Rumänien wird gerade zum Sehensuchtsort

Sâmbătă. Ora cinci dimineața. Johanna und ich machen uns in aller Herrgottsfrühe auf den Weg zum Bahnhof. Eigentlich soll es heute richtig warm werden, fast schon sommerlich. Doch ohne die Strahlen der Sonne, die erst noch aufgehen muss, bleibt die Luft schneidend, die Pfützen am Boden gefroren und spiegelglatt.

Immerhin legen vereinzelte Vögel  los und zwischtschern zaghaft die ersten Töne des Tages, während wir durch die menschenleeren Straßen laufen. Langsam wechselt die Farbe des Himmels von einem dunklen grau zu blau. Am Bahnhof sind wir immerhin nicht mehr die einzigen. Einige Gruppen stehen zusammen. Männer und Frauen mit dicken Pelzmützen, große Taschen voller Angeln, Keschern und Ruten, rauchen ihre letzte Zigarette bevor sie in den Zug steigen.

Acesta este trenul până la Sighișoara? – Da, puteți intra deja!

Alles klar, wir sind richtig. Einen schönen Platz am Fenster gesucht und tief in die Jacke eingekuschelt erstmal wieder zur Ruhe kommen. Kurz vor sechs wird die Tür ein letztes Mal aufgerissen und ein altes Paar in dunkelgrünen Jacken und großen Taschen steigt außer Atem ein. Das muss knapp gewesen sein. Der Zug setzt sich ruckelnd in Bewegung, während die beiden freudig die anderen Angler auf den Plätzen weiter vorne begrüßen.

Wir fahren durch die Vororte von Brasov. Im Gegensatz zur verträumten Innenstadt mit all den sächsischen Häusern und Kirchen, reihen sich hier die Plattenbauten. Ein Anblick der mir lange sehr fremd gewesen ist, inzwischen aber fast so vertraut und lieb gewonnen, wie das Gurren, der dicken Tauben auf dem Marktplatz, oder die kurzen Unterhaltungen auf rumänisch in Geschäften und auf der Straße. Wir verlassen die Stadt und der Zug nimmt langsam an Geschwindigkeit auf. Was bedeutet Rumänien eigentlich für mich, frage ich mich. Bevor ich hierher gekommen bin waren meine Assoziationen auf Märchengeschichten und das made in Eticket in Kleidung beschränkt gewesen. Kaum zu glauben, wie viel knapp sechs Monate verändern können. Während ich der Sonne beim aufgehen zuschaue, wird mir bewusst, wie sehr ich dieses Land und meinen Alltag hier schon in mein Herz geschlossen habe. Ich liebe die scharfen Gegensätze, zwischen vollkommen wilder Natur, den kleinen Dörfern auf dem Land und einer modernen Stadt wie Brasov. Zwischen den gezackten Gipfeln der Karpaten und den weich geschwungenen Feldern.

Die Sonne erhebt sich inzwischen wie ein Feuerball über den Hügeln im Osten. Răsărit ist der rumänische Begriff für Sonnenaufgang. Auch die Namen der Dörfer durch die wir fahren haben einen ähnlichen Klang. Vânători. Paloş. Caţa. Das alles klingt nun schon vertraut. Draußen ziehen die Ortschaften an uns vorbei. An bunte Häuser reihen sich hözerne Ställe voller Hühner, Schafe und Pferde. Der Boden auf den Höfen ist schlammig und braun, die Tore häufig in vielen Farben angemalt. Vereinzelt sitzen die Grundstücksbesitzer auf Stühlen vor ihren Häusern und beobachten den Morgen. Ich kann mich kaum satt sehen.

Irgendwie besteht auch immernoch meine Hoffnung, zwischen den vom Wind krumm gebogenen, knorrigen Bäumen einen Bären zu entdecken, der gerade aus dem Winterschlaf erwacht ist.

