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Tag 185 – Hafenhopping (Was gestern wirklich geschah)

Aufstehen, Medo knuddeln, Dosi und die Schüler*innen verabschieden – schon steht mein Uber bereit. Es bringt mich dorthin, wo meine Reise in Rijeka angefangen hat: An den Heimathafen. Eine Heimat, die ich jetzt jedoch hinter mir lassen muss. Denn es geht weiter, dorthin, wo meine Reise in Kroatien angefangen hat, nach Zagreb.

Während ich im Bus sitze, denke ich mir, dass ich nach Corona wohl doch etwas vermissen werde: Einen Doppelsitz für mich allein zu haben. Draußen vor dem Fenster rauschen drei Jahreszeiten vorbei. Außerdem sehe ich noch einmal viele der Orte, die ich in den letzten Monaten besucht habe. Eine Abschiedstour. In Zagreb angekommen nehme ich das erste Taxi in der Reihe. Kein Sitzgurt, Maske (ganz Croatian Style) unter der Nase und mit Vollgas geht es los. Eigentlich habe ich es nicht eilig, aber lustig ist es schon, dass der Fahrer eine Straßenbahn aus dem Weg hubt.

Am Flughafen – einem architektonischen Meisterwerk aus Stahl und Glas – werde ich ausgespuckt und mache mich auf den Weg zum Schalter. Stattliche 22,8 kg bringt mein Gepäck auf die Waage und zugegeben: Ich bin ein wenig stolz auf diese Punktlandung (obwohl ich streng genommen beschissen habe). Auch die Frage nach meinem Corona-Test kann mich nicht aus der Ruhe bringen, denn die Mail mit dem negativen Ergebnis war das Erste, was ich heute Morgen gesehen habe. Spannend wird es allerdings noch, als der Schalterbeamte meine Einreiseanmeldung sehen möchte, denn die hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Doch kein Problem, schließlich kann man das Ganze ja schnell und umkompliziert online beantragen – normalerweise jedenfalls. Ich lande erst bei einer Seite, die einen abzocken möchte und dann spuckt die offizielle Webseite Fehlermeldungen am laufenden Band aus. Irgendwann merke ich, dass ich einfach nur oft genug auf den „senden“-Button tippen muss – jaja, Vorsprung durch Technik und so.

Mit dem Boardingpass in der Tasche mache ich einen raschen Kassensturz: Drei Kuna sind alles, was von meinem kroatischen Vermögen übrig geblieben ist. Eigentlich schade, denn hier in Zagreb haben die Cafes noch immer offen. Aber mit umgerechnet 50 Cent kommt man am Flughafen nun einmal nicht besonders weit und so landet mein letztes Geld in einer Trinkgeld-Büchse.

Weiter geht es, die Sicherheitskontrolle wartet. „Do You have any technology or liquids with You?“, fragt mich der dortige Beamte und ich muss lachen: „Lots!“, antworte ich und bekomme ein Lächeln zurück. „Take Your time“, sagt er entspannt – eine Aufforderung, der ich gerne Folge leiste. Drei volle Boxen später fühle ich mich hinreichend entblättert und will gerade durch die Kontrolle gehen, als die Kollgen dahinter kopfschüttelnd auf meine Schuhe zeigen. Entwürdigend. Sockig tapse ich also durch den Scanner (der natürlich trotzdem piepst) und lasse mich abtasten. Ein wenig erinnert mich die Szene an das Känguruh:

Um die optimale Security-Erfahrung abzurunden, wird mein Rucksack noch einem Sprengstofftest unterzogen, während ich mich und meine Sachen langsam wieder sortiere. Sagen wir’s so: Der Sicherheitsbeamte ist deutlich schneller fertig, als ich. Beim Einpacken stelle ich außerdem etwas frustriert fest, dass ich vergessen habe, meine Postkarten einzuwerfen. Und jetzt nach der Kontrolle sind die Briefkästen doch etwas dünn gesäht. Also frage ich die Verkäuferin eines Imbissstandes, ob sie so nett wäre, die Karten für mich abzusenden. Kurz: Sie ist es.

Von meinem Platz neben dem Gate schaue ich zu, wie unser Gepäck in das Flugzeug eingeladen wird, dann ist die Zeit für’s Boarding gekommen. Kaum im Flieger, wird mir eine medizinische Maske in die Hand gedrückt und ich werde zum Wechseln aufgefordet. Ein wenig melancholisch verstaue ich meine Stoffmaske in der Tasche – ob ich sie jemals wieder gebrauchen kann? Ein paar Minuten später sind wir von weißen Schäfchenwolken umgeben und obwohl ich gar keinen Versuch mache sie zu zählen, döse ich weg.

