Tag 128 – Kap der guten Hoffnung

Wie wäre es mit ein bisschen Rätsel-Raten? Für meine Nachfolgerin Merle (und jede*n andere*n, die bzw. der Lust hat) habe ich mir eine kleine aber feine Rijeka-Schnitzeljagd ausgedacht – und zwar in Gedichtform. Hinter jedem der folgenden Vierzeiler versteckt sich einer meiner Lieblingsplätze dieser Stadt (bzw. drumherum). Und damit ihr auch genügend Zeit zum Raten habt, decke ich eins nach dem anderen auf – jeweils immer alle drei Tage.

Also, viel Spaß damit 😉

 

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Tag 146 – Badenixe

Letzte Nacht musste ich nicht alleine schlafen, sondern wurde von Medo (alias Dosis schwarzer, wuscheliger Seele von einem Hund) bewacht. Und heute mit einem feuchten Hundekuss geweckt! Kaum hatte ich mich unter erwartungsvollen Blicken aus dem Bett gerollt, steht er schon schwanzwedelnd vor mir – bereit, die ganze Welt vom Balkon wenn schon nicht zu erobern, dann doch zumindest anzubellen. Ich selbst brauche hingegen erst einmal einen dreifachen Kaffee, um richtig in die Gänge zu kommen. Zusammen mit Dosis Mutter decke ich den Frühstückstisch für die nahenden, hungrigen Mäuler: Fünf Teller! Heute hat Dosi ein volles Haus.

Nachdem eine halbe Stunde später der letzte Krümmel Brot von ebendiesen Tellern verschwunden ist und schließlich auch Arne seinen Krempel zusammen hat, geht es hinunter in die Stadt. Am Kiosk (aka „Tisak“) kaufe ich mir stolz mein erstes Mehrfahrtenticket für den Bus (bisher habe ich aus purer Faulheit immer eines beim Fahrer gelöst). Ein kurzer Zwischenstopp bei mir, ein zweiter im Cafe und langsam kehren auch bei den Jungs die Lebensgeister zurück. Und auch wenn der anschließende Weg selbst Arne kaum ein Foto entlockt, mein Lieblingsplatz, die Torpedo-Abschussrampe, bekommt sie am Ende doch:

Eine Stunde haben wir, um die blaue Weite zu genießen. Und nachdem ich einen Finger ins Wasser gesteckt habe, nutze ich die Zeit für einen ganz neuen Blickwinkel: Die Meeresspiegel-Perspektive. Vierzehn Grad Außentemperatur, deutlich weniger im Wasser – aber selbst den kleinen Schnitt am Zeh ist das seidige Gefühl des Herumplanschens im salzigen Nass mehr als wert. Zurück an Land und in den Klamotten bleibt danach noch genug Zeit für einen Rundgang im winzigen Hafen, dann geht es mit einem ebenfalls kleinen Bus zurück in die Stadt.

Für Arne heißt es bald darauf „Vidimo se“. Doch zuvor muss noch ein Grundbedürfnis gestillt werden und so holen wir uns leckere Burger. Arne muss seinen leider schon im Bus verspeißen, für Christian und mich bietet der Hafen eine stilvolle Kulisse.

Da Christian erst am Abend abfahren muss, haben wir verbleibenen zwei den Nachmittag, um Rijekas Stränden einen Besuch abzustatten. Vorbei geht es also am mächtigen Container-Hafen, auf dem auch an einem Sonntag die Kräne nicht stillstehen. Wir passieren den Tunnel zur Autobahn und schwupps werden die Straßen ruhiger, die Häuser herrschaftlich.

Auch das berühmt-berüchtigte Hotel „Jadran“ liegt auf unserem Weg. Obwohl es mit den Jahren etwas von seinem ursprünglichen Glanz verloren hat – vom Hoteleigenen Badeturm würde ich auch heute noch gerne ins Wasser gleiten! Zum Glück ist man in Rijeka in puncto Bademöglichkeiten allerdings nicht auf die Hotels angewiesen – stattdessen liegen wir keine fünf Minuten später an meinem Lieblingsstrand „Sablicevo“. Und auch die daran anschließenden Stadtstrände „Glavanovo“ und „Pecine“ entlocken Christian ein paar wohlwollende Bemerkungen.

