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Tag 161 – Backfisch

„Frische Fische“ gibt es heute in Rijeka und damit meine ich – naravno – Merle (und John).

Meine letzte Arbeitswoche (und zugleich auch letzte Woche in Rijeka) bricht an und das heißt in erste Linie eines: Wissenstransfer ist angesagt. Denn durch das Corona-Chaos und die in Folge etwas verspätete Ausreise im Oktober haben wir jetzt den Vorteil, dass „Alt“ und „Neu“ sich begegnen und austauschen können.

Und das nützen wir natürlich nicht nur auf Arbeitsebene aus: Nach einem Crash-Kurs in Deutschunterricht à la Sonja ziehen wir weiter in die Stadt. Merle wechselt ihr Geld und ist schwuppdiwupp (was für ein schönes Wort – sollte man echt öfters benutzen) um einiges reicher (zumindest auf dem Papier). Wir laufen an der Schule vorbei (denn die ruft erst später) und pilgern zum Hafen. Der erste Kaffee steht an.

Dort stößt schließlich auch John zu uns, gerade rechtzeitig für Stopp Nummer zwei: Das Mittagessen. Ich entscheide mich für Hai, John nimmt ein Thunfischsteak und Merle einen (wenn auch eher Sandwich-förmigen) Burger. So gestärkt gilt es das bewährte Sportprogramm Rijekas zu bewältigen: Trsat. Ein wenig ins Schnaufen kommen wir alle und doch bemerke ich, dass das Training der vergangene Wochen und Monate bei mir nicht ganz ohne Effekt geblieben ist. Oben angekommen bläßt der Bora die Wolken hinaus aufs Meer; die Sonnenstrahlen glitzern auf Rječina und Meer.

In Poleposition genießen wir Kaffee (bzw. Schokolade) Nummer zwei, dann geht es auf diesmal verwinkelten Pfaden wieder hinab. Kaffee Nummer drei steht an, diesmal in Gesellschaft von Dosi. Und dann ist es soweit: Merle betritt das erste Mal unsere Schule, die Arbeit beginnt. Wobei „Arbeit“ heute fast der falsche Begriff ist: In der ersten Stunde planen wir mit den Abiturient*innen eine Reise, dann zeige ich Merle die Schule und abschließend gibt es eine Stunde zum Thema „Deutsche Musik“. Klingt eher nach Vergnügen und ist es auch. Ein letztes Gespräch mit dem Schulleiter – der mir ein paar warme Worte zum Abschied mitgibt – und etwas melancholisch geht es nach Hause (ja Dosi, man kann hier „gehen“ sagen 😉 ). Ein paar Wolken heben sich effektvoll vom nachtblauen Himmel ab; ich bin müde, aber glücklich.

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Tag 160 – Treibholz

Wie beginnt man einen sonnigen Sonntag? Natürlich am besten mit Chocolate Chip Cookies. Dabei habe ich die nicht ohne Hintergedanken gebacken: Zum einen steht heute Abend ein WG-Essen an, zum anderen gilt es Merle zu begrüßen.

Da sich meine Nachfolgerin allerdings noch ein wenig Zeit lässt, beschließe ich den schönen Tag für einen Spaziergang zum Strand zu nutzen – das Ziel: Treibholz sammeln*.

Und Treibholz lautet dann auch das Motto des Tages – denn noch bevor ich meinen Lieblingsstrand erreiche, biege ich einem Impuls folgend Richtung Meer ab. Ein Weg ist es nicht, aber mit etwas Balance und viel kindlichem Spaß lässt sich auch über die  Hafenbefestigung das Wasser erreichen. Unbeschwert springe ich von Stein zu Stein und entdecke dabei einen wahren Schatz an angespülten Hölzern. Noch dazu eröffnet sich mir ein immer besserer Blick auf den Container-Hafen in den – was für ein Timing – gerade ein Schiff einfährt.

