Langzeitreise

Von Packen, Abschied und einem gestärkten Immunsystem

Wieder im Zug. Und wieder auf Langzeitreise. Diesmal sitze ich in einem französischen Schnellzug. Nur sechs Stunden von Aachen bis an die französische Atlantikküste nach Bordeaux. Tatsächlich kommt alles, wie ich es mir seit der zehnten Klasse erträumt habe. Nach ein paar Umwegen, Auswegen und Überwegen bin ich nun bei meinem Traum angelangt – einem Studium in Frankreich am Meer. Und bei meiner üblichen Zugreflektion fällt mir auf: all die Abläufe der Langzeitreise sind mir seltsam vertraut – Packen, Stress, Abschied, Hektik, Chaos, Trauer, und weg! Verrückt, denke ich, wie parallel die Zeit läuft, zu meinem Aufbruch vor zwei Jahren nach Berlin. Schon das zweite Mal verliebe ich mich eine Woche vor meiner Abfahrt, schon das zweite Mal küsse ich, wohl wissend, dass der Kuss nicht nachhaltig ist, dass es keinen Zweiten geben wird. Auch diesmal trage ich viel Gepäck, das mich durch die nächste Zeit leiten und begleiten wird (damals ein bisschen komfortabler unterwegs, mit sogar einem Fernseher und einem Fahrrad im Kofferraum, jetzt mit zwei dicken Koffern durch die Pariser Metro). Und beide Male sind es Sehnsuchtsorte, die mich anziehen und zur Entscheidung bewogen haben, dort zu studieren. Ich liebe Berlin. Berlin ist meine Lieblingsgroßstadt, mein Freiheitstrubel. Und ich liebe das Meer. Bordeaux selbst kenne ich noch nicht, lediglich der Wein, eine alte Weinkiste, die beschriftet ist mit „Vins de Bordeaux“ und eine Münze, die in die Richtung der Stadt gezeigt hat, bilden meine Assoziationen. Und dann ist da eine Zahl: sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig Autominuten bis ans Meer. Noch nie habe ich so nah am Meer gelebt! Diese Feststellung beeindruckt mich noch immer, hat eine unglaubliche Macht über mich, überspült mich mit Freude und Glück.

Auch vor zwei Jahren war der Abschied intensiv. Damals wurde ich mit dem Auto gebracht, wir haben zusammen Abend gegessen und gefrühstückt und schließlich Tschüss gesagt. Ich erinnere den Moment noch sehr genau, als meine Mutter die Autotür hinter sich schloss und sich das Auto in Bewegung setzte. Es holperte in langsamem Tempo über die gepflasterte Straße, als es außer Sichtweite war, sprang ich in die Luft, jubelte vor Freude und vor dem bevorstehenden Abenteuer. Nie zuvor hatte ich solch eine Freiheit empfunden. Die Stadt sollte in den nächsten Wochen und Monaten zum Sinnbild ebendieser Freiheit werden. Heute erzählt mir meine Mama, wie schwer ihr das Wegfahren damals gefallen sei, und auch dass sie jetzt anders vorbereitet sei. Es fühle sich diesmal weniger wie ein Abschied an, sondern mehr wie ein Kommen und Gehen – der Lauf der Dinge von einem Mädchen, das erwachsen wird. Als wir am Bahnhof in Aachen sind, kommt es dann aber doch ganz anders. Meine zwei Koffer zu verstauen dauert ein wenig, und dann strömen hinter mir immer mehr Menschen in den Zug. Ich sehe Mama und meine beste Freundin draußen stehen, warte geduldig bis der Menschenstrom aufhört und ich noch einmal aus dem Zug hüpfen kann, um sie zu umarmen. Dann ertönt das vertraute Hupen. Der Schaffner, der mir vorhin noch geholfen hatte, meine Koffer unterzubringen, steht jetzt mit einem Bein in der Tür und mit einem auf dem Bahnsteig, in der rechten Hand hält er eine rote Signaltafel. Alles geht so schnell. Plötzlich höre ich Mama von draußen beherrscht rufen: „Oh, es geht ja schon los.“ Ich bin fest entschlossen noch einmal raus zu springen, aber es scheint zu gefährlich, denn der Schaffner streckt mir eine Hand entgegen. Daraufhin mache ich mich lang, um wenigstens die Hände meiner Liebsten zu fassen. Es gelingt. Kurz. Dann ist die Tür zu. Draußen sehe ich meine Mama weinen und meine beste Freundin trösten. Ich lächle die beiden durch das kleine Glasfenster in der Tür an, aber sie scheinen mich nicht zu sehen. Mama ist auch vielmehr mit Weinen, als mit Sehen beschäftigt. Plötzlich kommt es mir ganz komisch vor, dass sie weint und ich lächle. Sie weint um ihre Liebe und ich lache um mein Glück. Aber diesmal ist es kein Glück wegen dem Gefühl der Freiheit, das mich übermannt. Diesmal ist es Glück darüber, dass sie da ist. Ich lege meine Hand auf die Scheibe und hoffe die beiden sehen jetzt endlich, dass ich noch immer dort stehe, wo ich eingestiegen bin. Sie versuchen beide, ihre Hände ebenfalls von außen an die Scheibe zu legen. Dann beginnt der Zug zu rollen und die beiden zu winken. Gut, dass Mama jetzt wenigstens nicht allein am Bahnsteig zurückbleibt, denke ich.

