Die Sache mit der Angst

„Du kannst dann ja die Rallye mit den iPads durchführen. Es werden 9 Lehrer kommen“, lese ich in meinen E-Mails. Ich merke, wie sich das Gefühl von Aufregung schon ein bisschen in mir ausbreitet. „Ich muss nur höchstens zwei Minuten lang sagen, was sie machen sollen. Es sind nur neun Personen“, versuche ich mich zu beruhigen und die Aufregung beiseite zu schieben. Das klappte sogar erstaunlich gut und sie kam erst am Abend vorher wieder. Dieses mal stärker, obwohl ich mittlerweile sogar wusste, dass nur vier Personen kommen würden.

Am Nachmittag war es dann soweit. Auf wackligen Beinen stand ich neben meiner Kollegin vor den vier Lehrer*innen und konnte mich nicht entscheiden, ob ich mir lieber wünschen sollte, dass diese nur kurz etwas sagt und ich meinen Part schnell hinter mich bringen kann oder dass sie möglichst lange redet, um meinen Teil noch etwas hinauszuzögern. Zu Beginn gab es eine kurze Vorstellungsrunde, bei der auch ich mich vorstellen sollte. Man sollte meinen, da sei nichts schwieriges bei. Kurz meinen Namen sagen, woher ich komme und wie lange ich hier sein werde. Aber irgendwie fällt mir das doch immer sehr schwer. Mein Kopf schaltet sich aus, ich spüre, wie mir viel zu warm wird, wie mein Herz schnell und laut gegen meine Brust hämmert und mir die Luft zum Atmen nimmt. Das einzige was ich in solchen Momenten denken kann ist: „Ich muss hier weg, sonst macht mein Körper das nicht mit. Man merkt mir meine Angst so stark an und alle denken schlecht über mich.“

Ich habe es dann wohl doch irgendwie geschafft, meinen Namen und ein paar Sätze zu stammeln, kurz danach die Tablets zu verteilen und die Aufgabenstellung zu erklären. Es hat noch einige Zeit gedauert, bis die Angstsymptome wieder abgeklungen waren, aber ganz langsam konnte ich mich wieder entspannen.

Was nehme ich aus der Situation mit? Vor allem, dass die Angst doch wieder abklingt, auch wenn ich das in der Situation selbst meistens nicht glauben kann, und auch, dass ich solche Situationen trotz Angst überstehen kann und nicht die Flucht ergreife. Aber trotzdem hat es mich sehr verunsichert und die Selbstzweifel sehr verstärkt, weil ich gehofft hatte, dass die Ängste nicht mehr so stark sind, dass ich nicht mehr so stark von den körperlichen Angstsymptomen erschlagen werde und ich große Sorgen habe, dass mir das für immer im Weg stehen wird.

Immer wieder sonntags

Ich sitze auf meiner Fensterbank, beobachte die Bauarbeiter, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite schon seit Monaten dabei sind, ein Haus zu bauen, und stecke mir meine Haare mit etlichen Haarnadeln zu einem Dutt zusammen. Wie jeden Sonntag warte ich darauf, dass es 13 Uhr ist und ich mich auf den Weg zum Balletttraining machen kann.

Dort angekommen werde ich von einem freundlichen Здравей begrüßt und während die Gruppe vorher noch ihre révérence macht, bleibe ich am Rand stehen und dehne mich ein bisschen.  Die anderen Tänzer*innen aus meiner Gruppe sitzen meistens schon hinten im Tanzsaal, dehnen und unterhalten sich. Das würde es Zuhause nicht geben. Von klein auf hat man an meiner Ballettschule gelernt, dass man nicht spricht, weil es den Unterricht stört. Was für mich auch befremdlich wirkt ist, dass die anderen während kurzer Dehnpausen oder auch zwischen den Übungen zur Seite gehen, um ihre Nachrichten am Handy zu checken. So etwas würde es Zuhause erst recht nicht geben.

