Ferien in Bogotá-gar nicht mal so anders

Ich bin verschwitzt und orientierungslos und in meinen Augen glänzen schon Tränen, während ich, bereits zum zweiten Mal in den letzten neun Tagen, durch den Flughafen in Lima renne. Es ist 20Uhr, seit über vier Stunden warte ich im Jorge Chávez International Airport auf meinen Anschlussflug nach Trujillo, als mein Name aufgerufen wird. Die Stewardess am Schalter erklärt mir, dass ich vergessen hätte mein Gepäck in Lima(Zwischenstopp Bogotá->Trujillo) abzuholen und erneut aufzugeben (dass alles auf Spanisch). Da mein Boarding in fünf Minuten beginnt, werde ich leicht panisch: bereits auf meinem Hinflug von Trujillo nach Bogotá lief einiges nicht nach Plan(mein Zubringerflug wurde gestrichen und die Stewardess musste mir mitteilen, dass der Anschlussflug nach Bogotá nicht warten würde)aber ich schaffte es noch mit einem Sprint, der wahrscheinlich jede Bestzeit von mir sprengen würde, innerhalb von sieben Minuten im größten Flughafen Perus aus der Maschine aus Trujillo in den Flieger nach Bogotá. Mein Koffer war leider nicht so schnell aber einen Tag später wurde er sogar bis zu Lerons Haustür geliefert(: Außer meinem Freund Leron wohnen noch drei andere junge Kolumbianer*innen und ein großer schwarzer Hund in dem, für lateinamerikanische Verhältnisse, luxuriösen Haus.

Mein erster Eindruck von Bogotá war sehr positiv, es regnet zwar wirklich viel, aber es gibt auch viele trockene Stunden und ich habe sogar einen kleinen Sonnenbrand bekommen… durch das milde Klima, ist die Stadt sehr schön grün, überall gibt es kleine Grünflächen und Parks(das gibt es in Trujillo zwar auch, aber die Grünflächen sind nicht wirklich grün, weil es kaum regnet und alles vertrocknet). Außerdem fielen mir gleich die vielen Fahrradfahrer*innen auf, was mich ziemlich neidisch werden ließ, denn bis vor ein paar Wochen, konnte ich auch noch die meisten Wege in Hannover mit dem Fahrrad meistern. Eigentlich wollte ich mir in Trujillos auch ein Rennrad zulegen, aber mir wurde dringend davon abgeraten und tatsächlich sehe ich bei der aktuellen Verkehrslage hier auch kein sicheres Durchkommenen mit einem Fahrrad. Neben den Fahrradfahrer*innen sah ich auch seit einem Monat wieder Bushaltestellen und musste begeistert feststellen, dass die Kolumbianer weniger wert auf das hupen und dafür Mehr auf den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel sowie die Beachtung der Verkehrsregeln und eine korrekte Blinkersetzung legen. Obwohl Bogotá mehr als achtmal so groß wie Trujillo ist, kam mir die Stad viel ruhiger und gelassenerer vor. Viele Aspekte erinnerten mich sogar an meine (vergleichsweise kleine) Heimatstadt Hannover, wenn zum Beispiel eine Gruppe Studenten mit North Face Regenjacken auf Rennrädern vorbei saust und einen Schwarm Tauben aufscheuchen(Bogotá scheint ein Paradis für Tauben zu sein), fühlt man sich kurz auf die  Limmerstraße versetzt. Aber es gibt auch viele Dinge die „typisch Südamerikanisch“ sind(soweit ich das beurteilen kann…). Genau wie in Lima und Trujillo gibt es viele kleine tiendas und auf größeren Plätzen stehen Händler mit kleinen rollenden Verkaufstheken und wollen ihre Ware verkaufen, nur dass du hier beim Ananasveräufer sowie bei jedem Souvenirstand auch ’nen Regenschirm dazu bekommen kannst. Das Wetter in der viert höchsten Hauptstadt der Welt ist eben unberechenbar… aber mir gefällt es, Bogotá ist wie die perfekte Mitte zwischen meiner alten Heimat Hannover und der Neuen Trujillo.

Nachdem ich meinen Koffer am Sonntag Morgen geliefert bekommen hatte, machten Leron und ich uns auf, in das historische Zentrum ‚la Candelaria‘. Dort hatten wir uns für eine geführte Grafittitour angemeldet, die auf Englisch angeboten wurde.