Mit dem Sonnenuntergang und der einsetzenden abendlichen Kühle geht es schließlich jedoch auch für uns zurück in die Stadt. Immerhin bleibt diesmal noch genug Zeit für ein stilvolles Abendessen mit Blick auf den Hafen und den Sonnenuntergang über Ucka. Doch dann heißt es auch für Christian ab in den Bus. Und nur ich bleibe – natürlich – in Rijeka 😉

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Tag 145 – Am rauschende Bach

Wie sieht ein perfekter Tag in Rijeka aus? Natürlich, sonnig und in guter Gesellschaft.

Heute Morgen ist nach Arne auch Christian aus Pula in Rijeka eingetroffen. Pünklich um neun Uhr steht er am Bahnhof, der Arme musste heute früh aufstehen. Aber wer tut das nicht gern, mit der Aussicht, in die schönste Stadt Kroatiens zu fahren?

Vom Busbahnhof geht es direkt an den Hafen: Erste Kaffeepause im strahlenden Sonnenschein. Danach ein Spaziergang die endlos lange Mole entlang. Der Blick auf den Hafen und die Stadt weitet sich, Wind- und Wettergegerbte Fischer flicken ihre Netze. Am Ende des Piers, am kleinen grünen Leuchtturm, machen wir eine Pause. Der Wind ist kalt, die Sonne warm – solange man sich flach auf den Beton legt, ist alles wunderbar. Klar und deutlich zeichnet sich Ucka im Westen ab, die Inseln Cres und Krk über dem Blau des Meeres und die Bergkette des Velebit im Süden.

Mit Rückenwind geht es zurück in die Stadt. Wir durchqueren das Gewusel des Marktes und stillen unseren Frühstückshunger mit Berlinern und Schokocroissants. Die Kulisse dafür: Das Nationaltheater, vor dessen Eingang die Ankündigung von „La Traviata“ hängt (die Oper, die ich mir übernächste Woche einmal anschauen werde). Frisch gestärkt geht es erneut hinauf nach Trsat. Doch: Zwei Tage, zwei komplett unterschiedliche Aussichten. Heute strahlt Rijeka wie blank poliert. Dafür ist der obere Turm gesperrt und bei der heißen Schokolade wurde an der Sahne gespart. Nun, man kann eben nicht alles haben.

Außerdem ist unsere Zeit begrenzt, denn um 12:30 Uhr haben wir uns mit Dosi und Arne verabredet. Dosi hat uns auf einen Ausflug nach Istrien eingeladen und wer würde da schon „nein“-sagen? Ein bisschen später wird es am Ende doch (oder wie Arne zu den fast zwei Stunden sagen würde „samo malo“), aber was dann kommt, ist jedes Warten wert: Mit kroatischer Gute-Laune-Musik (die ich nach so vielen Fahrten in Dosis Auto schon auswendig mitsingen kann) düsen wir gen Westen. Zuerst entlang der Küstenstraße mit atemberaubendem Blick über die Bucht, dann durch den Ucka-Tunnel. Es ist meine erste Durchquerung des gewaltigen Bergmassivs und wirklich geheuert ist mir bei so viel Stein über dem Kopf nicht. Aber Dosi bringt uns sicher hindurch und so können wir auf der anderen Seite die Hügellandschaft Istriens bestaunen. Und nicht nur das: Die Straße, eine einzige Dauerbaustelle, ist gesäumt von Puppen in Bauarbeitermontur, die mechanisch Warnfähnchen schwenken. Witzig, wenn es nicht die Straße mit den meisten tödlichen Unfällen wäre. Denn wie Dosi uns erzählt: Die schlimmsten Autofahrer, keine Frage, dass sind die aus Pula (gell Christian 😉 ).

