Sommerfest

kulturweit trotz psychischer Erkrankung

»kulturweit trotz psychischer Erkrankung« war ein Suchbegriff, den ich vor einem Jahr vergeblich in meine Suchmaschine eingetippt habe. Meine Schlussfolgerung: keine Ergebnisse = sie werden mir doch noch eine Absage schicken. Jetzt, ein Jahr später, sitze ich in meinem Zimmer in Sofia, was bedeutet: Sie haben mir keine Absage geschickt.

Nachdem ich vor einem Jahr die Zusage für den Freiwilligendienst erhalten habe, folgte kurz danach eine Liste mit Dokumenten, die eingereicht werden mussten – darunter auch ein medizinisches Gutachten. Sofort kam in mir die Sorge auf: »Was wird mein Hausarzt dort hinschreiben? Und wird er es ohne Bedenken unterschrieben?« Der Termin bei meinem Hausarzt kostete mich viel Energie, denn natürlich wollte er es nicht unterschreiben und ich brauchte viel Überzeugungskraft, damit er am Ende doch sein Okay gegeben hat. Ich ging erschöpft, verärgert und besorgt aus der Praxis, denn:
1. Wie kann ein Hausarzt, den ich noch dazu heute gerade mal zum dritten mal in meinem Leben gesehen habe, über meine psychische Verfassung urteilen?
2. Noch nie zuvor habe ich Diagnosen so sehr verhasst wie in diesem Moment! »Sozialphobie, Anorexie, Depression« – Das Bild, besonders durch die vielen noch herrschenden Vorurteile verstärkt, das diese Wörter vermitteln, entspricht schließlich überhaupt nicht mir als ganze Person, die studiert, auf der Bühne tanzt und versucht, trotz der Schwierigkeiten für ihre Träume zu kämpfen.
3. Wenn die das lesen werden sie mir sicherlich doch noch eine Absage schicken. Und wenn die das in der Einsatzstelle lesen, haben die auch direkt ein schlechtes Bild von mir.

Etwa einen Monat vor Beginn des Freiwilligendiensts gab es dann ein Telefonat mit einer Ansprechperson von kulturweit, in dem wir u.a. über Krisenpläne gesprochen haben. Außerdem musste ich mich entscheiden, ob die Trainerin für das Vorbereitungsseminar über meine Diagnosen informiert werden soll. Ich sagte einfach »Ja«, weil ich in dem Moment gar nicht wirklich darüber nachdenken konnte – schließlich war das Telefonat an sich schon eine große Herausforderung für mich. Während des Vorbereitungsseminars stellte sich dann heraus, dass das die beste Entscheidung war! Die Trainerin meiner Homezone hat sich viel Zeit für persönliche Gespräche mit mir genommen, die mir während dieser sehr überfordernden zehn Tage wirklich sehr geholfen haben.

Außerdem gab es ein »Mental Health Empowerment«, weil ich anscheinend doch nicht die einzige Person mit solchen Problemen war. Es kamen ca. fünf Personen zu dem Treffen, die alle berichteten, wie stabil sie sich momentan fühlten. Da ich mich in dem Moment überhaupt nicht stabil fühlte, verunsicherte mich das leider mehr als dass es mir geholfen hat. Deshalb suchte ich im Anschluss noch ein Gespräch mit dem Trainer, der das Empowerment geleitet hat. Auch dieses Gespräch konnte mir weitere hilfreiche Gedanken mit auf den Weg geben. »Reden hilft« war wohl der wichtigste Gedanke, den ich aus dem Vorbereitungsseminar mitgenommen habe.

In dem Telefonat mit der Ansprechperson löste sich auch meine Sorge auf, dass ich an der Einsatzstelle schon Vorurteilen ausgesetzt bin, bevor ich überhaupt dort anfange: der Einsatzstelle wird das medizinische Gutachten nicht mitgeteilt. Trotzdem hat es vor Ort dann sicherlich nicht lange gedauert, bis man mir die Ängste anmerken konnte und spätestens dadurch, dass ich so offen darüber schreibe, weiß wohl das ganze Institut davon. Zum Glück habe ich sehr nette Kolleginnen, mit denen ich auch offen darüber reden konnte, ohne das Gefühl zu haben, irgendwie stigmatisiert zu werden.

Jetzt sind es nur noch wenige Wochen bis das Jahr vorbei ist. Es war nicht immer einfach und es hat gefühlt ewig gedauert, bis die Ängste ein bisschen abgeklungen sind, aber trotzdem habe ich viele Herausforderungen irgendwie gemeistert und auch Aufgaben, von denen ich das zuvor niemals gedacht hätte. Und weil ich während des Jahres von anderen oder zukünftigen Freiwilligen , die auch psychische Erkrankungen haben, Nachrichten bekommen habe, die mir gezeigt haben, dass es wichtig (und wohl auch hilfreich) ist, da so offen drüber zu schreiben, hoffe ich, dass ich mit diesem Beitrag irgendjemanden erreichen konnte, der anfangs vielleicht die selben Sorgen und Unsicherheiten hat wie ich vor einem Jahr.

4 Gedanken zu „kulturweit trotz psychischer Erkrankung“

  1. Liebe Mandy,
    vielen Dank für den Artikel! Jetzt wo es unter den Suchbegriffen »kulturweit« und »psychische Erkrankung« auch etwas zu finden gibt, kann er anderen nun Mut machen sich einfach zu bewerben!
    Ich habe großen Respekt, dass du darüber so offen schreibst und damit gegen das Stigma kämpfst.

    Eine gute Rückkehr und bis bald am Werbellinsee.

    1. Lieber Philipp, vielen Dank für deinen Kommentar! Der hilft die Zweifel, ob es wirklich so gut ist da so offen drüber zu schreiben, beiseite zu schieben.
      Viele Grüße aus Sofia und bis bald 🙂

  2. Hi Mandy 🙂
    Ich habe deinen Blog erst vor ein paar Tagen entdeckt und ihn seit dem gelesen – bis ich jetzt gerade fertig geworden bin.
    Ich weiß gar nicht, was ich großartig schreiben soll, habe aber das Gefühl, dass ich doch ein paar Worte sagen muss…
    Ich will nicht sagen, dass ich deine Situation oder deine Probleme zu 100% nachvollziehen könnte, aber in vielen Dingen, die du beschrieben hast, habe ich mich selbst wieder erkannt. Umso mehr beeindruckt es mich, wie du dieses Jahr durchgezogen hast! (Oder bald haben wirst, ein paar Tage sind es ja noch)
    Es freut mich unheimlich zu lesen, wie du dich langsam aber sicher einleben konntest und so viele Herausforderungen gemeister hast – auch wenn ich dich nur aus deinen Texten kenne, glaube ich, du bist gewissermaßen eine unglaublich mutige Person!

    So, jetzt wünsche ich dir auf jeden Fall noch schöne letzte Wochen. Vielleicht sehen wir uns ja auf dem Zwischenseminar. Alles Liebe!

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