Teil 3

Ich wünsch mir, einen Bruder. Bist du Herz oder Kopf? Weg von hier. Flucht ist geil. Lass mich dein Matchboxauto sein. Dein Maschinengewehr. Warum fällt Wut vom Himmel. Warum kriecht Trauer aus der Erde? Wenn Bienen nicht mehr frei sind, wie viele Blumen sterben dann. Bin ich verloren. Ist das Rätsel unlösbar. Halt Gott, ich will deinen Rat doch hören

Teil 2

Ich zeig dir, wo ich hin will. Gesellschaft, bist du mit mir? Ist Luxus zählbar, und wenn ja, wie viel Minuspunkte gibt es. Wenn ich arm wär, würd ich dann mehr verstehn? Gibt es Mücken auch im Winter, und Wohlstandsbäuche auch in Afrika. Warum ist Süden unter uns. Bin ich weiß, weil du schwarz bist. Was haben wir gemeinsam? Sind Sterne wirklich gelb. Wenn du gelb bist, bin ich lila

Teil 1

Ich frag mich, macht Regen eigentlich wund? Lässt Weinen los. Können Fliesen warm sein. Ist mein Fokus Willkür. Bin ich allein. Wer gehört zu mir. Ist Papa dick. Und Mama doof. Sucht mich jemand, und wenn ja, bis wann. Auf welches Telefon? Wenn das hier vorbei ist, reden wir dann. Schreibst du mir ein Regenlied. Ich werd dazu tanzen

Von Fahrtrichtung und Fernbeziehung

Neben mir in der Tram küssen sich zwei Menschen. Um nicht den Eindruck des Spannens zu erwecken, konzentriere ich meinen Blick auf das, was in der anderen Richtung, in Fahrtrichtung passiert. Das Umlenken des Blickes geschieht betont langsam, beiläufig, als hätte ich es ohnehin vorgehabt, um auch den Eindruck des Geniertseins zu vermeiden.

In Gedanken bin ich noch bei dem Pärchen. Wie schön, der Kuss. Und wie schön, wegschauende Zuschauerin der Szenerie zu sein. Ich denke an ein Gespräch mit einer Freundin über die Freuden und Leiden ihrer Fernbeziehung. Sie kommentierte: „das ist wohl das Los der FIFA“. Ja, im Einjahres-Rhythmus den Ort wechseln zu müssen, macht eine Fernbeziehung fast unvermeidbar. Egal, wo wir einen Menschen kennenlernen, nach einem Jahr werden wir sie oder ihn wieder verlassen. Abschied und Neuanfang werden zur Gewohnheit, Nähe und Ferne zur Trivialität. Es sei denn, es ist jemand innerhalb der FIFA. Das ist unsere einzige Konstante – unsere Nahbeziehung, unser Jetzt. Alles andere, Zuhause, Bordeaux, Stuttgart, Himmel, Meer ist Ferne, unterliegt dem Abschied.

Mal schaun, was mir das FIFA-Los bringt…

Nachtrag: eine kurze Liebeserklärung ans verpönte Fliegen

Ich bin mir meiner Ambivalenz bewusst. „Frag nicht.“, sage ich denen, die verwundert, enttäuscht oder provokant ihre Augenbraue hochziehen, als Reaktion auf meine beiläufige Aussage, dass ich meinen Rückflug nach Bordeaux am 5.1 nähme. Ich mache als Unterstützerin von Fridays for Future und Verfechterin der Grünen, die sich für eine Strecke von 1200 km ins Flugzeug setzt, aus meiner Inkonsequenz keinen Hehl. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Und ich habe sie getroffen, aus einem Gemütszustand und bestimmten Umständen heraus, die ich heute noch nachvollziehen kann, aufgrund derer ich mich mir gegenüber empathisch zeige. Ertragen muss ich die Entscheidung, niemand anders, und auch muss ich die damit verbundenen Konsequenzen – wie eine gelegentlich hochwandernde Augenbraue meiner Gesprächspartner – ertragen, natürlich.

Was mich dazu bewegt diesen Text zu schreiben, ist weder die Bewältigung meines Kerosin-Traumas noch das erneute Aufgreifenwollen einer umweltpolitischen Debatte, sondern die Erkenntnis, dass auch große Scheiße sehr schön sein kann.