Ich bahne mir meinen Weg auf dem Steinwall bis ganz zur Spitze, dann biege ich nach rechts gen Hafen ab. Ein löchriger Zaun läd mich ein hindurchzutauchen und ich entdecke Reste bemalter und mit Mosaiken dekorierter Betonwände. Ein ausnahmsweise nicht-löchriger Zaun setzt meinem Entdeckerdrang am Hafengelände allerdings vorerst ein Ende. Auch sehe ich einen Wachmann in der Ferne auf mich zulaufen und beschließe besser umzukehren. Auf dem Rückweg sammel ich fleißig meine Hölzchen ein und lasse mich an einer windgeschützen Stelle nieder. Was für ein schönes Plätzchen, um ein Buch zu lesen…

Allzu lange kann ich jedoch nicht bleiben, denn der Kaffee ruft! Dosi holt mich Zuhause ab und zusammen sammeln wir Merle an ihrem neuen Domizil ein. Keine fünf Minuten später sind wir in Rijekas zweitem Einkaufszentrum, dem ZTC, wo Dosi uns auf eine verborgene Terrasse mit wunderschönem Ausblick auf Ucka oder den Hafen führt. Bei Kaffee und Cedevita lernen wir uns kennen – kroatischer geht es wohl nicht. Und damit Merle nicht nur von uns, sondern auch von ihrer zukünftigen Heimat einen (guten) ersten Eindruck erhält, nehmen wir uns im Anschluss noch Zeit für einen Spaziergang von der Schule über den Korzo zum Hafen.

Alles andere muss hingegen bis morgen warten, denn das Abendessen will vorbereitet werden: Rinderbraten mit Semmelknödeln, Pilzrahmsoße und Salat – all das braucht nicht nur Liebe, sondern auch etwas Zeit. Doch als alles endlich dampfend und duftend auf dem festlich gedeckten Tisch steht, bekomme ich einen Anruf von Merle: Ihr neuer Mitbewohner hat sie versehentlich eingeschlossen, sie können nicht hinaus. Tja, was kann man da tun? Wir fangen schon einmal an mit essen. Glücklicherweise werden Merle und ihr Kumpel John bald von der Mitbewohnerin befreit und stoßen zu unserem Festgelage dazu. Und den großzügigen Portionen sei dank, ist auch noch genug von allem übrig, sodass jede*r nicht nur satt wird, sondern kugelrund und glücklich in den Stühlen hängt. Um darüber hinaus auch den Abend noch schön abzurunden, verlagern wir unsere trägen Leiber auf die Couch und spielen ein paar Runden Karten. Wer hätte das gedacht: Da erlebe ich in meinen letzten Tagen doch noch eine Premiere!

 

*Wofür ich das Treibholz brauche? Lasst euch überraschen 😉

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Tag 159 – Galionsfigur

„La Traviata“ – eigentlich hatte ich meine Opernkarte schon für vergangenen Dienstag gekauft. Nur leider bekam ich an besagtem Vormittag eine Mail mit der Nachricht, die Solistin sei krank. Tja, da blieb mir doch glatt die Arie im Halse stecken. Dabei hatte ich die letzten zwei Tage immer wieder die Melodie von „Libiamo, ne‘ lieti calici“ vor mich hingesummt.

Was für ein schönes Lied für eine Hedonistin wie mich – oder was meint ihr?

With you, with you I’ll be able to share
my cheerful times.
Everything is foolish in the world
which is not pleasure.
Let’s enjoy ourselves, for fleeting and quick
the delight of love is:
it’s a flower that blooms and dies
and can no longer be enjoyed.
Let’s enjoy ourselves, fervent
flattering voice invites us!
Ah! Let’s enjoy the cup, the cup and the chants,
the embellished night and the laughter;

let the new day find us in this paradise.