Ganz zurück in Christians kroatische Heimatstadt fahren wir allerdings nicht. Unser Ziel für heute ist Pazin, ein kleines, verschlafenes Örtchen mitten in der Pampa. Dort angekommen, laufen wir durch leere Straßen. Viele der Läden (und sogar Cafes und Restaurants) haben geschlossen. Erst bei der Burg, der Haupt- (und wahrscheinlich einzigen) Attraktion des Städtchens treffen wir auf eine andere Gruppe. Direkt neben der Burg geht es steil bergab. Und auch wenn wir es – selbst durch das winterlich ausgedünnte Gestrüpp – nicht sehen können, dort unten rauscht ein Fluss und verschwindet unter den Felsen.

„Geht nicht nach Pazin“, hat meine Mitbewohnerin uns heute Mittag noch nachgerufen, „geht nach Motovun, da ist es schöner“. Auf dem Weg zurück zum Auto beginne ich, ihren Worten glauben zu schenken. Keine halbe Stunde später allerdings, sind alle Zweifel verflogen: Denn am Ende einer etwas abenteuerlichen Schotterstraße mitten im Nirgendwo (die seriöse Frauenstimme des Navis hatte uns schon mehrfach zum Wenden aufgefordert) landen wir in einer ländlichen Oase. Am Grund eines halsbrecherischen Geröllwegs fließt ein breiter, flacher Bach. Zuerst einmal nicht Besonderes. Doch kommt man näher, erkennt man, dass das kühle (oder sagen wir besser eiskalte) Nass über einen unterhöhlten Felsrand ein, zwei Meter in die Tiefe stürzt. Im Sommer, so Dosi, kann man von hier ganz prima ins Wasser springen. Und es fehlt tatsächlich nicht viel, dass ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehe und hineinhopse.

Stattdessen tapse ich zumindest auf nackten Füßen durch das Wasser, konzentriert darauf, nicht auf dem glitschigen Felsuntergrund auszurutschen. Wir quatschen, kraxeln und haben Spaß wie die Kinder. Staunend schauen wir einem Land Rover dabei zu, wie er zuerst durch die Böschung hinab zum Fluss und dann durch das Wasser fährt. Dann kehren schließlich auch wir diesem versteckten Kleinod den Rücken.

„Hunger“ meldet mein Bauch und bei Christian und Arne (der allerdings immer Hunger hat) sieht es nicht anders aus. Gut also, dass unser nächster und letzter Stopp eine gemütliche „Konoba“ alias Taverne darstellt. Auch die ist ein Geheimtipp unter Einheimischen und daher am Ende einer anderen Straße ins Nirgendwo versteckt. Das Essen dort ist dementsprechend ein wahres Fest, auch wenn uns der Abend noch einmal spüren lässt, das März einfach noch kein Sommermonat ist. Mit voll aufgedrehter Heizung düsen wir schließlich zurück gen Viskovo. Hinter uns ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, vor uns die goldenen Lichter Rijekas.

Zu Hause noch ein Küsschen links und rechts, freudiges Schwanzwedeln und Niesen (ein sicheres Anzeichen dafür, dass Medo sich freut), ein Zoom-Gespräch mit den neuen Freiwilligen (das halb unter albernem Gekicher untergeht – tut uns echt Leid) und jetzt ein warmes Bettchen. Ich meine – was will man mehr?