Ich genieße es, die Beschleunigung des Flugzeugs zu spüren, kurz vor Abflug, wenn das Geschoss ins Rollen kommt, und dann plötzlich von null auf hundert mit heißen Rädern über die Abflugbahn rast. Diese Geschwindigkeiten, die ich so selten spüre, lassen mich glauben ich befände mich in einem Actionfilm, Apollo 19 oder Star Wars. Mit voller Wucht werde ich in meinen Sitz gedrückt, liefere mich den physikalischen Kräften aus, für die ich mich sonst nicht im Traum interessieren würde, und antizipiere den Ruck, der mir signalisiert, dass ich jetzt in den Luftraum eintrete. Ich blinzle aus dem Fenster schräg vor mir. Es ist zugezogen. Wenige Minuten später durchdringen wir die Wolkendecke. Wattebäuschen rauschen in Millisekunden an mir vorbei. Und plötzlich Sonne. Ich schaue herab auf eine endlose Wolkendecke, als befände ich mich in einer anderen Welt, in einer anderen Dimension, auf der Sonnenseite. Sie ähnelt stark einer unpräparierten Skipiste. Grinsend, und mit Vorfreude auf das kommende Skiwochenende fliege ich über die Skipiste. Faszinierend – wie Scheiße schön sein kann.

Leben ist wieder da

Nach meiner letzten Klausur entscheide ich mich spontan noch einmal zum Strand zu fahren. Bei winterlichen 14 Grad schmeißen wir uns gemeinsam auf unsere Bretter und tauchen unter der ersten Welle hindurch. Anders als sonst, brennt die Kälte diesmal im Gesicht. Das Meer ist aufgewühlt, die Wellen lassen sich kaum bändigen, zu groß und zu kraftvoll. Jedes mal wenn wir eine Welle anpaddeln wollen, werden wir umhergeschleudert. Ich genieße die Machtlosigkeit, gebe mich der Meereskraft hin. Das Leben ist wieder da.

Von Surfentzug und der Schönheit, mit sich selbst zu sein

Verschlafen und ein bisschen getrieben von der To-Do Liste, die es gilt mit Häkchen zu versehen, rolle ich mich aus dem Bett. Eine lange, aber nicht übertrieben lange Nacht, die Erfahrung, das erste Mal aus einem Club rausgeschmissen worden zu sein, ein ansonsten etwas zielloses Kneipenhopping liegen hinter mir. Drei Stunden, um einen Vortrag vorzubereiten liegen vor mir. Es ist tatsächlich mehr der Stress, die Sorge, nicht fertig zu werden, meine Verpflichtungen nicht zu erfüllen, die mich aus dem Bett treiben, als Lust auf einen neuen Tag. Aber (und das wiegt den Rest wieder auf): Was auch auf mich wartet, ist das Meer! Ein bisschen Wellensehen, ein bisschen Wellenreiten, ein bisschen Zeit für die Seele. Meine Vorfreude tanzt voller Sehnsucht und Kaltwasser-Erwartung…

Bis mittags um zwölf. Mein Surfkumpel schrieb: „wir denken die ganze Zeit nach, sind echt hin und hergerissen, ob wir das heute machen sollen […]“ Ich las weiter, doch die übliche tiefgreifende Enttäuschung stellte sich auch in der letzten Zeile nicht ein. Wahrscheinlich hielt meine Müdigkeit mich von einer allzu großen Gefühlsregung ab. Alle guten Dinge sind drei, fällt mir ein. Zwei Angebote meiner Bekannten, Surfen zu gehen, hatte ich in den letzten Wochen abschlagen müssen (Stress, Zeitmangel, krank…). Aber wer hätte gedacht, dass das dritte Mal Surfentzug auf solch einem abstrusen Grund beruht?

Ich schreite durch die Winterkälte, an Unigebäuden, menschenleeren Campus und Tramstationen und einem überschwemmten Radweg vorbei. Nach langer Zeit habe ich das Gefühl, meine Umgebung wieder wahrzunehmen, die Kälte zu spüren, mich nicht über sie zu beschweren, die wenigen Menschen und das, was sie beschäftigt wahrzunehmen, die von einem Fußballplatz her schallenden Schreie zu hören, das Auftreten meiner Füße zu spüren, meine Lebendigkeit zu spüren, und mir bewusst zu werden, über das Geschenk an mich selbst: die Entscheidung, spazieren zu gehen, Zeit mit mir selbst zu verbringen, nur für mich.

Auf meinem Spaziergang schmunzle ich: Kokain ist es, das mir einen dritten Surfentzug beschert. Vor einer Woche hatte ich es in den Nachrichten gelesen – rund eine Tonne Kokain sei an der französischen Atlantikküste vor Bordeaux angeschwemmt worden, betroffen sei unter anderem der Surferstrand Lacanau. Damals hatte ich gelacht. Dass ich über mein eigenes Schicksal lachte, hatte ich nicht geahnt. Die Strände sind also gesperrt, zu hoch sei die Gefahr an einer Überdosis zu sterben. Ich frage mich, ob es möglich ist durch Surfen high zu werden.

Und, ich frage mich: Wie habe ich die Schönheit eines Spaziergangs vergessen können? Ich nehme mir vor, öfter spazieren zu gehen – unabhängig von Surfentzug und Kokainstränden – öfter mit mir selbst zu sein.