Was diesmal anders ist: ich fühle mich besser gerüstet, nach dem halben Jahr Zuhause. Selbstsicherer. Mein Immunsystem ist stärker. Meine Abwehrkräfte sind gewachsen. Ich flüchte nicht mehr, sondern gehe meinen Weg.

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

 

Ich sitze wieder mal im Zug und fahre dieselbe Strecke, die ich ca. einen Monat zuvor zum ersten Mal wahrnahm. Ich versuche die Landschaft wiederzuerkennen, besondere Auffälligkeiten. Vor einem Monat sah es deutlich verschneiter aus. Damals nahm ich den Zug von Timisoara nach Iasi, d.h. einmal quer durch den Norden Rumäniens. 17 Stunden Fahrt. Heute, von Cluj aus ist es nur die Hälfte. Ich hatte mich vor einem Monat aus Umweltgründen bewusst für den Zug entschieden, statt mich in das nur unwesentlich teurere, aber schnellere und komfortablere Flugzeug zu setzen. Als ich die Fahrt dann mit einer Erkältung antrat, und ich spätestens nach der Hälfte der zurück gelegten Kilometer die 17 Stunden Zugfahrt wirklich zu spüren begann, sah meine Laune natürlich anders aus, als beim Kauf des Tickets. Damals war ich von meiner guten Tat für die Umwelt überzeugt, meinte, mir über die Nachteile der langen Fahrt bewusst zu sein und drückte euphorisch auf den „Kauf-Button“. Denn: Ich liebte Zugfahren, warum dann nicht auch mal etwas länger, um ein paar Emissionen einzusparen?

Ich war froh und fertig, als ich endlich in Iasi ausstieg. Papa, der bisweilen dazu gedrängt hatte, ich solle doch mit dem Flugzeug fliegen, nutzte die kurze Nachricht, wie fertig ich sei, um seine im Vorhinein ausgesprochene Empfehlung zu bestätigen. „Siehste, manchmal sollte man auch mal auf Menschen hören, die 40 Jahre mehr Lebenserfahrung haben!“, bekam ich als Antwort. Bisheriges Argument gegen meine gelegentlichen Versuche, umweltbewusster zu handeln, klang ungefähr so: „Ja, aber dann darfst du ja gar nichts mehr machen. Dann kannst du nur noch zuhause bleiben, Licht und Heizung ausgeschaltet lassen, und Nahrungsergänzungsmittel zu dir nehmen!“

Es ist schade, dass umweltfreundliches Handeln oft als ein Verbot aufgefasst wird. Genauso ist es schade, dass die Grüne gerne als Mutter mit erhobenem Zeigefinger bezeichnet wird. Jene einzige Partei, die Umweltverschmutzung und Klimawandel als gegenwärtige Probleme wahrnimmt, und einen Lösungskatalog für derartige zukünftige Herausforderungen anbietet. „Verbote“, mit denen Menschen sich konfrontiert und in ihrer Freiheit verletzt sehen lauten dann: „Du darfst kein Fleisch mehr essen!“, „Du darfst keine Produkte mehr kaufen, die unter niederen Arbeitsbedingungen oder in weit entfernten Ländern hergestellt wurden, obwohl Du Lust darauf hast!“, „Selbiges gilt für Klamotten, auch hier darfst Du keine inhumanen Arbeitsbedingungen oder tierische Ressourcen enthaltende Produkte fördern, so sehr Du Dir diese Lederjacke auch wünschst!“, „Du darfst kein Flugzeug mehr betreten, überhaupt solltest Du aus Emissionsgründen so wenig reisen wie möglich!“, etc.