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Tag 144 – Kurswechsel

Arne und Busfahren – das ist so eine Sache. Während ich brav (und überraschend pünktlich) an der verabredeten Haltstelle auf ihn warte, vibriert mein Handy: „Ich bin früher ausgestiegen. Ich laufe noch ein Stück. Nicht weit weg.“ Also übe ich mich noch ein wenig in Geduld – nicht gerade meine Stärke. Fünfzehn Minuten vergehen, dann steht Arne endlich vor mir: Allwetterjacke, Deuter-Rucksack mit seitlich daran baumelndem, knallrotem Erste-Hilfe-Päckchen und Spiegelreflex-Kamera – der geborene deutsche Tourist 😉

Ok, ganz unbemerkt hätten wir es sowieso nicht durch die Stadt geschafft, denn wir reden wie ein Wasserfall. Ein Thema jagd das andere. Auf der Suche nach einem guten Mittagstisch durchforsten wir die Straßen Rijekas und landen schließlich auf einer kleinen Terrasse. Natürlich kann der Besitzer Deutsch und demonstriert uns das dann auch ganz stolz, indem er uns die Speißekarte übersetzt. Ich entscheide mich für Calamari (also so richtig mit Tentakeln!), Arne für einen Salat. Eine Aufteilung, die die Kellnerin kurz perplex werden lässt. So richtig lustig wird es allerdings erst, als Arne die Rechnung bestellt: Getrennt – sowas gibt es in Kroatien normalerweise nicht.

Nachdem mein Lachanfall sich verflüchtigt hat, machen auch wir die Fliege und steuern den Trsat-Hügel an. Denn glücklicherweise hat sich die Wettervorhersage nicht ganz bewahrheitet – es ist trocken und der Himmel von blauen Stellen übersäht. Mit den 500 Stufen trainieren wir unser Mittagessen gleich wieder ab, sodass, erst einmal oben angekommen, wieder Platz für einen Kaffee ist.

Als zweiter Programmpunkt war eigentlich ein Ausflug ans andere Ende der Stadt geplant: Zur Torpedo-Abschussrampe. Mit dem Bus Nummer acht überhaupt kein Problem. Nur – wir hatten den Bus gerade verpasst. Busfahren in Rijeka – nicht nur für Arne so eine Sache!

Also Planänderung: Mit Blick auf den einfahrenden Bus 32 fällt die Entscheidung – Opatija it is. Zum stilvollen Aufs-Meer-gucken gibt es hier schließlich nicht nur einen guten Platz. Im nachtschwarzen Volosko steigen wir aus und machen uns durch die verwinkelten Gassen und vorbei am malerischen Hafen auf den Weg Richtung Opatija. Ein wenig bereue ich es – ganz undeutsch – kein Handtuch eingepackt zu haben. Zwar ist das Wasser eisig und jeder Atem ein kleines Dampfwölkchen, aber manchmal erscheinen die verrücktesten Ideen doch am besten. Ein andermal. Für heute begnügen wir uns damit, im gelblichen Schein der Laternen am still daliegenden Wasser entlangzulaufen.

In Opatija angekommen, werden wir von einer Flut an Lichterketten begrüßt: Die Säulen der Gebäude, sogar die Palmen sind fest damit umwickelt. Allzu lange bleiben wir jedoch nicht. Denn, wie der Blick auf den Fahrplan zeigt, der nächste Bus kommt bestimmt. Und – was in Kroatien ein noch stichhaltigeres Zeichen ist: Menschen an der Bushaltestelle. Viele Menschen, junge Menschen. Beinahe der gesamt Bus füllt sich schließlich mit Schüler*innen auf dem Weg in die Cafes (aka Bars).

In einem Affenzahn und mit passendem Gerumpel fahren wir also zurück – ich glaube nicht, das Arne jemals ein Bus-Fan werden wird. Aber immerhin: Nach kurzer Orientierungslosigkeit finden wir die Bushaltestelle nach Viskovo diesmal ohne Probleme. Ein Arne mit vor Lachen schmerzenden Wangenmuskeln steigt ein und ich mache mich beruhigt auf den Heimweg. Kaum zu Hause angelangt – eine Nachricht von Arne: „Mein Bus ist gerade liegen geblieben“.

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Tag 143 – Rettendes Ufer

Ein Donnerstag, der sich wie ein Freitag anfühlt: Meine erste Klassenarbeit (ich kann jetzt sogar doppelseitig drucken), zwei neue Cafes (eines mit Blick auf die Sporthalle eines Volleyballvereins), ein Nachhilfeschüler, der Fortschritte macht und Besuch aus Bjelovar (jetzt weiß ich endlich auch, wo der Bus zu Dosi abfährt) – was will man mehr?

