So etwas wie Alltag beginnt

Orscha, 19. September 2018. – Nach drei Tagen in der Schule melde ich mich hiermit wieder und kann schon ein wenig aus der Schule berichten. Mein Bild ist allerdings noch nicht vollständig, deswegen versuche ich, noch nicht zu bewerten oder zu verallgemeinern.

Ein paar kleine, aber wichtige Beispiele für Unterschiede zu deutschen Schulen:

*Stundenplan: Es gibt keine Doppelstunden. Zu jeder vollen Stunde beginnt eine Unterrichtsstunde, nach 45 min gibt es jeweils 15 min Pause.

*Notengebung: Es gibt keine wirklichen Zeugnisse. Was zählt, sind die Endnoten in den Prüfungen nach Klasse 9 und 11. Trotzdem wird den Schülern nach jeder Stunde eine Note eingetragen, von 1 bis 10, wobei 10 die beste Note ist.

*Fremdsprachen: Alle Schüler müssen Russisch und Belarussisch lernen, die beiden offiziellen Amtssprachen. (Vielleicht schreibe ich noch einmal darüber.) Dazu kommt eine Fremdsprache, an der Schule hier Englisch oder Deutsch. Lateinunterricht gibt es nicht, in anderen Schulen kann es Französisch, Chinesisch oder Spanisch geben (alles eher selten).

Anzeigetafel im Zentrum mit der Aufschrift „Ich liebe Belarus“

Interessant am Deutschunterricht ist vor allem, wie sehr sich die Kurse unterscheiden. Klar ist: Deutsch ist viel zu schwer. Als Beispiel Klasse 3: Ich habe den größten Respekt für die Lehrer- sie müssen Neunjährigen, die gerade erst das lateinische Alphabet lernen, den Unterschied zwischen „ei“, „ie“ und „eu“ erklären. Außerdem sind viele Buchstaben des kyrillisches Alphabets auch im lateinischen Alphabet vorhanden, aber anders. „н“ entspricht dem deutschen“n“, „n“ im Russischen (Schreibschrift) ist auf Deutsch „p“, „р“ auf Russisch wiederum ist auf Deutsch „r“. Erklärt das bitte mal in einer dritten Klasse.

In Klasse 10 ergibt sich ein anderes, aber ebenso interessantes Bild. Als die Schüler mich durch ihre Schule führen und sie mir vorstellen sollen, erzählen fast nur die Mädchen – was Deutsch angeht, haben sie die Jungs anscheinend schon vor Jahren abgehängt. Das Niveau geht massiv auseinander – blöd nur, dass alle die gleichen Abschlussprüfungen schreiben, und alle verpflichtend auch in Deutsch.

Am Dienstag Nachmittag weiht Irina (meine Ansprechperson in der Schule) mich in die Geheimnisse des belarussischen Verkehrswesens ein, denn am Wochenende soll ich mit den anderen Freiwilligen in Minsk sein. Als wir die Bahnkarten kaufen, verstehe ich die Dame am Schalter falsch und lege 60 Rubel hin – Irina lacht mich aus. Ich hatte 57 Rubel (ca. 23€) verstanden und das für einen normalen Preis für die jeweils zweistündige Hin- und Rückfahrt gehalten, doch tatsächlich sind es 15,70 Rubel (ca. 6€).  Eine  positive Überraschung für jemanden, der für eine Fahrt von Berlin nach Kassel 97€ bezahlt hat. ладно, dafür haben die belarussischen Züge kein WLAN – allerdings gibt es hier unbegrenztes mobiles Internet für etwa 7€/Monat.

Und als Bonus:
1) Die Züge haben üblicherweise keine Ver-spätung.
2) Die Tickets sehen einfach cool aus.

 

Die Gastfamilie führt mich unterdessen weiter in das belarussische Leben und vor allem Essen ein. Die Entdeckungsreise durch die belarussische Küche nähert sich langsam ihrem Ende, denn am Freitag soll ich in meine Wohnung im Zentrum umziehen. Die Eltern fragen mich, was ich kochen kann – ich erzähle ein bisschen, aber sage nicht, dass ich nach ihrer Vollverpflegung am liebsten fürs Erste auf Salat und Gurken umsteigen würde, und auch nicht unbedingt abends noch warm essen muss, wenn ich mittags in der Schule für weniger als 50ct ein vollwertiges warmes Mittagessen kaufen kann.

