Transilvanien, Siebenbürgen oder doch noch Szeklerland?

Jetzt lebe ich schon fast ein halbes Jahr in Siebenbürgen und lerne dennoch ständig neues dazu. In unserem Vorbereitungsseminar haben wir das Eisbergmodell der Kulturen kennengelernt. Hier wird die Kultur eines Landes als Eisberg dargestellt, dessen Spitze man schon von Weitem gut erkennen kann. Allerdings bleibt der größere und noch viel wichtigere Teil unter der Wasseroberfläche verborgen. Um den erfassen zu können, muss man schonmal ins eisige Wasser abtauchen und dabei lange genug die Luft anhalten können. Irgendwie keine besonders berauschende Vorstellung…

Das Modell habe ich vor kurzem mit Karla wieder diskutiert und war eigentlich der Meinung, doch schon das ein oder andere Mal einen Blick auf den Kern der rumänischen Kultur geworfen zu haben. Jedoch haben mich die vergangenen drei Wochen eines besseren belehrt. Ich habe so viel neues kennengelernt und erfahren, was mich immer wieder überrascht hat. Einen Aspekt Siebenbürgens, den ich zum Beispiel noch gar nicht wirklich beachtet hatte, war der ungarische Einfluss auf die Region.

Bewusst ist mir dieser geworden, als ich mit Henning, einem Freiwilligen aus Sebeș, der in der Woche nach meinem Ausflug nach Cluj zu Besuch war, für einen Nachmittag nach Sfântu Gheorghe gefahren bin. Die Kleinstadt liegt etwa 30 Minuten mit dem Zug von Brașov entfernt und ist mit den Regios wirklich gut zu erreichen. Auch sehr erfreulich sind jedes Mal die günstigen Zugtickets. Für gerade mal 5 Lei, was grob einem Euro entspricht, sind wir direkt von Bahnhof zu Bahnhof gekommen. Für das gleiche Geld, würde mich in Deutschland kein öffentliches Verkehrsmittel auch nur hundert Meter weit fahren, geschweige denn mir so ein schickes Zugticket wie hier ausstellen.

In S.G. angekommen, war es wie der Eintritt in ein anderes Land. Die Corona-Warnhinweise an den Bustüren und unsere Tickets selbst, alles auf ungarisch. Kein Wunder, bei der ungarischen Minderheit, die mit drei Vierteln der Einwohner, die Mehrheit ausmacht. Das gleiche spiegelt sich an Straßenschildern und in der gesprochenen Sprache auf der Straße wieder. Im super schön gestalteten zentralen Elisabethpark haben wir in der Sonne mitgebrachte Brote mit Fasole und Hummus (vermutlich das Kulturweitfreiwilligenessen schlechthin) gepicknickt und sind nach einem Rundgang durch die Stadt ins Museum der Ostkarpaten gegangen.

Wir wurden völlig überrascht, als uns in dem unscheinbaren Gebäude eine vielfältige Ausstellung zu den ersten Siedlern der Region erwartete!

Der Altar, der gleich unter dem Fuchs aufgebaut ist, ehrt die Frauen der Siedlung und würdigt nochmal ihre gesellschaftliche Stellung.

Das Pferd schaut finde ich ein bisschen aggressiv… Kein Wunder, wenn Henning ihm auch direkt in die Nase greift. WIr vermuten mal, dass es sich beim Reiter wieder um Mihai handelt, der Rumänien vereinigt hat, da eine Statue von ihm in eigentlich jeder größeren Rumänischen Stadt zu finden ist.

Ich weiß, das Wort multimedial fällt im Zusammenhang mit den hiesigen Museen sehr oft bei mir, aber so habe ich das in dieser Form auch noch nie irgendwo anders erlebt… In der, über drei Räume ausgebreiteten Ausstellung wurden uns über einen animierten Film, originale Ausgrabungsstücke aus der Kupfer und Bronzezeit, sogar der Nachbau eines Siedlungshauses, für Blinde zum Anfassen geboten.

Sehr interessant fand ich den Gesellschaftsaufbau der damaligen Kultur der Daca, der als Matriarchat organisiert war und in jedem Haus einen eigenen kleinen Altar zu Ehren der Frauen aufgestellt hatten. Wirklich faszinierend waren zudem die Stempeldrucke auf der handgemachten Keramik und die präzise Ausarbeitung von Pfeilspitzen und anderen Handwerksgegenständen.

