Kiew und co (mit Fotos)

Orscha, 06. Februar 2019. – Nach einer weiteren Reise in die Ukraine bin ich wieder um Einiges klüger, denn was auch immer meine Erwartungen waren, die Realität war anders. Wieder einmal sind die Unterschiede zwischen Belarus und Ukraine (die nur für die Belarus-Freiwilligen so richtig verständlich sind) offensichtlich geworden, und natürlich noch mehr.

Der letzte Donnerstag ist ein bisschen hektisch, da ich am Vormittag noch die Kleinstadt Baran in der Nähe Orschas besuche, auf Einladung der Schule dort. Die Schüler (oder eher ihre Lehrer?) haben ein großartiges Programm zusammengestellt und zeigen mir das wichtigste in der Stadt, abgesehen vom Fluss, den man wegen des Schnees darauf schlecht sieht, oder gar nicht. Baran wurde vor etwas mehr als fünfhundert Jahren gegründet und wird von allen Anwesenden als ein sehr gemütliches, ruhiges Städtchen beschrieben; es gebe alles, was man zum ruhigen Leben brauche, was gerade jungen Leuten oft nicht ausreiche. Sie erzählen mir vom Freizeitzentrum, indem es anscheinend ungefähr alles gibt, von den wichtigen Fabriken, und wir schauen uns eine kleine Kirche an. Da die Lehrer vor den Schülern so tun, als verstünde ich nur Deutsch, übersetzen sie auch die Anmerkungen des Priesters, der mir über die Kirche erzählt. Ich glaube in dieser Kirche bekomme ich zum ersten Mal den „familiären“, freundlichen Eindruck, den ich von meiner Kirche und Gemeinde in Deutschland kenne. Das orthodoxe Christentum habe ich leider kaum kennengelernt, während ich hier war.

In ihrer Schule waren wiederum vier Schüler in traditionellen Trachten auf mich und führen mich durch das schuleigene Heimatmuseum. Ich bin sehr begeistert.

Ich bin mittlerweile schon verwundert, wenn Leute sich über die vielen Panzerdenkmäler in Belarus wundern Alle zusammen im Heimatmuseum, samt Trachten (sie sind schon toll, oder?) …und im Deutschraum

Nach einem typischen Teetrinken fahre ich zurück nach Orscha und von dort recht bald weiter nach Minsk. Dort treffen wir vier aus Belarus uns und machen uns auf den Weg nach Kiew.

Hatte ich schon erwähnt, dass wir Bus gefahren sind?

 

Aber naja, es hätte schlimmer sein können. Vor allem dadurch, dass wir zu viert unterwegs waren, war die Reise doch noch erträglich. Das war vielleicht der Ausgleich für den eher wenigen Schlaf (die Art von Schlaf, bei der man nachher nicht sagen kann, ob er wirklich vorhanden war).

Der Kiewer Busbahnhof empfängt uns um sechs Uhr morgens ukrainischer Zeit. Es ist nass, feucht, kalt, neblig, oft glatt auf den Straßen. Meine ersten Eindrücke von Kiew sind entsprechend düster. Denise und ich machen uns auf den Weg ins Hostel, sehen bereits den umnebelten Maidan und ruhen uns erstmal im Hostel aus, denn wir sind einigermaßen fertig. Schlafen ist aber nicht drin, da wir zu früh sind.

Der berühmte Maidan im Nebel

Der Aufenthalt wird erst in den nächsten Stunden schöner. Wir beide besichtigen die absolut beeindruckende Sophienkathedrale, eine große orthodoxe Kirche, in der alle Innenflächen von historischen Wandgemälden bedeckt sind. Das Gebäude ist groß, majestätisch, ehrfurchteinflößend, ohne übertrieben zu sein, ein architektonisches Meisterwerk. Ich kannte diese Schönheit nicht, dachte vorher, große orthodoxe Kirche seien einfach überladen mit Glanz – aber das stimmt nicht, wie ich in Kiew mehrfach gesehen habe. In der Stadt gibt es ungefähr überall Kirchen, ganz im Gegensatz zu Minsk.