Ob ich noch länger in der Familie bleiben wollen würde? Naja. Die Vorteile sind natürlich klar – aber was z.B. die Sprache angeht, brauche ich nicht nur Gesprächsübung, sondern vor allem auch Zeit zum Lernen. Mir fehlen sehr viele Wörter, die ich mir einprägen muss, und auch Lesen und Grammatik muss ich üben. Von daher lerne ich vielleicht besser, wenn ich in der Wohnung bin – Sprachpraxis habe ich immer noch, notwendigerweise. Und mit der Familie kann ich mich immer noch treffen (das wollen sie auch unbedingt).

Nachteile: Die Zeit hier kann echt anstrengend sein. Oft läuft der Fernseher durchgängig oder die Jungs spielen Videospiele ohne Kopfhörer, abends auch gerne beides gleichzeitig. Ich sage nichts dagegen, doch es stört natürlich, denn in dieser kleinen Wohnung kann man sich mit fünf Leuten einfach schlecht aus dem Weg gehen. Die Zeit in der Schule ist für mich interessanter und angenehmer als die Zeit in der Wohnung – dennoch bin ich der Familie unheimlich dankbar für ihre (Gast-)Freundlichkeit. Ich kann kaum etwas Schlechtes über sie sagen, es liegt eher an mir, wenn ich mich nicht ganz wohl fühle.

Was es nicht alles gibt: Snickers с семечками – Snickers mit Sonnenblumenkernen

Es gibt auch immer wieder lustige Momente. Die Jungs machen sich über das Wort „Sonnenblumenkerne“ lustig (im Vergleich zum russ. „семечки“ seeehr viel länger) und können es kaum fassen, als ich von den sechswöchigen Sommerferien in Deutschland erzähle – in Belarus sind die Sommerferien volle drei Monate lang. Außerdem scherzen wir über Lukaschenka, den belarussischen Präsidenten „auf Lebenszeit“.

Ich kann mich wirklich nicht beschweren. In meiner wenigen Zeit bis jetzt habe ich viele, viele Eindrücke gesammelt, die ich nicht alle hier wiedergeben kann/will. Die Zeit ist alles andere als langweilig, und Belarus ist definitv nicht die triste Ostblockdiktatur, die man als Besucher vielleicht erwartet.

Bis dann und до свидания!

Jonathan

Hier kommt viel Text, aber es lohnt sich

Orscha, 16. September 2018. – Dieser Blogeintrag wird vermutlich sehr textlastig sein, da ich in den letzten Tagen kaum zum Fotografieren gekommen bin (man wird sehen, warum). Trotzdem versuche ich, ihn möglichst interessant zu gestalten.

Am Freitag (14.) haben wir Belarus-Freiwillige einen Vorbereitungstag im Goethe-Institut (GI), zu dem ich nicht viel mehr sagen werde – es ist einfach die übliche entspannte Professionalität. Immer wieder erscheint im Gespräch der Geist meiner Vorgängerin („letztes Jahr gab es einen Fall…“), aber unsere Kontaktpersonen am GI sind zuversichtlich, dass in diesem (halben) Jahr alles gut geht. Dazu gibt es Landeskunde-Input: wir vergleichen z.B. das blr. und das dt. Schulsystem und scheitern völlig daran, das dt. Modell einigermaßen zusammenhängend zu erklären, während das blr. System innerhalb weniger Minuten abgehakt ist. Im Verlauf des Nachmittags treffen wir unsere Ansprechpersonen aus den Einsatzstellen und können uns weiter kennenlernen.  Mein guter Eindruck von Irina bestätigt sich, ich bin für den Anfang beruhigt und freue mich auf die kommende Zeit.

Btw: Anna-Lina, falls Du das liest, lass gerne mal einen Kommentar oder eine Nachricht da, ich würde mich freuen :) ich habe auch kein schlechtes Bild von Dir, ich habe Deinen Blog gelesen und kann das meiste nachvollziehen.

Im Verlauf des Wochenendes wird es dann sehr viel abenteuerlicher. Nach etwas mehr als zwei Stunden Zugfahrt kommen Irina und ich mit leichter Verspätung in Orscha an – ein regelrechter Skandal, da die Züge doch angeblich stets pünktlich sind. Mich beunruhigt es aber noch mehr, dass der (staatlich angestellte!) Taxifahrer, der uns am Abend vom Bahnhof in die Stadt bringt, es nicht für nötig hält, sich anzuschnallen – aber wie ich später in der Gastfamilie merke, scheint das generell keine Priorität in Belarus zu sein. Nehme ich einfach mal so hin.