Grafitti in la Candelaria

Eines der bekanntesten Kunstwerke aus la Candelaria

Neben den vielen beeindruckenden Kunstwerken erfuhren wir auf der Tour auch viel über die Künstlerszene und die wunderschöne Altstadt Bogotás. Wir waren so begeistert, dass wir nach der Tour erneut den Weg abliefen um uns die Graffitis noch einmal in Ruhe anschauen zu können und endeten schließlich in einem Burgerladen(wo auch sonst…).

La Candelaria

Leider war ich die kommenden Tage (höhen?)krank, deshalb verbrachten wir die meiste Zeit bei Leron in der WG und erkundeten nur die nähere Umgebung. Da wir beide nicht gerade begeisterte Kochprofis sind, aßen wir meistens außer Haus und so entdeckte ich eine neue landestypische Spezialität: ¡Empanadas!

Am Donnerstag ging es mir dann endlich besser und wir hatten große Pläne: wir wollten den höchsten Wasserfall Kolumbiens besuchen. Um 8Uhr morgens ging es los zum Abfahrtsort eines kleinen Busses, der einmal die Stunde nach Choachi fährt, wir verließen den Bus allerdings bereits auf halber Strecke nach ca. 80Minuten Fahrt in den Anden und machten uns auf den Weg zum Eingang des Naturparks. Leider war das Wetter an diesem Morgen nicht auf unserer Seite, aber die unglaubliche Flora, so wie die vereinzelten bunten, improvisierten Häuschen am Wegesrand munterten uns auf. Ich bekam Lust auf ein Leben in einem kleinen andineschen Bergdorf, wo jeder die Milch seiner eigenen Kuh trinkt und zum Frühstück die Eier der umherlaufenden Hühner sammelt. Der einzige Lärm stammt von den Regentropfen auf den Wellblechdächern und den Kindern, die in Gummistiefeln zwischen den Hühnern spielen.

Kleine Hütte mitten in der Natur

Eigentlich sollte man von diesem Punkt schon den Wasserfall sehen können….

Aussicht könnte nicht schlechter sein(:

natürliche Kunst

Nach einem zweistündigen Fußmarsch erreichten wir den Eingang des Naturparks, wo wir eine kurze Einführung bekamen und insgesamt 30.000Pesos also ca. 8.5€ Eintritt zahlen mussten. Bereits nach einer kurzen Wanderung erreichten wir den ersten kleineren Wasserfall, hinter dem man sogar gehen konnte.

Ab diesem Punkt wurde der Weg wirklich anspruchsvoll, es gab zwar einen vorgegebenen Trampelpfad, dieser war allerdings durch umgekippte Bäume, entgegenkommende Bäche oder knöcheltiefe Matschpfützen gar nicht so leicht zu passieren. Wir brauchten über eine Stunde bis zum ‚la Chorrera‘, dem höchsten Wasserfalls Kolumbiens mit einer Höhe von 590Metern.

Nach einer kleinen Verschnaufpause, ging es dann wieder zurück zum Eingang des Naturparks, aber große Lust den Weg bis zur Hauptsraße, wo der Bus fuhr zurück zu laufen, hatten wir nicht mehr… Sehr gelegen kam da das Schild ’servicio de transporte‘ an einem der kleinen Häuser nahe des Parks. Beim Warten auf den Familienvater, der uns mit seinem klapprigen Auto hoch zur Straße bringen wollte gab es dann noch mein persöhnliches Highlight des Tages(:

Die Welpen waren noch keine 2Monate alt

Insgesamt sind wir fast fünf Stunden in 2500-3000Metern Höhe gewandert – hat man am darauffolgenden Tag auch in den Gliedern gemerkt. Trotzdem hatten wir Lust unsere Körper noch ein weiteres Mal heraus zu fodern und machten uns am Samstag morgen auf zum ‚Cerro de Monserrate‘,dem 3152 hohen Berg im südosten Bogotás. Anders als am Mittwoch waren wir hier durchgehend von Touristen umgeben, die das gleiche Ziel wie wir hatten, manche pilgerten Barfuß, andere drängten sich in teuren Sportklamotten an uns vorbei um eine neue Bestzeit hinzulegen. Unser Aufstieg dauerte zwar nur etwa 70Minuten( damit liegen wir 20Minuten unter dem Durchschnitt, der Rekord liegt allerdings nur bei 18Minuten…), ging aber durchgehend bergauf und war daher extrem anstrengend. Endlich Oben angekommen schlenderten wir durch den kleinen Markt, an dem jeder Stand das selbe anbat(Regenschirme, Souvenirs, Traumfänger und traditionellen Schmuck) und flanierten dann über die Fressmeile. Wir entschieden uns für einen Laden, der eine kleine Panoramaterasse hatte und tranken selbstgemachten Maracujasaft(leider in Plastikbechern).