Der Text hier ist übrigens wohlweislich auf Englisch – für alle Banausen wie ich, die kein Italienisch verstehen. Gesungen wird er – auch (oder besser gerade auch) in Rijeka – natürlich auf Italienisch. Schließlich ist es kein Zufall, dass in Rijeka angesichts der Historie der Stadt und dem in Sichtweite liegenden, stiefelförmigen Land traditionell vor allem italienische Opern aufgeführt werden.*

Doch falls ihr weder mit dem Lied, noch „La Traviata“, noch Opern im Allgemeinen etwas anfangen könnt – ich muss zugeben, der eigentliche Grund, warum ich in die Oper wollte, war schlichtweg das Gebäude: Schon von außen ist die Rijeka-Ausgabe des Kroatischen Nationaltheaters ein absoluter Hingucker. Jetzt wollte ich es also auch von innen betrachten! Und ich muss sagen: Erwartungen übertroffen!

Natürlich hatte ich auch keine Kosten gespart: Ganze 120 Kuna (also etwas über fünzehn Euro) habe ich in meine Karte für meine eigene Loge investiert. Während das Orchester seine Instrumente stimmt, ergötze ich mich an dem Traum aus Weiß und Gold. Besonders hat es mir der beeindruckende Kronleuchter angetan. Aber auch die halbnackten Galionsfiguren** fallen mir ins Auge. Nach fünfzehn Minuten hat sich der Saal gut gefüllt – trotz obligatorischem Abstand: Im Parkett sind einige Plätze freigelassen worden, in den Rängen trennen Plexiglasscheiben die Logen voneinander ab.

Und auch auf der Bühne zeigt sich ein etwas ungewohntes Bild: Das Orchester trägt Maske, die Solisten*innen haben alle ihren eigenen Plexiglasbereich. Um trotzdem ein „Zusammenspiel“ zu ermöglichen, werden die Szenen über Stühle „verbunden“. Sie wirken als Ankerpunkte im Raum, wann immer nicht schmachtend an den Scheiben geklebt wird. Der Chor taucht nach wenigen Minuten in den Prinzenlogen auf, mit Visier vor dem Gesicht und lila Luftballons in der Hand (der Sinn von Ersterem ist mir klar, das Zweite werte ich mal als künstlerische Freiheit). Und auch sonst verstehe ich zunächst nicht viel. Denn obwohl ich „La Traviata“ schon einmal gesehen habe, ist das doch schon eine ganze Weile her. Auch die kroatischen Übertitel helfen mir nicht wirklich. Trotzdem habe ich kaum das Verlangen, den Inhalt der Oper zu googeln – die Musik transportiert die Gefühle und das ist das Wichtigste: Ohne die Worte zu verstehen, weiß ich, dass es um Amore (alias „ljubav“) geht, Sehnsucht und Leid. In der dritten Pause bemühe ich schließlich doch Wikipedia und das Puzzle fügt sich zusammen.

Als „La Traviata“ („die vom Wege Abgekommene“) am Ende an der Tuberkulose stirbt (übrigens auch eine Atemwegserkrankung – ich hoffe, das ist kein unheilvolles Zeichen), kullern mir ein paar Tränchen aus den Augen. Fleißig spende ich Applaus, bis sich meine Hände ganz taub anfühlen. Beim Betrachten des „Abspanns“ fällt mir ein Name besonders ins Auge: Valentin Egel – der Dirigent. Tja, dann war ich wohl nicht die Einzige „Tedeschi“ an diesem Abend. Nur, dass er mit verwegen wehendem Haar das Orchster durch die Partitur geführt hat, während ich entspannt in meinem Polstersessel lümmelte. Und das mit – ebenfalls – 26 Jahren! Vielleicht sollte ich auch so langsam in die Puschen kommen? In jedem Fall: Ein inspirierender Abend!