Volleyball!

Gut, dass ich morgen frei habe – denn das Wochenende verspricht spannend zu werden 😉

Woche 20 – Od prstiju do vrhova kose

Heute wird es körperlich! Aber keine Angst, nur auf dem Bildschirm…

ljudski – Mensch

tijelo – Körper

glava – Kopf

vrat – Hals

rame – Schulter

ruka – Arm/Hand (analog zum schwäbischen Fuß)

prst – Finger

trbuh – Bauch

leđa [letscha] – Rücken

kuka – Hüfte

kundak – Po

noga – Bein

stopalo – Fuß

nožni prst [notschni prst] – Zeh

 

lice – Gesicht

kosa – Haare

oko – Auge

obrva – Augenbraue

trepavica – Wimper

čelo [tschelo] – Stirn

nos – Nase

obraz – Backe

usta – Mund

usnica – Lippe

zub – Zahn

brada – Bart/Kinn

uho – Ohr

koža [kotscha] – Haut

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Tag 142 – Windstill

Ein weiterer sonniger Frühlingstag, ein weiterer Punkt auf meiner To-Do-Liste – beziehungsweise sogar zwei!

Heute Morgen habe ich mir ein Ticket für die Oper gekauft. Und heute Mittag, nach der Schule, bin ich durch die Parks bergauf gelaufen. Denn dort, in der Kurve einer Straße, hat man eine schöne Aussicht auf den Trsat-Hügel. Bisher bin ich nur einmal kurz vorbeigekommen; müde von einer langen Wanderung. Aber heute war es der perfekte Platz, um für ein paar kostbare Augenblicke die Sonnenstrahlen aufzusaugen und die Gedanken schweifen zu lassen.

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Tag 141 – Fischmarkt

Mein letzter Monat in diesem wunderschönen Land ist angebrochen. Erschreckend, das Ende immer näher kommen zu sehen. Schon jetzt laufe ich mit einem unbestimmten Ziehen im Bauch durch die Straßen und versuche so viel wie möglich in mich aufzusaugen, jede Minute zu nutzen.

Insofern ist die Deadline (wie in vielen anderen Dingen des Lebens auch) eine gute Motivation. Schließlich gibt es noch so einige Punkte auf meiner To-Do-Liste, die ich bisher immer vor mir hergeschoben habe. Einer davon: Der Fischmarkt. Denn Fischmärkte haben den unangenehmen Nebeneffekt meist früh am Tag stattzufinden. Und wie Yvonne es neulich ganz treffend formuliert hat: Ich bin eher der Typ für Sonnenuntergänge. Aber heute bin ich es angegangen: Im schönsten Sonnenschein lief ich zum Hafen und weiter zum Theaterplatz. Dort befindet sich der Hauptmarkt Rijekas (die einzelnen Viertel haben alle ihre eigenen kleinen Hallen und Stände) und der Fischmarkt. Vorbei ging es an den vielen bunten Obst- und Gemüseständen („Izvolite?“), hinein in die Fischhalle.

Mein erster Eindruck: Eine Baustelle. Überall standen Gerüste, so wie es aussieht wurde gerade der Stuck im Innenraum restauriert. Schade Marmelade. Aber immerhin: Es gab viel Fischiges zu bestaunen. Gekauft habe ich allerdings nichts, denn auch wenn ich Fisch ab und zu gerne esse – selbst zubereitet habe ich ihn noch nie.

