14.Flucht der Karibik

Lento y contento, cara al viento
Lento y conte
Rums! Werde ich aus meinem Halbschlaf gerissen. Verwirrt mache ich die Augen auf und versuche wieder in das echte Leben zu finden, ziemlich genervt davon, dass ich gerade aus meinem warmen, gemütlichen Schlummer-zustand gerissen wurde. Aber wo bin ich überhaupt? Ah genau, im Flugzeug. Dieses ist soeben gelandet. Ich schiebe die Klappe vor dem winzigen Fenster hoch und sehe das Meer in der Nachmittagssonne wild glitzern. “Bienvenidos en Santa Marta….”.

Welcome to paradise

Auf meinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus, es ist wirklich paradiesisch schön! Ich ziehe die Kopfhörer aus den Ohren, die passend zum Ambiente calma von Pedro Capó und Farruko dudeln und schnappe mir meinen kleinen Rucksack.

Todo el mar caribe
Viendo tu cintura

Vom Flughafen fahre ich mit dem Bus ins Zentrum von Santa Marta. Der Weg führt durch heruntergekommene Wohnviertel, viele Menschen sitzen auf Plastikstühlen vor ihren Häusern, das Leben findet hier draußen statt, logisch bei dem Klima(Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 33Grad). Im Zentrum muss ich den Bus wechseln, dann geht es weitere drei Stunden im stop and go Rhythmus weiter, bis wir endlich Palomino erreichen. Einchecken, duschen, essen und dann endlich ins Bett fallen.

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und beschließe den Tag mit einem Spaziergang am Strand zu beginnen.

Vamos pa‘ la playa
Pa‘ curarte el alma
Cierra la pantalla
Abre la medalla

Es sind kaum Menschen da, ich lasse mich von einem aufdringlichen aber freundlichen Kellner zu einem Glas O-Saft überreden. Ich bin der einzige Gast und der Kellner C., setzt sich zu mir an den Tisch, während ich den erfrischenden Saft genieße. Er erzählt mir von seiner Flucht aus Venezuela vor einem halben Jahr. Seine Geschichte ist traurig und leider genau das Gegenteil eines Einzelfalls, wie ich in den kommenden Tagen feststellen muss. In Palomino arbeiten viele junge Venezuelaner*innen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. So auch O. und B., die Barkeeper*in in meinem Hostel. Beide sind vor circa zwei Jahren geflüchtet vor der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Gewalt und der Perspektivlosigkeit in ihrem Land. B. schickt ihrer Familie monatlich Geld, ohne ihre Hilfe würden sie wahrscheinlich verhungern. Es gibt eigentlich nie Strom erzählt sie mir. Die medizinische Versorgung sei extrem schlecht und für Benzin steht man gerne mal 24Stunden in der Schlange. Der Durchschnittslohn in Venezuela beträgt derzeit circa fünf US-Dollar im Monat, ein Burger bei MC Donalds kostet 20US-Dollar. Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen stehen seit Monaten leer, Besserung scheint nicht in Sicht. B.s größter Traum ist es nach Deutschland zu gehen und dort zu studieren. Aber woher das Geld für den Flug nehmen? und schlimmer noch, ihr Pass läuft in 2Monaten aus und verlängern kann man den venezuelanischen Pass nur in Venezuela.

Klar das Fernsehen und viele andere Medien berichten regelmäßig über die brenzliche Lage in Venezuela, aber so lange die Probleme in der Ferne schienen, war ich zu abgestumpft, um mich wirklich damit auseinander zu setzten. Doch jetzt bin ich hier, in Kolumbien, dem Hauptzufluchtsort der jungen Venezuelaner und spreche mit Flüchtlinge, die im selben Alter wie ich sind und jeden Tag arbeiten, um ihre Familie zu ernähren, während ich mir Gedanken mache, ob ich wirklich schon Bock habe mit dem Studium anzufangen oder doch lieber noch weiter die Welt erkunde. Das war also gemeint mit “eigenen Privilegien erkennen und wertschätzen” auf dem Vorbereitungsseminar.

Von Gewalt und Angst in Venezuela kann auch J. ein Lied singen. Ich treffe ihn in seinem tienda wo er Schmuck verkauft. Aus einem kleinen Plausch wird eine lange Unterhaltung. Der Mann hat eine lange Narbe im Gesicht, sie stammt von einem venezuelanischen Polizisten. J. bietet mir an, den nächsten Tag gemeinsam an einen geheimen Strand zu fahren.

De todo escapamos
Juntos ver el sol caer

Wir treffen uns um 10Uhr und fahren eine Weile mit dem Bus. Der Strand ist komplett verlassen, könnte aber auch an dem wolkenverhangenen Himmel und dem immer wieder einsetzenden Nieselregen liegen. Wir gehen in den Wald, der hier direkt an den Strand grenzt und laufen fast eine Stunde zu einem kleinen Wasserfall. Immer wieder fliegen bunte Vögel und Schmetterlinge an uns vorbei und wir essen Mangos, die wir von den Bäumen pflücken.

Zurück an der Straße eröffnet mir mein privater Reiseführer, dass die Busse zurück eher unregelmäßig fahren und wir per Anhalter fahren müssten. Ok, kein Ding für mich, dass habe ich mittlerweile drauf denke ich, während J. einen älteren Herren auf einem genauso alten Moped anhält, auf das wir uns zu dritt quetschen. Der Fahrer lässt uns am Fluss Palomino raus und wir laufen im knietiefen Wasser bis zur Meermündung am Strand. Im Wasser sitzen Familien und spielen Ball, waschen ihre Wäsche oder fischen mit kleinen Netzen.

Pa‘ sentir la arena en los pies
Pa‘ que el sol nos pinte la piel
Pa‘ jugar como niños, darnos cariño

Nach drei Tagen verlasse ich Palomino wieder. Es geht noch einen Tag nach Santa Marta, wo am nächsten Tag mein Flieger nach Bogotá abhebt. Ich verbringe meinen letzten Abend in der Karibik mit einer Avapella-Gruppe aus Leipzig, veganem Curry, Pool und Doppelkopf, der perfekte Abschluss.

 

 

1 Comment

  1. Thomas Sand

    Liebe Anna, sehr beeindruckender Text – gut beobachtet, spannend erzählt, wirkt nach…
    Hoffe, Du hast eine gute Rückreise in Dein kleines Paradies am Pazifik.

    Genieß die Zeit!

    Thomas

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