Seit Freitag Abend bin ich also in einer Gastfamilie, bis einschl. nächsten Donnerstag. Familie D. besteht aus vier Personen: V. mit seiner Frau I. und den Zwillingen A. und S. – V. arbeitet in einer Bank und I. ist anscheinend zuhause, während die beiden Jungs zur Schule gehen. Ich habe den Eindruck, dass die Familie mir in der Woche bei ihnen das volle belarussische Paket nahebringen will, wie man vielleicht an ein paar Stichpunkten aus dem Wochenende sieht:

*Essen/Trinken: Nach Draniki und Bliny konnte ich in der Familie schon Borschtsch und Schaschlik, Birkensaft und Kwas probieren. Mir wird alles angeboten: нравится? нравится? Gefällt es dir? в германии есть? Gibt es das in Deutschland? Vielleicht geht es allen Gästen so, aber vermutlich mir als Ausländer besonders: ich kenne vieles hier nicht und soll es dann beurteilen. Dazu der Vorwurf, ich würde schlecht (плохо) essen – das klassische „du bist doch so dünn…“. Die Gastfreundschaft ist einfach überwältigend. Irina hat mir schon gesagt, mein Vorvorgänger Chris habe in der Zeit in Belarus mehrere Kilo zugenommen. Tolle Aussichten. Nach dieser Woche brauche ich wahrscheinlich erstmal eine Diät, am liebsten mit sehr viel weniger Fleisch als jetzt gerade, das gibt es nämlich schon zum Frühstück (und nicht nur dann).

*Wohnsituation: die Familie lebt in einer kleinen Wohnung in einem der vielen riesigen Wohnblöcke. Einfamilienhäuser gibt es in Orscha anscheinend auch, aber nur selten. Stattdessen besitzt man üblicherweise eine Datscha, ein Wochenend- oder Sommerhaus, wo z.B. auch Gemüse oder Obst angebaut wird. An den Wochenenden fährt man „за годод“, aufs Land, und ruht sich aus.

*Die Datscha: wir verbringen den Samstag Nachmittag auf der Datscha von Freunden. Was man da macht? Рыбачить (Angeln), русская баня (russisches Dampfbad) und noch mehr essen, dazu Wodka (40%). Mir wird wiederum alles angeboten, ich darf (soll) bei allem mitmachen. Angeln ist nicht so mein Ding, aber immerhin erweitere ich meinen Wortschatz um die entsprechenden Begriffe – z.B. „окунь“, auf Deutsch Barsch (hatte ich an der Angel). Das Dampfbad wiederum ist angenehmer, als ich gedacht hätte. Als der Besitzer merkt, dass es mir gefällt, bietet er an, ich könnte jede Woche herkommen. Auch er freut sich unheimlich über mich als Gast.

Übrigens regnet es am Nachmittag fast durchgängig, aber das ist nach der Zeit im баня auch ganz angenehm.

Bleibt noch die Frage, wie wir überhaupt kommunizieren. Die Jungs sprechen vermutlich etwas besser Deutsch als ich Russisch, aber im Verhältnis zur Lernzeit ist es trotzdem ziemlich schlecht, das muss man einfach so sagen. (Dass ich mich überhaupt mit ihnen vergleichen kann, obwohl sie theoretisch gute zwölf Mal so viel Lernzeit hatten wie ich, ist ziemlich traurig.) Meistens geht es mit Russisch irgendwie. Englisch geht sowieso nicht.

Ich bin unheimlich froh, schon Einiges gelernt zu haben, denn das zahlt sich jetzt aus. Es ist ein seltsames Gefühl: ich verwende täglich ca. 90% meines gesamten Russisch-Könnens, einfach weil es notwendig ist. Ich verwende ungefähr alle meine vorbereiteten Sätze, von dem typischen „(не) понимаю, понятно, я понял“ (unterschiedliche Abstufungen von „verstehen“) über „дождь ещё идёт?“ (Regnet es noch?) bis zu „во сколько отходит поезд?“ (Wann fährt der Zug?) usw. usf. Ständig höre die Wörter, die ich schon selbst geübt habe – ohne dadurch den Gesamtzusammenhang zu verstehen. Die meisten einfachen Dinge gehen gut, und teilweise schaffen wir auch komplexere Themen (was ein Freiwilliger ist, wie viele es in Belarus gibt, einmal sogar die deutsche Teilung in ganz grob). Wenn die Kommunikation nicht klappt, sagt man mir „alles gut“ und belässt es dabei, die Leute sind nicht böse darum.

