Das hell erleuchtete Bulgarien

~ 29.05-01.06.2021

Still rollt der Zug über die Gleise, entlang an Feldern voller Klatschmohn und Gänseblümchen, kleinen Ortschaften und großen Industrieanlagen. Im Zug sitzen Anna, Laura (beide Freiwillige aus Bukarest), Nora (eine Freiwillige aus Hateg), Jojo und ich. Wir sind auf dem Weg nach Ruse, der bulgarischen Grenzstadt, um von dort aus nach Veliko Tarnovo zu fahren. Eine kleine Reise ins schöne Bulgarien.

Auch wenn uns der Wetterbericht schlechte Prognosen voraussagte, gingen wir voller Elan an die Sache heran. Mit Kyrillischübungen und Snacks verflog die Zugfahrt förmlich, wodurch wir kaum die Zeit bekamen, uns vor der bevorstehenden Coronatestkontrolle zu fürchten. Mit nicht ganz validen Dokumenten, die sich aus einer unangeglichenen Impfsituation zwischen den Ländern ergaben, machten uns die Grenzbeamten zunächst ziemlich viel Stress und wünschten uns kurz darauf herzlich Willkommen in Bulgarien.

Tourifoto oder Ablenkungsmanöver, zum Schutz vor einem aufdringlichen Taxifahrer? Das liegt im Auge des Betrachters…

Erstmal ein Picknick auf der Verkehrsinsel neben einem zwielichtigen Fitnessstudio. Eine Käsepackung wird von Ameisen belagert, während wir die Sonnenstrahlen auffangen, die zwischen den Häuserwänden durchfallen. Der Verkehr rauscht vorüber und wir diskutieren über die Farbschattierungen von Nashörnern.

Ganz schlau sind wir nicht aus dem Busplan geworden, der die Weiterfahrt nach Tarnowo anzeigt. Der Herr hinter dem Schalter hatte noch versucht mit mehr Gestik, als Inhalt die Uhrzeit und den Ort darzustellen, an dem wir losfahren würden, was uns zuletzt pünktlich zum Gleis brachte. Der Bus, ein Van, schon gut gefüllt mit unserem Grüppchen, ließ dann noch Luft für zwei weitere Passagiere und eine Frau mit silber glänzender Handtasche. Sicherheitshalber erhielten wir trotzdem für jedes unserer Gepäckstücke einen Aufkleber, dass wir dieses beim Ausstieg auch sicherlich wiederfinden konnten.

Die Fahrt ging über Landstraßen und vorbei an schönen Bergen. Schnell erreichten wir unser Ziel, wo unsere Gruppe um einen weiteren Freiwilligen erweitert wurde.

Die Aussicht von unserer Unterkunft. Wir wohnten im 2OG bei einem alten Ehepaar, in einer Seitenstraße mit Blick auf die grünen Hügel und Schluchten der Stadt.

Die Straßen von Tarnowo waren für mich wie aus dem Bilderbuch. Viele Pflastersteine, Häuser aus größtenteils Holz, ein Flusslauf im Tal der Stadt, ein märchenhafter Wald im Umland und der Duft von Baniza-Ständen an den Straßenecken.

Wir schlenderten durch die Straßen, lernten unheimlich viel über die bulgarische Geschichte auf einer Freewalking-Tour durch die Innenstadt und besuchten die touristischen Highlights Tarnowos. Die Stadt ist als erste Hauptstadt Bulgariens sehr geschichtsträchtig und noch heute findet man viele Überbleibsel des vergangenen Machtzentrums. Das Herz bildet die Festung, umflossen von der Jantra. Bei Nacht verwandeln sich die steinernen Mauern in die Projektionsfläche für eine einmalige Lichter- und Soundshow. Präsentiert wird der Geschichtsverlauf, von der Übernahme der osmanischen Herrscher, bis zur Gegenwart des zwanzigste Jahrhunderts.

Beeindruckt von den vielen Farben und Effekten, ließen wir unseren ersten Abend in Stadtzentrum mit Kartenspielen ausklingen.

Noch heute ist die Stadt außerdem Zentrum für Kunst und Kultur, was sich in der Vielzahl von Läden unterschiedlicher KünstlerInnen widerspiegelte, die entlang der Straßen und Seitengassen verschiedenes Handwerk verkauften.

Eingebettet in das rege Treiben der Fußgängerzone, eine kleine Töpferei, voller filigran geschwungener Muster, eine Goldschmiedin mit Ohrringen in Form von Katzenpfoten und dazu einzelne Worte auf bulgarisch, die ich aufschnappen konnte.

Ein weiteres Highlight stellt die Kathedrale über der Festung dar. Im vornherein wurde mir schon mehrfach berichtet, dass diese Kirche anders sei, als alle, die ich bisher kennengelernt hatte. So richtig erklären konnte das Phänomen zwar keiner, doch zunächst bezweifelte ich das, als ich die Kirche von außen sah.

Großer Turm, steinerne Mauern und massives Kirchenschiff. Erstmal nichts besonders. Der Eingang war ein Bisschen schwer zu finden, dafür war die Stimmung überwältigend. Irgendwas zwischen Beklemmung und Erleichterung, Angst und Geborgenheit. Anstelle von klassischen Kirchenmalerein, moderne Darstellungen der christlichen Geschichten im stark herunter gebrochenen Stil. Untermalt wurde die Situation noch von einer tiefen, etwas bedrohlichen Hintergrundmusik.

Orthodoxe Ikonen mal anders dargestellt.

Dann doch froh wieder draußen sein zu können, empfing uns das angekündigte Regenwetter mit einem Lächeln und wir ließen unseren Besuch in Bulgarien ganz entspannt in der Gruppe ausklingen. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir Bukarest zuletzt wieder in einem Minibus, gemeinsam mit vielen witzigen Geschichten aus Bulgarien.

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