Als ich schließlich wieder aufwache, zeichnet sich bereits ein geordnetes Muster an Feldern unter uns ab. Der Landeanflug ist etwas holprig, „Aprilwetter“ erklärt der Pilot in ungewohntem Deutsch. Und nicht nur die Sprache hat sich geändert: Zurück am Boden soll diesmal – ganz regelkonform – nach der jeweiligen Sitzreihe ausgestiegen werden. Eine nette Idee, die jedoch gandios scheitert.

Als eine der Letzten verlasse ich das Flugzeug und werde von einem Spalier aus Polizisten begrüßt. Ein Anblick, der einen doch etwas nervös machen kann. Aber glücklicherweise warten sie nicht auf mich, denn ich darf sie ungehindert passieren und mich auf die Suche nach meinem Gepäck machen. „Convenient distance“ hatte uns die Stewardess versprochen, allerdings erscheint mir die Wanderung zum Gepäckband in der hintersten Ecke doch eher wie ein etwas fehlgeleiteter Versuch von Social Distancing. Immerhin: Auf dem Weg dorthin mache ich wenigstens einen Passkontrolleur „wunschlos glücklich“, als ich ihm meinen Pass, das negative Testergebnis und die Einreiseanmeldung vorzeigen kann.

Ebenfalls glücklich (da wiedervereint mit meinem Koffer), gönne ich mir eine Pause. Dabei stelle ich irritiert fest, dass auch am Frankfurter Flughafen einige Masken unter der Nase baumeln. Sofort fühle ich mich ein wenig heimisch. Noch mehr Vertrautheit kommt allerdings auf, als die S-Bahn zum Hauptbahnhof fünfzehn Minuten Verspätung hat. Aber als alte Häsin im Deutsche Bahn-Business habe ich natürlich extra eine Verbindung vorher genommen – sonst säße ich jetzt noch in Frankfurt. Und auch der ICE gibt sein Bestes, mich in Deutschland willkommen zu heißen: Aktuell haben wir zwar nur zehn Minuten Verzug (hihi – tolles Wort in diesem Kontext), aber ich bin mir sicher: Da geht noch was!

Und trotzdem: Wenn nicht alles schiefgeht, bin ich in wenigen Stunden in Leipzig – meinem alten, neuen Heimathafen. Wobei, trotz Kanälen und Seen passt der Hafen hier nicht wirklich. Dann vielleicht nur Heimat? So oder so: Leipzig ist eine ganz andere Geschichte…

Tag 184 – Anker lichten

„Die Straße gleitet fort und fort,
Weg von der Tür wo sie begann,
Weit überland, von Ort zu Ort,
Ich folge ihr, so gut ich kann.
Ihr lauf ich raschen Fußes nach,
Bis sie sich groß und breit verflicht
Mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“

Dieses Zitat aus „Der Hobbit“ trifft es gerade ganz gut, denn heute geht es für mich zurück?, weiter? oder einfach in ein neues Abenteuer?

Wenn ich ehrlich bin, hoffe ich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, einfach nur, dass

  • mein Corona-Testergebnis (welches ich erst im Bus erhalten werde) negativ ist
  • mein Bus mich rechtzeitig nach Zagreb bringt
  • ich dann irgendwie an den Flughafen komme
  • mein Gepäck nicht zu schwer ist (zwei Extra-Pakete sind schon unterwegs)
  • mein Flug nicht (wie auf der Hinreise) last-minute gecancelt wird
  • ich meinen Zug von Frankfurt nach Leipzig erwische (und die Fahrt mit der Deutschen Bahn zur Abwechslung einmal reibungslos verläuft)
  • und mein Mitbwohner mir die Tür öffnen wird.

Ach ja, Reisen in Zeiten von Corona macht noch weniger Spaß, als sonst.

Doch: Kopf hoch! Schließlich freue ich mich auch schon wieder auf Zuhause. Ich freue mich darauf, meine ganzen Kisten auszupacken und mein Zimmer neu einzurichten. Ich freue mich darauf, meine Mitbewohner wiederzusehen. Tatsächlich freue ich mich auch auf die Quarantäne – fünf Tage Nichtstun, das klingt wie Musik in meinen Ohren. Dann freue ich mich natürlich auch darauf, erst meine Freund*innen und dann meine Familie wiederzusehen. Ich freue mich auf den Sommer in meinem geliebten Leipzig. Und auf die Zeit danach, wenn Corona (hoffentlich) endlich passé ist. An all das denke ich die letzten Tage recht oft.

