Zu spät kommen, ist gut für die Gesundheit

Soweit zumindest die Philosophie der Bulgaren. Ein Motto das ich nicht unterschreiben würde, wenn ich um kurz vor vier Uhr nachts, mein Taxi in Bukarest storniert bekomme, das ich eigentlich gebraucht hätte, um meinen Bus nach Bulgarien zu erreichen. Da kann mein Stresslevel schon mal um so 470% steigen. Dass das noch so gut für die Gesundheit ist, bezweifle ich. Nun ja letztlich erreichte ich die Bushaltestelle noch pünktlich genug, um mitgenommen zu werden und steckte den Kopf nicht in den Sand. Auf der zweistündigen Fahrt bis Ruse hatte ich auch erstmal genug Zeit, mich von dem vergangenen Schrecken zu erholen und auf Sofia zu freuen.

Da die Osterferien in Rumänien verlängert wurden, hatte ich die Möglichkeit, meine Arbeit im Homeoffice zu erledigen und nochmal zurück nach Bulgarien zu reisen. Die Strecke zwischen Ruse und Sofia kam mir inzwischen schon total bekannt vor, was meine Vorfreude auf die Stadt, die anderen Freiwilligen und die Zeit vor Ort ganz besonders steigerte. Erstmal angekommen wurde ich zwar von schlechtem Wetter begrüßt, fühlte mich jedoch sofort wieder pudelwohl. In den darauffolgenden Tagen konnte ich die Stadt dann ganz in gelassen weiter erkunden.

Die Ausstellung von Andrey Daniel in der Nähe des Theaters fand ich extrem spannend mit sehr vielen inspirierenden Werken.

Bei einer Freewalking-Tour im Zentrum erklärte unser Guide, dass der bulgarische Zar in den 1920er Jahren einem Anschlag auf sein Leben während eines Gottesdienstes nur entging, weil er typisch bulgarisch war. Bedeutet, er kam eben zu spät. Daraufhin entstand das Sprichwort, dass zu spät kommen gut für die Gesundheit sei, was mir nach der Nacht in Bukarest nur noch ein müdes Lachen entlockte. Außerdem schieben die Bulgaren typischerweise gerne Aufgaben vor sich her. Diese Eigenschaft soll wohl dazu beigetragen haben, dass während des zweiten Weltkrieges keine jüdischen Bürger des Landes deportiert wurden.

Ich habe das Gefühl, über die Tage in София einen noch viel intensiveren Einblick in die bulgarische Kultur erhalten zu haben, als während meines letzten Besuches. Der Löwe, der als Wahrzeichen des Landes an jeder Ecke und auf den Geldscheinen zu finden ist, repräsentiert die Stärke und Wehrhaftigkeit der Bulgaren. Zwar ist der Löwe hin und wieder etwas deformiert, weil die wenigsten Bildhauer der vergangenen Jahrhunderte so ein Tier in echt gesehen hatten, doch das Symbol ist schön.

Im nationalen Kunstmuseum habe ich so viele Bilder aus Plovdiv gesehen, dass ich riesige Lust bekommen habe, die Stadt kennenzulernen und an einem freien Tag mit Elias hingefahren bin. Einige der anderen Freiwilligen hatten mir vorher schon von dieser, als der schönsten Stadt Bulgariens berichtet, wobei ich immer nur dachte, naja, das sagt man ja irgendwie bei jedem Dorf mit Altstadt. Doch diesmal war ich echt platt.

Wenn das nicht spannend aussieht? Die farbigen Häuser und steilen Straßen sind heute auch immernoch so zu finden.

Neben all der schönen Kunst zu den hübschesten Flecken Bulgariens, wird in der Gallerie auch die triste Geschichte des Landes abgedeckt, mit Werken aus der Zeit des Sozialismus und der Weltkriege.

Auf angeblich sieben Hügeln erbaut erreicht man Plovdiv und betritt eine neue Welt. Überall schimmert der alte, römische Charme durch, der von einer 6000 jährigen Geschichte zeugt und Plovdiv neben der schönsten auch zur ältesten Stadt Europas macht. Die Sonne entschied sich an dem Tag einen Sommervorgeschmack zu geben, was ich mit verbrannten Schultern und zu wenig eingepacktem Wasser quittierte.

Das römische Theater in Plovdiv wurde laut Schätzungen zwischen 116 und 117 nach Chr. erbaut und ist heute immer noch sehr beeindruckend.

Eine von vielen steilen Gassen, die zur Handwerks- und Kunststraße führt.

Über Pflastersteine, Antiquitätenläden und Parks schlenderten wir durch die Stadt. In einem Geschäft fand ich Postkarten des letzten Jahrhunderts, die aus dem damaligen dritten Reich nach Bulgarien geschickt wurden. Leider alles auf kyrillisch. Auf einem der vielen Hügel machten wir bei alten Mauerruinen Halt. Einmal schnell nachgezählt kamen wir tatsächlich nur auf drei statt sieben Bergen, doch der Ausblick auf die Stadt war trotzdem wunderschön.

Im Museum zur Vereinigung Bulgariens bekamen wir einen Querschnitt der letzten großen geschichtlichen Veränderungen des Landes präsentiert, das sich erst im 19ten Jahrhundert in seiner heutigen Struktur abschließend zusammensetzte. Vorher waren die Grenzen flüssig und bezogen auf der einen Seite ab und an Rumänien, Mazedonien und Teile der Türkei mit ein, verloren aber andererseits auch immer wieder Gebiete. Plovdiv, früher unter dem Namen Philippopolis, als Hauptstadt Ostromeliens bekannt, ist heute außerdem für die große kulturelle Dichte berühmt. Ein buntes Viertel schließt sich dem nächste an. An allen freien Hauswänden gibt es große, farbenfrohe Graffiti, die Straßen sind von blühenden Bäumen gesäumt und ein Kunstmuseum reiht sich ans andere.