 

 

*Ganz abgesehen davon, dass meines (zugegebenermaßen sehr beschränkten) Wissens fast alle Opern von italienischen Komponisten stammen (oder – siehe Mozart – in italienischer Sprache verfasst sind). Die deutschen Opern (also zumindest die von Wagner) sind außerdem nicht nur von grausamer Länge, sondern auch deprimierend düster (ich hatte da mal ein Schnäppchen-Ticket (ich meine: Zehn Euro für fünf Stunden!) und bin bereits nach einer Stunde freiwillig gegangen). Wer kann es Rijeka da verdenken, dass nicht „Siegfried“ auf dem Programm steht? Also ich nicht…

**Wusstet ihr, dass „Galion“ von Balkon kommt? Passt also genauso ins Theater wie an den Bug eines Schiffs 😉

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Tag 158 – An Bug und Heck

Arne zählt Botschaften, ich Autokennzeichen. Zum einen, da ich die meisten davon mittlerweile schon ganz stolz an Orte zurückverfolgen kann, die ich bereits besucht habe: RI, ZG, PU, GS, ZD, SI, ST, DU, MA, DE, KA, VZ, OS – so liest sich mein Kroatienaufenthalt in Kennzeichen. Und zu denen kann ich bald auch noch BJ, SK, SB, VU, DA, KV hinzufügen – gar nicht mal so schlecht für sechs Monate.

Der zweite Grund ist, dass man hier in Rijeka bzw. in Kroatien unglaublich viele deutsche Kennzeichen zu Gesicht bekommt. Allein auf meinem Weg zum Supermarkt bin ich heute an acht Autos mit deutscher Zulassung vorbeigelaufen (und an diesem bezaubernden Garten).

Spring in the City

Klar, es gibt auch ein paar italienische, slowenische, ungarische, tschechische, serbische und einige österreichische, bosnische und mazedonische Autos auf den Straßen (ich hoffe, ich habe jetzt keinen vergessen). Aber die besondere Beziehung Kroatiens zu Deutschland spiegelt sich eben auch auf vier Rädern wieder.

Tag 157 – Ausbooten

Draußen scheint die Sonne, drinnen, in meinem Inneren sieht es düster aus. Weniger als einen Monat Gnadenfrist, bis es wieder zurückgeht. Gestern Abend gab es von kulturweit aus ein Vernetzungstreffen – die „alten Hasen“ mit den „neuen“. Und auch wenn keines unserer kroatischen neuen Häschen dabei war, fand ich es doch spannend, all die vielen Exfreiwilligen und Freiwilligen in spe auf einem Haufen zu sehen.

Ein wenig bittersüß war die Veranstaltung natürlich trotzdem: Nicht, dass ich meine Nachfolgerin Merle nicht mag (wenn ich meine Stelle in Rijeka jemandem gönne, dann ihr), aber ab und zu fühlt man sich doch ein wenig „ausgebootet“. Ja, wenn ich könnte, würde ich mein FSJ gerne – wie Josi und Pius in Bulgarien – verlängern. Doch im Gegensatz zu den jungen Hüpfern um mich herum, muss ich so langsam erwachsen werden und eine Arbeit finden. Und das ist einfach nur frustrierend. Was nützt es mir, wenn in Absagen beteuert wird, wie leid es den Unternehmen tut – etwas daraus lernen kann ich nicht. Viel hilfreicher wäre es, einmal einen Tipp zu bekommen, wo ich mich noch verbessern könnte. Aber da hört die so oft zitierte deutsche Ehrlichkeit alias konstruktive Feedback-Kultur nun mal auf.

Doch genug Trübsal geblasen. Vor mir sitzen 20 Schüler*innen voller Träume und Ideale. Die Realität kann warten. Heute geht es stattdessen um Musik. In dem Sinne: Rijeka, ja volim te!

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Tag 156 – Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Nach der Prüfung ist vor der Prüfung: Heute steht der Gespannschaftswettbewerb auf dem Stundenplan. Unsere Kandidatin hat es eine Runde weiter geschafft und so haben wir das Vergnügen neben dem Leseverstehen heute auch ihr Hörverstehen zu prüfen. Damit dabei jedoch alles mit rechten Dingen zugeht, sitzen Dosi und ich im Raum mit den Prüflingen des Nachbargymnasiums und deren Lehrerinnen wiederum bei unserem Schützling.

