Zwischen Häuserschluchten und Tischtennisplatten

~20.05.2021-24.05.2021

Wie lange ist es jetzt her? Seit Anfang Februar auch schon wieder fast drei Monate. Verrückt, wie viel seit dem passiert ist. Deshalb freute ich mich umso mehr, als ich die Tür der großen, bukarester WG öffnete und mir neben all den Bewohnern auch Karla entgegen strahlte.

Da sich die Einreiseregeln zwischen Bulgarien und Rumänien inzwischen ein bisschen gelockert hatten, trafen wir uns auf etwa halbem Weg in Bukarest für ein entspanntes, gemeinsames Wochenende mit Sightseeing. Nach einer ersten Bartour mit den anderen am Donnerstagabend  nutzten wir die frühen Morgenstunden, am Freitag, um in die Stadt los zu ziehen.

Nach fast acht Monaten in Rumänien habe ich unsere Hauptstadt bisher noch nie wirklich besichtigt. Meine Eindrücke beschränkten sich auf mehrere Taxifahrten zu Bushaltestellen (alles bei Nacht), eine kleine Führung bei der ich die ganzen Eindrücke gar nicht richtig verarbeiten konnte und auf die Bahnhofsgegend, in der man beim Gara de Nord ankommt. Dementsprechend hatten weder Karla noch ich eine besonders gute Orientierung, als wir uns mit einer Frühstücksplăcintă in der Hand, glatt zwischen den vielen, verwinkelten Straßen verleifen und immer wieder falsch abbogen.

Der Piața Unirii mit erfrischendem Springbrunnen. Im Hintergrund prangern die Namen großer Unternehmen, wie u.a. Coca Cola, Borsec (eine lokale Wassermarke) und Auchan.

Nach einiger Zeit, durch wunderschöne Seitenstraßen, schafften wir es ins Zentrum zum Piața Unirii. Schon vor hunderten Jahren verkauften Händler hier ihre Wahren, im Dreh und Angelkreuz der Stadt. Heute prangern die Logos der Unternehmensgiganten auf den ehemals kommunistischen Bauten, die den zentralen Park säumen. Ein riesiger Brunnen lädt bei praller Sonne und Hitze zum Sitzen auf dessen Rand ein. Zumindest so lange, bis das Sicherheitspersonal in Vollmontur (inklusive Schlagstöcken) anrückt, um die Fontäne zu verteidigen. Nachdem wir Kräfte im Schatten getankt hatten, liefen wir weiter. Die Calea Victoriei, auch als Champs Elysee Bukarests bekannt, hinauf und plötzlich taten sich die Häuser auf und wir standen vor dem größten Regierungsgebäude, das ich je gesehen habe.

Gar nicht so unwahrscheinlich, da der Parlamentspalast als größtes Gebäude dieser Art, nach Washington gilt und symbolisch für Stärke, Triumph und Macht gebaut wurde. Der damalige, kommunistische Machthaber Ceausescu initiierte dessen Bau 1984 und ließ dafür auf der heutigen Fläche zahlreiche Häuser, Kirchen und Kultureinrichtungen wegreißen. Er selbst hat den fertigen Palast nie erlebt, da ihn die Revolution und seine Exekution einholten, dafür all die Politiker, die nach der Umwandlung in den Regierungssitz Rumäniens hier tagten. 2008 wurde das Gebäude beispielsweise auch für eine parlamentarische NATO-Versammlung genutzt, weshalb thematische Räume noch immer bestehen.

Sogar ein Konzertsaal findet sich im Parlamentspalast wieder, der mit seinem gigantischen Kronleuchter prahlt, in den bis zu fünf ArbeiterInnen auf einmal passen, um ihn zu reinigen und zu warten.

Zum Bau des Palastes wurden, bis auf wenige Ausnahmen, nur Materialien aus Rumänien verwendet und zwischen 200 und 700 ArchitektInnen waren daran beteiligt. Die Leitung des Projekts erhielt eine junge Architektin mit gerade mal 29 Jahren.

Vom Balkon aus hatten wir einen ungetrübten Blick über die Stadt. Etwas, das wir lange gesucht haben, da die Mehrheit der Häuser im Zentrum Bukarests eine ähnliche Höhe hat und wir nie die Stadt überblicke konnten.

Wie in einer Filmszene erstreckt sich die riesige Allee vom Palast aus wie eine Schlucht durch die massiven Häuserwände.

Dementsprechend waren wir sehr glücklich, als wir an einem anderen, langen Besichtigungstag, eine geöffnete Musikschule fanden, die im obersten Stockwerk neben einer großen Fensterfront ein paar Klappstühle aufgestellt hatte, was uns zu einer Pause und Flucht vor der brütende Hitze auf der Straße einlud.