Auf der anderen Seite werde ich sicher auch so Einiges vermissen: Die Freiheit herumzureisen und sich keine Sorgen um so lästige Dinge wie Einkommen, Versicherungen etc. machen zu müssen. Die Menschen (und nicht zu vergessen ihre wuscheligen Begleiter), die ich in Kroatien so ins Herz geschlossen habe. Das Essen, die Sprache, die Cafes. Und last but not laest: Das blaue, blaue Meer vor meiner Tür.

Nicht alles kann man in seinen Koffer packen (auch wenn meiner proppenvoll ist). Und trotzdem muss man es nicht zurücklassen. Ich für meinen Teil werde das Erlebte (wie diesen blog mit seinen Texten und Bildern) nicht „löschen“, sondern als Erinnerung an eine gute Zeit mitnehmen – ganz ohne Aufpreis, Gepäckbeschränkungen oder auch nur das leiseste Gewicht auf meinen Schultern. Und ganz egal, wohin mich meine Füße tragen.

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Tag 183 – Seekisten

Dosi arbeitet, ich schlafe aus. Und das ist auch gut so, denn kaum wach, erwartet mich ein Kampf, den ich einfach nicht gewinnen kann: Das grüne Monster (alias meinen Koffer) bezwingen. Acht Arme wären jetzt ganz nett, aber letztendlich würden sie auch nichts nützen. Da hilft nur eines: Draufsitzen, den Reißverschluss langsam zuruckeln und beten, dass das Gepäck am Ende nicht zu schwer ist. Tja, vielleicht liegt es an meinem bevorstehenden Kirchenaustritt, aber nachdem Punkt eins und zwei klappen, scheitert das Projekt Packen schließlich auf der Waage – einen Ort, den ich auch ohne Koffer-Ungetüm in den Armen am Liebsten meide.

Doch auch so bleibt zur Lösung des wortwörtlich gewichtigen Problems erst einmal keine Zeit, denn mein Corona-Test steht an. Dosi bringt mich zum Krankenhaus, wo natürlich alle Parkplätze bis in die dritte Reihe besetzt sind. Also springe ich alleine aus dem Auto und stelle mich in die Reihe vor dem Test-Container. Da dieser direkt vor der Notaufnahme steht, kann ich nicht anders, als zu bemerken, wie ein Krankenwagen nach dem anderen eintrudelt. Mit mir warten etwa zehn andere und als die Tür des Containers aufschwingt, werden wir Schlag auf Schlag abgefertigt. Dabei muss ich weder meinen Pass, noch die Überweisungsbestätigung vorzeigen. Nur die Maske von der Nase ziehen, Stäbchen gefühlt bis ans Hirn schieben lassen (ekelig! wie Helen sagen würde) und schwupps ist die Sache erledigt. Mein erster PCR-Test und hoffentlich auch mein letzter.

Zurück in Dosis Auto legen wir einen kurzen Einkaufsstopp ein (wie komisch es ist, dass viele der Läden wieder zu haben) und düsen weiter zu Katharina. Dort erwartet mich nicht nur ein leckeres Mittagessen, sondern auch ein wirklich süßes Geschenk: Ein Taschenkalender voll lieber Grüße von unseren Schüler*innen. Mit dem zweiten Spalier in drei Tagen nehme ich schließlich Abschied – wenn auch hoffentlich nicht für immer.

Danach ist es Zeit, Paket Nummer eins zur Post zu bringen – denn dabei wird es angesichts des Gepäckproblems (siehe oben) wohl nicht bleiben. Wieder an der frischen Luft habe ich genau das perfekte Timing für den Bus nach Rijeka, wo meine Mitbewohnerinnen bereits auf mich warten. Der Fahrer weist einen Mann auf das korrekte Tragen einer Maske hin – etwas, was ich in Kroatien vorher noch nie erlebt habe (und vielleicht ein Zeichen für die sich verschärfende Situation ist?) – dann laufe ich ein letztes Mal die Stufen zu meiner WG hoch. Drinnen erwartet mich Branka mit einem Abschiedskaffee und ihrer Spezialität: Selbstgemachten Knödeln (süß und mit Pflaumenmus gefüllt). Auch Tomislava ist da und zusammen quatschen wir über die letzten Monate, das Heute und das Morgen. Natürlich haben sie ebenfalls ein Geschenk für mich vorbereitet (unter anderem die neue Cedevita Blutorange, was Klasse ist, denn so muss ich keine Cedevita mehr kaufen) und mit vielen lieben Worten und ein paar Tränchen in den Augenwinkeln werde ich an der Haustür verabschiedet.