EIn Bach schlängelt sich entlang der Zugstrecke. Es ist gerade eine einsame Gegend, vielleicht liegt deshalb so wenig Müll am Ufer. Hin und wieder ist ein Baum abgeknickt im Wasser. Ohne menschliche Eingriffe in die Natur, wirkt alles so viel rauer, authentischer, wilder, schöner und natürlicher. Die warmen Sonnenstrahlen vertreiben nun auch den letzten Rest Nebel und Müdigkeit. Gegen 10 Uhr fahren wir am Bahnhof in Sighișoara ein. Der Himmel strahlt so hell und blau, wie seit Wochen schon nicht mehr. Voller Energie verlassen wir den Zug. Die Bahnhofsgegend scheint erstmal etwas unbelebt und einsam. Zielstrebig gehen wir in Richtung Stadtzentrum. Unser erstes Ziel ist die große orthodoxe Kathedrale, die gleich neben dem breiten Fluss, dem Komitat liegt. Auf dem Weg dahin kommen wir an ein Kriegsdenkmal. Etwas holprig aber korrekt entziffern wir, wem da gedacht wird: Hier sind Gräber für gefallene sowjetische Soldaten im Kampf gegen die Faschisten, deklariert als die unbekannten Helden.


Wir gehen erstmal weiter, entlang einer grünen Parkanlage und erreichen den Fluss samt gigantischer Kathedrale. Von Außen errinnert sie mich ein wenig an die Kirche in Târgu Mureș und wir sind ganz euphorisch, als wir auf den Platz vor dem Portal ankommen. Wie verrückt, dass der Plan unseres Ausflugs bisher problemlos aufgegangen ist und wir nun tatsächlich in Sighișoara sind! Die letzten Monate haben uns neben all der Schönheit in Rumänien eben auch gelehrt, dass die meisten Pläne nicht so klappen, wie man sie sich vorstellt und dass wir dadurch immer eine riesige Portion Flexibilität mitbringen müssen.

Gespannt öffnen wir die massive Holztür der Biserica Sfânta Treime und treten ein. Ein lichtdurchflutetes Kirchenschiff erwartet uns, in dem die unzähligen, der für die orthodoxen Kirchen typischen Wandmalereien erkennbar sind. Wir schauen uns um, entdecken die Geschichte der Passionszeit ins Bildern und eine Ikone, die ein bisschen aussieht wie ein Bandmitglied aus Jojos lieblings KPop-Gruppe. Natürlich gibt es auch wieder eine Reinigungskraft, die die blitzblanke Kirche fegt und alle Besucher auf Schritt und tritt verfolgt, während sie sich die prunkvollen Wände anschauen. Schnell sind wir uns einig, dass wir bisher kaum eine schönere Kathedrale gesehen haben und probieren gleich auch noch die hölzernen Bänke aus, die vor dem Altar an der Wand aufgestellt sind.

Für kleine Personen könnte es schwierig werden hier noch einen Blick über die hohe Stuhllehne zu werfen. Dafür waren die Kissen, die auf jeder Sitznische auslagen, extrem bequem. Eigentlich ist in orthodoxen Kirchen vorgesehen, während der Gottesdienste zu stehen, weshalb die Bänke vor allem für Alte und schwache Menschen da sind.

Mir fällt auf, dass ich in keiner einzigen orthodoxen Kirche bisher eine Orgel oder etwaiges Instrument gesehen habe, im Gegensatz zu den katholischen und  protestantischen Kirchen, wo hin und wieder zwei oder mehr in einem Raum sind. Eine schnelle Befragung von Google erklärt, dass hier die menschliche Stimme als einzig würdiges Ausdrucksmittel, den Kontakt mit ihrem Gott suchen darf, weshalb alles andere streng untersagt ist.

Genug orthodoxe Kirche für den Tag. Wir verlassen die Kathedrale und betreten die von einem mittelalterlichen Schutzwall umgebene, auf einem Hügel gelegene Altstadt.