Ich verstehe, dass sich Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Sehnsucht, bestimmte Lebensmittel zu essen, in ihrer Lust, besondere Kleidungsstücke zu tragen, bedrängt sehen. Es ist mit wichtig, all die moralischen Umweltgebote, als Angebote, statt als Verbote wahrzunehmen. D.h. dass ich mich bewusst für eine bestimmte umweltfreundliche Verhaltensweise entscheide, weil ich davon überzeugt bin, dass es die für mich richtige Verhaltensweise ist. Diese Überzeugung verdrängt wiederum das Verbotsempfinden. Diese Überzeugung führt zu Wohlwollen, Euphorie und Optimismus. Sie führt dazu, dass ich vermeintliche Einschränkungen nicht mehr als solche wahrnehme, sondern als Veränderungen meiner individuellen Handlungspolitik, als Reform- oder Verbesserungsvorschlag.

Meine Antwort auf das Bild des im kalten und dunklen Wohnzimmer sitzenden, sich von Kartoffeln ernährenden Ich, ist, dass ich nur auf jene Dinge verzichten muss, auf die ich selbst verzichten möchte. Im Gegenzug versuche ich dann aber den umweltschonendsten Weg zu wählen. Natürlich möchte ich nicht auf das Reisen verzichten. Ich bin jung, abenteuerlustig und will die Welt entdecken. Auf der anderen Seite kann ich 17 Stunden Zugfahrt auch mal auf mich nehmen. Ich liebe Fleisch und werde sicherlich nicht in absehbarer Zeit Vegetarierin. Dennoch versuche ich meinen Fleischkonsum auf bestimmte Tage unter der Woche zu reduzieren.

Innere Überzeugung, nicht Verbote sollten unser Handeln leiten. Ersteres ist auch viel nachhaltiger, denn ich arbeite für mich, nicht gegen den moralischen Zeigefinger Anderer. `Überzeugung trägt Früchte, Verbote lassen sie nur verwelken´, denke ich, und rolle meinem Ziel im halbverschneiten Rumänien entgegen.

Nachruf

Oder: ein bisschen Zeit zusammen, ein bisschen Abschied

 

Wir sitzen ein letztes Mal zusammen, nehmen in einem Café gemeinsam unser letztes Morgenmahl ein. Der Großteil ist noch sehr verschlafen von der gestrigen Nacht. Ich sitze unter roten Köpfen und zufallenden Liedern. Einige haben Hoffnung, dass der Kaffee hilft. Vergeblich, wie sie ein paar Minuten später bemerken. Zu müde. Trotzdem schön, dass wir es noch einmal alle geschafft haben. Mit der Zeit mischen sich ein paar lustige Geschichten in unseren Kreis, ein bisschen Planungsgeist, ein paar sarkastische Kommentare.

Einen Tag zuvor schrieb ich: „Ich spüre wieder den Kulturweit-Spirit. Wir sind wieder da. Alle zusammen. An einem Ort. In unserem Grüppchen. Leider nicht ganz vollständig (Carina mit C, Biermax und der coole Linus fehlen). Trotzdem fühlt es sich gut an. Ein paar letzte Atemzüge zusammen. Ein paar letzte Schritte nebeneinander her. Unser Treffen in Cluj scheint ein bisschen weniger Werwolf-lastig zu sein. Stattdessen beschnuppern wir die prachtvollen Häuser der Altstadt, lassen uns von der Wärme einiger Cafés einhüllen, und die salzhaltige Luft in der Saline Turdas durch unsere Atemwege strömen. Ich bin froh, als ich endlich wieder spüre, dass wir alle zusammen sind. Ich höre es auch. An dem Mamamia-Gesang der Mädels, an dem gemeinsamen Lachen und den ironisch-tiefgründigen Reflektionen. Über Methoden des Ruhigstellens von Schüler*innen. Über die Emotionalität der rumänischen Sprache. Über das, was ist. Und das, was kommt. Was ist, ist keine Abschiedsstimmung. Statt Trauergedanken, wird gerade besprochen, wo es heute Nacht hingeht. Tanzen oder feiern oder Bar? Oder Tanzen und feiern? Oder nur Bar? Unentschlossenheit. Noch kein Konsens. Das gehört dazu in so einer Gruppe. Ich freue mich über meine Bereitschaft, zurückzustecken für die Gruppe. Aufs Wandern, Werwolf, oder was auch immer zu verzichten. Damit wir zusammen sind. Das Verzichten fällt viel leichter für ein bisschen Zeit zusammen. Für ein bisschen Abschied.“