Dementsprechend melancholisch bahne ich mir meinen Weg ins Stadtzentrum, wo erst einmal Warten angesagt ist. Denn gerade bei Vorstadtbussen gilt: Der Bus kommt, wenn er eben kommt. Und tatsächlich: Meine Geduld wird belohnt und an meinem letzten Tag schaffe ich das Unglaubliche – ich steige in den richtigen Bus nach Kosi! Jetzt noch schnell Paket Nummer zwei schnüren, eine Flasche Wein mit Dosi leeren und nurnoch einmal schlafen, dann geht es nach Hause.

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Tag 182 – Knoten

Rijeka weint um mich, es regnet. Und auch ich habe einen leichten Knoten im Bauch. Den Tag verbringe ich damit, einen Impftermin auszumachen und all das, was die letzte Woche liegengeblieben ist, abzuarbeiten (oder zumindest einen Teil davon). Außerdem genieße ich noch einmal die Zeit mit Dosi. Wir basteln, trinken Kaffee, korrigieren Deutsch-Aufsätze – ein ganz normales, graues Wochenende.

Und doch, etwas ist anders. Medo, Dosis Hund, folgt mir auf Schritt und Tritt, als wüsste er, dass er mich bald erst einmal nicht mehr wieder sieht. Ab und zu stupst er mich mit seiner Schnauze an und fordert Streicheleinheiten ein. Ich glaube, ich werde ein paar schwarze Hundehaare als Souvenir mit nach Hause nehmen. Doch daran wird es nicht liegen, wenn mein Gepäck am Ende die 23 Kilo sprengt. Eine Reihe mit Serviettentechnik (alias Decoupage) verzierter Gläser haben sich auf dem Basteltisch im Obergeschoss angesammelt. Nicht alle werde ich mitnehmen können. Und es ist nicht leicht, Dosi davon abzuhalten, sie auch noch mit allerlei lieben Dingen zu füllen.

In Ermagelung dieser Alternative verlegt Dosi sich also darauf, mich abzufüllen – und zwar mit Essen. Die drei (oder mehr) Gänge Menus nehmen somit auch nach unserem Ostertrip fürs Erste kein Ende. Ich bin nur froh, dass es keine Gewichtsbeschränkungen für Passagiere gibt…

So viele Worte für einen eigentlich ereignisarmen Tag. Morgen wird es wieder mehr zu erzählen geben. Ganz so, wie es sich für einen letzten Tag gehört.

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Tag 181 – In alle Himmelsrichtungen verstreut

Wie werde ich meine Mitfreiwilligen im Gedächtnis behalten? Ich glaube so, wie sie vor wenigen Minuten vor mir standen: Etwas außer Atem, verschwitzt, müde aber mir und Christian im Bus mit jeweils einem lachenden und weinenden Auge hinterherwinkend.

Und angesichts unseres letzten, ambitioniert geplanten Tages ist das echt keine Selbstverständlichkeit. Natürlich wussten wir von Anfang an, dass unser Zeitplan ein wenig eng gestrickt war. Schließlich mussten wir unser treues Auto um 14 Uhr in Zagreb abgeben, um dann bis 15 Uhr am Busbahnhof zu sein. Trotzdem wollten wir uns diesen Vormittag nicht nehmen lassen:

Früh (für die Mehrheit, spät für Arne) rollen wir uns deswegen aus den Betten. Während Arne unsere restlichen Vorräte zu Pfannkuchen verarbeitet, dreht der Rest von uns noch eine Runde durch die idyllische Umgebung. Wir schlagen uns etwas übermotiviert in die Büsche, finden den Weg, umrunden einen kleinen See und entdecken ein wunderschönes Schlösschen. Dann versperrt uns ein großer Schweinepferch den Weg und obwohl wir zuerst todesmutig über einen schmalen Graben springen, zwingt uns der matschige Pfad schließlich doch zum Umkehren.

