So schön neu

„¡jBienvenida!“ Wird mir hier ständig auf der Straße zu gerufen. Ob es wohl an meinem europäischen Aussehen liegt, dass ich sofort als Nichteinheimische enttarnt werde, oder vielleicht daran, dass ich immer einige Sekunden die Worte zurecht legen muss bevor ich einen einigermaßen sinnvollen Satz auf Spanisch zusammen bekomme? – wahrscheinlich an beidem und daran, dass ich hier so ziemlich die Einzige bin, die sich an Verkehrsregeln hält…auffallen tue ich auf jeden Fall mit meiner hellen Haut und einer Körpergröße weit über 1.6Meter, denn in Trujillo gibt es kaum Tourismus. Ob ich es gut oder schlecht finde so herauszustechen, weiß ich selbst noch nicht genau, ständig angeschaut und als Fremde identifiziert zu werden finde ich eigentlich blöd, aber andererseits sind viele Einheimsche wie zum Beispiel die gesprächigen Taxifahrerer sehr interessiert und man wird häufig freundlich angesprochen.

Mittlerweile habe ich mich auch schon etwas eingelebt, die Wege zur Schule, zum Markt und zu den Freiwilligen Tina und Jenny habe ich schon raus und langsam komme ich auch wieder in die Alltagsroutine, die seit meinem Abitur gänzlich verloren gegangen ist.

Mein Tag beginnt mit dem Hahn aus dem Nachbarsgarten, der mich stets zuverlässig irgendwann vor sechs Uhr weckt(leider auch am Wochenende). Während ich mich fertig mache und frühstücke höre ich immer Hörspiele, am liebsten TKKG(: Um 7:05 treffe ich mich mit Anica, einer Erzieherin vom MIC am ‚el ovni'(das UFO ist eine Polizeistation, die aussieht wie eine fliegende Untertasse und stadtbekannt ist, beschreibe ich einem Taxifahrer meine Adresse muss ich stets nur das ‚ovni‘ erwähnen…).

el ovni

Gemeinsam nehmen wir ein Colectivo. Nach etwa fünf Minuten Fahrt steigen wir aus und warten auf Mariela, eine deutschperuanische Kollegin, die ein eigenes Auto besitzt. Zum Glück! Denn in den Micros sitzen selten weniger als sechs Personen(auf maximal fünf Plätzen). Mit Mariela fahren wir nocheinmal etwa zehn Minuten bis zum Montessori International College(MIC). Die Arbeitszeit beginnt um 7:30, ich bin hauptsächlich in der Primaria(1-6Klasse) oder im Kindergarten. Da die Schule erst seit kurzem existiert, sind die Schüler alle auf dem gleichen Deutschlevel(A1). Das Kollegium ist sehr international und es gibt tolle Projekte, wie zum Beispiel Sportwettkämpfe oder die deutsche Woche, die Anfag Oktober statt findet. Meine Aufgaben im Deutschunterricht reichen vom Korrigieren der Arbeitsblätter, über mündliche Kurstests mit einzelnen Schülern bis hin zum Vorsprechen von deutschen Vokabeln, um die korrekte Aussprache zu verdeutlichen. Gegen 12Uhr gibt es in der Cafeteria Mittagessen, dass finde ich super, da ich nicht gerne koche und so mindestens eine warme Mahlzeit am Tag garantiert habe. Aber auch auf Trujillos Straßen findet man für kleines Geld große Köstlichkeiten. Ein Menü kostet oft nur um die 7Soles also weniger als 2€ und beinhaltet Vor- und Hauptspeise, sowie einen Saft. Neben dem preislichen Aspekt lernt man durch das essen außer Haus auch immer wieder neue Spezialitäten kennen, wie zum Beispiel ‚palta a la ruas‘, Avocado gefüllt mit roter Beete und Kartoffeln.