Die Häuser sind wunderschön. Über Treppen gelangen wir ins historische Zentrum, können das Museum am Stadttor besuchen und sogar auf den Stundturm steigen. Dieser ist wahrscheinlich das bekannteste Monument der Stadt, da er zum einen die typische transsilvanische Baukunst, die sich zum Beispiel durch das bunte Dach auszeichnet, mit einem hoch raffiniertem Uhrensystem kombiniert. Je nach Wochentag erscheinen unterschiedliche, aus Lindenholz geschnitzte, etwa hüfthohe Figuren an der kleinen Öffnung neben der großen Uhr. Außerdem gibt es noch die entsprechenden Äquivalente, um das Wetter darzustellen, damit die Bewohner der Stadt rundum informiert sind.

Die beiden FIguren im Vordergrund repräsentieren Montag und DIenstag. Luna, mit dem silbernen Metall, steht für den ersten Tag der Woche, während Ares, der Kriegsgott mit seinem Speer in der Hand, den Dienstag darstellt.

Über Pflastersteine schlendern wir durch den Ort. All die Häuser sind so schön bunt, klein, verwinkelt und irgendwie putzig. Ein Bisschen erinnert mich die Stadt an Marburg nur ohne das ganze Fachwerk. Im Umland erheben sich viele Hügel und scheinen die Stadt somit von der Außenwelt abzuschotten, während die Zeit hier im Inneren schier angehalten werden kann.

Es liegt fast schon ein Zauber zwischen den engen Gässchen und süßen Geschäften. In einer multimedialen Ausstellung, veranschaulicht ein weiteres Museum das Leben von Graf Dracula. Dieser hieß ursprünglich Vlad Țepeș und wurde etwa 1431 in Sighisoara geboren. Zum Tausch gegen Frieden in der Walachei und Siebenbürgen, gab Vlad II, der Vater von Vlad Țepeș ihn und seinen Bruder zu den Osmanen. die die Region zuvor konstant bedroht hatten. In dieser Zeit hat sich angeblich der Charakter des jungen Monarchen stark geformt, da er viel Unsicherheit, Leid und Gewalt erlebte. Kein Wunder eigentlich, dass er später in seinem Leben vor allem für seine Gräueltaten und Grausamkeit bekannt geworden ist…

Nach dem Tod seines Vaters durfte er in sein Land zurückkehren, um die Regierung zu übernehmen. Von diesem Zeitpunkt an plante er seinen Feldzug gegen die osmanischen Besatzer. Er wollte die Region von ihrem Einfluss befreien, verbündete sich mit dem ungarischen Herrscher und schaffte es, mehrere Erfolge im Kampf zu erzielen, bevor er vermutlich 1477 in einer Schlacht fiel.

Auf die Entscheidungsfrage hin, ob der Vlad, der Fürst der Walachei, nun ein Held oder Schurke (Hero or Villain) gewesen ist, sind Jojo und ich uns einig, dass wir ihn für all die Morde und Kämpfe, verurteilen würden und er somit eher als Villain für uns beide gilt. (Die Bilder stammen von der Website des Museums: https://www.draculainvestigation.ro/)

Mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck erkunden wir weiter die Stadt. Über eine überdachte Treppe gelangen wir nach mehr als 100 Stufen zur ersten deutschen Schule Rumäniens, die neben einer großen Kirche und einem sächsischen Friedhof über der Stadt thront.

Den Rest unserer Zeit, der uns noch bleibt, bevor wir den Zug zurück nach Brașov nehmen müssen, nutzen wir für ein Picknick in der Sonne im Park und dazu, noch mehr der schönen Straßen zu sehen. Ich würde sagen, Sighișoara hat sich für den Ausflug definitiv gelohnt.  Insbesondere, da durch die aktuelle Situation die ganzen ausländischen Touristen wegfallen und wir die Stadt fast für uns alleine hatten. Da rangiert sie sich schonmal auf eine Ebene mit Brașov und könnte durchaus zu einem meiner Lieblingsorte Rumäniens werden!

Etwas erschöpft, aber glücklich, so viel erlebt zu haben, sitzen wir viel zu schnell wieder im Zug und fahren zurück. Sehr passend rundet ein wunderschöner Sonnenuntergang unseren Tag während der Fahrt ab.

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