Sophia in Sofia

Meine Pläne änderten sich nochmal recht spontan, als ich mich entschloss, im Anschluss an Shumen weiter in die Hauptstadt Bulgariens zu fahren.

Also hatten Karla und ich am Mittwoch Morgen noch einen ruhigen Vormittag, den wir mit Yoga und Porridge gestalteten. Dann ging es auch schon ziemlich schnell zum Bahnhof, von wo aus mein Zug nach Sofia abfuhr. Ganz bulgarisch sind wir über die Schienen zum Gleis gekommen, wobei die Zeit leider nicht mehr für einen Kaffee aus dem Automaten gereicht hat.

Inzwischen habe ich durch die Zugfahrten in Bulgarien einiges dazu gelernt und fühle mich, als könnte ich ein ganz passables Handbuch mit Tipps und Tricks verfassen. Hier mal die Top 3:

  1. Man muss sich in einem Abteil nur so großflächig ausbreiten, dass es so wirkt, als wären noch mindestens fünf andere Personen bei einem, die sich gerade die Beine vertreten sind. Eigentlich eine ziemlich alte Methode, aber dennoch sehr wirksam! Das hat auf meiner Fahrt so lange gut funktioniert, bis eine ältere Dame mich durchschaute und zielgerichtet bei mir Platz nahm.
  2. Die bulgarischen Züge stellen im Winter einen günstigen Ersatz für Saunabesuche dar. Deshalb sollte man sich dringend ein Abteil suchen, bei dem die Fenster zu öffnen sind…

    Sollte das Fenster nicht von selbst auf bleiben, nimmt man am besten seinen Rucksack und bindet ihn daran fest. EIn Trick, den ich von Karla gelernt habe.

  3. Wirklich praktisch ist, dass man sich sein Ticket auch erst im Zug kaufen kann. Dafür braucht man aber in jedem Fall Bargeld und eine gute Orientierung, da weder Zeiten noch genaue Orte für die Umstiege angegeben werden.

Die Fahrt bis nach Sofia (София im kyrillischen) dauerte knapp sechs Stunden. Zu Beginn hielten sich noch dichte Nebelfelder, die mich auch schon bei den letzten Fahrten begleitet hatten, bis plötzlich hinter einem Tunnel die Wolken aufrissen. Hier veränderte sich die Landschaft auch schlagartig. Im Gegensatz zu den flachen, geschwungenen Feldern aus der Gegend zwischen Ruse und Varna, erhoben sich nun lauter Steilklippen. Deren gezackten Einkerbungen warfen in der tiefstehenden Sonne lange Schatten.


Besonders schön war der Ausblick, als der Zug sich entlang des Flusses Iskars durch die Schluchten schlängelte. Reiher und andere Wasservögel tummelten sich hier im seichten Wasser und die Ortschaften, durch die wir fuhren, wurden immer überschaubarer und seltener.

Karla hat mal sehr treffend gesagt, dass das Rattern der bulgarischen Züge ihrem Herzschlag entspräche. So eine Verbundenheit zum Schienenverkehr in Bulgarien kann man aber auch verdammt schnell aufbauen, wenn man unberührte Landschaften, sehr traditionelle Dörfer und unzählige Bahnhöfe an sich verbei ziehen sieht. Unfassbar cool finde ich immernoch die Fenster, die einem erlauben, seinen Kopf in den Fahrtwind zu strecken, frische Luft zu schnappen und die Gedanken durchpusten zu lassen.

Bei meiner völligen Begeisterung über die Landschaft vor Sofia hatte die alte Dame in meinem Abteil nur ein ganz schwaches Lächeln übrig. Wer weiß, wie oft sie die Strecke schon gefahren ist, aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass das Staunen darüber irgendwann aufhört.

Der Sonnenuntergang, kurz vor der Ankunft in Sofia.

Als der Zug in Sofia einfuhr war ich erstmal ein wenig misstrauisch, da nirgends Schilder aushingen, die angaben, an welchem Bahnhof man sich befindet. Nachdem Karla und ich einmal falsch ausgestiegen sind, wollte ich den gleichen Fehler nicht nochmal machen. Da sich der Zug aber zusehends leerte, folgte ich den anderen auf den Bahnsteig.

Meine Verwirrung über die Ausschilderung des Bahnhofes war wohl gerechtfertigt, da Elias, der mich abholte und ich ziemlich lange brauchten, bis wir uns gefunden hatten. Dann aber konnten wir los und auf dem Weg durch die Stadt, habe ich direkt die erste Stadtführung bekommen.