Ehe ich mich versehe, stolpere ich schon aus dem im imperialistischen Stil eingerichteten Café hinaus. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Der Abschied fühlt sich leicht an. Ich bin froh, genügend Zeit mit der Truppe verbracht zu haben. Genügend Abschied. Sinnbildlich schwebe ich über die Türschwelle hinweg und lasse die Tür hinter mir zu fallen. Bevor mein Fuß aufsetzt, nehme ich das geschäftige Treiben der Menschen wahr, höre die Predigt und die Kirchengesänge aus der orthodoxen Kirche. Freiheit, als mein Fuß den Boden berührt. Ein Windzug weht um mein Gesicht. Ich schließe die Augen, und denke an die Meeresbrise und die Strandpromenade von Biarritz, von der steinige, wuchtige Treppen zu den Wellen hinunterführen. Renne durch den heißen Sand dem Meer entgegen, schmeiße mich auf mein Surfboard. Und öffne die Augen. Rufe nach Freiheit, nach neuer Zeit.

 

Inspiriert von dem Lied „Hello Goodbye“ von den Beatles

https://www.youtube.com/watch?v=H_CCBLt_9rM

Berlin, Berlin…

Wenn ich an meine Berlin Zeit zurückdenke, denke ich gerade in Bezug auf die letzten Monate an Traurigkeit und Einsamkeit zurück. Und dann rutsche ich weiter in die Zeit zurück, denke an die Zeit vor Berlin, und denke an viel Wehmut, und Angst vor Umbruch, vor Neuanfang und Verlust (die ich mir damals nicht eingestehen wollte). Und in dieser Schleife wird mir klar, dass diese eher traurigen Erinnerungen und das traurige Lebensgefühl nicht nur durch äußere Umstände entstanden sein konnten. Die Berlin Zeit hatte schließlich auch ihre Schönheit, nur scheine ich diese in dem restlichen Chaos zu übersehen. Also versuche ich jetzt meinen Fokus zu verlagern, und ganz bewusst jene Berlin Erinnerungen heraus zu kramen, die von Glück, von Erfüllung geprägt sind.

„das ist nicht romantisch […], das ist einfach nur Luxus pur“

Ich fange mal an mit den schönsten (ich kann diesem Wort gar nicht so viel Betonung verleihen, wie es in dem Zusammenhang eigentlich verdient) Wintermorgen, die ich erleben durfte. Meine Mama war es, die uns in einem sogenannten „Ostpacket“ einen Handfilter für den morgendlichen Kaffee zusendete. Sie war der Meinung den Nestle Kaffee könne man nicht trinken. Also lernten wir, back to the roots, wie man Filterkaffee machte. Mit meinem morgendlichen Kaffee setzte ich mich auf unsere unbequemen Küchenstühle, und zündete ein paar Teelichter an. Die Scheiben der Balkontüren waren vom Wasserdampf beschlagen. Draußen war es noch dunkel. Viertel nach Sieben. Eine Viertelstunde Ruhe hatte ich noch. Irgendwann kam Vali verschlafen aus seinem Zimmer. Meistens hatte ich ihn am Vorabend überreden können, mit mir für eine Viertelstunde den Morgen zu zelebrieren. Danach könne er sich ja wieder schlafen legen. Vali setzte sich mir gegenüber auf einen weiteren unbequemen Stuhl und machte seine Gutenmorgenmusik an. Wir lauschten dem Kerzenlicht und der Dunkelheit, die durch unsere Balkontür schien, und tranken unseren Filterkaffe. Wenn ich meiner Mama von diesen Morgen erzählte, kicherte sie und sagte: „Oh, das hört sich aber romantisch an!“, „Nein, das ist nicht romantisch“, antwortete ich. „Das ist einfach nur Luxus pur“.