In den vergangenen Monaten fand das Training immer in einem Tanzsaal in der dritten Etage des Gebäudes statt. Der Raum war schön groß und hell und aus den Fenstern konnte man die Berge sehen. Leider ist das Training mit Beginn des neuen Jahres ins Erdgeschoss umgezogen. Der Raum ist kleiner, die Ballettstangen wackliger, es gibt keinen Tanzteppich und der Ausblick beschränkt sich auf einen Parkplatz. Ein Glück, dass wir meistens nur zu viert sind.

Der Unterricht beginnt, die Musik erklingt und sofort breitet sich ein positives Gefühl in mir aus. Auch wenn ich vorher nicht immer wirklich motiviert bin, verfliegt das sofort, sobald ich die ersten plié und tendu gemacht habe. Es ist schön, in einem fremden Land in einem fremden Tanzsaal zu stehen und trotzdem ein vertrautes Gefühl zu haben.

Kukeri & Surva

Schon von weitem hört man das Scheppern vieler Glocken. Männer in traditionellen Kukeri-Kostümen springen auf der Stelle, damit die vielen Glocken, die sie um die Hüfte gebunden haben, laute Töne von sich geben. In der Hand halten sie Fackeln. Das Licht des Feuers lässt die Masken noch Furcht einflößender aussehen.

Dieses Wochenende findet in Pernik das Surva Festival statt. Das »International Festival of the Masquerade Games« zeigt traditionelle Masken, Kostüme und Bräuche der Kukeri und Survakari. Die Maskeraden-Rituale werden in der Zeit zwischen Weihnachten und Ostern von unverheirateten bulgarischen Männern vollzogen. Um Neujahr herum werden sie als Survakari bezeichnet. Teilnehmer vor Ostern als Kukeri. Die Rituale präsentieren den Wunsch nach einer guten Ernte, Gesundheit und Fruchtbarkeit. Sie vertreiben böse Geister und bereiten auf einen Neuanfang vor.

Alte Stadtmauern & Mosaike

Letztes Wochenende war ich in dem Museum unter der St. Sophia Basilika. Die Basilika wurde im 4. Jahrhundert nach Chr. gebaut und ist eine der ältesten Kirchen Europas. Nach ihr wurde auch die Stadt benannt. In dem unterirdischen Museum kann man alte Stadtmauern sehen, die aus der Zeit stammen, als die Stadt noch Сердика (Serdika) genannt wurde. Außerdem gibt es alte Mosaike zu betrachten.

Ich finde es immer sehr beeindruckend, faszinierend und auch ein bisschen unvorstellbar, über wie viele Jahre sich solche Gemäuer gehalten haben. Besonders gut haben mir die Mosaike gefallen.

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Gedanken zum neuen Jahr

Die ersten Arbeitstage des neuen Jahres liegen hinter mir und ich muss sagen, dass ich ganz froh darüber bin, wieder eine geregelte Tagesstruktur zu haben. Ich fühle mich wieder produktiver und lebendiger.

Die elf Tage Weihnachtsschließung kamen mir vor wie eine nicht endende Ewigkeit. Überall habe ich von all jenen gelesen, die über Weihnachten zu ihren Familien geflogen sind und was für eine schöne Zeit sie haben. Da habe ich mich schon oft gefragt, ob ich es nicht bereue, hier geblieben zu sein, doch über diese Frage nachzudenken führte auch zu keinem Ergebnis. Nachdenken war während der Zeit eh mein größtes Problem. Zu viele Gedanken über die Zukunft und das Leben.

Es wird immer gesagt: Wenn es dir nicht gut geht, dann tu dir etwas Gutes, höre deine Lieblingsmusik, iss dein Lieblingsessen, mach etwas, was dir Freude bereitet. Das ist für mich aber gar nicht so einfach – erst recht nicht, wenn es mir nicht gut geht. Wenigstens an Silvester hat das aber ganz gut geklappt. Während andere mit ihren Freunden oder der Familie gefeiert haben, habe ich mich mit meinem Lieblingsessen und einem Buch in mein Bett verschanzt und versucht, nicht bei jedem Böller vor Schreck einen Herzstillstand zu bekommen.

