Vielleicht weinen die Bäume

Wir weinten tränenlos

Weil das Salz ausgegangen

Sahen wir aussichtslos

Weil das Sichtfeld verschwommen

Schrien wir lautlos

Weil der Ton benommen

Sprachen wir sprachlos

Weil wir keine Worte fanden

Lachten wir hemmungslos

Weil der Schock uns überfiel

Schlugen wir

Herzlos

Um uns getrost

zu schützen, und

Wir lebten zeitlos

Weil die Birken noch dort standen

Und die Gedanken nicht verschwanden

Fühlten

Leere

Und dann atmeten wir tief

Weil unsere Herzen Luft brauchten

Und jetzt stehen wir wieder dort

Wo wir vorher standen

Und wir begreifen nichts

Überhaupt nichts

Vielleicht weinen die Bäume

Das Gedicht kommt zu früh

Atem wiederfinden, in dieser Beziehung.

Mein Körper kann’s noch nicht ganz fassen.

Dass das jetzt wirklich endlich war.

Umso besser, dass da Luft ist.

Ich ringe schon nach innen hin.

Seh dich auf dem roten Sofa,

liegend wie ein Embryo.

Auf dem Stuhl, mit freien Schenkeln.

Im Bett, dein Kopf, am Arm entlang,

dein schwarzes Haar am weißen Körper.

Hast dich eingeschrieben in die Möbel.

Dein Geruch im Kissen.

Ich könnt dran riechen, stundenlang.

Nummer löschen reicht nicht aus.

Brauch die Liste

Mit den Sperrmüllterminen.

Das Gedicht kommt zu früh.

Später, am Tag, soll was passiern.

Früh morgens durch die Stadt.

Heimkommen.

Menschen in der Bahn, wir sind anders. Irgendwie.

Feixen, schwelgen, teilen unseren Schock.

Schauen auf den Tag. Und die Nacht.

Leere Bürgersteige, bisschen Wind. Zum Glück, ich atme.

Lange her, so in der Früh.

Rentner holen Zeitung rein. Gelbe Lichter aus der Wohnung.

Ich bin verliebt, und ahn‘s noch nicht.

Später, am Tag, soll was passiern.

Müder Kopf bringt mich ins Bett.

Schaltet stumm, Gott sei Dank.

Grauer Himmel, Kaffee, Toastbrot.

Tag ist aus der Zeit gefallen.

Mein Herz fängt wieder an, zu schlagen.

Wegen dir? Oder des Koffeins?

Oben, am Balkon zum fünften Stock, da seh ich Sonnenlicht.

Schickt mir einen Abschiedsgruß.

Ich denk an dich.

Scherz am Rande

Ein Junge und ein alter Mann saßen sich an einem Tisch im Café gegenüber. Die Nachmittagssonne lag auf den Schultern des Mannes, im Gesicht des Jungen. Der Mann erzählte, der Junge hörte zu. Zwischendurch pausierten sie. Tranken. Lecker schmeckte die süße Schorle, die der Junge bestellt hatte.

Der Kellner kam, und bat die beiden, ihre Daten zu hinterlassen. Es waren diese Zeiten, in denen man sich überall in Listen eintragen musste. Als Treuebeweis. Dem alten Mann ging’s auf den Sack.

„Die denken wieder, wir sind Vater und Sohn!“, stänkerte er, denn der Kellner hatte ihnen nur eine Liste gebracht. Der Junge lachte. Der alte Mann gluckste. Und wenn’s so wär? dachte der Junge, und lächelte den alten Mann an. Wie wäre ich dann? Wie wärst du dann?

Mindestens ein Instrument würd ich spielen, und Noten rückwärts lesen können, Freunde hätt ich, und ulkig wär ich, und ziemlich peinlich würd ich dich finden. Prahlen würd ich mit meinem Wissen. Und gähnen, wenn’s ne Premiere gäb.

So spekulierte er fort, bis der alte Mann den letzten Schluck seines Kaffees austrank und, so der Lauf der Dinge, aufstand. Er erzählte dem Jungen beherzt, was er noch zu tun hatte. Der Junge nickte.

„Kann ich das abräumen?“, fragte der Kellner. Der alte Mann bejahte. Und ehe der Kellner ein Wort von der Rechnung sprach, fügte der alte Mann hinzu: „mein Sohn zahlt!“

Der Scherz war wärmend. Der Junge schmiegte sich ins Lächeln des alten Mannes. Er hätte ihm gerne einen Scherz zurückgegeben. Vielleicht auch was Provozierendes. Was Pubertäres, wie es Söhne tun. Der Mann schien zufrieden mit dem Lächeln und ging. Der Junge war auch zufrieden.

Dann, als er schließlich alleine war, aufgewühlt, wütend auf den alten Mann, was dieser sich erlaubte. Wie er ihn nannte! Aus heiterem Himmel.

Er beruhigte sich, machte es sich auf dem sanften Scherz bequem, und genoss die Sonne. Er war berührt, als wär‘s kein Scherz gewesen.

Ossobuco

Ein Sohn rief seinen Vater an, weil er seine Stimme hören wollte. Der Vater nahm den Hörer ab.

„Hallo?“

Dem Sohn gefiel die Gewissheit, zu jeder Minute, jeder Stunde, eine Begrüßung des Vaters zu hören.

„Hallo, Papa!“, euphorisch überschlug er sich und machte es sich mit dem Hörer am Ohr gemütlich.

Bald kamen sie auf die Krankheit des Vaters zu sprechen. Leider. Denn egal, was der Sohn sagte, der Vater vermochte irgendeine Assoziation zu seiner Krankheit herzustellen. Sprach er einmal von seiner Krankheit, dann drehte er minutenlange Kreise, wütete, tobte, litt. Der Sohn schaltete ab, sank in seine eigene Welt. Rauschen. Nebel. Dafür hatte er ihn nicht angerufen. Sein Selbstmitleid, seine Angst, sein Zorn. Er verlor seinen Vater und umgekehrt. 

Dann, irgendwann, fragte der Vater: „weist du denn schon, was du dir heute Abend kochst?“

Der Sohn schüttelte den Kopf. Schwieg. Paprika mit Gehacktem? Pfannekuchen? Nudeln?

Der Vater wartete nicht lange, begann von seinen Essensplänen zu erzählen. Lebendigkeit kehrte ein. Detailliert beschrieb er dem Sohn, wie er das Ossobuco zubereiten wollte, was er garen, wie lange er es köcheln und womit er würzen wollte. Der Sohn interessierte sich, denn er wusste, dass der Vater gut kochen konnte und dass ihm gutes Essen viel bedeutete. Er stellte Fragen und versuchte zu verstehen, welche Arbeitsschritte es einzuhalten galt. In diesen Momenten spürte er seinen Vater. Lächelte am anderen Ende der Leitung und trocknete seine Tränen.

Sie verabschiedeten sich. Der Sohn begann zu kochen. Und es schmeckte. Besser als das Essen.