Eine weitere monumentale Statue mit Häusern im Hintergrund, die das Stadtbild S.G. stark prägen.

Daraufhin sind wir eine Weile durch die Stadt geschlendert, haben uns die hübschen Gebäude der Bibliothek und des Theaters angesehen und daraufhin zur Biserică Fortificată. Leider wird diese aktuell umgebaut, allerdings war die Eingangstür offen und wir ziemlich neugierig.

Der Ausblick aus dem Glockenturm bot eine super Sicht auf die Region und als uns der Hausmeister kurz darauf erwischte, als wir gehen wollten, nahm er es auch mit Humor und winkte noch freundlich zum Abschied.

Henning musste am Tag drauf schon wieder zurück nach Sebeș , wohin Jojo und ich am darauffolgenden Wochenende nachreisten. Via BlablaCar kamen wir in Windeseile von Brașov bis vor Hennings Haustür, ins Zentrum des typisch sächsischen Städtchens. Sebeș, oder zu deutsch auch Mühlbach, wurde geprägt durch eine große deutsche Minderheit, die ab dem 12. Jahrhundert hier sesshaft war. Zuvor lebten lange zeit die Szekler, eine ungarische Volksgruppe, ähnlich wie auch heute noch in S.G. in der Gegend um Mühlbach, bevor diese weiter in den Osten umgesiedelt wurden.

Besonders ist hier das bunt gemusterte Dach, das sich bei vielen Bauten der siebenbürger Sachsen wiederfinden lässt. Zum Beispiel in Brasov oder Sibiu sind wichtige Gebäude der Stadt mit ähnlichen Ziegeln gedeckt.

Das Zentrum des heute knapp 27 tausend Einwohner zählenden Ortes ist die große, evangelische Stadtpfarrkirche , die sich keine fünfzig Meter von Hennings Wohnung befindet. Als wir am Morgen vorbei gingen, hatten wir das Glück, den Verantwortlichen der Kirche zu treffen, der uns die Türen auf schloss, einen Blick ins innere gewährte und sogar die Tür zum Turm öffnete. Wieder eröffnete sich uns ein toller Blick über die Stadt und auf das Umland. In der Ferne konnte man auch schon die Râpa Roșie erahnen, eine unter Naturschutz stehende Felsformation, die wir später auch noch besuchen wollten. Zunächst stand aber noch ein bisschen mehr Kultur auf dem Programm und wir erkundeten Sebeș’s Kirchenvielfalt ausgiebig. Ganz im Sinne der Geschichte kann man neben der evangelischen auch eine katholische und natürlich mehrere orthodoxe Kirchen überall hier finden.

Überraschenderweise konnten wir die wohl bisher schönste orthodoxe Kirche in Sebeș finden. Zu dieser Einschätzung sind wir gekommen, da es hier anders als in all den anderen Kirchen tatsächlich lichtdurchlässige Fenster gab, die zugelassen haben, dass man die bunten Wandmalereien wirklich betrachten konnte.

Ist das etwa echtes, ungetrübtes Tageslicht?

Dadurch konnten wir auch das erste Mal erkennen, welche Geschichten die Wände zu erzählen versuchen, wobei wir schnell mit unserem Bibelvokabular am Ende waren und die Dame fragten, die gerade (wie man es aus all den orthodoxen Kirchen in bester Manier gewohnt war) das blitzsaubere Gebäude putzte. Erst noch etwas schüchtern, berichtete sie dann in großen, ausholenden Bewegungen und leuchtenden Augen, von Johannes, Petrus und Co. und war kaum noch in ihrem Schwelgen in den Geschichten zu stoppen. Wieder etwas gelernt und auch wenn immer noch nicht geklärt ist, wessen Kopf nun auf dem Silbertablett präsentiert wurde, so wissen wir immerhin sicher, dass ganz oben meistens Jesus auf die Gläubigen schaut.

Mit hauseigens fabrizierten Verschwörungstheorien und einer Retrospektive der Politik der letzten Jahre ging es weiter zu den berühmten Felsen, die wir unter gefühlter Windstärke 7 erklommen. Doch für den Blick auf die Gegend und die an eine Marslandschaft erinnernden roten Steine, war es diesen Adrenalinkick in jedem Fall wert.