Eine schöne Rast im Schatten, mit guter musikalischen Beschallung, einem tollen Blick. Das ist Karlas und mein persönlicher Geheimtipp geworden, auch wenn wir beide nicht mehr wirklich den genauen Ort lokalisieren könnten.

Des weiteren wanderten wir durch die dichte Kirchen und Klosterlandschaft der Großstadt und entdeckten die ein oder andere, in einem Hinterhof versteckte Oase der Ruhe.

Die prächtigen und historischen Wandmalereien hatten wir so zentral in einer kleinen Kirche nicht erwartet. Von einer Mitarbeiterin, die einem anderen Touristen sehr engagiert half, das beste Fotomotive zu finden, wurden uns noch ein Paar Einzelheiten rund um die Ikonen im Innenraum erklärt. Anstelle von den klassischen Bildern stand hier z.B. eine metallene Platte mit Edelsteinen aus, von denen jeder eine:n Heilige:n, bzw. ein bestimmtes Attribut symbolisierte, das bei Berührung die positiven Eigenschaften überträgt.

Insgesamt ist Bukarest ungemein vielfältig. Am Anfang ist es mir schwer gefallen, mich in der Sektoraufteilung der Stadt zurecht zu finden, mich in zwischen den lärmenden Autos, den Momenten der Ruhe am Fluss und den wunderschönen Häusern, nicht zu verlieren. Doch diese Fülle an Kontrasten habe ich wirklich lieb gewonnen, über die Tage an denen wir die verwinkelten Straßen erkundeten.

Die Stadt bebt förmlich vor lauter Energie und unzähligen unterschiedlichen EInflüssen. Mit den bukarester Freiwilligen erkundeten wir abends die Bars und sie zeigten uns die schönsten Flecken in den vielzähligen Parks. Der Cișmigiu-Park, einer der größten und mit der älteste im Zentrum, lockte uns und andere Jugendliche der Gegend, mit seiner schönen, versteckten Tischtennisplatte an.

Leider habe ich gemerkt, wie ungeübt ich beim Tischtennisspielen geworden bin und ich musste über viele Runden mit den anderen erst wieder fit gemacht werden.

Das Netz des öffentlichen Nahverkehrs ist, für touristische Zwecke nicht wirklich gut ausgebaut, weshalb wir uns, zu unserem Glück, sehr viel fußläufig erschlossen. Dadurch entdeckten wir den ein oder anderen schönen Ort und stießen auf einen super guten Langoș-Laden, den wir daraufhin regelmäßig besuchten, um uns durch die Karte zu schlemmten und ein kleines Café, das portugiesische Pasteis de Nata verkauft.

Diese überdachte Passage hat mich mit ihren Ausmaßen an eine große Version des Gans in Oradea erinnert, den ich einige Wochen zuvor besucht habe. Auch wenn dieser in Bukarest vermutlich ein Stück älter ist.

An meinem letzten Tag in Bukarest besuchte ich außerdem mit zwei weiteren Freiwilligen, das nationale Kunstmuseum, das über drei Stockwerke zahlreiche Werke, berühmter, rumänische Künstler zeigte. Für mich stellte sich etwas überraschend, der mittelalterliche Teil, als besonders sehenswert heraus, in der faszinierende Ikonen, Teppiche und viele weitere, historisch wichtige Artefakte ausgestellt wurden.

Letztlich war es ganz gut, dass ich Bukarest bisher noch noch nicht besucht hatte und zusammen mit Karla auf Entdeckungstour gehen konnte. Über die Tage haben wir ungemein viel gesehen, erlebt und zusammen gelacht, was mir jetzt immer als positives Bild von der Stadt in Erinnerung bleiben wird. Die Kontraste zwischen alter Architektur, aus der gläserne hochglanz Fassaden empor wachsen, die sich an alte Kirchen anreihen, zwischen gepflasterten Straßen und filigranen Statuen, haben mich sehr beeindruckt. Die Ansammlung von spannenden Museen, verborgenen Second-Hand-Läden und süßen Eckkneipen, findet sich genauso wie die zahlreichen grünen Lungen der Stadt wieder.

Was haben wir noch gelernt, während des Aufenthalts in der Hauptstadt?

Wenn ein Gebäude besonders groß und prachtvoll erscheint, stehen die Chancen gut, dass es sich um eine der großen Banken handelt. WIr wurden immer wieder überrascht, wie oft es tatsächlich zutraf.

Was könnte das wohl nur sein?

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