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, dann würde ich sagen, dass es bisher – abgesehen von den ersten Monaten – mein Lieblingsjahr war. Das lag vor allem an den vielen Tanzprojekten, an denen ich teilgenommen habe und den vielen schönen Momenten auf der Bühne, die mir immer viel Kraft geben. Das neue Jahr wird anders. Ein Jahr ohne Auftritte. Ein Jahr, in dem ich mir andere Dinge suchen muss, die mich erfüllen. Ich habe ein bisschen Angst, dass ich die nicht finden werde – weit entfernt von zuhause und den Menschen, die mir lieb sind.

Was ich im vergangenem Jahr aber auf jeden Fall gelernt habe ist, dass man schöne Erlebnisse nicht planen kann; dass sich immer wieder Möglichkeiten ergeben, mit denen man vorher nicht gerechnet hätte. Somit ist mein einziger Vorsatz für das neue Jahr, mich mehr von meinem Herzen treiben zu lassen. Denn das führt mich (hoffentlich) zu dem ein oder anderen schönen Moment.

In dem Sinne: Frohes neues Jahr! 🍀

Einsame Weihnachten

Für mich war es das zweite mal, dass ich an Weihnachten nicht bei meiner Familie war. Als ich vor zwei Jahren ein Auslandssemester in Litauen gemacht habe, bin ich auch dort in Vilnius geblieben. Es war irgendwie traurig und ich habe mich sehr einsam gefühlt, deshalb habe ich versucht mich in diesem Jahr auf die schweren Gefühle vorzubereiten und mir schöne Kleinigkeiten vorzunehmen für die ich mir sonst vielleicht nicht die Zeit nehme.

So habe ich den Vormittag also damit verbracht Plätzchen zu backen und im Laufe des Tages die meisten davon schon aufzuessen. Mittags habe ich dann mit meiner Familie geskyped und den restlichen Tag damit verbracht „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zu schauen und über meine Zukunftspläne nachzudenken, was leider meistens keine so gute Idee ist, weil es nie zu einem Ergebnis führt und die Zweifel und Ängste nur verstärkt.

Als es draußen dunkel wurde, fing es so doll an zu stürmen und zu schütten als würde die Welt gleich untergehen. Ich habe mich dann in mein Bett gelegt und eins der zehn Bücher gelesen, die ich mir aus der Bibliothek ausgeliehen habe. Zehn waren vielleicht etwas übertrieben, aber es ist ganz schön eine Auswahl zu haben und immerhin habe ich gestern früh das dritte Buch angefangen.

Am Abend habe ich mich dann noch mit dem deutschen Praktikanten vom Institut getroffen, der über die Feiertage auch hier geblieben ist. Es war irgendwie beruhigend, draußen durch die leeren Straßen zu spazieren. Kein Mensch unterwegs. Keine Autos. Kein Lärm. Nur Stille.

Basteln & Weihnachtsfeier

Die letzte Arbeitswoche für dieses Jahr war sehr ruhig und hat mir geholfen, wenigstens ein bisschen in Weihnachtsstimmung zu kommen. 🎄 Am Mittwoch gab es einen Bastelnachmittag für Flüchtlingskinder. Ich habe einen Engel gebastelt und eine der Institutsweihnachtskarten verschönert. Das beides schmückt jetzt die Fensterbank in meinem Zimmer.

