Das Leben ist eben manchmal doch ein Ponyhof

In der Nacht vom ersten auf den zweiten April starteten unsere Osterferien mit einem kleinen Abenteuer. Wie ein verspäteter schlechter Aprilscherz musste ich um kurz nach drei Uhr nachts feststellen, dass unser BlablaCar-Fahrer die Fahrt mit uns storniert und vergebens versucht hatte mich zu erreichen. Kein Wunder, bei der Uhrzeit. Etwas in Panik rufe ich ihn zurück. Es stellt sich heraus, dass sein Auto leider nicht durch die historischen Straßen Brașovs fahren darf und es für ihn keine Chance gab zu uns zu gelangen. Kritisch. Zu dem Zeitpunkt herrschte noch die nächtliche Ausgangssperre, weshalb wir auch nicht zu ihm gehen konnten. Noch während des Telefonats mit Ionut, unserem Fahrer, schaltete sich die Polizei seinerseits ein und erklärte sich bereit ihn zu unserem Standort zu eskortieren.

Ein skurriles Bild, als dann plötzlich der Polizeiwagen samt zweier müder Polizisten und dem Kurierwagen von Ionut durch das Stadttor rollten, um Johanna und mich abzuholen. Immerhin verlief daraufhin alles reibungslos. Mit dauerhaft mindestens 50 km/h über der Geschwindigkeitsbeschränkung donnerten wir gen Norden. Auf dem Weg nach Suceava, der normalerweise nie in unter fünf Stunden zu bewältigen wäre, wollte unser BlablaCar-Fahrer wohl einen neuen, persönlichen Rekord aufstellen. Während der Fahrt konnten wir der Sonne beim Aufgehen zuschauen und sahen diverse kleine, bunte Ansiedlungen, mit rauchenden Kaminen. Ein Fahrradfahrer fuhr in schlingernden Linien an einer orthodoxen Kirche vorbei und verlor beinahe die Kontrolle über sein Rad, als er sich standardmäßig bekreuzigt. Klassiker.

In Vorbereitung auf das was uns in Suceava wohl erwarten würde, schauten wir in den Blogeintrag von Fynn zu seiner Reise in die Bukowina rein. (https://kulturweit.blog/notizenausderwalachei/2021/01/18/suceava-das-saarland-rumaeniens/) Dabei zieht er gleich zu Beginn den Vergleich von Suceava mit dem Saarland. Jojo und ich mussten beide herzlich lachen und versuchten daraufhin trotz der geschürten Vorurteile unvoreingenommen die Stadt kennenzulernen. Das Wetter hat immerhin mehr oder weniger mitgespielt und wir trafen uns gleich darauf mit Marie, die in der nächst kleineren Stadt hier in der Gegend ebenfalls von Kulturweit als Freiwillige eingesetzt ist. Mit ihr und einer Gruppe Schüler zusammen fuhren wir erstmal jede Menge Tierfutter und Medikamente einkaufen, um daraufhin ein Tierheim zu besuchen.

Wir stehen hier schön vor dem wunderschönen Stadtschild Suceavas.

Das Heim finanziert sich praktisch ausschließlich aus Spenden und über Freiwillige, weshalb die Leiterin extrem froh war, als unser bunter Trupp ankam. Genauso glücklich waren die mehrere Dutzend Hunde, die uns teils schwanzwedelnd, bellend, knurrend oder mit aufgestellten Ohren begrüßten. Ich finde es nach wie vor sehr stark, dass die Gruppe von Schülern sich regelmäßig dafür einsetzt und Geld zusammen trägt, um diese und ähnliche Auffangstationen zu unterstützen und zu besuchen. Dennoch war es auch eine traurige Situation zu sehen, wie viele teils abgemagerte und kranke Hunde hier existierten, die durch die mangelnde Hilfe nicht die Pflege bekommen können, die sie eigentlich benötigen würden.

Tierisch ging es dann noch weiter, als wir in Rădăuți (Maries Einsatzstelle) ankamen und von einer Überbevölkerung Raben und Krähen begrüßt wurden, die an jeder Ecke in den Baumkronen saßen. Dementsprechend laut war auch ihr Krähen zu hören. Langsam trudelte noch der Rest unserer kleinen Gruppe ein, die sich für Ostern gefunden hat als Marie und Jakob aus Iași ebenfalls ankamen. Wir machten es uns in Maries Wohnung mit selbstgemachten Burgern gemütlich und nutzten den Abend dazu, uns alle erstmal ein bisschen kennen zu lernen. Unser Samstagmorgen begann daraufhin mit einem Besuch des großen Marktes in Rădăuți, auf dem wir neben ganz viel Obst und Gemüse auch die traditionellen Ostereier der Bukowina fanden.

In ganz vielen bunten Farben verkleidet wurden uns die Eier stolz präsentiert. Die auf den ersten Blick wie mit Bügelperlen besetzten Eierschalen müssen wirklich unheimlich viel Arbeit gemacht haben.

