Freundschaft

Ein Junge wartete auf das Wiedersehen seines Freundes. Er rollte an Platanen vorbei, die wirre Schatten warfen, Sternenmuster. Links von den Platanen ein weitläufiges Parkgelände, saftige Wiesen und Sträucher, die langsam zu blühen anfingen. Frühlingstag.

Früher, bei lang ersehnten Wiedersehen, staute sich ihre Vorfreude zu einem fülligen, warmen Ballon, der zerplatzte, als sie sich plötzlich erblickten. Dann lachten sie los. Riefen sich beim Namen. Ein Ausruf mit Fragezeichen am Ende, das den Bogen spannte. Sie schenkten sich ein Lächeln, einige Sekunden, Erinnerungen flogen, gemeinsames Schlittschuhlaufen, Klettern, Eiswettessen.

Sein Freund erschien hinter der nächsten Platane. Mitleid lag in seinen Augen. Wo war das Lachen? Wo das anhaltende Lächeln?

Stattdessen Betroffenheit. Der Junge spürte, dass der Blick für ihn war, ein Geschenk. Ein hässliches Geschenk. Sein Freund verlor sich im Sternenmuster der Platanen auf dem Asphalt unter ihnen. Verstörte es ihn, den Jungen im Rollstuhl zu sehen? War er überfordert?

Das sei nur ein Rollstuhl. Und er sei ja trotzdem noch er, erzählte der Junge, um seinen Freund zu beruhigen. Kurz darauf musste er sich eingestehen, dass seine Aussage nicht stimmte. Dass der Rollstuhl ihn sehr wohl veränderte, dass er auf Suche war. Vielmehr als zuvor. Der Junge erzählte von der Zeit vor dem Krankenhaus, von neuen Freunden mit getunten Rollstühlen und Brettspielen, für die man bloß seine Nasenspitze brauchte. Die Augen seines Freundes veränderten sich nicht, blieben mitleidvoll. War alles schwer, was er erzählte? Alles düster? Er kramte doch bewusst nach heiteren Geschichten.

Das Treffen war kurz. Es überraschte den Jungen wenig. Er spürte, dass ihre Freundschaft weitergezogen war. Ohne die beiden mitzunehmen. Wusste, sie würden sich nicht wiedersehen.