„Wir rasten meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96!“

An Valis Geburtstag wollten wir kreuz und quer mit dem Fahrrad durch Berlin fahren – ohne Plan und ohne Ziel. Alle 10 Minuten wechselten wir uns damit ab, wer den Ton angeben durfte. Zuerst ging es an den Ufern des Landwehrkanals entlang. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo ich die Führung übernahm, hatten wir die Orientierung gänzlich verloren. Was vor uns am Straßenende lag, haute uns aber ohnehin aus dem Sattel. Was wir sahen, schien so unwirklich, dass wir uns die nächsten zwei Minuten gegenseitigen interviewten, ob das denn seien konnte, ob unsere Sinneswahrnehmung der Realität entsprach. Vielleicht, dachten wir, tat uns die sich anschleichende Sommerhitze nicht gut, die zu späterem Zeitpunkt noch Sahara Temperaturen entfalten würde. Hundert Meter vor Straßenende gab es nun keinen Ausweg mehr in einen Science-Fiction Film – vor uns lag ein Wasserfall, mitten in Berlin. Wir jubelten und warfen unsere Arme in die Luft. Unfassbar! Fünf Minuten später kämpften wir uns mit den Fahrrädern den ansteigenden Park hinauf, ketteten die Fahrräder oben an den Zaun der Aussichtsplattform, und sprangen dann noch die Treppen zum Denkmal empor. Vor uns lagen alte Fabrikdächer. Ungläubig drehten wir uns langsam im Kreis, machten eine hundertachzig Grad Wende, und sahen dann zumindest, was wir hinter uns gelassen hatten – die Protzbauten inklusive des Fernsehturms von Berlin Mitte. Wir jubelten wieder, als wir feststellten, dass wir noch auf Berliner Boden waren. Dann ging es weiter, mehr oder weniger mit Plan, zum Tempelhofer Feld, durch die Bezirke Tempelhof, Schöneberg und nach Charlottenburg durch den Kurfürstendamm. Wir rasten an unzähligen Baustellen, dem Berliner Verkehrslärm -und Luft, Ampeln und im Stau stehenden und hupenden Autofahrern vorbei, vor allem aber: rasten wir meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96! Sie führte am Tempelhofer Feld und Viktoriapark vorbei, und zeichnete sich durch ein starkes Gefälle aus. Ich breitete meine Arme aus, und flog die Straße herunter. Freiheit!

„Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haare nicht zum Erliegen kommen mussten […]“

Zwischendurch machten wir Halt in einem Restaurant, und fuhren dann durch das nächtliche Berlin nach Hause. Noch nie zuvor hatte ich die Stadt so befreiend wahrgenommen wie auf dieser ersten Gurkentour. Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haaren nicht zum Erliegen kommen mussten, dass ich weiterhin Slalom um die abends auf dem Kudamm stolzierenden Menschen fahren konnte. Ich genoss auch jedes rote Licht, das meinen Oberschenkelmuskeln ein wenig Entspannung bescherte, das mich kurz atmen ließ, und mich wieder neben meinen Rivalen positionieren ließ. Spätestens als wir am Tiergarten vorbeikamen fing das provokante Vorbeifahren an. Der jeweils Hintere von uns trat noch einmal kräftig in die Pedalen, und fuhr dann mit erhobenem Kopf, spitzem Kinn und einem „Queen-Winken“ am Anderen vorbei. Wir lachten, und jubelten wie so oft an diesem Tag.

„Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“

Wenn Lizzi kam, und zum Abendessen blieb, gab es zwei Gerichte, die wir kochten – Pfannkuchen oder Waffeln. Diese mit Auberginenmousse, Champignons und Zwiebeln belegten Küchlein tendierten oft dazu, Mitternachtspfannkuchen zu werden, so wie ich sie mir von Oma immer gewünscht hatte. Wenn wir an die Pfannkuchen Abende zurückdenken, lachen wir uns oft jetzt noch duselig und dämlich! An einem Abend, als wir zu dritt am Küchentisch saßen, wollte Vali von einem meiner Faux Pas erzählen. Ich wusste worauf er hinaus wollte, für mich war die Grenze des Witzes aber überschritten, also sagte ich, er solle bitte nicht erzählen, was ihm auf der Zunge liege. Lizzi guckte uns verwirrt an. Vali guckte mich ebenfalls verwirrt an, denn er hatte nicht erwartet, dass mich das Gerede über den Faux Pas derartig emotional traf. Dann schauten sie sich gegenseitig an und teilten ihre Verwirrung. Ich musste lachen, weil ich bemerkte, dass sie aus gänzlich verschiedenen Gründen verwirrt waren und auch ganz unterschiedlich viel wussten. Sie lachten auch, und als ich schließlich wieder ernst wurde, wussten sie gar nichts mehr. Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: „Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“. Ich war noch nie verletzt, und hab dabei so wahnsinnig viel gelacht.

„Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein.“

Sonntags gingen wir oft in den Mauerpark. Kurz nach der Immatrikulation führte Lizzi mich im frühen Oktober das erste Mal dorthin. Berlin war noch sehr warm. Wir genossen das Flanieren oder mehr Durchgeschobenwerden über die große Grün-, zu Matschzeiten auch Braunfläche, auf der Sonntags ein Flohmarkt und das berühmte Mauerparkkaraoke stattfanden. Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein. Der Mauerpark war Berlin! Es waren mitunter die Straßenmusiker am Mauerpark, die die Stadt so lebendig machten. Bei Betreten des Flohmarkts, ließen wir uns von der Masse treiben, auch diese hatte ihren eigenen Rhythmus. An der einen oder anderen Stelle fingen wir dann an, zu handeln, uns gegenseitig zu unterstützen. Manche Händler setzten den ersten Preis gerne unrealistisch hoch, meinten sie hätten die Jacke in Paris für 80 € eingekauft, wir mussten lachen, die Händler blinzelten auch oft, wussten nicht, ob sie ihr ohnehin schon aufgeflogenes Schauspiel noch weiterführen sollten oder nicht. Irgendwann kauften wir uns dann an einem der multikulturellen Fastfood Stände etwas zu essen, und setzten uns auf die Tribüne des Fußballstadions, die neben der Grünfläche gelegen war. Hier fand das Mauerpark Karaoke statt! Je später wir kamen, desto betrunkener waren die Menschen, und desto schlechter dementsprechend der Gesang. Wir waren dann oft enttäuscht, und setzten uns das Limit noch bis zum nächsten guten Sänger*in zu warten, oft dauerte, und dauerte dies. Einer der schönsten Mauerparkgesänge war zweifellos jener A Cappella Gesang an dem warmen Oktobertag, wieder einmal wussten wir, dass wir in dieser Stadt richtig gelandet waren.

„In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.“

Nicht unweit vom Mauerpark standen zwei Flaktürme am Humboldthain. Um sie zu erreichen, ging es durch einen sehr waldigen und hoch gelegenen Park. Wie ich später erfuhr, wurde hier kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Bunker gesprengt, auf dessen Trümmerhaufen nun der Park lag. Wir kletterten die Holztreppen hinauf, bis wir die erste und schließlich die zweite Aussichtsplattform erreichten. Beide waren von einem zwei Meter hohen Zaun umzäunt, durch dessen Schlitze wir Berlin sehen konnten. In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.  

„Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde“

Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde, die einfach passte, so wie wir uns sie vorgestellt hatten. Manchmal redeten wir über unsere Bar, wie sie aussah, welcher Typ von Kellner uns bedienen würde, welche Musik dort lief. Natürlich tanzten die Menschen auch in unserer Bar. Irgendwann würde beim ersten Tonerklingen eines Cellisten, oder Saxophonnisten – mein Lieblingsjazzinstrument – der erste Körper im Publikum mitschwingen, die Arme würden ausgebreitet und die Augen geschlossen. Und plötzlich würde die ganze Bar tanzen. Die Menschen könnten gar nicht mehr anders als tanzen. Die Musik würde durch ihre Körper fließen, sie wären getrieben von den Klängen der Liveinstrumente.