So war zumindest der Plan. Denn wie viele unserer Schüler*innen (und nicht zu vergessen unsere Seele von einem Pförter Roberto) befindet sich auch einer der Kandidaten in Selbstisolation, das heißt er muss den Test von Zuhause aus schreiben. Und so sitzt mir statt eines Schülers nun seine Lehrerin gegenüber, die ihm die Unterlagen schickt und die Audios über den PC vorspielt. Was für ein Chaos.

Um die Prüfungszeit zu überbrücken, schaue ich mir die Aufgaben natürlich auch selbst einmal an. Auch bei diesem Test bin ich mir bei einigen Fragen nicht sicher. Interessant wird es allerdings vor allem in dem Moment, als die Texte zum Hörverstehen abgespielt werden: Die Stimmen kenne ich doch! Und tatsächlich, mein Verdacht bestätigt sich – Kroatien ist doch irgendwie ein kleines Land 😉

Während Corona in Rijeka also seine Tentakel weiter ausstreckt und ab Montag wohl alle Klassen wieder in den Online-Unterricht verschwinden, knüpfe ich auf meine letzten Tage doch noch neue Kontakte. Denn als ich gestern vor dem Klassenzimmer auf meinen Einsatz gewartet habe, hat mich die Putzfrau der Schule angesprochen. Ihre Tochter, so hatte sie mir bereits in einem anderen Flurgespräch erzählt, arbeitet in Österreich. Und nun wollte sie die Gelegenheit nutzen, uns miteinander bekannt zu machen. Nachdem ich das magische Wort „broj mobitel“ verstanden hatte (und somit auch den Sinn und Zweck des Gesprächs) tauschten wir unsere Nummern aus. Tja und was soll ich sagen – am Wochenende habe ich ein Blind-Date im Cafe!

Doch auch für heute habe ich noch etwas vor: Es geht nach Opatija, wo Dosi mit den anderen Deutschlehrerinnen die Gespannschafts-Tests korrigiert und ich – da wir wegen Corona nicht in die Schule hineindürfen – mit Katharina eine heiße Schokolade an der berühmten Promenade trinke. Es ist Katharinas erste heiße Schokolade in Kroatien – unglaublich, aber wahr.

Und auch den restlichen Nachmittag lassen wir es uns gutgehen: Auf Dosis Empfehlung fahren wir nach Mošćenice, einem kleinen Küstenörtchen 20 Minuten weiter Richtung Pula. Hoch oben thront es am Berghang und blickt auf einen unter Kroaten*innen ziemlich beliebten Strand hinunter. Nicht lange, dann tun wir es ihm gleich. Anschließend noch ein kleiner Spaziergang durch die hübschen verwinkelten Gassen (bei dem wir uns natürlich verlaufen und gleichzeitig Katzen an den unwahrscheinlichsten Orten entdecken), dann geht es nach Hause ins sonnenbeschienene Rijeka.

Auf der Rückfahrt passieren wir das Dörfchen „Kraj“ (witzig, da kroatisch für „Ende“) und halten noch in Lovran. Denn auch dort ist die Altstadt klein (und zwar so klein, dass wir sie erst einmal suchen müssen) aber fein.

Am Ende beeindrucke ich Katharina, indem ich uns durch die Gassen wieder zum Wagen zurückführe. Der Rest des Weges liegt dann aber wieder ganz in ihren Händen.

 

PS: Schaut mal, was ich gestern nach dem Duschen in der Badewanne gefunden habe:

Urgh – die kroatische Version einer Spinne

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Tag 155 – Große Haie, kleine Fische

Eine Prüfung liegt in der Luft, genauer gesagt die mündliche Prüfung für DSD1. Elf Schüler*innen der zweiten Klasse stellen sich dem persönlichen Gespräch und präsentieren uns einen Aspekt ihres täglichen Lebens.