Mit völlig leeren Händen bin ich trotzdem nicht nach Hause zurückgekehrt: An einem Stand kaufte ich frische Petersilie (auch wenn ich eigentlich gerne etwas Koriander gehabt hätte) und an einem anderen einen hübschen Strauß Osterglocken – wenigstens ein bisschen Frühling fürs Homeoffice. Zusammen schauen wir jetzt sehnsüchtig aus dem Fenster und denken:

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Tag 140 – Kaffeefahrt

∼ Er ist’s ∼

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Eduard Mörike (1804 – 1875)

Auch wenn Mörike wahrscheinlich eher Blumenduft im Kopf (und vor allem in der Nase) hatte, als er dieses Gedicht schrieb, hier in Rijeka riecht der Frühling nach Kaffee! Denn heute – mehr als lang ersehnt – haben in ganz Kroatien die Cafes wieder aufgemacht (und damit auch die gesamte Gastro, denn mal ehrlich, das ist hier alles dasselbe). Ok, wenn man pingelig ist, dann dürfen nur die Cafes öffnen, die einen Außenbereich haben (bzw. nur ebendiesen öffnen). Aber gemäß der ausgeprägten Kaffeekultur dieses Landes sind das sowieso so gut wie alle.

Meinen ersten Kaffee „in Freiheit“ wie Dosi, meine Lehrerin es so schön ausdrückte, habe ich heute Morgen zu mir genommen. Und zwar noch vor der ersten Schulstunde. Nach dieser ging es dann straks zurück an den Hafen, die traumhaften 20 Grad genießen. Auf dem Weg dorthin habe ich mir allerdings doch noch etwas „to go“ geholt – allerdings nichts zu trinken, sondern frittierte Sardinen. Eigentlich ein Wunder, dass die Möwen sie mir nicht aus den Händen stibitzt haben. Während ich also genüsslich vor mich hin schmauste und die Zeit bis zum Homeoffice so lang wie möglich ausdehnte, sah ich zu, wie die Yachten im Hafen auf Hochglanz gebracht wurden. Nicht nur die Straßen und Cafes scheinen also wieder zum Leben zu erwachen, auch das Meer ruft.

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Tag 139 – Muscheln

Letzter Tag in Osijek – und was für einer! Eigentlich haben wir so gar keinen Plan, was wir heute noch machen wollen. Das Slawonien-Museum hat zu und ansonsten steht nichts mehr auf unserer Liste. Angesichts des schönen Wetters schwingen wir uns also (trotz immer noch schmerzender Pobacken) auf unsere Drahtesel und radeln am Fluss entlang. Das wage Ziel: Die Unterstadt (wie die Altstadt hier Korrekterweise heißt). Dort angekommen gehört die erste Bank uns. Eine Eidechse leistet uns beim Sonnenbaden Gesellschaft.

Um allerdings doch noch etwas zu unternehmen, umrunden wir die Mauern: Auf zum Muschel-Museum! Ein Muschel-Museum in Osijek (weiter weg vom Meer geht es in Kroatien eigentlich nicht) – ein Witz?* Wir sind gespannt. Im hintersten Eck eines Hofs werden wir fündig. Und dabei hatten wir schon gedacht, wir hätten uns verfahren. Mein Vorschlag „Vielleicht der Hai dort hinten?“ war eigentlich nur halb ernst gemeint.

Die Eingangstür steht offen, ist aber durch ein hüfthohes Brett versperrt. „Dobar dan!“, rufen wir in den Raum hinein und werden von einem älteren Mann begrüßt. Schon bei den ersten englischen Worten ruft er seine Frau zu Hilfe und zusammen nehmen sie uns herzlich in Empfang. Was dann folgt, lässt mich immer noch schmunzeln! Zuerst gibt uns seine Frau eine Privattour durch die Ausstellung – immerhin rund drei Millionen Muscheln (auch wenn von ihnen „nur“ sechs Prozent in den Glasvitrinen ausgebreitet liegen)! Und jede einzige Muschel scheint eine Geschichte zu haben. Erzählt werden sie uns in einem bunten Mix aus Englisch, Deutsch, Kroatisch, Händen und Füßen. Und auch für unsere Hände gibt es einiges zu tun, denn immer wieder werden die Glastüren beiseite geschoben und uns besonders schöne Exemplare in die vorsichtigen Hände gelegt.