Bleibt außerdem noch die Frage, wie es mir damit geht.

Einerseits: natürlich, die Zeit in der Familie ist gewissermaßen perfekt, um die Sprache zu lernen. Ich habe den Klang immer um mich herum, nehme viel mit, lerne neue Wörter, gewöhne mich an den Klang, an einfache Sätze. Somit ein guter Anfang.

Andererseits ist es unglaublich anstrengend, das den ganzen Tag machen zu müssen. Den ganzen Tag alle Russisch-Reserven mobilisieren zu müssen, damit die Kommunikation einigermaßen klappt. Auf Dauer macht es mich fertig und müde, obwohl man immer wieder durch kleine Erfolge belohnt wird. Vielleicht könnte ich so die Sprache am besten lernen, может быть. Die Sache ist nur, dass ich hier in der Familie sehr in Anspruch genommen werde. Wie oben beschrieben, wird mir alles gezeigt, ich werde ständig ausgefragt, so gut es geht, und die beiden Jungs sind etwas zu interessiert. Ich bin nicht der Typ dafür. Zeit alleine würde mir guttun, deswegen freue ich mich auf meine eigene Wohnung. Blöd nur, dass wir nächstes Wochenende wieder zum GI kommen sollen. Naja, mal sehen.

Es gibt noch mehr, was ich erwähnen könnte, über Orscha, Minsk, und Belarus, aber das hebe ich mir noch auf, bis ich mehr weiß. Der Eintrag hier ist sowieso lang genug.

Liebe Grüße и до свидания,

Jonathan

Erste Eindrücke aus Minsk (sponsored by Belavia)

Minsk, 13. September 2018. – Der Tag der Abreise (gestern) verläuft überraschend entspannt, um das gleich vorwegzunehmen. Am Flughafen ist mein Übergepäck kaum ein Problem, auch sonst verläuft alles gut. Ein Deutscher vor mir in der Schlange erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Land und gibt mir bereits Tipps. Man muss einfach rein in das Land, sagt er, dann lernt man auch die Sprache. Und die Leute seien ohnehin gastfreundlich ohne Ende.

Insgesamt sind die Passagiere eine interessante Mischung aus Geschäftsreisenden, Heimkehrern und undefinierbaren Gestalten wie mir. An Bord bekommen wir alle eine (für das, was ich kenne) üppige Mahlzeit inklusive Süßigkeiten, dazu Kaffee oder Wasser. Während wir essen, überfliegen wir eine unspektakuläre Landschaft, von der ich nicht sagen kann, ob es sich jetzt um Brandenburg, Polen oder schon Belarus handelt. Macht von oben auch keinen großen Unterschied.

Vom Flughafen führt eine schnurgerade zweispurige Straße zum einige Kilometer entfernten Minsk. Um die Straße herum: Wald. Ich erinnere mich daran, was die Nationalfarben von Belarus (grün und rot) bedeuten: grün für die Wälder, rot für das Blut der Gefallenen. (Wobei man rot auch als die kommunistische Vergangenheit deuten könnte.) Dieser grüne Teil wird auf dieser Fahrt deutlich sichtbar, ob das die Gesamtsituation wiederspiegelt, ist eine andere Frage.

Minsk selbst ist einigermaßen beeindruckend, es gilt vor allem eines: man hat Platz. Die Straßen sind breit ausgebaut und trotzdem befinden sich überall ebenso breite Fußgängerwege, weit angelegte Parkanlagen, riesige Gebäudeblöcke, Denkmäler und viel, viel mehr, dass ich nicht zuordnen kann. Und so viel grün! Die Stadt zeigt sich modern, hübsch, aufgeräumt, nicht überlaufen, aber immer noch mit vielen kleinen Hinweisen, wo man sich befindet: Neonreklamen staatlicher Konzerne, monumentale Kriegsdenkmäler und typische Sowjet-Statuen.

