Meer – du machst mich vergessen

Ich stehe am Strand. Vor mir das Meer. Der seichte, ablandige Wind streicht mir durch die Haare. Mein Blick ist weit. Nur Meer bis zum Horizont. Die Wellen treffen in regelmäßigen Abständen auf den Strand. Ich zähle eine Wellenperiode von dreizehn Sekunden zwischen dem Brechen einer und der nächsten Welle. Dreizehn Sekunden, die ich habe, um die Brandung zu überwinden und ins Line Up – dem Platz hinter den Wellen – zu kommen.

Vor mir erscheint ein Monster. Viel größer als erwartet und viel schneller als gewohnt, schiebt es sich mir entgegen. Bei dem Gedanken, von dem Wassermonster überwälzt und an den Strand zurück gespült zu werden, schüttelt es mich.  Ich tauche meine Arme tiefer ein, ziehe sie schneller durchs Wasser. Japse nach Luft, verbiete mir aber jeden Gedanken daran, langsamer zu paddeln, mich der Kraft des Meeres auszuliefern. Die Wassermasse vor mir verändert sich. Der anfänglich sanfte Berg formt sich zu einer steilen Wand, einzig die Füße des Bergs sind flache Ausläufer. Ich denke an Harakiri, eine schwarze Skipiste in Österreich, vor der ich mich im letzten Winter gedrückt hatte, und auch: eine rituelle Selbsttötung in Japan. Nicht ganz so dramatisch, aber ähnlich angsteinflößend ist der Wasserberg vor mir. Ich ahne, wie schwierig es werden würde, die Welle trocken zu überwinden. Mental bereite ich mich darauf vor, tief Luft holen zu müssen. Mein Brett in der letzten Sekunde nach hinten abzustoßen. Tief unter Wasser zu tauchen, um mich vor den Finnen zu schützen. Ich sehe, wie alles, was im Fußbereich der Welle schwimmt, nach oben gesaugt wird. Die Wellenlippe neigt sich mir langsam entgegen.

In der nächsten Sekunde peitscht sie in mein Gesicht, die Welle fließt unter mir hindurch. Ich krache auf den Rücken der Welle und gleite über den massigen Körper hinweg. Atme aus. Die Gischt der gebrochenen Welle spritzt durch den ablandigen Wind nach hinten weg. Salzregen ergießt sich über mir. Kurz und kräftig. Als wolle mir die Welle zeigen, wer hier draußen das Sagen hat. Ein letztes Zeichen geben, einen Warnhinweis, ein Schnaufen, das von dem gefallenen Monster ausgeht. Ich jubele, schreie vor Freude, vor Meereskraft. Ich liebe das Meer. Ich liebe die Kraft, die es in sich birgt.

‚Geh ans Meer‘, sage ich mir fortan, um meiner Angst mit Vertrauen zu begegnen. Das Meer ist mir ein Riegel, den ich vor das Schloss schiebe, wenn sich die Tür zur Angstspirale öffnet. Das Meer lässt mich Angst und Sorgen vergessen. Schenkt mir Ruhe und Jubel. Schenkt mir ein Bild, ein Meeresbild für die Zukunft.

Vom Meer aus schaue ich jetzt zum Strand. Perspektivwechsel. Ich blicke zurück, wundere mich, wie unüberwindbar die Monsterwelle schien.  Beobachte Welle für Welle, die anfangen am Peak, dem höchsten Punkt der Welle, zu brechen. Welle für Welle, deren Farbe sich von Ozeanblau in Rasierschaumweiß verwandelt. Schaumkronen, die am Strand ankommen, als Überbleibsel jener Energie, die sich weit draußen im Ozean aufgebaut hat, wo sich Milliarden Wassermoleküle zusammengeschlossen und von ihrem Freund, ‚dem Wind‘, in Bewegung gesetzt wurden, um dann tausende Meilen über den Ozean zu wandern. Ich erkenne in der Ferne, dass sich die nächste Monsterwelle dem Strand nähert. Frage mich verwundert, wie es sein kann, dass Angst und Vertrauen im Meer so eng miteinander verbunden sind.

Zwischen Niederrhein und Meeresdüne

Ich stehe am Fenster und schaue durch die Straßen meines kleinen Heimatdorfs. Ich sehe viel blau-grau, bläuliche Wolken, graue Dachziegeln, grauer Asphalt, weißblauer Himmel, graue Schornsteine. Was ich spüre, ist Wind. Wind liegt in der Luft. Er bläst sich auf, und fegt an Bäumen vorbei, über die vielen Felder meines Dorfs, sucht sich welche von den zahlreichen Ventilen, um zu entweichen. Ich versuche den Wind einzuordnen. War es immer so windig am Niederrhein? So windig wie am Meer, als würde ich gleich über die nächste Düne spazieren?

Witzigerweise habe ich mir dieses Bild als Kind öfters vorgestellt. Ich sehnte mich so sehr nach Meer, dass ich mir bei den täglichen Fahrradtouren zur Schule vorstellte, am Ende der Straße, die von meinem Zuhause wegführte läge eine Düne, und hinter dieser: das Meer. Leider blieb es nur ein Bild, was ich zeichnete. Vielleicht bringt der Klimawandel Veränderung. Vielleicht ist der starke Wind das erste Zeichen. Ich nehme mir vor, gleich durch die Straßen zu spazieren, und nachzuschauen…

Bis zur Grenze des holländischen Landes sind es 25 Autominuten. Bis zur nächsten Meeresdüne sind es zweieinhalb Stunden.

Ist es das, was ich vermisst habe in Iasi? Der sich aufblähende starke Wind, der die Luft meines Dorfes spürbar macht?  Ich bezweifle, dass der Wind so niederrheinisch ist. Womöglich fehlt mir die Erlaubnis über ein solches Urteil – nach 3 Monaten Exil.

Muss mich erstmal wieder einleben. Ein bisschen niederrheinische (und deutsche) Luft schnappen.

frankophiles Meeresbild

Es ist schon gut zwei Monate her, da lief ich mit Cristiana durch die dunklen Straßen in der Nähe der großen Palace Mall. Wir waren auf der Suche nach einem Burger Restaurant, oder besser, sie war auf der Suche, und ich folgte ihr. Und plötzlich flüsterte ich in die dunkle, schwarze Nacht, mitten in eine Bucht von Plattenbauten, die die grellen Lichter des Shoppingcenters abschirmten, hinein „Ich glaube ich studiere in Frankreich“. Als hätte ich dies schon immer gewusst, sprach ich diese bisher noch nicht so ehrlich und fest ausgesprochene Wahrheit aus. Und erzählte dann auch ein paar Tage später meinem Papa davon. Erzählte, dass ich nicht immer versuchen müsste, mich neu zu erfinden, dass ich mich stattdessen auf Dinge stützen sollte, die ich schon weiß, die ich mir nicht erst noch erarbeiten muss. Dinge, an denen ich nicht zweifele. Ich erzählte von den Dingen, die ich wusste. „Ich weiß, dass ich französisch liebe, und ich weiß, dass ich das Meer liebe. Also werde ich in Frankreich am Meer studieren.“ Papa lachte. Und vielleicht stimmte er dann zu, oder so ähnlich.

Jedenfalls tauchte in den letzten Tagen wieder ein Bild auf. Ein Bild, in dem ich in Frankreich am Meer studierte.

Und mich irgendwann wohl auch in naher Zukunft an die Aufgabe begeben werden müsse, das Internet zu durchforsten, was man denn in Frankreich am Meer studieren könnte. Aber das hat noch ein wenig Zeit.

Es war ein sehr schönes Bild.