Nach den Fundstücken aus der Region wenden wir uns den Briefmarken zu – selbstverständlich auch mit maritimen Motiven! Und schon ist es Zeit für einen Kaffee. So etwas gibt es auch nur in Kroatien! Wir setzen uns in den angrenzenden Ausstellungsraum und der Inhaber des Museums gesellt sich wieder zu uns. Schließlich hat auch er viel zu erzählen! Und obwohl unser gebrochenes Kroatisch zu vielen Rückfragen führt, lernen wir doch, dass er fast alle der Muscheln selbt gesammelt hat. Überall auf der Welt ist er ins Wasser gesprungen und von der Küste zwischen Pula und Rijeka kennt er jeden einzelnen Zentimeter. Hauptberuflich ist er Richter, in seiner Freizeit sammelt er – und zwar so ziemlich alles!

Keine zehn Minuten später stehen wir in seinem Büro und schauen uns die Planung seines nächsten Projekts an: Ein Hobby-Museum. Dort möchte er gerne all die Schätze ausstellen, die er neben den drei Millionen Muscheln noch so angehäuft hat: Barbiepuppen, Bierflaschen, Streichholzschachteln, Schlüsselanhänger, Pins, Feuerwehrausrüstungen, Postkarten, Fotoapparate – die Liste nimmt kein Ende.

Nach einiger Zeit kommt seine Frau dazu und lacht. Ob wir noch einmal zu den Muscheln zurückkehren wollen? Absolut, denn leider haben wir nicht mehr so viel Zeit – und dabei gibt es noch so viele Geschichten! Am Ende müssen wir hoch und heilig versprechen, bald wieder zu kommen. Unter zahlreichen „Vidimo se“ und „Hvala puno“ verabschieden wir uns schließlich – jedoch nicht, ohne einen Info-Zettel, eine Visitenkarte und eine Muschelhalskette zugesteckt zu bekommen. Noch ein schnelles Foto und einen Eintrag in das Gästebuch, dann ist es höchste Zeit wieder auf die Fahrräder zu steigen.

Im Eiltempo jagen wir die Uferpromenade zurück zum Appartment und packen unsere Sachen zusammen. Wieder zu Fuß geht es zum Busbahnhof. Wir decken uns mit etwas zu trinken und zu essen ein; sieben Stunden sind es für mich nach Rijeka. Zwei Busse stehen für uns bereit: Ein Doppeldecker und ein normaler Bus. Aber beide haben das gleiche Ziel: Es geht nach Hause.

 

*Natürlich haben wir auch gefragt: Warum ein Muschelmuseum in Osijek! Die Antwort: In lang vergangenen Zeiten war auch hier das Meer. Noch heute findet man deswegen Fossilien in dieser Gegend (ein paar davon gibt es selbstverständlich auch im Museum zu sehen). Ganz schön philosophisch, aber wo er Recht hat… Meine ganz persönliche Theorie ist allerdings: In Slawonien hat er einfach genug Platz für seine Sammlungen 😉

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Tag 138 – Feuchtgebiete

Mein Popo tut weh. Klingt jetzt unanständig, hat aber einen ganz harmlosen Grund: Nämlich 56 Kilometer auf dem Fahrrad. Zurückgelegt haben wir die auf dem Weg hin, im bzw. heimwärts aus dem Naturpark Kopački Rit. Das Kopački Rit liegt im Delta zwischen dem Grenzfluss Donau und dem Stadtfluss Drau. Es gilt als einer der schönsten Naturparks Kroatiens und ist Rückzugsgebiet zahlreicher Vogelarten. Und selbst für Vogel-Banausen wie mich gibt es Fauna-technisch einiges zu entdecken: Otter, Bieber, Füchse, Schakale und Rotwild!