Am Donnerstag war dann die Weihnachtsfeier bei uns im Institut. Wir Freiwilligen waren für das Wichteln zuständig. Für das Buffet habe ich einen Tannenbaum aus Blätterteig und Schokolade gebacken. Die Weihnachtsfeier war sehr nett und als Überraschung gab es zu Beginn ein kurzes Konzert eines bulgarischen Streich-Duos. 🎻

Ich wünsche allen wunderschöne Weihnachtstage! 🎄✨

Buchmesse & Literaturfestival

Als ich Anfang des Jahres mein Vorstellungsgespräch mit dem Goethe-Institut hier in Bulgarien hatte, wurde mir von der Sofioter Buchmesse als das größte Freiwilligenprojekt für diese Stelle erzählt, bei dem die Frankfurter Buchmesse mit einem Stand kommen wird. Ich war sehr begeistert und dadurch auch etwas enttäuscht, als ich dann einige Monate später die E-Mail bekommen habe, dass ich doch nicht in die Bibliothek komme, sondern in die Sprachabteilung/BKD. Im Endeffekt hatte ich jetzt aber das Glück im Social-Media-Team zu sein und habe die letzten sechs Tage auch vor allem hier auf der Buchmesse bzw. dem Literaturfestival verbracht. Das Literaturfestival stand in diesem Jahr unter dem Motto „Vier Länder, eine Sprache“. Es waren Gäste aus allen vier deutschsprachigen Ländern eingeladen, die Gespräche mit bulgarischen Autoren geführt haben. Die deutschsprachigen Autoren waren Sabine Bockmühl, Sherko Fatah, Iliya Trojanov, Marion Poschmann, Jonas Lüscher, Robert Menasse, Christoph Hein und Ferdinand Schmatz.

Der bulgarische Autor Georgi Gospodinov im Gespräch mit Iliya Trojanov.

Außerdem waren die Kinderbuchautorinnen Dagmar Geißler und Katja Alves da. Bei dem Gespräch mit Katja Alves sind etwa 150 Schulkinder gekommen, die der Autorin ganz viele Fragen gestellt haben. Danach habe ich Katja Alves noch mit zu einer Schule begleitet, wo sie für eine dritte Klasse eine Lesung gegeben hat.

Wie meine Aufgaben während der letzten Tage aussahen: Morgens haben wir uns in dem schönen Literaturcafé zur Social-Media-Besprechung getroffen. Manchmal war ich echt überrascht, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, um alle Posts für den aktuellen Tag zu planen. Ich war vor allem für Instagram zuständig und für Live-Fotos für Facebook und Twitter.

Außerdem war ich zwei mal als Standhilfe eingeteilt, doch dabei konnte man nicht so wirklich hilfreich sein. Als richtige Standhilfen waren bulgarische Germanistik-Studenten eingeteilt und wir waren nur zusätzlich noch dort. Ohne Bulgarisch sprechen zu können, konnte man nur sehr wenigen Menschen ihre Fragen beantworten.

Am Samstag Abend hatte ich das Glück und durfte mit zum gemeinsamen Abendessen gehen. Die Autoren, die dabei waren, waren Christoph Hein, Ferdinand Schmatz und Katja Alves mit ihrem Ehemann. Es war sehr interessant, deren Gesprächen zu lauschen. Als sie anfingen, über den Beruf des Bildhauers zu sprechen, habe ich mich in der Zeit zurück versetzt gefühlt und ich hatte den Gedanken:  So muss es gewesen sein als die Schriftsteller sich früher getroffen, Wein getrunken und über politische und geschichtliche Themen gesprochen haben.

Allgemein hat mir die Woche sehr gut gefallen – auch wenn ich merke, dass mir zum Ende hin ein bisschen die Energie ausgegangen ist, denn jeden Tag mindestens zehn Stunden irgendwie präsent zu sein ist doch sehr anstrengend. Was ich ein bisschen schade fand war, dass die eine Frau von der Frankfurter Buchmesse mich hat spüren lassen, dass ich (vor allem bei dem Abendessen) ihrer Meinung nach nichts zu suchen hatte. Deshalb war ich ganz froh, dass sie schon heute früh abgereist ist, sodass es ein netter letzter Tag war.

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