„Nee, wir malen jetzt“ – Impressionen aus dem Unterricht

Orscha, 19. Januar 2019. – In diesem Beitrag soll es vor allem um den Unterricht an meiner Schule gehen, aus dem ich die eine oder andere Anekdote erzählen kann. Ich bin mittlerweile ziemlich gut zurück im Alltag angekommen und kann Einiges berichten.

Ich finde es sehr schwierig, einen Gesamteindruck aus der Schule zu beschreiben, denn meine Eindrücke variieren doch sehr stark. Es gibt die frohen Stunden, wenn die Viertklässler stolz ihre selbstgemalten Plakate über ihre Familie oder ihre Freunde präsentieren und sich dabei gegenseitig vorstellen – alle lachen, während Andrej seinen Freund Dennis als „faul und feige, aber schön“ präsentiert, während dieser das lächelnd hinnimmt – oder wenn sie großen Spaß am neuen Spiel „Wer hat den Keks aus der Dose geklaut?“ haben (wieso bin ich darauf nicht früher gekommen?!)… Aber dann gibt es auch die Stunden, in denen die Schüler (wieder aus Klasse 4) langweilige grammatische Übungen machen müssen, deren Lerneffekt sehr gering ist. Zwei Schüler hinten im Deutschraum haben ihre Bücher vergessen und können nicht mitarbeiten – als ich sie dazu auffordern will, entspricht die Antwort in etwa der Überschrift diesen Blogeintrags – „ne, wir malen jetzt„.

Ich verstehe nicht, wie man Klasse 4 so quälen kann… Alle diese Schüler können unheimlich begeistert sein, wenn man sie malen, spielen, singen lässt, aber mit langweiligen, sinnlosen Übungen macht man alles nur kaputt. Dann kann die eine Hälfte der Klasse, die sinnvollen Unterricht hatte, in ein paar Jahren vielleicht super Deutsch, und die andere Hälfte ist völlig unmotiviert. Das komische ist auch, mir bewusst zu sein, dass die Schüler, die ich jetzt kennengelernt habe, genauso weiterlernen werden wie ich, wenn ich wieder weg bin. Und in ein paar Jahren kann ich vielleicht sehen, wohin das Lernen all die knuffigen kleinen Kiddies gebracht hat…

Bei einer weiteren Lehrerin gibt es noch eine Besonderheit. Dazu sollte ich zuerst erwähnen, dass der Russischanteil in unserem Deutschunterricht ziemlich hoch ist. Für mich ist das relativ gut, so kenne ich schon alle typischen Lehrer-Phrasen, und für die Schüler ist es oft notwendig. Bei dieser Lehrerin ist es aber noch etwas extremer: ich glaube, sie vergisst manchmal einfach, dass es besser wäre, mit mir Deutsch zu sprechen. Zum Beispiel erzähle ich im Deutschunterricht etwas auf Deutsch, danach erklärt sie den Schülern noch einmal auf Russisch den Inhalt – und dann dreht sie sich zu mir um und redet auf Russisch weiter, stellt mir eine Frage, ohne innezuhalten. „Значит у вас в Германии в каждом соборе есть орган?“ Das kann ich schnell bejahen, bin aber doch sehr verblüfft, wie sie mich ohne Zögern im Deutschunterricht auf Russisch anspricht, ohne das etwas komisch zu finden.

Das Jesuiten-Kollegium in Orscha

Nach dem Erfolg in der Deutscholympiade ist das Hauptthema im Bereich Deutsch bei uns die kommende A2-Prüfung. A2 bedeutet bei uns Klasse 8 und 9, was eigentlich nicht besonders gut ist, vor allem im Vergleich mit DSD-Schulen. Unser Deutschniveau an der Schule ist wirklich nicht übermäßig gut, über A2 kommen nicht viele Schüler hinaus. An DSD-Schulen ist es anders, weil eine bestimmte Quote B1 erreichen muss, damit die Schule weiter Förderung erhält. Bei uns gibt es nicht mal B1-Prüfungen. Für die A2-Prüfungen nehmen die jeweiligen Schüler an Vorbereitungskursen teil, in denen alle Kompetenzen für die Prüfung geübt werden: Lesen, Hören, Schreiben, Sprechen. Mittlerweile kenne ich die Aufgaben und die betreffenden Schüler ziemlich gut, denn ich helfe  häufig bei der Vorbereitung. Besonders spannend wird es am Montag: wir veranstalten eine Probe-Prüfung für alle Interessenten.

Für alle, die sich nicht so gut damit auskennen, und sich fragen, was A2 bedeutet, hier ein Beispiel. Im Teil Sprechen bekommen die Schüler ein Thema („Fernsehen“, „Deine Schule“, „Gesundheit“) und einige Stichworte dazu und müssen dann über sich selbst erzählen. Typische Antworten: „Ich sehe nicht viel fern, denn ich habe wenig Zeit. Manchmal ich sehe fern mit meiner Freundin, wir schauen Serien. Das macht uns Spaß. Aber ich weiß, dass Fernsehen ist schlecht für die Augen.“

Üblicherweise haben die Kinder die Texte schon vorformuliert und geben sie nur wieder. Dabei wurden die Texte immer weiter verfeinert, damit die Schüler mehr reden – zum Beispiel nicht nur was sie machen, sondern auch wie sie diese Sachen finden. Kleine Fehler sind nicht so wichtig, die Hauptsache ist, dass die Schüler reden. Wenn dann etwas kommt wie „ich bringe viel Zeit mit meinem Handy ver„, ist es auch egal.