Nach einem wohltuend längerem Schlaf als gestern, stiegen wir also auf unsere Leihräder und strampelten los: Zuerst entlang der Drau, dann über die schicke Wackelbrücke und via Landstraße raus aus der Stadt. Eisig und unnachgiebig bließ uns der Wind entgegen und schnell bereute ich es, meine Mütze zu Hause gelassen zu haben. Frühlingshafter Übermut eben. Wir passierten ein paar kleinere Ortschaften und einen Auto-Schrottplatz (hier in Kroatien stellt man seine kaputte Rostlaube gerne mal einfach in die Landschaft), dann begrüßte uns eine große Adlerstatue im Kopački Rit-Naturpark. Und hier begann der Triathlon:

Erste Disziplin: Holzsteg laufen. Etwa zwanzig Minuten schlenderten wir über der Wasseroberfläche entlang, stets darauf bedacht, nicht auf die Stellen der fehlenden Bretter zu treten (ich frage mich, wie oft hier schon jemand mit einem Bein im Sumpf verschwunden ist?). Nachdem schließlich beide von uns wieder festen Boden unter den Füßen hatten, belohnten wir uns erst einmal mit einem Heißgetränk unserer Wahl (Heiße Schokolade!).

 

Danach gab es ein wenig Zeit zu füllen, denn Disziplin zwei (die Bootstour) war erst für 13 Uhr angesetzt. Wir schwangen uns auf unsere Räder und fuhren einmal um die Ecke zum Pier. Erstmal eine Sonnenpause einlegen und einen Blick in den Prospekt werfen: „Auf dem Gebiet des Kopački Rit brüten die größten Seeadlerpopulationen im Donaubecken. Sie sind auch das Symbol des Naturparks.“ Aha.

Als es endlich an der Zeit war, das kleine Bötchen zu besteigen, waren wir trotz Sonne schon ziemlich durchgefrohren. Und auch auf der einstündigen Fahrt wurde es uns nicht gerade wärmer. Schön war es trotzdem, zwischen den im Wasser versunkenen, knorrigen Bäumen hindurch zu schippern. Von den rund 300 Vogelarten sahen wir allerdings vor allem Kormorane (dafür gleich eine ganze Kolonie) und Graureiher (das einzige deutsche Wort, das unser Tourguide sagte). Von den anderen possierlichen Tieren erhaschten wir lediglich die Nagespuren an den Bäumen.

Fehlt noch Dsiziplin Nummer drei: Radfahren. Denn das hatten wir natürlich auch noch im Park vor. Schnell ging es von der Straße auf einen Lehmweg; immer entlang der Sumpfgrenze holperten wir dahin. Und nach einiger Zeit hörte mein Zähnklappern wieder auf und das Blut kehrte in die Hände zurück. Nach etwa einer Stunde verschwand der Weg im Wald und wir mit ihm. Das Dorf Tikves kam in Sicht. Wie verloren lag es da, jenseits jeglicher Zivilisation, und doch: Lauter junge Menschen auf den zwei einzigen Dorfpfaden („Straße“ wäre zu viel gesagt). Für unsere wohlverdiente Pause trieb es uns allerdings noch ein wenig weiter: Zum Schlösschen Tikves. Naja, ein bisschen imposanter hatten wir uns das Habsburger Jagddomizil schon vorgestellt. Aber der Apfel schmeckte trotzdem.

Mit schmerzendem Gesäß ging es dann an den Heimweg. Schnurrgerade lag die Straße vor uns und wollte einfach kein Ende nehmen. Zurück beim Naturpark verwandelte sich der Weg zu allem Überfluss wieder in eine Schotterpiste. Zwar war es wunderschön noch einmal am Rande des Sumpfgebiets entlang zu fahren, aber so langsam wurde das Sitzen echt zum Problem. Bei zehn Kilometern bis zur Stadt stiegen wir schließlich von den Rädern und liefen zwei Kilometer zu Fuß. Dann, als endlich wieder Häuser vor uns auftauchten und die Straße einen festen Untergrund bekam, ging es zurück in den Sattel. Am liebsten hätte ich den Asphalt geküsst, auf dem wir butterweich die Drau entlangglitten! Noch nie war ich so froh, in die heimische Einfahrt zu rollen…