Viele erste Male

Hallo meine Lieben,

meine siebte Woche in Südamerika neigt sich dem Ende zu und ich habe mir gerade einmal meine ersten Blogeinträge durchgelesen und gemerkt, dass ich schon einige Sachen aus den ersten Tage komplett vergessen hatte. Deshalb möchte ich versuchen diesen Blog wie ein Tagebuch zu nutzen und alle wichtigen Ereignisse festzuhalten um sie später nachlesen zu können(:

Die letzten Tage waren voller „erster Male“.

Das erste Erdbeben, was ich gar nicht mitbekommen habe, weil ich mit den Kindern aus dem Kindergarten am toben war.

Die erste Kakerlake, die eine echte Enttäuschung war, weil ich mir die Dinger viel größer und ekliger vorgestellt habe.

Der erste Traum auf Spanisch, was mich total überwältigt hat, weil ich nie gedacht hätte, dass man so schnell anfängt automatisch in einer andern Sprache(die man neben bei noch nicht besonders gut kann) zu denken.

Der erste Pisco(40%iges Nationalgetränk…) mit den ersten einheimischen Freunden.

Die erste(und bestimmt nicht letzte) Trivia Night, ein internationaler Quizabend mit lustigen Menschen und Preisen für die Gewinner. Eines der vier Themen des Abends: das Oktoberfest, wir als einzige deutsche Teilnehmer schon als Favoriten abgestempelt, schafften es tatsächlich keinen einzigen Punkt in der Runde zu holen… Wer von euch hätte gewusst, dass Albert Einstein vor der Zeit als  Nobelpreisträger Zelte auf dem Oktoberfest aufbaute? Das Oktoberfest ist eben nicht(wie ja Viele den Deutschen unterstellen)ein deutschlandweiter Kult.

Der erste Sonnenuntergang in Huanchaco, dem Surferort ganz in der Nähe.

Das erste mal Snowboard fahren in kurzer Hose und mit Sand in den Schuhen. Das  Sandboarding entdeckte ich letztes Wochenende mit ein paar neu gewonnenen Freund*innen in Conache, einer Lagune mitten in der Wüste. Die Fahrtzeit dauerte nur etwa 25Minuten mit einem uralten und sehr angeschlagenenen Taxi, was zwischendurch noch gewechselt werden musste, weil ein Reifen auf der Fahrt platzte…Tatsächlich war das Snowbarden im Sand um einiges schwerer als im Schnee und auch um einiges anstrengender, da man die Dünen nicht gemütlich mit einem Lift hochfahren konnte, wie man es aus dem Skiurlaub kennt.

Auf der Fahrt nach Conache fielen mir die Müllberge am Straßenrand auf, minutenlang sahen und rochen wir nichts anderes(es gab keine Fenster imTaxi, die man hätte schließen können). Das Problem mit dem Müll ist mir am letzten Wochenende nicht zum ersten mal aufgefallen, eigentlich wird man täglich damit konfrontiert. Denn sogar in den „Reichenvierteln“(wo ich auch wohne) sind die Straßen oft voller Abfall, hauptsächlich Wegwerfplastik, welches in Europa ja nun endlich bald(2021…..) komplett verboten sein soll.

Es herrscht(so weit ich das beurteilen kann und darf) wenig bis gar kein Bewusstsein für Plastik(Müll) in der Gesellschaft(natürlich gibt es immer Ausnahmen). Bei jedem Einkauf bekommst du deine Ware in Plastiktüten verpackt, zehn Produkte bedeuten mindestens drei bis vier Tüten, da hilft auch kein Protestieren und deuten auf den eigenen, mitgebrachten Jutebeutel. Auch Obst oder Backwaren werden hier zu Lande gerne in Alu- oder Frischhalte Folie oder auf Plastiktellern serviert und leere Plastikflaschen werden einfach weggeschmissen. Täglich beobachte ich Menschen dabei wie sie ihren Müll ganz selbstverständlich auf den Boden fallen lassen oder aus dem Busfenster auf die Straße werfen. Verteidigend kann man sagen, dass es in Trujillo kaum Mülleimer auf der Straße gibt. Im Surferort Huanchaco gibt es keinen Einzigen, mit der Begründung, diese würden zu oft geklaut werden. Wenn schon von „Oben“ nichts gegen die Probleme unternommen wird, muss man eben „Unten“ anfangen, hat sich eine nette deutsche Kollegin gedacht und ihrer dritten Klasse eine Dokumentation über Plastikmüll im Meer gezeigt. Die Kleinen waren alle total schockiert, so als hätten sie noch nie zuvor gehört, dass Plastik schädlich für Umwelt und Lebewesen ist. Alle waren entschlossen ihr Verhalten zu ändern. Momentan entwickelt die Klasse Lösungsansätze um den Plastikverbrauch privat und in der Schule zu minimieren. Ich wünsche mir sehr, dass ich noch während meines Freiwilligendienstes hier eine Veränderung miterleben darf, denn auch der Schulkiosk verwendet Plastikprodukte wo es nur geht… Sicher ist, dass wir alle etwas an unserem Verhalten ändern müssen, denn auch wenn die Straßen in Deutschland sauber scheinen, deportieren wir unser „Plastikproblem“ einfach in asiatische Länder und verdrängen so jeden Gedanken dadran, dass Deutschland seit Jahren den Spitzenplatz bei der Produktion von Verpackungsmüll in Europa verteidigt. Wenn man bedenkt dass weniger als 10% des Plastiks recycelt werden und täglich mehr Plastik hergestellt wird, welches sich niemals komplett abbauen wird, sollte man doch eigentlich stutzig werden. Warum stoppen wir diesen Wahnsinn nicht? Weil es unbequem ist. Seinen Konsum einzuschränken oder zu ändern, nur um Plastikverpackungen aus dem Weg zu gehen kann ganz schön umständlich sein, hier in Peru noch um einiges mehr als in Deutschland(denke ich). Auch ich stoße hier jeden Tag an meine Grenzen, viel zu viele Produkte mit Plastik, die Peruaner lieben Strohhälme! Trotzdem müssen wir endlich aufwachen, uns bewusst werden, dass es keinen Planet B gibt und das hergestellte Plastik nie mehr vollständig abgebaut werden kann…  der Film „a plastic ocean“ zeigt wie grässlich bereits jetzt schon die Folgen unseres unbedachten Plastikkonsums für die Meerbewohner sind und berichtet, dass es im Jahr 2050 mehr Plastik als Fische im Meer geben wird, sollten wir unser Verhalten nicht schleunigst ändern.