Das ist leider kein öffentliches Schwimmbad, sondern nur der Stadtpark. Etwas enttäuschend, weil uns nach diesem sonnigen Tag in der Stadt eine Abkühlung gut getan hätte. Die Abendstunden waren dennoch traumhaft, mit der langsam untergehenden Sonne.

Zurück in Sofia sammelten sich weitere Highlights.

Mit Bele, einer anderen Freiwilligen und ihrem Freund Max, wanderten wir bei phantastischem Wetter zu den Boyana-Wasserfällen am Vitosha, dem pendant zur Zinne in Brașov. Oben lag zum Teil noch Schnee und das tauende Eis schwemmte die dünnen Pfade davon. Bei den Kletterpartien, auf der Suche nach festem Grund, hatten wir unseren Spaß und spielten eine ziemlich schwere Runde Wer bin ich?, bevor wir an den Wasserfällen eine Picknickpause einlegten. Max wagte sich für eine Dusche unter den eiskalten Wasserstrom, woraufhin wir beim Weitergehen an einem sonnigen Aussichtspunkt stoppten und uns aufwärmten.

Die Bulgarienflagge steht hier selbstverständlich auch wieder in voller Pracht und eignet sich besonders gut für Erinnerungsfotos.

Wieder am Fuße des Berges waren wir alle ziemlich erschöpft, machten aber noch einen Abstecher zum Boyanakloster. Dank der mittelalterlichen bulgarisch-orthodoxen Fresken, als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet, bekamen wir exakte 10 Minuten, von einer winzigen, gelben Eieruhr abgemessen, um die kleine Kirche zu besichtigen. Die Wandmalereien waren wirklich sehr faszinierend und unheimlich gut erhalten. Selbst die Gesichtsausdrücke der vergangenen Herrscher und Regenten des Landes waren zumeist sehr gut erkennbar.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Klosterkirche, mit den schönen Fresken.

Auch in Sofia schaffte ich es jetzt mal in eine Synagoge, wobei mir zugleich der Eintritt in die vielen Moscheen verwehrt blieb, da zu der Zeit der Fastenmonat Ramadan lief.

Dafür lohnte sich die bunte und reich verzierte Synagoge umso mehr und hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir.

Manchmal muss man in Sofia ein bisschen suchen, um die versteckten Orte zu finden, wie zum Beispiel diese, von Wohnblogs umgebene Kirche.

Auch sehr lohnenswert empfand ich den Blick auf Sofia von oben. Bei der Wanderung am Vitosha, der sich auf dem folgenden Bild am rechten Rand erstreckt, konnten wir schon etwas von der Stadt erkennen, doch direkt aus dem Zentrum ging das natürlich noch besser. Während es gewitterte und zahllose Blitze auf die Häuser niedergingen, konnten wir das Schauspiel ganz gelassen von oben beobachten. Eine richtig gute Mischung, aus Naturschauspiel und Großstadt.

Bei dem guten Wetter, verbrachten wir auch so viel Zeit wie möglich im Park, zum lesen oder uns mit Freunden treffen.

Sofia wirkt für mich, durch das sehr geordnete Zentrum auch gar nicht so groß und vergleichsweise übersichtlich. Alles ist gut zu Fuß erreichbar, die Häuser sind sehr schön restauriert und der bulgarische Flair kommt dennoch überall durch. Ich habe mich glaube ich echt noch mehr in die Stadt verliebt, über die vergangen Tage hier. Ich genieße es, zu wissen, wo ich lang muss, um von a nach b zu gelangen, dass die Besitzer des kleinen Cafés an der Ecke schon wissen, was ich gerne möchte und dass ich höllisch aufpassen muss, auf dem Bürgersteig nicht einfach in eines, der vielen, tiefen Schlaglöcher zu fallen.

Bei diesem tollen Wetter bleibt einem auch kaum etwas anderes übrig, als die Sonne zu genießen.

Am Nachmittag meines letzten Tages in София passierten dann noch einige witzige Zufälle. Als wir gerade in einer kleinen Gruppe auf der Wiese im Dr. Garden lagen und Spiele spielten, kam ein Mann zu uns rüber und erklärte ganz fasziniert, dass wir aussahen, wie ein Kunstwerk. Er selbst sei Fotograf und es würde ihn in den Fingern jucken, Bilder von uns zu machen. Kein Thema, wann bekommt man schonmal die Chance zu professioneller Kunst zu werden?

Ein wahres Meisterwerk der Kunstgeschichte.

Der nächste ließ auch nicht lang auf sich warten. Keine zehn Minuten später erklärte uns ein ziemlich verloren wirkender Bulgare, dass er sich dringend bei jemandem entschuldigen müsse und unsere Hilfe benötige. Er hatte Plakate, das passende Outfit und Blumen im Gepäck und wir mussten uns nur noch dekorativ um ihn herum arrangieren.

Ich kann garnicht sagen, welches Bild ich lieber mag, aber beide Fotos, die an diesem Nachmittag im Park entstanden sind, kann man eigentlich schon repräsentativ für die vergangenen zwei Wochen in Bulgarien sehen.

Mit einer Zugfahrt am folgenden Morgen, endete mein Aufenthalt in der Hauptstadt Bulgariens schon wieder viel zu schnell, doch zumindest ging es vorerst nicht nach Rumänien zurück, sondern weiter, in das schöne Varna am schwarzen Meer.

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