Wieder bei unserem Blockhaus angekommen, ist der Zeitplan schon gesprengt. Dafür schaffen wir es, fast alles aufzuessen (was mich als Planerin doch ziemlich glücklich macht). Der Rest wird an den oder die Meistbietende*n versteigert (bzw. an die Person, die sich nicht schnell genug wehrt). Und dann ist es höchste Zeit, einen Abflug zu machen.

Entspannt kurven wir durch die Ortschaften, unser Ziel: Schloss Trakošćan – das Neuschwanstein Kroatiens. Denn seit ich den Prospekt des Schlosses bei Birgit entdeckt habe, steht es auf meiner Liste. Und heute ist es der goldene Abschluss unserer kleinen Osterreise. Schon vom Parkplatz aus blickt es stolz auf uns herab. Und auch wenn wir leider nicht die Zeit haben hineinzugehen, erklimmen wir erst den Hügel und dann die Zinnen. Anschließend schlendern wir ein wenig durch den Park. Der Weg am Uferrand des Sees ist hübsch angelegt und bietet einen perfekten Blick zurück.

Irgendwann drehen Arne und ich um und nicht lange, dann haben die anderen unseren kleinen Schabernack durchschaut und zusammen laufen wir zurück zum Auto. Dort angekommen steht der erste Abschied des Tages an: Meine braven, ausgelatschten Wanderstiefel finden ihre letzte Ruhestätte im Mülleimer, das Gepäck wird enger geschnürt.

Mit traditionell schlechter Musik (Ballermann) geht es zurück nach Zagreb. Doch kurz vor dem Flughafen müssen wir nochmal abdrehen, um zu tanken – zehn Minuten, die durchaus nochmal spannend werden. Dann kommen wir an dem Ort an, wo unsere wilde Fahrt begann. Eine Woche, eine Ewigkeit. Ohne viel Federlesen wird uns das Auto abgenommen, wir schultern unser Gepäck und dackeln aufs Klo.

Ich bestelle ein Uber und denke: „Komfort“ – wie bei der Hinfahrt – sollte ja passen. Doch als wir schließlich das Auto gefunden haben (das schon wieder am Abdrehen ist) und unser Gepäck im Kofferraum verstaut ist, trifft mich die Erkenntnis: Wir sind zu fünft, das heißt plus Fahrer zu sechst. Upsi… doch keine Rücksicht auf Verluste, die Zeit rennt und wir müssen los. Also nichts wie rein, Türen zu und möglichst bedeckt halten.

Über Nebenstraßen nähern wir uns mit Tempo 40 der Stadt (denn auf der eigentlichen Straße ist eine Polizeikontrolle), regelmäßig nervöse Blicke auf die Uhr und die Karte werfend. Ich halte mir notdürftig meinen Schal vor Mund und Nase (Croatian style 2.0), Helen muss Pipi (da sie sich vorher geopfert hat, auf unser Gepäck aufzupassen) und Annemarie wird von meinem Fliegengewicht erdrückt. Arne leidet stumm, nur Christian auf dem Beifahrersitz hat tatsächlich den bestellten „Komfort“. Aus dem Radio trällert „I will go down with this ship“ und wir können nicht anders, wir müssen lachen.

Als wir endlich vor dem Busbahnhof zum Stehen kommen, purzeln wir aus dem Auto. Ich weiß nicht, wer erleichterter ist: Der Fahrer, weil er seine schwierige Fracht losgeworden ist, oder wir, weil wir tatsächlich noch zehn Minuten bis zur Abfahrt haben. Zielstrebig laufen wir auf unseren Bus zu, checken ein und umarmen uns – zumindest so gut es das Gepäck eben zulässt. Tja und dann fährt unser Bus los und wir sitzen drin.

Kaum ist unsere Hasenfamilie gewachsen, wird sie schon wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

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Tag 180 – Seesterne

Daruvar – eine Stadt der Überraschungen. Als ich heute Morgen aufwache, ist Helen in ihre Yoga-Übungen vertieft und Arne döst auf der Couch. Auch die anderen werden langsam wach und wir machen uns ans opulente Frühstück: Der Rest des Mousse au Chocolate möchte vernichtet werden.

Als wieder alles im Auto ist, läd uns Daruvar zu einem Spaziergang ein. Einen Park später haben wir die Hälfte der Gruppe veloren, finden sie jedoch bald wieder. Der Ort ist nicht groß, aber der Kurpark mit seinen historischen Gebäuden ist wirklich sehr hübsch.