Der unbedachte Gebrauch von Plastik und die unkorrekte Entsorgung nach dem Gebrauch sind wirklich blöd, aber wenn man damit aufwächst und es nicht anders kennt, hinterfragen man dieses Verhalten oft gar nicht. Genau so wenig, wie viele Europäer die Auswirkungen vom Reisen mit dem Flugzeug nicht hinterfragen, denn für 30€ nach Mallorca düsen ist einfach super cool und günstig. Allein mit meinem Flug über 10.000 Kilometer hierher(und im nächsten Jahr wieder zurück) ist mein Ökologischer Fußabdruck ähnlich groß wie der einer peruanischen Familie(durchschnittlich).

https://www.fussabdruck.de/fussabdrucktest/#/start/index/

-> mein Ergebnis(3.5gha) ist deutlich besser als der deutsche Durchschnittswert(5.0gha), der weltweite Durchschnitt beträgt 2.8gha.

Passend zu diesem Thema haben wir auf dem Vorbereitungsseminar in Berlin das Weltverteilungsspiel gespielt. Dabei ging es darum, dass 15Leute die Weltbevölkerung prozentual darstellen sollten, danach wurden 15Stühle, die das Welteinkommen symbolisierten auf die Weltbevölkerung verteilt und 15Luftballons, die den Welt-CO2-Ausstoß darstellten.

Das Ergebnis war wirklich erschreckend: die zwei Freiwilligen, die die afrikanische Bevölkerung darstellten, hatten weder Stühle noch Luftballons. Dafür hatten die beiden Europäer und der Amerikaner  jeweils vier Stühle und drei/vier Luftballons. Der Südamerikaner hatte einen Stuhl und einen Luftballon und war somit der einzige ausgeglichene Weltbewohner.

Solche Denkanstöße verunsichern mich manchmal in dem was ich tue- warum kann ich als unqualifizierte Deutsche ohne besondere Sprachkenntnisse in einer peruanischen Schule arbeiten und sogar noch dafür bezahlt werden? Während Becker, ein Peruaner,den ich hier kennen gelernt habe und der vielen Freiwilligen  in Trujillo Spanischunterricht gibt und Deutsch studiert hat, nicht die Chance bekommt in Deutschland zu arbeiten…

Auch wenn ich den Wert meines Freiwilligendienstes für die peruanische Bevölkerung noch nicht ganz begriffen habe, bin ich super froh hier zu sein, einen Einblick in eine mir total fremde Kultur zu bekommen und nebenbei noch neue unglaubliche Orte erkunden zu können. Wie zum Beispiel Mancora, das Ziel für die kommende Woche! Ich freue mich schon, euch bald von meinem Urlaub im 10Stunden entfernten Pazifikort berichten zu können(:

(leider ist die „Berichterstattung“ ziemlich oberflächlich, ich hätte mich gerne mehr mit dem Thema auseinander gesetzt, aber ich nutze meine Freizeit lieber fürs Surfen im Meer als im Internet(haha) … es kommt im kommenden Jahr aber bestimmt noch mehr dazu)

2 thoughts on “Viele erste Male

  1. Beeindruckend. Deine Erlebnisse.
    Beeindruckend. Deine kritischen Betrachtungen. Immer nur: Mein… Mein… Mein… – so kann es nicht weiter gehen.
    Liebe Grüße

  2. Dein Opa hat schon recht,wenn er der Ansicht ist,dass Du nach Deiner Rückkehr ein Buch schreiben solltest.Du bist sehr begabt! Ich hatte das auch einmal vor und zwar über die Vertreibung aus Schlesien und den „herzlichen Empfang“ in Niedersachsen.Aber bis auf ein paar Niederschriften für meine Kinder und Enkel ist es dabei geblieben-nicht zuletzt deshalb, weil bei mir „unsere Schuld“ gegenüber so vielen Millionen Menschen in den Vordergrund gerückt ist und viele andere Betroffene härter dafür bestraft worden sind.

    Lass es Dir gut gehen!

    Peter

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