Die Geschichte vom Schmugri

Entkräftet und hungrig stehe ich vor der Theke und gebe die übliche Bestellung auf – Bifteki mit Scheibenkartoffeln und Reis. Meine Stimme ist dünn, die Stimmbänder sind schon auf dem Weg ins Bett. Während ich vorhin noch, am sarkastischen Kellner vorbei, ins Lokal gewankt war, ist mein Körpergewicht nun plötzlich zum Stillstand gekommen. Meine Zehenspitzen fangen alles ab und einzig die Aussicht auf mein griechisches Leibgericht hält mich noch auf den Beinen. Trotz Corona hatte ich viele besetzte Tische passiert, Gelächter und ausgelassene Unterhaltungen waren durch das Restaurant gehallt. Auch im Thekenbereich war einiges im Gange. Kellner kamen und gingen. Das kleine Schiebefenster hinter der Theke, das Einsicht in die Küche bot, wurde wie die Metallscheibe eines Galgens im Minutentakt geöffnet und geschlossen. Und in all dem Getümmel, lies sich dann ein zärtliches, aber sehr bekanntes Stimmchen vernehmen. Die Mama Schmugri schnellte herum, als sie mich sah, mit meinen Augen, die in die Küche schielten. Sie lachte. Es war ein volles und tiefes Lachen, zutiefst vergnügt, wie nach einem langen wiedersehen, obwohl mein letzter Besuch doch erst zwei Wochen her war. Die Wärme, die von ihr ausging, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, sogar ohne einen Bissen Essen. Wieder einmal wurde mir klar, warum ich tausendmal lieber zum Schmugri als zu irgendeinem anderen Griechen ging, und auch gestand ich einmal mehr, dass der Schmugri seinem Namen alle Ehre erwies.

Seit Wochen jammere ich Mama mit meinem Wunsch, endlich wieder zum Schmugri essen zu gehen, die Ohren voll. Es liege nicht an ihrem Essen, selbst kochen sei toll und gelinge ihr sehr gut, beschwichtige ich immer wieder. Nein, es sei bloß der Schmugri, den ich so vermisste. Mama klatscht sich die Hand vor die Stirn. Was ich mit meinem blöden Schmugri wolle! Zusammen würden wir da jedenfalls nicht essen gehen. Daraufhin kommt mir eine brillante Idee – mein Geburtstagsessen dieses Jahr: Bifteki beim Schmugri! Mama verdreht die Augen. Na, wenn’s sonst nichts ist…ihr jetziges Abendessen serviert sie, wie die Mama Schmugri es tun würde und kommentiert dabei jede Geste, bis wir nicht mehr anders können, als Lachen. „Und dann watschle ich in meinen abgenutzten Klamotten zur dir an den Tisch. Mit meinen gelben Zähnen und meinen fettigen Haaren. Und dann beug ich mich so [sie drückt ihren Oberkörper übertrieben nah an mich heran] über dich, sodass meine Brüste schon fast in deinem Gesicht hängen. Und dann klatsch ich dir dein Fertigfleisch vor die Nase!“. Wir prusten los. „Du bist so blöd!“, wehre ich mich. Aber das hilft auch nicht mehr. Denn sie hat recht, Mama Schmugri ist die Hausherrin des Schmuddelgriechen. Vielleicht schmeckt das Fertigfleisch deswegen ja so lecker – weil es in einem herrlich unkonventionellen, schmuddeligen Restaurant geschieht! Wir stoßen an, auf den Schmugri, und darauf, dass nicht nur die Augen, sondern auch das Herz mit isst!