Long time no sea

Inzwischen weckt das Klingeln des frühen Weckers eine gewisse Abenteuerlust.

So auch, als Jojo und ich uns von Iași aus am Donnerstagmorgen noch vor dem Sonnenaufgang auf den Weg zum Busbahnhof machten. Zusammen mit einer bunten Mischung weiterer Mitfahrer aller Altersgruppen ging es los. Unser erstes Ziel: Brăila. Hier mussten wir in einen weiteren Microbus umsteigen, um Tulcea zu erreichen. Das Busfahren hat etwas total meditatives. Die wunderschöne Landschaft Rumäniens zieht draußen vorbei, dabei wird man von schnellen Überholmanövern und unebenen Straßenbedingungen in den Schlaf geschaukelt. Zum ersten Mal habe ich hier Windräder in Rumänien gesehen, die unsere Fahrt bis in die Hafenstadt Tulcea begleiteten. Dort angekommen legten wir eine entspannte Snackpause am Ufer der Donau ein, bekamen das Angebot beim Anstrich eines Brunnenbeckens mitzuhelfen, was wir dankend ablehnten und daraufhin in Richtung der Anleger liefen. Der Adrenalinspiegel stieg nochmal kurz, als wir um 13:30 feststellten, dass die Fähre nach Sulina gerade am ablegen war. Gnädigerweise wurde auf uns gewartet, als wir die letzten hundert Meter sprinteten und an Bord sprangen.

Weiter ging es einen Hauptarm der Donau entlang in Richtung schwarzem Meer, wo sich am Flussufer die unterschiedlichsten Wasservögel tummelten. Zwischen dem Schilf an Land tauchte immer wieder der Kopf eines grasenden Wildpferdes auf und in den vereinzelten Ansiedlungen spielte ein scheinbar alltägliches Dorfleben. Die Sonne wechselte sich mit bauschigen Haufenwolken ab, während der Fahrtwind über das Außendeck zog. Die dreistündige Fahrt, bei der sich die Anzahl der Passagiere an jedem Stop ausdünnte, bis praktisch nur noch wir, ein Vater mit Sohn und ein orthodoxer Priester übrig geblieben sind, verging wie im Flug. Letzten Endes kamen wir in Sulina an, einer ehemals historisch bedeutenden Hafenstadt, an einer Mündung des Deltas ins Meer.

Bevor wir den ersten Abstecher zum Meer machen konnten, trafen wir uns mit Cristi, dem Vermieter unseres AirBnB-Zimmers. Zusammen mit seiner Mutter lebt er als Künstler praktisch sein ganzes Leben in Sulina und bezieht einen Großteil der Inspiration für seine Aquarelle aus der Natur in der Gegend. Während eines Tees, um die Kälte der Fahrt wieder zu vertreiben, gab er uns einige nützliche Besichtigungstipps im Ort und half uns bei der Planung der nächsten Tage weiter. Sehr viel länger warteten wir dann auch nicht und machten uns auf den Weg zum Strand.  Von der untergehenden Sonne begleitet liefen wir durch das schöne Fischerörtchen, das größtenteils aus drei parallel zur Donau verlaufenden Straßen besteht, die numerisch benannt wurden. Vorbei an einer großen orthodoxen Kirche, einem alten, verfallenen Leuchtturm und jeder Menge kleiner baufälliger Häuschen, kamen wir zunächst zum großen Friedhof außerhalb des Dorfes.

Laut unserem Vermieter sollen hier neben Piraten, reichlich Deutschen auch eine Prinzessin beerdigt worden sein. Abgesehen vom sehr deutsch klingenden Heinrich fanden wir die übrigen aber leider nicht. Dafür begegnete uns ein neugieriges Wildpferd und Kühe als wir auf einem abenteuerlich morschen Holzsteg zum Strand weiter liefen.

Endlich am schwarzen Meer anzukommen war dann erstmal überwältigend. Das Meer war nahezu spiegelglatt und die vereinzelten Wolken am Himmel wurden vom Sonnenuntergang in einem sanften Lila gefärbt. Wir freuten uns wie kleine Kinder, den langen Sandstrand für uns zu haben und konnten kaum glauben, nach der langen Anreise angekommen zu sein.

Endlich am schwarzen Meer angekommen und überglücklich mal wieder Seeeluft zu schnuppern…

Auf dem Rückweg kauften wir noch ein, um dann in der Wohnung ein paar Nudeln kochen zu können. Die Mutter unseres Vermieters hatten wir nur flüchtig kennengelernt, doch die alte Dame hörte unheimlich schlecht, wodurch die Seifenopern, die sie in einem Fort schaute, durch die ganze Wohnung schallten und bestätigten, dass sie zuhause war. Im Wohnzimmer hingen ansonsten jede Menge Bilder von Christi, die Szenen vom Hafen Sulinas und des Deltas zeigten. Cristi selbst trafen wir erst wieder, als er mit seinem, von der Straße adoptierten Hund, Bobo, nach Hause kam und uns auf eine Runde Țuică einlud. Gemeinsam saßen wir dann noch bis spät in die Nacht im Wohnzimmer zusammen, haben Musik gehört und fast schon einen kleinen Kreativworkshop bekommen, da wir zusammen zeichneten und Eindrücke festhielten.

Bei seinem Selbstportrait hat Cristi sich tatsächlich ziemlich gut selbst getroffen, das obwohl kein SPiegel in der Nähe war.

