Zwei Städte, ordentlich Stress und reichlich Nebel

Orscha, 07. November 2018. – Der Tag der Oktoberrevolution heute beginnt mit dem üblichen Nebel, der sich von den Flüssen aus über ganz Orscha verbreitet. Es ist ein vergleichsweise entspannter Tag nach ordentlich Stress, der auch noch nicht ganz vorbei ist.

Aber eins nach dem anderen.

Nach sehr ruhigen Ferientagen beginnt am Freitag unser Ausflug in den Norden, nach Witebsk und Polozk. „Wir“ sind die Freiwilligen des GI, also Sophia, Denise, Linus und ich (der fünfte kulturweit-Freiwillige, Leo, ist beim PAD/ZfA). Ich empfange Denise und Sophia am Freitagabend in Orscha und sie übernachten bei mir, die Wohnung ist ja groß genug.

In Witebsk treffen wir am Samstag erst Linus und dann die Studenten, die uns durch die Stadt führen sollen. Witebsk ist die viertgrößte Stadt in Belarus und gilt als Kulturmetropole; die Hauptstadt der Oblast ist auch eine Universitätsstadt und der Geburtsort von Marc Chagall. Die Studenten, mit denen wir uns treffen, haben eigentlich überhaupt keinen Bezug zu uns, aber da Irina das Treffen so arrangiert hat, nehmen wir das so hin.

Die Stadt ist an diesem Samstag völlig in Nebel getaucht, wie man auf den Fotos sehen kann. Bis es anfängt zu regnen, macht das den Ausflug aber nur noch eindrucksvoller. In Witebsk steht die schönste orthodoxe Kirche, die ich bisher gesehen habe, und die großen Plätze, Brücken und Gebäude sind auch bei Nebel oder Dunkelheit sehr beeindruckend.

Erst viel später können wir die Farbe erkennen

Der Siegesplatz in mysteriöser Atmosphäre

Das Wochenende nutzen wir vier, um uns ausgiebig über alles Mögliche auszutauschen. Ich habe Denise und Sophia einen Monat lang nicht mehr gesehen, da gibt es viel zu erzählen und zu besprechen. Einerseits sehr viel Organisatorisches: das vom GI verlangte Freiwilligenprojekt, das PASCH-Festival, die Reise in die Ukraine für das Zwischenseminar und so weiter. Dazu können wir auch gut vergleichen, wie es den anderen so ergeht; und zuletzt ist es auch einfach nett, sich über all die Sachen zu unterhalten, die uns allen hier auffallen – sich wiederholende Vornamen, das Gerede unserer Ansprechpersonen über uns, (fehlende) Hobbies in Belarus, was auch immer.

Mit dem folgenden Ergebnis, wie Denise es ausgedrückt hat: „Unser Wochenende besteht in großen Teilen daraus, das wir uns irgendwo hinsetzen und reden.“

Als wir in Witebsk in einem Restaurant genau das tun, spricht uns eine Gruppe Russen aus Moskau an und unterhält sich mit uns – eine sehr witzige Situation, vor allem, weil wir sie am nächsten Tag in Polozk noch einmal treffen. Völlig zufällig, aber sehr amüsant.

Wie geplant besuchen wir in Polozk das Orgelkonzert. Ich bin ziemlich beeindruckt von der Gast-Organistin aus Japan, was die anderen scheinbar weniger teilen, aber sie hätten ja auch nicht mitkommen müssen.

(Schon traurig, wie fast alle Konzertbesucher zwischen Fantasie und Fuge anfangen zu klatschen. Was für Idioten, sorry.)

Da ist sie

Wiederum werden wir von Studenten empfangen – diesmal hat Linus über Ecken etwas arrangiert – die uns die Stadt Polozk zeigen und mit uns ein paar Stunden verbringen. Wieder nutzen wir das Englisch-Deutsch-Russisch-Gemisch, wie schon in Baranowitschi, was soweit gut funktioniert. Polozk hält sich für das geographische Zentrum Europas und hat sich dafür ein Denkmal gesetzt. Dieses liegt mitten in einer langen, langen Park-Straße (schwer zu erklären), in der auch das Foto unten entstanden ist. Polozk ist wirklich eine nette Stadt, sie gefällt mir sehr.

Um genau zu sein: den russischen Teil nutzen die anderen Freiwilligen nicht. Wie ich an diesem Wochenende erfahre, haben Denise und Sophia noch nicht angefangen, Russisch zu lernen. Natürlich gibt es Gründe dafür, und es ist letztendlich ihre Sache – aber ich könnte das einfach nicht, und ich kann die beiden in dieser Hinsicht nicht verstehen.