Auf dem Weg zurück zum Auto bin ich so gut gelaunt, dass ich dem nächstbesten Fremden, der mir entgegen kommt, ein fröhliches „Bok“ entgegenschleudere. Arne schaut mich überrascht an und fragt, warum ich denn ausgerechnet den Mann vom Ordnungsamt grüße. Eine Situation die noch komischer wird, als sich herausstellt, dass Christian, der Unglückshase, unseren Parkschein weggepackt hat und wir just von diesem Herren einen Strafzettel kassiert haben. Ironie des Schicksals, würde ich sagen.

Entsprechend belustigt fahren wir los nach Bjelovar, der freilich schönsten Stadt Kroatiens. Dort begutachten die anderen erst Arnes Wohnung, dann seine kroatische Heimatstadt, während Arne selbst und ich ein bisschen etwas zu Arbeiten haben: Wir drehen ein Video und verfluchen dabei im Stillen die Kinder, die lautstark und vergnügt im Hintergrund Fange spielen.

Als Belohnung gönnen wir uns eine Schokolade bzw. einen Kaffee, dann geht es weiter nach Koprivnica, wo meine Mitbewohnerin Vjera schon auf uns wartet.

Auf der Strecke dorthin kommen wir an einem Auto vorbei, das im Graben liegt. Der Fahrer, der wohl etwas zu schnell um die Kurve wollte, steht Gott sei Dank unverletzt daneben und antwortet auf unsere Frage, ob er Hilfe braucht mit „Sve u redu“ – alles in Ordnung. Im Gegensatz zu ihm erreichen wir unser Ziel ohne Probleme und werden von Vjera und ihrer Golden Retriever-Hündin Bella begrüßt. Zusammen machen wir uns auf, die Stadt zu erkunden. „Zwei Stunden“, so Vjera, „sind der perfekte Zeitraum, um Koprivnica zu besuchen, denn besonders viel gibt es hier nicht zu sehen.“ Doch an der Seite unserer kundigen Führerin wird uns nicht langweilig: Wir streifen durch den kleinen Park im Stadtzentrum, machen einen Abstecher zu den alten Festungswällen und stillen schließlich unseren Hunger im besten Restaurant der Stadt: Eine würzige Käseplatte als Vorspeise, einen Gulasch mit Kroketten zum Hauptgang und einen sagenhaften Strudel mit Rosinen, Äpfeln und Mohn zum Nachtisch – da können einem selbst die stürmischten Windböhen nichts mehr anhaben.

Nach dem Essen müssen wir allerdings zügig weiter, denn auch an unserem letzten Stopp für den Tag haben wir eine Verabredung. Und zwar mit Annemarie, Dosis Tochter. Zusammen trinken wir einen Kaffee im goldenen Licht der letzten Sonnenstrahlen, dann drehen wir auch hier noch eine Runde durch die Stadt. Dabei kann sogar ich noch etwas Neues entdecken, denn als Studentin kennt Annemarie das ein oder andere „Easter Egg“. Außerdem hatten die Cafes bei meinem letzten Besuch noch geschlossen, jetzt hingegen sind alle Plätze von Tischen und Stühlen nur so übersäht.*

Für einen weiteren Kaffee ist es allerdings ein wenig zu spät. Stattdessen verschieden wir uns auch von Annemarie und Varazdin wieder und steuern unser Domizil für unsere letzte Nacht an: Ein Blockhaus mitten in der Pampa. Und zwar so sehr in der Pampa, dass wir es zunächst nicht finden. Die Straße endet, doch weit und breit kein Blockhaus. Glücklicherweise hat uns die nette Vermieterin erspäht und weist uns den Weg. Beim Haus angekommen werden wir schließlich nicht nur von ihr und ihrem Mann begrüßt, sondern auch von einem extra geschürten Lagerfeuer. Dort sowie später in der gemütlichen Stube kuscheln wir uns zusammen und bilden ein unzertrennbares Knäul aus Armen, Beinen und vor lauter Kichern bebender Körper. Kurz: Ein langer Tag, aber ein guter Tag.

 

*Wie lange das allerdings noch so bleibt, ist fraglich. Denn von Annemarie erfahren wir, dass ab Montag in Rijeka und Umgebung wieder alle Cafes und nicht-systemrelevanten Läden schließen müssen. Rijeka ist seit Wochen traurige Spitze der Corona-Infektionszahlen (gefolgt von Zagreb), daher kommt der Schritt nicht gerade überraschend. Trotzdem, nicht nur in meinem Heimathafen, sondern in ganz Kroatien könnte es bald wieder ein wenig ungemütlicher werden.