Das war noch die Motivation vor dem Aufstieg, als ich die Klippen und Felsen noch nicht von Nahem gesehen hatte.

Am nächsten Tag stand ein längerer Ausflug nach Aiud auf unserer Tagesplanung. Via Rufbus kamen wir in die ungarisch geprägte Stadt. Erste Ernüchterung: So gut wie alle historischen Sehenswürdigkeiten waren gerade im Umbau und deshalb geschlossen. Vielleicht gibt es deshalb den Zweitnamen Straßburg am Mieresch? Doch in der ungarischen Schule hatten wir kurz darauf Glück: eine anatomische Sammlung an grotesk mutierten Tieren und mehrere ausgestopfte Vertreter von Igeln, Geiern und vielem mehr wurde uns präsentiert. Da hat es Spaß gemacht, sich durch die Ausstellung zu arbeiten, auf der Suche, nach der Eule, die ertappt die Augen aufgerissen hat und den Bären, der sich gerade auf leisen Pfoten davon schleichen will. Außerdem hatte Aiud noch einen netten Park voller Sportgeräte und einen großen Berg, über den man zum ungarischen Friedhof kommen kann. DIe ungarische Minderheit ist hier wieder in wirklich großen Zahlen vertreten und zeigt nochmal mehr, ihren auch heute noch großen Einfluss auf Transsilvanien.

Da sich kein Rufbus mehr rufen ließ, kehrten wir per Zug und einer Stunde voller Improspiele am Bahnhof, abends in Hennings Wohnung zurück. Ganz im Sinne des kulturellen Austausches gab es dort eine überdimensionale Portion Sauerkraut, schwäbische Spinatspätzle und vegane Lidl-Mici, getoppt mit einer großen Portion transilvanischer Knoblauchsauce.

Unsere Rückfahrt nach Brașov planten wir aus Alba Iulia, der Gründungsstadt Rumäniens, wohin wir uns am Sonntag, unter strahlend blauem Himmel auf den Weg machten. Alba Iulia bekommt vor allem eine so große Bedeutung zugeschrieben, da hier 1918 der Anschluss der unter ungarischer Herrschaft stehenden Gebiete, an Rumänien beschlossen wurde. Im Prinzip wurde die ganze Stadt dafür gebaut und neu arrangiert, weshalb sich heute das Stadtleben um die sternförmig angelegte Festung im Zentrum dreht. Hier findet sich auch die Krönungskathedrale der Königin Marie, der Sala Unirii, wo das Großreich Rumäniens festgelegt wurde und ein gigantisches Museum zur gesamten Geschichte Rumäniens. Ausnahmsweise mal nicht multimedial und ausschließlich auf rumänisch, was das tiefere Eintauchen in die Geschehnisse etwas erschwerte. Doch nach einem wenigstens zweistündigen Ritt durch die Vergangenheit des Landes und der anschließenden Besichtigung einer römischen Ausgrabungsstätte, mussten wir uns nach einer kurzen Stärkung auch schon wieder auf den Heimweg machen. Per zuverlässigem BlablaCar (ja, das ist kein Widerspruch), waren wir sogar schneller als auf der Hinfahrt wieder zurück zuhause, um eine volle Playlist mit rumänischen Liedern und einem tieferen Verständnis für die Identität der Region Siebenbürgens reicher. Einen einzigen richtigen Namen der Region kann es für die Fülle an Kultur auf jeden Fall nicht geben auch, da die Städte und Dörfter so verschieden geprägt sind!

Von der Krönungskathedrale aus kann man perfekt auf das Denkmal zur Einigung blicke. Ziemlich beeindruckende Dimensionen…

Ein Blick in den Einigungspalast, wo alle relevanten Verträge unterzeichnet wurden und RUmänien zu dem wurde, was es heute noch immer ist.

2 Gedanken zu „Transilvanien, Siebenbürgen oder doch noch Szeklerland?

  1. Karla Klante

    Sehr tolle Erkenntnisse. Ich glaube der Eisberg der bleibt einfach für immer hängen.
    Hummus ist wirklich das kulturweitessen schlechthin! Krass, dass die ungarische Minderheit so oft in Überzahl ist 🙂
    Ich kann es kaum erwarten Rumänien mit eigenen Augen zu sehen!

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