt fast schon ein Zauber zwischen den engen Gässchen und süßen Geschäften. In einer multimedialen Ausstellung, veranschaulicht ein weiteres Museum das Leben von Graf Dracula. Dieser hieß ursprünglich Vlad Țepeș und wurde etwa 1431 in Sighisoara geboren. Zum Tausch gegen Frieden in der Walachei und Siebenbürgen, gab Vlad II, der Vater von Vlad Țepeș ihn und seinen Bruder zu den Osmanen. die die Region zuvor konstant bedroht hatten. In dieser Zeit hat sich angeblich der Charakter des jungen Monarchen stark geformt, da er viel Unsicherheit, Leid und Gewalt erlebte. Kein Wunder eigentlich, dass er später in seinem Leben vor allem für seine Gräueltaten und Grausamkeit bekannt geworden ist…

Nach dem Tod seines Vaters durfte er in sein Land zurückkehren, um die Regierung zu übernehmen. Von diesem Zeitpunkt an plante er seinen Feldzug gegen die osmanischen Besatzer. Er wollte die Region von ihrem Einfluss befreien, verbündete sich mit dem ungarischen Herrscher und schaffte es, mehrere Erfolge im Kampf zu erzielen, bevor er vermutlich 1477 in einer Schlacht fiel.

Auf die Entscheidungsfrage hin, ob der Vlad, der Fürst der Walachei, nun ein Held oder Schurke (Hero or Villain) gewesen ist, sind Jojo und ich uns einig, dass wir ihn für all die Morde und Kämpfe, verurteilen würden und er somit eher als Villain für uns beide gilt. (Die Bilder stammen von der Website des Museums: https://www.draculainvestigation.ro/)

Mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck erkunden wir weiter die Stadt. Über eine überdachte Treppe gelangen wir nach mehr als 100 Stufen zur ersten deutschen Schule Rumäniens, die neben einer großen Kirche und einem sächsischen Friedhof über der Stadt thront.

Den Rest unserer Zeit, der uns noch bleibt, bevor wir den Zug zurück nach Brașov nehmen müssen, nutzen wir für ein Picknick in der Sonne im Park und dazu, noch mehr der schönen Straßen zu sehen. Ich würde sagen, Sighișoara hat sich für den Ausflug definitiv gelohnt.  Insbesondere, da durch die aktuelle Situation die ganzen ausländischen Touristen wegfallen und wir die Stadt fast für uns alleine hatten. Da rangiert sie sich schonmal auf eine Ebene mit Brașov und könnte durchaus zu einem meiner Lieblingsorte Rumäniens werden!

Etwas erschöpft, aber glücklich, so viel erlebt zu haben, sitzen wir viel zu schnell wieder im Zug und fahren zurück. Sehr passend rundet ein wunderschöner Sonnenuntergang unseren Tag während der Fahrt ab.