Es war großartig so sehr in die Nacht hinein zu leben. Ich fragte mich, was den Reiz des Nachtlebens erzeugte. Manch gruseliges U-Bahn Gesicht um die frühe Stunde? Als wir uns am Ende eines solchen Abends in der U9 verabschiedeten, baten wir uns jedes Mal: „Und schreib mir, wenn du angekommen bist!“ In der nächsten Sekunde würde ich Lizzi die Rolltreppe hochfahren sehen, und ich selbst inmitten einer vollen U-Bahn im dunklen Tunnel verschwinden. Wir erstellten schließlich ein Bar-Ranking, aber die Bar, würde wohl für immer in unserer Vorstellung verbleiben.

„Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen“

Ein Genuss war auch an dem ein Kilometer entfernten Schäfersee joggen zu gehen. Den Großteil unserer Joggingrunden erahnten wir, im Stockdunkeln zwischen Laternenschein, See und Sonnenaufgang. Das schönste war das Dehnen am Ende der Qual. Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen. Wir hatten einen Lieblingsdehnplatz: eine kleine Aussichtsplattform, von der aus wir den besten Blick auf den leeren erwachenden See hatten. Es war wunderbar so frisch und natürlich in den frostigen Wintertag zu starten!

„Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte […]“

Ich merke, dass ich ein bisschen in der Zeit springe. Während die Freiheitsfahrradtour Ende Frühjahr stattfand, kam die Idee einen Adventskalender zu gestalten im Vorjahr Ende November auf. Ich bekam die ungeraden, Vali die geraden Tage. Und natürlich wäre es viel zu langweilig gewesen dem Anderen durch nützliche und wohl überlegte Geschenke eine Freude zu machen. Stattdessen begaben wir uns auf die Suche nach (wohl überlegten) Spaßgeschenken. Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte, so wie man sie auf WhatsApp als Smiley versenden konnte. Genervt nahm ich mein erstes Türchen dankend entgegen. Was darauf folgte waren unter anderem eine Rolle Klopapier, eine Playmobiltoilette, ein Kloputzgutschein, ein Playmobilstuhl (weil Vali einmal erzählt hatte, dass das Wort „Stuhl“ für ihn durch seine Arbeit im Krankenhaus eine völlig neue Bedeutung bekommen hatte) und schließlich, als wir es gar nicht mehr aushielten: ein Schild mit dem Titel „Intervention“. Seit Beginn der Spaßgeschenke fanden nämlich immer mehr Interventionen statt, so sollte das ausdrückliche Schild den Rückgriff auf Interventionen ein bisschen regulieren. Das mit Abstand süßestes Adventstürchen war eine Tafel Schokolade, wobei der Umriss eines jeden Stückchens mit einem weißen Zettel beklebt war, auf dem draufstand, mit wem ich das Stückchen teilen sollte, bzw. aus welchem Grund ich es essen sollte. Natürlich nutzte Vali dies auch um mich zu ärgern, denn ich hatte vorher angekündigt, wegen Verzicht auf ungesunde Ernährung, keine Schokoladen-Geschenke zu wollen. Und jetzt, beim Schreiben, fällt mir auf, dass ich ein Adventstürchen noch gar nicht eingelöst habe – ich hatte Vali einen Frühstücksgutschein mit einem großen Wurstangebot geschenkt (denn er war in der Adventszeit gerade in seiner vegetarischen Phase, die Lust zu Ärgern beruhte also auf Gegenseitigkeit!).

Ich frage mich, wann ich ihn wohl wiedersehen werde, und wie es ihm geht…im söderrischen Bayern.

Ich muss viel lachen, wenn ich an die Berlin Zeit denke, und mir wird sehr warm ums Herz, denn ich merke, dass diese Erinnerungen Schätze sind. Nein, ich bin diese Erinnerungen, und das beste: sie sind kostenlos, ich muss mir einfach nur zuhören!

Ich spüre, wie sich jetzt fast Wehmut entwickelt bei all dem Glück, was ich jetzt wieder spüre. Und dann denke ich an eine Charity Veranstaltung, auf der ich letztes Wochenende in Iasi war, denke an ein Plackat, welches verkauft wurde, auf dem draufstand „the best is yet to come“. Ja, the best is yet to come!