Ein Blick auf die Swislatsch – Foto: Denise Rödel

Im Hostel treffe ich auf Denise und Leo, die schon vor mir angekommen sind. Wir tauschen uns über unsere Ankunft und unseren Eindruck aus, bevor wir raus zum Abendessen gehen. Irgendwo ein paar Straßen weiter finden wir ein Restaurant, indem wir einige Kleinigkeiten bestellen. Die Bedienung redet ausschließlich Russisch und bemüht sich nicht besonders, auf uns zuzugehen. Als unfreundlich sehe ich das aber nicht unbedingt: man scheint uns zu sagen: „Wir reden hier Russisch. Wenn ihr das nicht versteht, warum seid ihr dann überhaupt hier? Niemand zwingt euch, herzukommen!“ Überhaupt fallen wir – so scheint es uns – kaum auf, denn Touristen existieren quasi nicht oder sind nicht zu erkennen.

Draniki (blr. Kartoffelpfannkuchen) mit Smetana (saurer Sahne)

Belarus-Rubel und Kopecken

(1 EUR ~ 2,5 BYN)

Heute haben wir noch einen freien Tag und schaffen es evtl., uns zum ersten Mal mit allen Freiwilligen in Belarus zu treffen. (Wir sind übrigens fünf Leute.) Vor allem aber wollen wir mehr von der Stadt sehen.

Liebe Grüße an alle!

Всего хорошего и до свидания!

Jonathan

Homezones, Workshops und „Russisch am See“

Heuchelheim, 11. September 2018. –

Jonathan Beyer
GI-PASCH Belarus

steht während des Vorbereitungsseminars auf meinem Namensschild, das jeder von uns scheinbar nur besitzt, damit man es gar nicht erst nötig hat, immer wieder die gleichen Fragen an die anderen Teilnehmer*innen zu stellen: „Wie heißt du eigentlich? Wohin gehst du? Und welche Organisation?“ Diese Fragen wären ohne die Schilder quasi unvermeidlich bei den unzähligen Menschen auf unserem gemeinsamen Vorbereitungsseminar. Zehn Tage Elitenförderung auf einem ehemaligen DDR-Pioniergelände, die wir mit Gruppeneinheiten, Workshops, Diskussionen und üppigen Mahlzeiten füllen. Nicht zu vergessen natürlich das Baden im Werbellinsee, der nur ein paar hundert Meter entfernt auf uns Freiwillige wartet.

Um es für alle Nicht-kulturweitler zu erklären: das wichtigste Format des Vorbereitungsseminars sind die sogenannten Homezones. In meinem Fall ist das Homezone 18, in der alle Freiwilligen aus Belarus, Moldau und der Ukraine versammelt sind (12 Leute). Mit der Homezone verbringt man viel Zeit während des Seminars, da man sich im Ausland vergleichsweise nah beieinander aufhält und außerdem ein weiteres Seminar zusammen haben wird. Somit werden die „Homies“ schon während des Seminars zur festen Bezugsgruppe.

In der „Zone“ ist es so, wie andere aus meiner Gruppe es schon gesagt haben: am Anfang ist die Gruppe fremd, man weiß nicht, wer diese Leute sind – doch am Ende des Seminars hat man jeden Einzelnen und seinen Charakter, seine Persönlichkeit kennen und ein wenig verstehen gelernt. Das funktioniert, weil die Atmosspähre in der Homezone offen und vertraut ist – man findet viele ähnliche Interessen, aber auch Befürchtungen und Ängste. Und wir sitzen ohnehin alle im selben Boot. (…wenn auch nicht im selben Flieger.) Vielen lieben Dank an dieser Stelle an Max und Lisa, unsere Trainer in den Homezone-Einheiten. Ich denke, ich spreche für die ganze Gruppe, wenn ich sage, dass diese Zeit uns allen enorm gut getan hat.

Insgesamt bietet das Seminar einfach eine ungewöhnliche, vermutlich einzigartige Situation: über 300 einigermaßen ähnlich interessierte junge Menschen, die sich in dieser Zusammensetzung nie wieder begegnen, dafür aber in die unterschiedlichsten Ecken der Welt reisen werden, nach Südamerika, Afrika, Osteuropa,  Zentralasien, Südostasien usw. usf. Innerhalb dieser Gruppe findet man Gesprächs- und Diskussionspartner zu allen möglichen Themen und Bereichen und nimmt es irgendwann als normal hin, dass der- oder diejenige scheinbar willkürlich nach Ecuador, Montenegro oder Aserbaidschan geschickt wird. Ich höre mir die Geschichten an und denke mir, dass zwar viele andere Länder auch sehr, sehr interessant wären – aber Belarus klingt im Vergleich geradezu sicher und unkompliziert. Vor allem was das Visum angeht, so seltsam das klingen mag. Dokumente schicken und fertig. Allerdings mit dem entscheidenden Nachteil, dass uns kaum jemand besuchen können wird – ohne Visum darf man sich in Belarus nämlich nur fünf Tage aufhalten, und das auch nur, wenn man über den Flughafen einreist. Diese Regelung ist übrigens relativ neu, davor brauchte man für jeden Aufenthalt ein Visum. Glasnost braucht eben seine Zeit.