Dabei sind es anfangs gar nicht die Schüler*innen, denen das Herz bis zum Hals schlägt: Mit kroatischer Pünktlichkeit stürmen Dosi und ich in die Schule, wo Katharina schon ungeduldig mit dem Fuß wippt. Auch der erste Schüler ist bereits in Startposition, das erste Thema: Krav Maga. Während Katharina und Dosi ihren Schäfchen Löcher in den Bauch fragen, lehne ich mich entspannt zurück. Einmal fungiere ich als Plakathalter (meine Arme sind so viel Körperspannung gar nicht mehr gewöhnt), ansonsten habe ich alle Zeit der Welt, diese Zeilen zu tippen.

Um 11 Uhr springe ich kurz für Dosi ein und übernehme den Unterricht. Wir üben kurze Reisedialoge als Sketche ein – etwas, das unerwartet viel Spaß macht. Tja, gerade jetzt, wo ich mich an die vielen Gesichter gewöhnt habe, heißt es schon wieder Abschied nehmen. Zum einen, weil mein Freiwilligendienst bald sein Ende erreicht. Und zum anderen, weil nach Ostern der Schulbetrieb in Kroatien wahrscheinlich erneut vollständig auf den Online-Betrieb umgestellt wird. Eine Aussicht, die Dosi nicht gerade fröhlich stimmt, mich aber zugegebenermaßen ziemlich kalt lässt (ja, ich weiß: shame! shame!).

Ok, vielleicht nicht ganz kalt: In der Schule, bei „Jugend debattiert“ und im Nachhilfeunterricht gebe ich immer noch 100 Prozent – oder vielleicht sogar 110. Denn auch wenn ich die Früchte meiner Arbeit wahrscheinlich nicht mehr mitbekommen werden, die Menschen sind mir einfach ans Herz gewachsen. Und allen voran natürlich Dosi.

Aus diesem Grund ist jedoch nicht nur in „beruflicher Hinsicht“ Endspurt angesagt. Gemäß dem Motto „work hard, play hard“ ist auch meine Freizeit gut ausgefüllt: Heute zum Beispiel geht es hoch auf Ucka. Schon viel zu lange hing mein Blick sehnsüchtig am elegant geschwungenem Bergrücken, jetzt endlich wird die Ameise zum Adler. Nach einem leckeren Mittagessen in Kastav (mit Aussicht auf Ucka) kurvt Dosi uns die Serpentinen nach oben – bis 10 km vor dem Ziel plötzlich ein „Durchfahrt verboten“-Schild auftaucht. Nachdem wir uns beim neuen, aber eigentlich noch nicht eröffneten Naturpark-Center versichert haben, dass dieses Schild eher als freundliche Empfehlung zu deuten ist, machen wir uns trotzdem auf dem Weg. Allerdings gut, dass Dosis Auto einen Allrad-Antrieb hat, denn ein bisschen Schnee und Eis gibt es immer noch auf der Straße.

Oben angekommen stelle ich fest, dass ein Kleidchen und Sneaker vielleicht nicht die optimale Bekleidung für 1.400 Höhenmeter sind. Aber im Schnee lässt es sich ganz gut laufen und trotz der exponierten Lage regt sich kaum ein Lüftchen. Der Ausblick ist atemberaubend – und das nicht trotz, sondern gerade wegen der dramatischen Wolkenkonstellationen: Weiße Schafswölkchen, graue Dunstschleier und drohende, dunkle Regenfronten – alles in Hülle und Fülle vorhanden. Auf Rijeka scheint natürlich die Sonne. Und verzückt entdecke ich, dass ich sogar das Meer hinter der istrischen Halbinsel als goldenen Schimmer sehen kann.

Lange halten wir es allerdings nicht auf dem historischen Türmchen aus. 1911 wurde er von österreichischen Bergsteigern erbaut, seit dem ersten Weltkrieg dient er als Beobachtungsposten (wenn auch heute, so möchte ich hoffen, zu weit friedlicheren Zwecken). Schnee und Wind treiben uns zurück ins Auto. Auf dem Weg dorthin entdecke ich noch eine Paragleiter-Rampe ins Nichts – Wahnsinn, die Idee, dort hinunter zu rennen! Also ich für meinen Teil bevorzuge da doch ein Auto mit Sitzheizung 😉

Tag 154 – Seemannskiste

Heute gibt es mal wieder was aus meiner Seemannskiste: Die Podcast-Folgen zum Thema „Medien“. Steht zwar nicht auf dem Lehrplan, ist aber trotzdem eine spannende, alltagsnahe Sache. Und irgendwie gilt in meinem Fall ja auch: Studium verpflichtet.