 

Schönste Zeit – Bosse

https://www.youtube.com/watch?v=RTlzQEA-4oc

Tauwetter

Oder: von der Freiheit zu gehen

 

Ich sitze hinter meinem Fenster und beobachte, was auf der anderen Seite vor sich geht. Nacht. Null Uhr vierunddreißig. Der Schulhof ist in der Dunkelheit gut zu sehen, wird von zwei sich zuzwinkernden Laternen bestrahlt. Das Zwinkern wird vom grau-lila schimmernden Himmel abgemildert. Die Blätter auf dem Boden glänzen. Alles steht. Ich liebe diese Ruhe, dieses scheinbar ewige Standbild. Als würden die Gebäude, welche wochentags für so kurze Intervalle so viele Kinder schlucken und sie gegen Nachmittag für den Rest des Tages wieder ausspucken, nachts zu Obst- und Gemüse eines Standbilds verfallen. Kein Licht mehr, kein Tumult mehr, keine Wärmezufuhr mehr, kein Bodengeschrubbe mehr. Nur noch Standbild. Und der Schnee taut. Jener, der sich vor zwei Wochen im Wege eines schweren Schneesturms angesammelt hatte. Es ist Tauwetter. Ich lausche der Stille, dem Standbild.

Vor gut zwei Tagen diagnostizierte ich nun endgültig, dass ich anfällig für Freiheitsentzug bin. Obwohl es hier doch noch so (Jura-Studiums-) verhältnismäßig wenig zu tun gibt, schaffte ich es, mir einen Arbeitshaken zu suchen, an dem ich mich und meine Kleider aufhängen konnte – auf unbestimmte Zeit. Ich entdeckte, wie viel Potenzial darin steckte, rumänisch zu lernen, wie viel Raum, den es zu füllen galt, wie viel Leiterstufen, die noch empor zu klettern waren. Ich verfiel in ein altes Muster – jenes, der Arbeitssteuerung, die von nun an bestimmte. Ich war am Beginn, mich in eine Routine, in die Hamsterrad Routine einzuarbeiten. Was diesmal anders war: ein Infusionsschlauch versorgte mich mit Reflektionswasser. So spürte ich selbst, wie ich mir meine eigene Freiheit entzog. Diesmal sah ich zu, wie ich das Schloss meiner Zelle verriegelte und den Schlüssel aus dem Fenster warf. Ich sah, wie ich aus Zwang, Strebsamkeit, meinem Ehrgeiz oder dem selbstausgesprochenen Verbot heraus, Freude empfinden zu dürfen, in dem Hamsterrad gefangen blieb. Ich schrieb:

„Ich spüre, dass ich süchtig bin. Ich spüre meine Sucht. Sie ist immer noch da. Alles was sie benötigt, ist ein kleiner Raum, in dem sie sich niederlassen kann. Ein kleines Potenzial, das sie entdeckt. Ein Potenzial, an dem sie sich festbeißen kann, mit den Worten: nutze es! Verschwende es nicht! Reize aus, was es auszureizen gibt! Schaffe einen Ort der Perfektion! Und höre nicht auf, ehe du fertig bist!“

Mir wurde klar, dass, sollte ich ein neues Studium anfangen, dann musste ich einen Weg finden, meine Freiheit zu bewahren. Vor zwei Monaten hatte ich mit einer Pfarrerin gesprochen, die mir von ihrem Sonntag erzählte – für sie ein Tag der Ruhe und des Rückzugs. Mir gefiel der Gedanke, und doch merkte ich auch, dass für mein Freiheitsentzug kein Marshall Plan her musste – der Plan bestand einfach darin, mir die Freiheit zu nehmen. Und dann hörte ich heute Abend ein Interview mit der Schauspielerin Laura Tonke, die genau das beschrieb – das Sich in eine Routine einfuchsen, und mit der Zeit das Gefühl für den eigenen Willen, für die eigene Lust zu verlieren. Dass sie das eine Jahr Nichtstun gebraucht hatte, um wieder frei zu sein, um wieder zu spüren, ob sie das tat, was sie wollte, oder: um wieder zu spüren, was sie wollte. Das war es, was mir durch den Freiheitsentzug oft verloren ging – mein Gefühl, mein Gespür dafür, was ich wollte, worauf ich Lust hatte.

Ich sank tiefer in den Stuhl, schlürfte meinen heißen Tee. Lauschte dem Tauwetter. Hielt inne.

 

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner-treff/video-koelner-treff—mit-vanessa-mai-und-roeland-wiesnekker-100.html