Gerade in Sluzk (Denise) sind die Dinge scheinbar sehr kompliziert, da kann ich wohl froh sein, dass es bei mir so gut läuft.

Unsere Freiwilligengruppe gibt mir viel zu denken, wenn ich ehrlich bin. Man sieht jetzt schon, wie sich ganz klar eine Gruppendynamik entwickelt, und diese wird vermutlich so bestehen bleiben. Ganz interessant ist es auch, ein Jahr zurückzuschauen: der vorherige Jahrgang war eine vieeel größere Gruppe, die Situation bei ihnen war ganz anders. Und dieses Jahr werden ab März nur noch drei Freiwillige in Belarus sein…

Auf der Rückfahrt am Montag schwirrt mir dementsprechend viel zu viel im Kopf herum. Zu all den Eindrücken aus dem Wochenende kommt weiterer Stress: mein Laptop hat zwischendurch aufgehört zu funktionieren, die kommenden Reisen sind noch nicht organisiert, ich muss noch Dokumente einreichen und mich um die Aufenthaltsgenehmigung kümmern.

Die временное проживанние ist ohnehin ein Thema für sich.

Vor diesem Termin am Dienstag hatte ich den meisten Stress überhaupt. Ich sollte alleine zur Migrationsbehörde, ohne Irina, und dort alles Nötige klären.

Um es vorwegzunehmen: ich habe alles falsch gemacht, aber es hat am Ende geklappt.

Am Dienstag Mittag bezahle ich noch die entsprechende Rechnung. Habe ich zumindest vor. Die Dame am Schalter der Belarusbank (natürlich eine staatliche Bank, was denkt ihr denn) ist zwar freundlich und zuvorkommend, aber das ändert nichts daran, dass sie mich die falsche Rechnung bezahlen lässt. Ich hetze noch zur Belgazprombank und besorge dort die richtige Quittung – super, fast achtzig Euro ausgegeben. An der Behörde erfahre ich, dass das Amt eigentlich schon geschlossen hat, und dass meine Dokumente noch nicht fertig sind. Ich wirke aber anscheinend verwirrt genug, dass sich eine Polizistin noch um mich kümmert und alles fertig macht. Damit reicht die Zeit auch gerade noch, dass ich am Tag vor der Ausreise in die Ukraine alle Dokumente bekomme, die ich brauche, um nach dem Seminar wieder einreisen zu dürfen. Puh.

Was für ein Stress.

Der Laptop läuft übrigens wieder, noch eine gute Nachricht.

Und so ist der Tag der Oktoberrevolution heute vergleichsweise entspannt, auch wenn der Stress noch nicht vorbei ist. Gestern habe ich eine Anfrage bekommen, ob ich an Weihnachten nicht einen Organistendienst übernehmen könnte, oder mehrere. Die Zeit vergeht sehr schnell und in meiner Vorstellung ist der Halbjahresrest meines FSJs schon sehr voll.

In den letzten Tagen ging es mir nicht gerade super, jetzt schaue ich, wie es weitergeht.

Zuletzt das Wetter: gerade fünf Grad plus bei Nebel, mehr als acht werden es wohl nicht.

До свидания и всего хорошего!

Jonathan

2 Gedanken zu „Zwei Städte, ordentlich Stress und reichlich Nebel“

  1. Halleluja ! – Stoßgebete funktionieren bis nach Belarus.
    Für die Spontanheilung des Notebooks hab ich gebetet, da lächelt Gott, schätze ich, drüber.
    Und wenn scheinbar alles schief läuft und ich wieder nix auf die Reihe kriege,
    oh Wunder ! es funktioniert am Ende – mit Gottes Hilfe.
    Manchmal macht er sogar, dass der Zug Verspätung hat …
    „November- Blues“ kenn ich. Da hilft einkuscheln, schlafen.
    Morgen ist ein neuer Tag, es wird wieder heller, und letztendlich wird alles gut.
    „Und ob ich wandere im finsteren Tal,…“
    Gott mit Dir
    Kerstin

  2. Mannomann, da hast du ein aufregendes Wochenende hinter dir! Wie schön, dass in Sachen Aufenthaltsgenehmigung das Ende gut – obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass du tatsächlich alles falsch gemacht hast.
    Und was das Orgeln an Weihnachten angeht, ist es immer noch deine Entscheidung.
    Danke für die Bilder, schön, dich auch einmal auf einem zu sehen!
    Liebe Grüße aus dem sonnigen Heuchelheim!
    Mama und die little sisters.

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