Intro/Outro-Musik: Hope (2015) – GEMA freie Musik von https://audiohub.de

Tag 153 – Möwengekreische

Ich weiß nicht warum, aber dieser Song kam mir vor Kurzem in den Kopf – und wie es mit Musik so der Fall ist, er blieb hartnäckig drin stecken. Hier also eine Version vom Original-Interpreten. Selbstverständlich mit dem authentischen Gekreische der Mädels:

Für alle Musikliebhaber, die das Lied selbst genießen wollen: Das geht natürlich auch – zum Beispiel hier.

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Tag 152 – Lagune

Eigentlich bin ich ein Mensch mit Plan. Aber heute habe ich mich mal wieder so richtig sehenden Auges in die Scheiße geritten. Denn als ich am Donnerstag das Wetter für das Wochenende checkte und sah, dass der Samstag sonnig und warm werden würde, habe ich in einer Kurzschlussreaktion entschieden: Ich fahre nach Ozalj. Also Busticket nach Karlovac, Zugticket nach Ozalj und beides natürlich hin und zurück. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.

Allerdings nur, um am nächsten Morgen mit einem gehörigen Schreck wieder aufzuwachen: Samstagabend habe ich doch ein seit langem geplantes Geburtstags-Online-Krimidinner mit den Kommilitonen! Mist. Schnell also Laptop aufgeklappt und gegoogelt: Züge, Busse – nichts. Nista. Nächster Versuch: blabla car, Uber. Wieder nix. Dann also Taxi… Autsch, das würde den Preis für den Tagesausflug direkt einmal verdoppeln. Aber wer stur sein will muss leiden.

Immerhin: Wenigstens das Wetter sollte ja gut werden. Und beim Frühaufstehen in Rijeka scheint tatsächlich die Sonne. Nur als wir gen Karlovac abdampfen wird es immer bewölkter und sogar neblig. Na klasse.

In Karlovac angekommen versuche ich mich daher mit einer Schokolade trösten. Doch leider gibt mir die Kellnerin zu wenig Wechselgeld und leider, leider bemerke ich es zu spät. Super Tag. Die Stunde bis mein Zug fährt, will ich mir das Stadtmuseum anschauen. Und typisch deutsch stehe ich schon davor, als die zwei Angestellten erst ankommen. Der Kassenlaptop braucht ewig bis das allseits bekannte düdödödü von Windows erklingt, aber die Kassiererin ist nett (und aus Rijeka was ja beinahe gleichbedeutend ist). Im Museum sind alle Texte nur auf Kroatisch, was allerdings nicht ganz so schlimm ist, da ich sowieso nur wenig Zeit habe.

Schon eine halbe Stunde später mache ich mich auf eiligen Sohlen auf den Weg zum Bahnhof. Ein Örtchen, das mir durchaus gefällt, ist der Bahnhof selbst (wenngleich in Betrieb) doch ein Lost Place: Brachliegende Gleise, leere Hallen und Flure. Auch die kleine Lok, die schließlich einfährt, hat ihre besten Zeiten bereits hinter sich. Im Schritttempo tuckern wir los. Trotz der gemächlichen Geschwindigkeit haben wir Karlovac bald hinter uns gelassen und kleine Bauernhöfe prägen das Bild. Auch die Bahnhöfe sind nur noch kleine Häuschen. Am dritten von ihnen steige ich aus: Ozalj.