In den letzten Tagen war ich schon ziemlich reizüberflutet gewesen, von dem Bulgarien, das ich kennenlernen durfte. Hier in der Hauptstadt wurde das umso mehr verstärkt. In den Parks tummelten sich Gruppen von jungen Leuten, überall spielte Musik. Lichtinstallationen an Häuserwänden, machen die Straßenbeleuchtung mit Kaffeeautomaten unnötig. Die Mannigfaltigkeit meiner geliebten Snackstores ist sehr zu meiner Freude exponentiell gesteigert und die Häuser im Zentrum der Hauptstadt sind wundervoll bunt gestaltet und reihen sich abwechselnd an historische Monumente und coole Graffitis.

In den nächsten Tagen lernte ich all die schönen Flecken Sofias kennen und lieben. Ob das nun ausschließlich an meiner Namensvetternschaft mit der Stadt oder am tatsächlichen Charme liegt, kann ich nur subjektiv beurteilen.

Das wortwörtlich blühende Leben in den Straßen hat mich einfach in seinen Bann genommen!

Es gibt so viele, verwinkelte, kleine Blumenläden, die sogar schon die ersten Bienen angezogen haben! Und das Anfang Februar!

Am Horizont kann man von fast jedem Punkt der Stadt den Vitosha-Berg sehen. Ich konnte es kaum glauben, das die verschneiten Gipfel so klar zu erkennen sind und sich das Panorama so schön in das Stadtbild einfügt. Allerdings führt die Lage der Großstadt auch dazu, dass alle Abgase wie in einem Kessel eingeschlossen, nicht gut zirkulieren können und die Smogbelastung dementsprechend hoch ist. Die Sterne kann man nachts trotzdem sehen, was ich schon mal als gutes Zeichen gedeutet habe.

Wahrscheinlich war ich nur zu kurz da, um die Nachteile einer Stadt dieser größe zu erleben, aber ich habe das Großstadtflair sehr genossen.

An einem Vormittag war das Wetter schon so frühlingshaft, dass wir eine Tour durch die großen Parks machten. Der große Boris kam mir an dieser Stelle fast schon vor, wie ein Volksfestplatz, mit so viel Leben und spielenden Kindern. Studenten haben Volleyball gespielt und ein Vater mit Sohn und deren Modellflugzeug, glaube ich Jagd auf uns gemacht. Ein leichter Sonnenstich am Ende des Tages konnte die gute Stimmung dann aber auch nicht abmindern.

Mein Lieblingspark ist allerdings keiner von den großen bekannten, sondern vielmehr der Platz vor der Kirche Sveti Sedmochislemits, in dem man sehr schön die Sonne und das bunte Treiben genießen kann.

Die Kirche etwas abseits vom direkten Zentrum sieht finde ich schon von Außern sehr ästhetisch und durch die runden Formen sehr glatt aus. Im Inneren sind wieder Unmengen Verzierungen und Ausschmückungen zu finden.

Viele bunte Bilder und Ornamente schmücken hier wieder die Wände aus. Auch wenn die meisten der orthodoxen Kirchen auf den ersten Blick ähnliche Geschichten in ihren Bildern erzählen, so sieht doch jede Kirche anders aus. Es ist jedes Mal wieder spannend, an den Wänden nach Besonderheiten zu suchen.

Auch schön fand ich, dass ich mich so schnell in Sofia zuhause gefühlt habe und mich ziemlich schnell zurecht finden konnte.

Die Alexander-Newski-Kathedrale im Zentrum der Stadt, sticht bei Tag mit den grünen Dächern besonders hervor. Nachts sieht sie unter dem Sternenhimmel, von lauter Flutlichtern angestrahlt, auch sehr beeindruckend aus.

Abschließend kann ich sagen, dass Sofia neben einer ziemlich coolen Boulderhalle, wunderschöne Orte hat, die sicherlich mehr als einen Besuch wert sind und mich ganz bestimmt nochmal zurück holen werden!

Meine Rückfahrt zog sich über den ganzen Sonntag hin und ich klapperte nochmal (fast) alle Stationen meiner Reise ab, als ich zunächst über Ruse, nach Bukarest, bis nach Brasov fuhr, wo das kleine Abenteuer zwei Wochen zuvor begonnen hatte.

Сбогом България!

Ein Gedanke zu „Sophia in Sofia

  1. Elias(o)

    Richtig cool deine Fahrt und die Stadt beschrieben, ich mag immer noch sehr deinen eigenen Schreibstil und wie du deine Erlebnisse verpackst. Mach bitte weiter so, ich kann mir gut vorstellen, dass der „Großstadtflair“ dich in einen Bann gezogen hat. Wenn du nochmal wieder kommst, bekommst du noch kleinere und schönere Ecken mit und kannst die Sonnenstrahlen genießen, die es jetzt nicht so viel gab. Dann hole ich dich vielleicht auch vom gleichen Gleis ab.

    Bis bald

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