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Tag 179 – Beach Bar

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Oder wie in unserem Fall: Was du gestern nicht konntest besorgen, das mache eben heute. Denn auch wenn uns die Müdigkeit langsam aber sicher in die Knochen kriecht, die letzten drei Tage wird noch einmal Vollgas gegeben (außer bei Christian 😉 )!

Und so ging es mit routiniert gepacktem Auto Richtung Papuk Naturpark. Zugegeben – auch heute mussten wir ein wenig umplanen, denn der direkte Weg zu unserem Ziel erwieß sich als Schotterpiste. Doch Option numero deux war nicht nur asphaltiert, sondern führte uns darüber hinaus auch an all den Orten vorbei, die wir gestern nicht besuchen konnten. Zwei Fliegen mit einer Klappe – bzw. eigentlich vier: Ein Schloss mit Zwiebeldächchen, ein Kloster, eine Burgruine im Wald und zum Abschluss die Wanderung im Papuk Naturpark.

Während für Helen und Arne letzteres ein absolutes Highlight war, fand ich unseren Stopp bei der Ruzica-Ruine am Schönsten. Denn dort kam das Kind in uns zum Vorschein und wir hatten einen Heidenspaß dabei, Verstecken zu spielen. Außerdem setzten wir uns danach für eine Kaffeepause in die Beach Bar am Feuerwehrsee alias Dorfschwimmbad. In der prallen Mittagssonne schleckten wir unser Eis und alles war perfekt.

Papuk selbst hatte allerdings auch etwas: Türkisblaue klare Seen, kleine Tropfsteinhöhlen plus einen 35 Meter hohen Wasserfall. Und durch die geschützte Lage im Schoß einer Bergkette, fanden wir sogar noch ein paar Flecken Schnee. Der Frühling, so scheint es, lässt sich hier noch ein wenig bitten.

Als die Sonne schließlich hinter den Bergen verschwand, taten wir es ihr gleich und machten uns auf den Weg nach Daruvar. Dort hatten wir für heute eigentlich einen Spa-Aufenthalt geplant, der sich jedoch nach eingehender Recherche als etwas zu teuer herausstellte.

Aber auch ohne Spa ist das Städtchen einen Besuch allemal wert: Denn als wir nach einer wunderbar entspannenden Fahrt dort ankommen, schließe ich die hübschen Fassaden und kleinen Parks direkt ins Herz. Alle anderen haben jedoch erstmal ein dringenderes Bedürfnis, welches durch unsere Suche nach der richtigen Hausnummer nicht gerade besser wird. Und auch als wir das Haus schließlich gefunden haben, lässt der Vermieter nicht locker, bis er uns lang und breit von den vielen (etwas speziellen) Sehenswürdigkeiten und Essenmöglichkeiten Daruvars erzählt hat.

A propos: Zeit für den Nachtisch 😉

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Tag 178 – Auf Grund gelaufen

Keine Panik auf der Titanik – wir leben noch. Wenn auch nur knapp. Denn keine halbe Stunde nachdem wir gestern aus Osijek aufgebrochen sind, hatten wir einen Platten. Christian, der beim Fahren ein wenig zu einem Rechtsdrall neigt (man erinnere sich an die Leitplanke von unserem Winter-Trip), hat an einer Brücke den Bordstein touchiert – oder wie es ein herbeigerufener Deutsch-Kundiger für die Polizisten übersetzte: „Sie haben die Brücke passiert und wollten gegen einen Stein fahren.“

Allerdings hatten wir auch sehr viel Glück im Unglück: Erstens hatten wir echt Dusel, dass es nur den Reifen erwischt hat und nicht die Karosserie. Zweitens erwieß sich Arne als Experte im Reifenwechseln (und Gott sei Dank hatten wir einen – wenn auch etwas abgefahrenen – Ersatzreifen im Kofferraum). Drittens konnten wir fürs Wechseln entspannt auf einen Feldweg ausweichen. Viertens war die Polizei im nächstgelegenen Städtchen super freundlich, hilfsbereit und des Englischen vergleichsweise mächtig. Fünftens entpuppte sich auch der Ort, in dem wir unser Auto als nächstes zum Automechaniker brachten, als Entdeckung. Und last but not least war der neue Reifen und das Wechseln ein absolutes Schnäppchen.

In der Summe also ein turbulenter, chaotischer und nervenaufreibender Tag, der so ganz anders verlief, als geplant. Und gleichzeitig ein ziemlich perfekter Tag.