Erste Lagesondierung: Kein Taxi weit und breit – was nicht gerade verwunderlich ist, bei dem Provinzbahnhof. Also weiter in die Stadt. Ein Konsum und zwei Cafes später habe ich das „Stadt“zentrum durchquert. Und eine Kurve später taucht der Grund meines Hierseins auf: Das Schloss. Wunderschön liegt es auf dem Felsen am Fluss. Doch noch bevor ich mich über die lange Zugbrücke wage, folge ich einem schmalen, matschigen Trampelpfad hinunter zu den Bahngleisen. Denn durch einen kleinen Tunnel unterhalb der Burg fährt die Eisenbahn. Als ich schließlich wieder oben bin, ist das triste Grau des Himmels aufgerissen und mit dem Sonnenschein kehrt auch meine gute Laune zurück. Ein älterer Herr post spaßeshalber für mich auf der Brücke. Ein paar Tagesausflügler sind unterwegs.

Nach kurzen Abwägen besuche ich nach den Befestigungsanlagen auch das Museum. Und dabei fällt mir mal wieder auf, wie schlecht die deutschen Übersetzungen doch sind. Aber immerhin nicht so schlecht wie mein Kroatisch. Denn als ich Schloss verlasse, rufe ich beim Taxiunternehmen an – und bin gottfroh, dass die Dame am Telefon gut Englisch spricht. Auch so haben wir ausreichend Verständingungsprobleme: Zuerst möchte sie mir wohl nicht glauben, dass ich aus Ozalj anrufe. Kein Wunder, normalerweise schicken sie keine Taxis aus Karlovac so weit raus. Ob ich denn keinen habe, der mich fahren kann? „Ich kenne hier niemand“, antworte ich etwas kläglich und die Frau hat Erbarmen: Sie frage gleich mal ihren Chef – und der sagt „ja“. Kroaten – ich liebe sie!

Meine restlichen zwei Stunden kann ich also ganz entspannt genießen (auch wenn ich mich frage, wie teuer der Spaß wohl werden wird). Neben dem Schloss hat Ozalj noch eine zweite Attraktion in petto: Das zweitälteste Wasserkraftwerk Kroatiens. Für den perfekten Blick darauf laufe ich hinunter zum Stadtfreibad – einer kleinen Lagune unterhalb des Wasserfalls. Und dort setze ich mich auf die Wiese und kaue genüsslich an meinem Käseburek und dem wirklich enormen Schokobrötchen (von dem Arne mir vorgeschwärmt hat) – beides für unschlagbare neun Kuna (ca. ein Euro) in der Ortsbäckerei erstanden. Die Sicht auf das alte Kraftwerk, den Wasserfall und die Burg im Hintergrund ist so schön, dass mir das ganze Chaos ganz egal wird. Zum Abschluss überquere ich die Brücke und erfreue mich dabei an dem Regenbogen stromabwärts genauso wie an der Idylle stromaufwärts.

Am gegenüberliegendem Ufer finde ich noch einen kleinen Hafen, dann ist es schon wieder Zeit aufzubrechen. Schließlich habe ich der netten Dame am Telefon hoch und heilig versprochen: 15 Uhr stehe ich vor dem Konsum. Ein bisschen surreal ist es dann natürlich schon, ganz selbstverständlich aus dem Supermarkt direkt ins Taxi einzusteigen. Zwei neue Verkehrsmittel an einem einzigen Tag, denke ich während das Taxometer vor meinen Augen langsam aber stetig nach oben klettert – Respekt! Und am Ende  wird es auch nicht ganz so teuer wie befürchtet. Zehnmal so viel wie das Zugticket – das tut zwar ein wenig weh, aber der Ausflug nach Ozalj ist es mir mehr als wert.

Mit einem eleganten U-Turn fahren wir in den Karlovac’schen Busbahnhof ein und unter den Blicken der dort Wartenden steige ich aus. Was für ein Auftritt. Der Rest des Tages verläuft dann weitaus weniger spektakulär (sofern ein Krimidinner eben unspektakulär sein kann). Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Es war schließlich auch genug Drama fürs Erste.