Man sollte meinen, der Abstieg sei dann ganz einfach gegangen, aber mit unseren noch vom Donnerstag vorbelasteten Beinen war dieser ähnlich anstrengend wie der Aufstieg… Mit zitternden Beinen machten wir uns ein weiteres Mal auf nach la Candelaria um uns in Leron neuem Lieblingsladen(weil man dort FIFA spielen kann und es Burger zum kleinen Preis gibt) zu stärken.

Am Sonntag morgen brachen wir zum Flughafen auf. Nach einigem Warten und Hoffen an der Bushaltestelle(Fahrpläne gibt es nicht) kam der richtige Bus und alles lief super nach Plan, mein Flugzeug nach Lima startete sogar fünf Minuten zu früh… In Lima hatte ich fast fünf Stunden Aufenthalt und zum ersten Mal wählte ich den Ort zum Essen nach dem „free Wifi“-Schild im Schaufenster(ziemlich uncool, ich weiß). ‚Pink berry‘ hieß der Laden meiner Wahl, der überteuertes und nicht wirklich leckeres Joghurteis verkaufte. Das WLAN war kaputt…. Da bei Starbucks und MC Donalds(die einzigen anderen Geschäfte mit Wifi) alle Tische besetzt waren, beschloss ich mich meinem Schicksal hinzugeben und die Zeit mit einem Buch im Wartebereich vor dem Gate totzuschlagen…. und damit zurück zum Anfang der Geschichte, nach dem ich bereits über vier Stunden gewartet hatte wurde mir mitgeteilt, dass ich zurück zum Eingang solle um meinen Koffer abzuholen und erneut aufzugeben(auf dem Hinflug hatte mir noch ein freundlicher Mitarbeiter versichert, dass bei Anschlussflügen das Gepäck immer automatisch weitergeleitet und nicht abgeholt werden müsse…) Da mein Boarding schon anfing und ich noch die Hoffnung hatte wie auf dem Hinflug auf wundersameweise den Anschlussflieger doch zu erwischen, legte ich erneut einen Sprint hin. Mein Optimismus wurde aber schnell durch die zuständigen Flughafenmitarbeiter ausgebremst(die mich an die Faultiere aus Zoomania erinnerten) die nicht wirklich Lust hatten sich zu beeilen. An der Gepäckabgabe wurde mir dann gesagt, dass mein Koffer nicht mehr ins Flugzeug könne, was ich jetzt machen solle wusste aber keiner so genau. Bis ein englischsprechender Mitarbeiter gefunden war, der außerdem wusste was zu tun war, war mein Flugzeug bereits abgehoben und ich den Tränen nahe. Zu meinem Glück, gab es noch am gleichen Abend einen weiteren Flug nach Trujillo, so dass ich nur eine weitere Stunde am Jorge Chavéz ausharren musste. (Die Fluggesellschaft hat wirklich Glück, dass ich nicht so ein Mensch bin, der sich im Nachhinein beschwert oder Internetrezensionen schreibt, denn von mir würden die sicher nur einen Stern bekommen…)

P.S.: ich habe es endlich geschafft, auch in die älteren Beiträge Fotos einzufügen

3 thoughts on “Ferien in Bogotá-gar nicht mal so anders

  1. Danke für den Bericht. Abenteuerlich. Es freut mich von Dir so viel Positives zu hören und dabei ganz nebenbei auch soviel über Leron. Der ist ja ziemlich schreibfaul. Lasst es Euch gut gehen.

  2. Hi Anna! Dein Bericht – eigentlich schon fast Erzählung – gefällt mir gut! Und ich finde es spannend zu lesen wie es Dir geht, worüber Du reflektierst und was den Kulturunterschied ausmacht in Deinen Erlebnissen zur bspw „Limmerstraße“… Hilfreich und bewegend finde ich auch Deine Fotos, die mir ein bisschen Einblick geben in das was zu schreibst. Freue mich drauf mehr von Dir zu lesen… wenn ich denn darf, aber Lulu hatte den Link gesendet und da bleibe ich nun dran… Viele Grüße aus der List von Frank

  3. So viele Erlebnisse in wenigen Tagen wie in Hannover in einem ganzen Jahr!!! Du hast schon so viel erlebt und ‚et is ja immer noch mal joot jejanje‘ (würde der Kölner sagen). Nun hat Dich vermutlich der Alltag wieder in Besitz genommen und Du darfst deutsche Vokabeln vorsprechen. Bleib gesund und ganz herzlichen Dank für Deine umfassenden Reisebeschreibungen. Gibst Du nächstes Jahr ein Buch heraus?

    Bis dann
    Opa Manni

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