Wenn das Echo von den Felsen wiederhallt

Nun war ich schon zwei Tage im schönen Shumen, ohne die Stadt bis dahin bei Tageslicht gesehen zu haben! Das musste sich also schleunigst ändern.

Nach einer schnellen Runde Boza-Porridge und Karlas Sprachkurs, wurden mir die schönsten Ecken Shumens gezeigt. Fynn hatte uns am Morgen schon wieder verlassen und sich zurück nach Rumänien verabschiedet, wodurch wir nun erstmal wieder zu zweit waren.

Als obligatorischen Einstieg in Karlas neue Heimat gab es ganz traditionell Baniza, als zweites Frühstück, auf unserem Weg durch die Altstadt. Sie ähneln im Prinzip den rumänischen Blätterteig-Placinta, die von Käse über Pilze und Kürbis, mit allem gefüllt sein können.

Shumen liegt sehr schön umringt von Bergen, was mich ein wenig an Brasov erinnert hat. Gemeinsam mit den Pflastersteinen und bunten Häuschen im Zentrum, habe ich mich direkt heimisch gefühlt.

Hier kann man im Hintergrund das inoffizielle Wahrzeichen Shumens erkennen, das durch seine Form und Größe von den Einheimischen einen ganz treffenden Spitznamen erhalten hat. EIn bisschen unheimlich sieht das verlassene Gebäude nur aus, wenn unzählige Vögel, aufgescheucht um die Spitze schwirren.

Der Turm ist von überall sichtbar. Hier nochmal im Panorama der Stadt, von Karlas Wohnblock, aus einer anderen Perspektive.

Am anderen Ende der Stadt erreichten wir, von Möwengeschrei und unserem Baniza-Dauerohrwurm begleitet, die Tombul Moschee.

Die Moschee ist gilt als größte Bulgariens und zweitgrößte der Balkanhalbinsel. Erbaut wurde sie Mitte des 18. Jahrhunderts, noch während der Zeit der osmanischen Herrschaft. Sofort ins Auge gefallen ist mir das Minarett, also der Gebetsturm, der mit seiner bestimmt an die 40m Höhe, alle umliegenden Gebäude bei weitem überragt. Als wir die Gebetshalle betreten haben, hat uns eine tiefe Stille umhüllte.

Die Decke hat es sowohl Karla, als auch mir, besonders angetan! Es ist fast schon meditativ, sie einfach nur  zu betrachten und den Raum auf sich wirken zu lassen.

Das Farbschema grün-gelb-rot, war besonders auffällig und ich fand sehr spannend zu beobachten, dass anders als in den vielen orthodoxen Kirchen, die ich in den letzten Monaten gesehen habe, hier keinerlei Bilder an den Wänden Geschichten erzählen. Vielmehr spielen Farben, Muster und kleine Ornamente eine Rolle. Neben der Mihrab, der Gebetsnische, gibt es einige wenige arabische Inschriften, die für uns allerdings ein Rätsel blieben.

Abgesehen vom Innenraum der Moschee, kann man draußen auch weiter gehen und im Innenhof die alte Bibliothek und den Brunnen sehen.

Ebenfalls beim Brunnen spiegelt sich das Farbschema von drinnen wieder.

Im Obergeschoss wurden jahrzehntelang wichtige Bücher und Schriften aufbewahrt. Inzwischen wurden diese aber an andere Bibliotheken im ganzen Land aufgeteilt.

Der Gebetsturm der Moschee, aus der Perspektive vom Brunnen.

Von hier aus sind wir quer durch die Stadt in die große Markthalle Shumens gegangen, um uns mit frischem Obst und Gemüse einzudecken. Schnell als Ausländer enttarnt, versuchte eine Verkäuferin mit uns die Zahlen auf Bulgarisch zu wiederholen, damit wir ihr das passende Rückgeld für die Rotebeete geben konnten. Der beste Sprachkurs bleibt wohl doch außerhalb von (online-)Klassenzimmern…

Nachmittags planten wir einen Spaziergang zum Monument Shumens ein. Die 1300 Stufen bis nach oben, symbolisiere die 1300 jährige Geschichte Bulgariens und haben es echt in sich. Doch erstmal an der Spitze angekommen, wird man damit belohnt, die vergangenen Herrscher der letzten Jahrhunderte im kubistischen Stil vorgestellt zu bekommen. Mit teils grimmiger Miene und überdimensionaler Größe sind die Zaren und ihre Nachfolger beeindruckend, das Monument im Ganzen fast ein bisschen bedrückend.

Ich habe mich zwischen den, auf einen zugeneigten Betonwänden ziemlich klein gefühlt, was durch die Aussicht auf die freie Fläche rund um Shumen nochmal verstärkt wurde.

1981 wurde das Monument, zum 1300 jährigen Jubiläum des ersten bulgarischen Reiches, erbaut.

Bei längerer Betrachtung der Wände hat es auf mich fast schon ein Bisschen so gewirkt, als würde die geneigte Mauer langsam auf einen zukommen.

Um uns nach dem Auf- und Abstieg wieder ein bisschen aufzuwärmen, machten wir zurück im Ort einen Abstecher in der Second-Hand-Kette Mania, eigentlich ohne besondere Vorstellungen. Doch in jedem Second Hand Laden versteckt sich das ein oder andere Schmuckstück und so kamen wir, um einige Kleidungsstücke reicher, wieder heraus. Der riesige, neue Pulli, eine Jacke und Bluse füllten dann aber auch gerade so, den noch verfügbaren Platz meines Rucksacks aus.