Sophienkathedrale (Foto: Denise Roedel)

Nachdem Denise und ich Ronja (aus Chisinau, Moldau) vom Bahnhof abholen (und sie zum Glück noch erwischen), verbringen wir drei tatsächlich die meiste Zeit zusammen. Natürlich sehen wir auch die anderen noch; am Freitagabend sind wir alle acht lange zusammen, am Sonntag sehen wir einander noch einmal, und Anne (Olegsandrija, Ukraine) schließt sich uns auch teilweise an. Aber den größten Teil der Zeit, zum Beispiel am Samstag, verbringen wir zu dritt.

Was bin ich euch beiden dankbar für diese Zeit… :))

Ronja, Denise, Ich

Kiew hat unzählige Sehenswürdigkeiten (in Minsk ist das schon begrenzt), von denen wir uns einige in der kurzen Zeit ansehen können. Ich füge ein paar Fotos in den Beitrag ein, um das zu erklären. Ansonsten haben wir einfach eine tolle Zeit, entdecken die Stadt, ihre Gebäude, die Geschichte. Dazu gehört auch das Голодомор-Museum, das uns unheimlich nachdenklich macht. Es handelt von einer der größten Katastrophen der ukrainischen Geschichte, über die ungefähr niemand im Westen etwas weiß: den Holodomor, eine grauenhafte Hungersnot in der „Kornkammer Ukraine“, für die keine Naturkatastrophen oder Ähnliches verantworlich war, sondern die sowjetische Regierung. Die Ukraine geht so weit, es als einen Völkermord zu bezeichnen, und wenn man im Museum ist, beginnt man zu verstehen, wieso.

Erinnerungskomplex für die WeltkriegstotenDie monumentale Statue „Mutter Heimat“

Eine der breiteren Straßen, Teil 1…

…Teil 2

Die Kiew-Reise hat sich also etwas anders entwickelt als erwartet, aber ich bin sehr froh, dass sie so schön geworden ist. Von dem Anfang und den Unannehmlichkeiten der Busfahrt abgesehen. (Diese Fahrt dauerte übrigens jeweils etwa elf Stunden, die Grenzkontrolle (1:45 h und 2 h) schon miteingerechnet. Nach Orscha noch etwas länger. Inkl. Wartezeit war ich ab Sonntag Abend 16 Stunden unterwegs. В принципе нормально, wie man hier sagt.)

Im Vergleich zu Minsk ist die Innenstadt sehr eng

Zu erwähnen ist noch unser Lieblingsverkehrsmittel in Kiew, die Metro – mit ziemlich schnellen Rolltreppen, die deutlich weiter in die Tiefe führen als in Minsk, und der tiefsten Metrostation der Welt (kein Scherz) – außerdem der Nebel, der teilweise sehr heftig ist (siehe Fotos).

Blick auf die Andreaskirche

Jetzt bin ich wieder angekommen in Zeitzone Moskau, in der Stadt, wo der Dnjepr noch deutlich schmaler ist, und in Schule Nr. 20. Der Stand jetzt: unsere motivierten Zehntklässlerinnen drehen weiter den Film über die Schule, die Achtklässler bereiten sich weiter auf die A2-Prüfung vor (die Lehrer haben nur sieben der dreizehn Teilnehmer in der Probeprüfung für die echte Prüfung zugelassen) und die Viertklässler sind zu aufgeregt und hibbelig, sodass meine AG sehr chaotisch wird.

In einer Woche soll ich auf einer Lehrerversammlung etwas über Didaktik erzählen und komme nicht so richtig damit klar. Das Thema ist „Развитие интеллектуальных и творческих способностей обучающихся с использованием современных информационно-коммуникационных технологий на уроках иностранного языка и во внеурочной деятельности“ und klingt auf Deutsch auch nicht viel besser. Auf das Thema kann ich allerdings einige Details meiner sogenannten Arbeit in Orscha beziehen, und daraus soll dann irgendetwas zusammenwachsen.

Es bleiben noch drei Wochen und wenige Tage in Belarus, die Uhr tickt bis zur Rückkehr, und mein Kopf ist jetzt schon zu voll mit Gedanken über all das und noch mehr.

Blick auf den Dnejpr in Kiew

Jedenfalls bis bald und alles Gute

Йонатан

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