Ein sehr inspirierender Abend, bei dem wir viel über sein Leben als Künstler und den Alltag im Delta erfahren haben. Ganz stereotypisch für seine Berufswahl hat er seinen Küchentisch nach dem Trommelklang ausgewählt, rauchte seine selbstgedrehten Zigaretten in Kette und zerstört gerne mal die eigene Kunst, um etwas genialeres daraus zu schaffen. Im Mai hat er eine Ausstellung in Bukarest, bei der wir nun mit Sicherheit mal vorbei schauen werden und am Ende des Abends hat er uns sogar zwei seiner traumhaft schönen Blumenaquarelle geschenkt.

Ziemlich geschafft schliefen wir dann auch ein und starteten am nächsten Morgen gleich mit unserem Strandtag durch. Von den frostigen Temperaturen ließen wir uns nicht abhalten suchten uns einen windgeschützten Ort in den Dünen, um Sonne zu tanken. Dabei wurden drei Hunde unsere Begleiter, die uns ab dem Ortsende begleitet hatten und nun immer wieder einforderten, gestreichelt zu werden. Nach unserem kleinen Picknick hatte die Sonne es schwer, durch die bauschigen Wolken zu kommen, weshalb wir uns auf den Weg zu einem Spaziergang machen. Der kilometerweite Strand hat mich ein bisschen an Vergleichbares der deutschen Ostseestrände erinnert, genauso wie die Temperaturen.

Unser ursprüngliches Vorhaben war es, schwimmen zu gehen, was in der Realität ganz schnell verworfen wurde. Statdessen zogen wir alles an, was wir mitgebracht hatten und liefen ähnlich gut ausgestatten, wie zu einer Marsxpedition, zur Mündung der Donau ins schwarze Meer.

Ich denke man kann erahnen, wie kalt es tatsächlich gewesen ist… Im Hintergrund einer unserer neuen Freunde.

Mit von der Partie, natürlich die drei Hunde, schnell zu Zeus, Hades und Poseidon getauft, begleiteten uns den ganzen Weg. Überall lagen große, gewundene Muscheln, teils noch mit Bewohner am Strand und eine Gruppe Wildpferde gallopierte vom Wasser in die Dünen, als sich unsere fünfer Truppe näherte. Wir hatten den kompletten Nachmittag Zeit zum genießen der menschenleeren Gegend. Erst am Abend kamen wir zurück in unser AirBnb, wo die Mutter von Cristi uns mit einem selbstgekochten, typischen Fischgericht überraschte und sich beim Essen zu uns gesellte.

Von so viel Gastfreundschaft überwälltigt, plauderten wir eine ganze Weile mit ihr, was vermutlich mehr gebracht hat, als unser anschließender Sprachkurs. Sie selbst hat sehr deutlich und laut gesprochen, nicht zuletzt, um sich selbst zu hören, wodurch wie sie gut verstehen konnten. Alles übrige erschlossen wir uns aus ihren wilden Gestiken, den tiefen Stirnfalten und empörten Ausrufen, als sie über internationale Politik sprach, immer wieder Namen wie Merkel oder Johannis einwerfend. Die sonst so gemächliche Dame sprang dann hin und wieder vom Sofa auf, um sich noch besser ausdrücken zu können, wurde aber auf der anderen Seite fast schon verträumt, als sie über ihre andere Tochter in Italien und Enkelkinder sprach. Aus Angst vor dem Fliegen berichtete sie uns, sei sie selbst auch immer sehr viel Zug gefahren und habe ähnlich wie wir gerne mal Tage mit Reisen verbracht.

Fast schon komisch, die Wohnung am nächsten Tag zu verlassen, um das Boot nach Tulcea zu erreichen. Ich hatte mich in der kurzen Zeit schon so sehr an Cristi und seine Mutter gewöhnt…

Umso schöner war es, dass wir am Morgen von einem ungetrübten Sonnenaufgang am Steg überrascht wurden und mit der steigenden, kräftigen Sonne im Nacken, per Speedboot losfuhren. In den letzten Tagen waren die Pelikane wieder ins Delta zurück gekehrt, weshalb wir einige der Tiere sehen konnten, die die frühen Morgenstunden genossen. Die Fahrt dauerte immerhin auch nicht mehr so ewig, wie die Fähre auf dem Hinweg, weshalb wir nach nur eineinhalb Stunden die große Hafenstadt erreichten.  Die obligatorischen und wahrscheinlich besten Covrigi Rumäniens gab es natürlich gleich wieder zum Frühstück.

Die aufgehende Sonne in Sulina. Cristis Hund Bobo begleitete uns noch bis wir im Boot saßen und los fuhren.

Covrigi bekommt man hier an fast jeder Ecke. Dabei handelt es sich um einen Hefe-Sesam-Ring, der zu jeder Tages- und Nachtzeit passend ist. Allerdings war uns die Verkaufweise an einer Schnur auch neu, aber sehr praktisch.

Die Botschaft dieses Mülleimers hat sich mir nicht so ganz erschlossen… Auf gehts, werfen wir dem freundlich lächelndem Delphin doch unseren Müll in den Rachen?

Jojo führte mich dann noch durch die Innenstadt Tulceas, da sie vor ein paar Monaten schonmal hier gewesen ist, und sich alles gut zu Fuß erlaufen lässt. Daraufhin trafen wir uns mit unserem BlablaCar-Fahrer Ionut und auf ging es nach Bukarest. Von hier aus hatten wir nur noch eine kurzweilige Zugfahrt vor uns, bis wir wohlbehalten abends, um einige Erlebnisse reicher, wieder in Brasov ankamen.

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