Im Anschluss daran wollten wir das Pensum an Tierzeit weiter ausdehnen und fuhren in das rumänische Hinterland zu einem Bauernhof. Trotz grauer Wolkendecke und schlammigen Autopisten kamen wir hochmotiviert an und lernten sogleich unsere Pferde für den Ausritt kennen. Zugegebenermaßen handelte es sich bei unserem Vorhaben ein bisschen um ein Experiment. Jojo, Marie und ich saßen das letzte Mal vor sehr langer Zeit auf einem Pferderücken und Jakobs Erfahrungen beschränkten sich auf unsere kargen Erzählungen. Als einzige wusste die ortsansässige Marie so wirklich was zu tun war. Nichts desto trotz starteten wir mit Striegel und Sattel so professionell wie möglich. Nepal, mein Pferd, gab mir allerdings ziemlich bald darauf Bescheid, wie gering sein Interesse an einem Ausritt bei Nieselregen war, als er sich, nachdem er fertig gesattelt war, in die tiefste Ecke seiner Box verzog. Kein Wunder, dass er nach unseren ersten Runden auf der Koppel, auf direktem Weg mit mir zurück in den Stall trabte, wo er sich vermutlich frisches Heu und Ruhe erhoffte.

Aber nicht mit mir, dachte ich, denn so leicht wollte ich nicht aufgeben! Den Machtkampf zwischen uns beiden verlor ich jedoch spätestens, als er beschloss auf halber Strecke, als wir mit den anderen auf dem Feld waren, stiften zu gehen und zum Hof zurückkehren zu wollen. Ein bisschen nervös lachend meinte unser Reitlehrer, dass Nepal einfach einen sehr faulen und sturen Charakter habe und tauschte mein Pferd mit seinem. Mein neues Pferd war der Bruder von Nepal, der zumindest ein Bisschen besser folgte, aber sich spontan dem Ausbruch von Maries Pferd anschloss, als dieses ebenfalls in den Stall zurückkehren wollte. Am Ende des Tages konnten wir aber sehr darüber lachen und hatten trotz einiger Fauxpas eine gute Zeit und ein unvergessliches Erlebnis gehabt.

Den Ostersonntag starteten wir mit einer großen Runde Pfannkuchen (genau, keine Eierkuchen), sowie einer wilden Mischung an Belägen.

Daraufhin fuhren wir erstmal zum Kloster Arbore, das ca. 25 km von Suceava entfernt liegt. Es gehört gemeinsam mit den anderen bekannten Klöstern der Bukowina zur Hauptsehenswürdigkeit der Region und ist einen Besuch allemale wert!

Leider konnten wir das Innere des Klosters nicht besichtigen, doch schon von Außen gab es sehr viel zu entdecken.

Über die Außenfassade verteilt kann man wunderschöne Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert sehen, die sich mit biblischen Geschichten, wie der Schöpfung der Welt und den verschiedenen Heiligen beschäftigen.

Jeder von uns suchte sich daraufhin ein Lieblingsbild von den Malereien aus. Schnell stellten wir fest, dass wir alle die Ironie der Hinrichtungsdarstellungen sehr makaber fanden. Auf der einen Seite, wird in nahezu jedem Bild der gleiche Heilige, der total entspannt wirkt, exekutiert, wobei auf der anderen jedes Mal eine Gruppe weiterer Figuren steht und sich berät, wie sie ihm wahrscheinlich noch effektiver den Garaus machen können. Aber vor allem die schönen türkisen Farben und das rote Raster zur Abgrenzung, haben mir sehr gut gefallen.

Davon ausgehend ging es weiter zur Salzmine in Cacica. Anders als die Miene in Turda wurde diese hier nicht zu einem gigantischen Freizeitpark umgestaltet und wir konnten neben einer kleinen Kapelle, einem unterirdischen See auch jede Menge alter Schächte und Hallen besichtigen. Die Luft wurde, je tiefer wir in den Bau vordrangen, modriger und stickiger und die Gänge wurden mit jedem Meter in die Tiefe älter.

Die Gänge sehen hier wirklich so aus, als würden sie kein Ende nehmen.

Der unterirdische See der Miene wies lauter Salzkristalle auf der Oberfläche auf, die dort schwammen und das Licht der Scheinwerfer zurück warfen.

Irgendwie war ich da auch wieder ganz froh, als wir nach einer guten Stunde unbeschadet von unserem Rundgang aufstiegen und an der frischen Luft durchatmen konnten. Ich will mir garnicht vorstellen wie der Arbeitsalltag der Minenarbeiter ausgesehen haben muss, als hier noch Betrieb war und dass die Bedingungen heutzutage an anderen Orten der Welt nicht wirklich besser sind…

Um auf andere Gedanken zu kommen und das Osterwochenende noch entsprechend ausklingen zu lassen, bemalten wir gemeinsam mehrere Eier in bunten Farben. Außerdem wollte ich mal wieder Laufen gehen, wofür ich mich den rumänischen Gepflogenheiten anschloss und zu einem riesigen Stadion am Stadtrand ging. Das ist hier typisch und man sieht tatsächlich auch nur sehr wenige Menschen in den Parks joggen, sondern meistens in den dafür vorgesehenen Laufstrecken. Im Falle von Rădăuți wurde ich natürlich von lautem Krähengeschrei begleitet.

Daraufhin endete unsere Zeit in der Bukowina schon und wir brachen am nächsten Morgen mit Jakob und Marie in deren Stadt Iași auf.

Achso und warum das Leben doch ein Ponyhof ist? Vermutlich einfach nur, weil ich mich so sehr gefreut habe, nach all den Jahren mal wieder reiten zu können und wir somit eine richtig schöne Erfahrung und ein einmaliges Ostern hatten. Auch wenn die Pferde des Ponnyhofes nicht wirklich motiviert waren.

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