Abgrundet wurde er zudem durch unser Domizil für die Nacht: Ein altes Bauernhaus. Dort angekommen zauberte Arne uns ein typisch kroatisches Abendessen, wir spielten Karten und Dart, ich buchte mir ein neues, dezent teureres Ticket für die Heimfahrt (nachdem mein Bus nun endgültig gecancelt wurde) und ich probierte die Whirlpool-Funktion der Luxusbadewanne aus. Ich würde sagen: Może!

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Tag 177 – Schatzsuche

Heute Morgen war der Osterhase in unserem Garten unterwegs! Fleißig hat er seine Nester versteckt und ebenso fleißig wurden sie später wieder aufgespürt (wenn auch teilweise von der falschen Person).

Am Ende waren jedoch alle happy. Und auch das Wetter spielte mit: Nach dem gestrigen Wintereinbruch schien heute wieder die Sonne. Kalt war es zwar immer noch, aber da hilft ja Gott sei Dank Bewegung.

Also verfrachteten wir uns in unsere kleine Luxusyacht und schipperten los nach Vukovar. Vokuvar ist eine kleine Stadt (siehe Silo) an der Donau alias serbischen Grenze. Wobei letzteres ziemlich wichtig ist, da Vukovar einer der (wenn nicht der) Schauplatz des serbo-kroatischen „Heimatland“-Kriegs war. Daher war es auch nicht die landschaftliche oder architektonische Schönheit, die uns an diesem Ort reizte, sondern die Historie.

Eine besondere Symbolkraft hat dabei der Wasserturm Vukovars: Rund 640 Geschosse haben während der Belagerung Vokuovars Löcher in seine Fassade gefräst – aber: „still standing“. Ein Fakt, von dem wir uns persönlich überzeugen konnten, denn nach einem kleinen Schlenker zum Markt (und einem sehr erfolgreichen Sockeneinkauf), einem Stopp bei den lustigen Sportgeräten und einem Spaziergang entlang des Donau-Ufers standen wir vor ihm. Via Treppen ging es nach oben (der Aufzug war uns dann doch zu teuer), wo uns eine typisch patriotische Ausstellung erwartete. Am Seltsamsten war jedoch die Dudel-Musik, die sogar noch ganz oben, auf der Aussichtsplattform, aus den Lautsprechern schallte.

Obwohl wir alle extra Münzen für die Ferngläser bekommen hatten, sparten wir uns die als Souvenir auf. Ewas hungrig und durchgefroren, aber bis dato ganz glücklich, machten wir uns wieder an den Abstieg – als Christians Handy einen leicht übermotivierten Abgang machte. Das Display zeigte Strobo-Pop, ansonsten nista. Tja, so wie es scheint, muss auf unseren Ausflügen wohl immer ein Handy daran glauben.

Um die Laune wieder zu heben, steuerten wir als Nächstes ein Cafe an. Dabei und anschließend passierten wir so manch schöne Gebäude – wenn auch in den meisten Fällen wieder aufgebaut. In der Franziskanerkirche entdeckte Annemarie eine Kerze in einem Mauerloch und die Erklärung dazu: Serbische Truppen wollten die Kirche vor ihrem Abzug sprengen, was jedoch glücklicherweise verhindert werden konnte.

Nach dem Kaffee spazierten wir noch am Schloss Eltz vorbei (auch hier merkt man die deutschen Verbindungen), bis zum Krankenhaus. Dort wollten wir eigentlich eine Erinnerungsstätte anschauen, wurden jedoch – trotz einer sehr freundlichen und hilfsbereiten Frau – nicht fündig. Nur den Eingangsbereich konnten wir entdecken, nicht aber die Ausstellung.

Der Mittag neigte sich dem Ende zu und so machten wir uns auf den Rückweg nach Osijek. Und der gestaltete sich relativ spannend, da sich die zwei Autos vor uns immer wieder kleine Wettrennen boten. Da kann man echt nur den Kopf schütteln. Wir selbst hatten zum Glück keinen Stress, denn obwohl der Naturpark Kopacki Rit bei unserer Ankunft schon offiziell geschlossen hatte, konnten wir den Boardwalk nicht nur machen, sondern sogar kostenlos.

Danach trieb es allerdings auch uns endgültig nach Hause – wobei: Einmal machten wir uns noch auf den Weg und zwar ins Kino. Ein bisschen Kalter Krieg und Spionage – das geht einfach immer.