Und zuletzt noch einmal, nur fürs Protokoll: wenn ich Belarus schreibe, meine ich Weißrussland. Belarus ist allerdings der offizielle Name, den kulturweit und das Goethe-Institut bevorzugen. Belarus/Weißrussland ist außerdem ein souveränes Land und kein Teil von Russland. Ich nehme es niemandem übel, wenn man das nicht so genau weiß – bei so vielen Ländern in diesem Blog kann man leicht durcheinanderkommen. (Schöne Grüße dabei an die Moldauer…)

So viel über unser Vorbereitungsseminar. Morgen geht der Flieger und die Belarus-Gruppe kommt nacheinander zu unserem Vorbereitungstag in Minsk an. Die Vorfreude steigt.

Liebe Grüße und до свидания

Jonathan

P.S.: Meine Wohnung in Orscha ist jetzt doch nicht frei, dafür komme ich erstmal in eine Gastfamilie. Vielleicht schon ein erstes Zeichen der Spontaneität und Gastfreundlichkeit der Belarussen?

Abschiedstage

Heuchelheim, 27. August 2018. – Jetzt ist endgültig der Punkt gekommen, an dem ich das (halbe) FSJ nur noch auf mich zukommen lassen kann. Nach einer schönen Abschiedsfeier am Wochenende bleiben bloß noch fünf Tage bis zum Vorbereitungsseminar. Es ist schon lange her, dass mir meine Stelle im Osten von Belarus bestätigt wurde, im Februar… Jetzt sind endlich alle Vorbereitungen (außer dem Packen) erledigt. Ich habe oft genug erklärt, was nun passieren wird, viele Fragen beantwortet und mich von vielen Menschen schon verabschiedet. Eine Schule in Orscha, das ist im Osten von Belarus, bzw. Weißrussland. Im Unterricht soll ich helfen, Übungen vorbereiten, AGs leiten, anscheinend gibt es ein Theaterprojekt. Nur mit wenigen Deutschen in Belarus, aber es gibt eine Ansprechpartnerin in der Schule. Ja, Russisch habe ich schon gelernt, für den Anfang reicht es vielleicht, aber ich bekomme Unterricht. Nein, ich weiß auch nicht, wie der Tagesablauf ist. Rubel umtauschen kann man erst in Belarus, Preise sind billig, öffentliche Verkehrsmittel gut. Habe ich etwas vergessen? Ach ja, der Flug nach Minsk geht am 12. September.

Es ist ein seltsames Gefühl, vor allem, weil diese letzten Tage ziemlich leer sind. Jetzt tut sich nichts mehr, ich kann nur noch abwarten. Ein paar Mails muss ich noch schreiben, packen und vielleicht noch weiter Russisch lernen, aber viel mehr nicht. Das bedeutet für mich eine bunte Mischung der Gefühle, von Vorfreude und Neugier bis zu Unsicherheit und Zweifeln. Ständig gehe ich irgendwelche Szenarien durch und wünsche mir eigentlich nur, dass es jetzt endlich losgeht und die Unsicherheit verschwindet. Wahrscheinlich überwiegt die Neugier im Moment. Deshalb ist es vermutlich gut, dass jetzt erst noch das Seminar kommt, zur „Einstimmung“ auf die Zeit im Ausland, und auch wenn zehn Tage mir sehr viel vorkommen, hat das vermutlich seinen Sinn und Zweck.

Liebe Grüße an alle, denen ich den Link zu diesem Blog gegeben habe und die das hier lesen. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich euch noch einmal sehen konnte oder in dieser Woche noch sehe. Ihr könnt hier immer wieder reinschauen; wie gesagt, ich bemühe mich sehr, diesen Blog aktuell zu halten – aber wer weiß, wie die Zeit wird, wer weiß, ob ich dazu komme.

Auf Wiedersehen und alles Gute –  до свидания и всего хорошего!

Jonathan