Um 15Uhr endet mein Arbeitstag, und da die Schule außerhalb liegt und nur via Highway zu erreichen ist fahre ich mit dem Schülercollectivo Heim. Das beansprucht zwar die dreifache Zeit, die ich mit einem Taxi bräuchte, ist aber viel günstiger. Außerdem ist der Fahrer Fernando muy amable und stets bemüht Konversationen mit mir zu betreiben, auch wenn er 95% des Sprechanteils hat und ich nur freundlich nicke weil ich nicht wirklich folgen kann. Neben der sprachlichen Barriere erschwert auch der Lärm der kreischenden Grundschüler im hinteren Teil des Kleinbusses die Konversation. Da es hier offensichtlich keine Anschnallpflicht gibt, spielen die Kleinen fangen oder werfen Bälle umher…

Zweimal die Woche habe ich nach der Schule Spanischunterricht bei Mayra, einer Englischlehrerin vom MIC. Die anderen Tage verbringe ich mi Tina und Jenny, den anderen Freiwiligen oder mache Besorgung und putze, wasche, etc.(nerv). Tatsächlich hatte ich erst wenig Zeit um mich zu langweilen.

Neben einem Campingausflug zum ‚dia de la Juventud'(Tag der Jugendlichen) und einem Pizzaabend mit dem ehemaligen Freiwiligen Jakob, der uns viele Ratschläge und Reisetipps geben konnte, haben Tina, Jenny und ich uns für einen Salsakurs angemeldet.

Internationaler Pizzaabend

Außerdem war ich schon beim Kickboxen(ich habe noch nie so viel geschwitzt) und mit dem deutschen Lehrerkollegium anlässlich mehrerer Geburtstage Kuchen essen. Letzte Woche Freitag war die ‚TOUPI-GROUP‘, eine deutsche Bildungsorganisation am MIC. Der Gründer Fernando und seine beiden deutschen Kolleginnen versuchten in einem halbtägigen Workshop den Schülern*innen das Thema Demokratie auf spielerische Weise näher zu bringen. Nach dem Workshop gab es noch ein Essen mit der Group und Fernando, der ursprünglich aus Peru stammt zeigte uns die super leckeren und bekannten ‚Churros'(ein Teiggebäck, was in Öl frittiert und in Zucker gewälzt wird, mit einer super süßen Füllung).

Morgen ist die große Parade zum Frühlingsanfang und nächste Woche habe ich schon meine ersten Ferien, die ich bei Leron in Bogotá verbringen werde. Ich bin schon super gespannt auf die kommenden Wochen und freue mich in den nächsten Monate noch mehr neue Gerichte, Bräuche, Orte und Menschen kennen zu lernen!

2 thoughts on “So schön neu

  1. Liebe Anna: so also lebst du dich ein in eine Kultur, die sicher einerseits anders ist, aber nach deiner Schilderung nicht „fremd“, und wie schnell der andere Blick sich einstellt: zuhause, man möchte fast sagen „Heimat“, stellt sich ein, wenn bestimmte Routinen sich festigen, wenn der Tagesablauf „normal“ ist und nicht durch eine Ausnahme nach der andern fragmentiert wird. was mich sehr interessiert: wie hast du dir deine pädagogischen Fähigkeiten angeeignet und wie denkst du, wirken sie auf deine Kinder dort (mit den Kolleg*innen gehts wahrscheinlich leichter. Gibt es da Spannungen wzischen den „Alten“, d.h. erfahrenen, und den „Neuen“, d.h. euch, was die Erklärung udn Einschätzung von Situationen betrifft? Die spanische Sprache scheint dir gut über die Lippen zu gehen, und dass alle bienvenida sagen, zeigt nur wie relativ unhöflich es bei uns zugeht – da laufen ja auch dauernd nicht-Deutsche herum…
    Ich melde mich wieder, und freu mich auf weitere Berichte. Wenn das email funktioniert und die Berichte ankommen, schicke ich dir von Zeit zu Zeit etwas Neues hier, auch aus der Politik. Für Birgit hat heute die Arbeit wieder begonnen, ich arbeite weiter an der Diaspora, der Hund zwingt uns einen Tagesablauf auf, der ähnlich wie mit deinem Hahnenschrei beginnt, und es ist jetzt kalt. Ich umarme dich herzlich Opadax

  2. Liebe Anna, danke für Deine Berichte aus der <>!
    Ich hoffe, Du hast das kleine Beben heute heil & sicher überstanden?

    Greetz, Paps

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