Unseren Abend ließen wir daraufhin noch mit Yoga und der Vorbereitung unseres Lunchpaketes für den kommenden Tag enden.

Am Dienstag hieß es nämlich gleich darauf, früh aufstehen und einen Sprint zum Bahnhof hinlegen, um den Zug in Richtung Ruse zu erreichen. Unser Ziel:

Die Felsenkirchen von Ivanovo zu besichtigen, die etwa 15 Minuten von der Grenzstadt an der Donau entfernt liegen. Also fuhren wir von Shumen die ca. vier Stunden bis nach Ivanovo, wobei Ivanovo zu viel gesagt ist, da wir eine Station zu früh ausstiegen und erst über Umwege zu unserem Ausgangspunkt gelangen. Die Fahrt nutzen wir für viele gute Gespräche, einen phantastischen Einblick in die Landschaft Bulgariens, sehr viele Snacks unseres professionell vorbereiteten Picknicks und Zeit zum Tagebuchschreiben und Gedanken sortieren.

Hier hat unser Abenteuer definitiv begonnen, wie Karlas Brotdose uns erinnert hat. Die Kicherebsenpatties mit Hummus könnten zwar als einseitige Ernährung angezweifelt werden, waren aber sehr gut!

Tagebuch schreiben hat mir unheimlich geholfen, all die neuen Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Allerdings fällt es mir wirklich schwer, tatsächlich alles so festzuhalten, ohne wichtige Elemente auszusparen. Noch schöner ist es dann eigentlich, mit jemandem zu reisen und zu reden, der die gleichen Erfahrungen sammelt, haben Karla und ich beide festgestellt. Vieles lässt sich so schwer für andere in Worte fassen.

Im Dorf angekommen, war unsere Reise zu den Kirchen aber noch lange nicht zu Ende. Um diese zu erreichen, hatten wir noch eine einstündige Wanderung durch einen wunderschönen Nationalpark zu bewältigen. An einigen Stellen mussten wir stoppen, weil wir so beeindruckt von den vielen Farben der Natur waren, die von giftgrün, über ein tief orangenes braun, zu fast schwarzer Erde und blühtenweißem Schnee reichten. In anderen Momenten wurden wir von überprotektiven Tankstellenhunden und Dornbüschen gezwungen uns den Weg  freizukämpfen, was wir mit der ein oder anderen Blessuren überstanden.

Unfassbar war auf jeden Fall die Stille, die im ganzen Nationalpark herrschte. Als wir im Tal ankamen, stießen wir erstmal zu unserer Freude auf die UNESCO, die die Felsenkirche zum Weltkulturerbe erklärt haben. Etwas stutzig hat uns schon der geschlossene und verbarrikadierte Souvenirshop gemacht, wodurch wir uns nicht mehr all zu sehr wunderten, als wir nach dem Erklimmen der Treppen entlang der Steilwand, vor verschlossenen Türen standen. Immerhin konnte man durch die vergitterte Tür das ein oder andere Fesco der Kirchen entdecken und neben der (geschlossenen) Klosteranlage gibt es einen sehr schönen Panoramaweg, der einen entlang der Klippe, zu verschiedenen Felsvorsprüngen führt.

Bei Höhlen mit entsprechendem Panorama ist es nicht schwer sich vorzustellen, dass früher Mönche zum Gebet förmlich angezogen wurden. Die Aussicht über das Tal war wirklich atemberaubend und der feine Nebel, der über allem hing, trug zur entsprechenden Stimmung bei.

Schon im 12ten Jahrhundert sollen hier die ersten Menschen begonnen haben, Höhlen in den Kalkstein zu graben, woraus wenige Jahrzehnte später ein spirituelles Zentrum entstand. In unterschiedlichen Kirchenräumen kann man Fresken der vergangenen Zare besichtigen und Wandmalereien, die schon mehrere hundert Jahre überdauern. Naja und selbst wenn man uninformiert vor Ort ist und die Kirchen geschlossen sind, lohnt es sich, die unberührte Natur in vollen Zügen zu genießen.

Das haben wir auch gemacht. Gleich neben befreienden Schreien die von den Felswänden geechot wurden und einem Picknick mit eingelegtem Gemüse vom Markt. Es war wundervoll!

Lange konnten wir leider nicht im Nationalpark bleiben und so traten wir bald den Rückweg nach Ivanovo an, wo wir glücklicherweise unseren Zug in Richtung Shumen erreichten und uns wieder aufwärmen konnten. Während der Fahrt lasen wir uns gegenseitig scheinbar traditionelle bulgarische Märchen, wie ,,der Vampir und das Mädchen“ und lachten eine Menge zusammen.

Am Abend waren wir mit einer Freundin von Karla zum Kochen und Essen verabredet, was auch noch viele witzige Gespräche über Musik und gemeinsames Lachen aufkommen ließ. Daraufhin schlossen wir unseren Tag noch mit einer Portion deutscher Märchen bei SImsalagrimm ab und reflektierten, was für besondere Eindrücke wir an diesem Tag gesammelt hatten und was wir alles erleben durften! Etwas, worauf wir sicherlich noch sehr lange, mit einem Lächeln zurückblicken werden! 🙂

Am nächsten Tag sollte es dann schon Чао Шумен und oтидете до София heißen!

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