Am Donnerstag konnte ich noch einmal sehen, dass unser Niveau in Orscha nicht übertrieben hoch ist, da ich in der Witebsker DSD-Schule (Schule Nr. 45) zu Gast war. Am Bahnhof werde ich von Irina Anatoljewna freundlich empfangen und wir fahren weiter in die Schule, die mit etwa 1900 Schülern ziemlich riesig ist. Was mich am meisten überrascht, ist die siebte Klasse, in die ich zuerst komme. Eigentlich soll ich über Feiertage erzählen, doch die Schüler dürfen erst Fragen stellen, und tun das ganze 25 Minuten lang selbstständig. Das Deutschniveau übersteigt das unserer siebten Klasse bei weitem. Natürlich ist das eine der speziellen Deutsch-Klassen, aber ich bin trotzdem sehr positiv überrascht, wie motiviert die Schüler sind. Ungefähr jeder stellt eine Frage. Noch extremer ist es in Klasse 5 danach: drei Klassen kommen zusammen, und jeder der Schüler hat mehrere Fragen vorbereitet, von „wie alt bist du?“ über „was ist dein Lieblingstier?“ und „welche Städte in Belarus kennst du?“ bis zu „was machst du an Ostern?“. Wir verbringen 45 Minuten nur mit den Fragen der Fünftklässler, deren Deutsch für ihr Alter wirklich unerhört gut ist.

Der Siegesplatz in Witebsk

So weit, so gut. Der ganze Tag in Witebsk verläuft eigentlich super, abgesehen dann von der neunten Klasse, die ich rücksichtslos totlabere, nachdem mir vorher gesagt wird, ich soll über Landeskunde erzählen, und zwar „je mehr, desto besser“.

„Je mehr, desto besser“ ist in der Regel keine gute Idee, auch wenn man dazu aufgefordert wird, und das hätte ich mir denken sollen. Man sollte das weder Deutsch-LKlern noch Organisten sagen, und ich bin sogar beides.

Und so schauen die Schüler mich nach dem Vortrag nur stumm an und sagen keinen Piep. Они в шоке, кажется. Während ich die Fragen der Lehrer beantworte – sie sind sehr interessiert, wie z.B. ein schriftliches Abitur in Sport funktionieren soll, oder warum es in Deutschland erst die Noten 1-6 und dann die Punkte 15-0 gibt – fühle ich mich entsprechend schlecht und hätte mich wohl besser zurückhalten sollen.

Zu erwähnen ist noch ein Teil des Essens in Witebsk – der wahrscheinlich chlichéhaft russischste Salat überhaupt: Eine Art Eisbecher oder Eispokal, in dem sich unter einem wahren Berg aus geriebenem Käse gekochtes Ei, saure Gurke und Schinken befinden. Auf der ungelogen 1,5 Zentimeter dicken Käseschicht klebt ein Kleks Mayonaise. (Salatsoße ist hier nicht üblich, man bevorzugt es, einfach Mayonaise auf den sogenannten Salat zu klatschen. Im Prinzip so ähnlich wie Smetana (saure Sahne), die in jede Suppe gekippt wird.)

Und dann noch eine Anekdote von der Zugrückfahrt im Regionalzug: wieder einmal werden alle Fahrgäste zweimal kontrolliert – einmal von den beiden Schaffnerinnen, die ständig durch den Zug marschieren und die Zugestiegenen kontrollieren, und dann noch einmal von zwei weiteren Kontrolleuren. Anscheinend reicht es nicht, dass das Ticket eingerissen wird, sondern es muss auch eingestanzt werden, und zwar von einer unabhängigen zweiten Person. Es ist albern, aber dieses Mal haben die Zweitkontrolleure sogar etwas zu tun: sie dürfen sich die ganze Zugfahrt lang mit einem Mann unterhalten, der sein Ticket gerne in russischen Rubel bezahlen würde, worauf die Schaffner sehr allergisch reagieren. Der Mann hat keine belarussischen Rubel, also bleibt das Gespräch am Ende ziemlich ergebnislos, soweit ich es erkennen kann.

Die Tickets der Regionalzüge sehen nicht so spektakulär aus wie die hochwertigeren… oben sieht man Knick und Zangenabdruck

Gestern hat nach längerer Pause mein Russischunterricht wieder begonnen. Nachdem das vorherige Lehrbuch eher einfach war, hat meine Lehrerin beschlossen, das Niveau drastisch zu erhöhen. Aus der Stunde gestern nehme ich gleich vierzig neue Vokabeln mit, auf dem Niveau von ein Arbeitsverhältnis kündigen, beabsichtigen etwas zu tun, sich immatrikulieren, Scheidung, Schlafstörung, Aufrichtigkeit. Dazu grammatische Konstruktionen, die mir gänzlich unbekannt waren – so etwas wie „он старше меня на два года„, „er ist zwei Jahre älter als ich“, was wörtlich aber „er – älter – mich – auf- zwei – des Jahres“ bedeuten würde. Etwas ungewöhnlich, aber natürlich sehe ich darin eine willkommene Herausforderung.

So viel erst einmal von mir.  Mit 0° ist es übrigens zu warm hier – auf den Straßen sammeln sich schon kleine Bäche des geschmolzenen Schnees. Dann doch lieber Frost.

Счастливо и до свидания!

Jonathan (Йонатан)

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