6. 12. – Die blonde Zauberfrau (griechisches Märchen)

Winterzeit ist Märchenzeit. In Deutschland wie auch auf der griechischen Insel Skiathós, von der dieses Märchen stammt. 

Einst konnte man einen armen Hirten erblicken und seine Frau, die mit einem Kind hochschwanger war. Die beiden gingen langsam, langsam in die Berge hoch, sie stiegen über Felsen, durchquerten Schluchten, ebendeshalb, um zu ihrer Hütte zu kommen, die dort oben gelegen war. Sie kamen an, sie verrichteten ihre Arbeiten, sie versorgten die Ziegen und machten sich schließlich auf den Heimweg.

Sie gingen, gingen, der Abend kam. Und wie sie so dahinschritten mitten auf dem Weg, da bekam die Frau ihre Wehen. Ganz plötzlich überfielen sie sie da oben in der Dunkelheit, und es zeigte sich, daß sie bald ihr Kind bekommen würde. Hm, das Dorf war noch zu weit, sie konnten es nicht mehr rechtzeitig erreichen. Ihre Berghütte? Keine Rede, die war noch viel weiter weg, und der Weg dahin war schwierig. Was sollten sie jetzt machen so allein und ohne Hilfe?

Also, der Hirte läuft dahin, läuft dorthin, er findet einen hell erleuchteten Palast! Nein, nein, Lügen, nur einen verlassenen Stall! Halb zerfallen ist der und völlig finster, aber der arme Mann hat keine andere Wahl: Er hilft seiner Frau hinein, sucht in aller Eile Brennholz zusammen, entfacht ein wärmendes Feuer und schon bekommt die junge Frau ihr Kind. Er macht noch mehr Feuer, damit sich das Neugeborene nicht erkältet und sich beide wohlig und geborgen fühlen in dem armseligen Stall mitten in der Nacht. Ja, so war es damals in den alten Zeiten.

Genau in dieser Nacht war zufällig der König unterwegs in der Gegend mit seinem Schiff. Und während die junge Familie sicher im Stall saß, da sandte Gott plötzlich ein Unwetter, einen Regen, einen Wolkenbruch, als wenn die Welt unterginge, mit solch einem Wind, mit Blitz und Donner, mit solch einem Gekrache, … es war furchtbar! Und Wolken und wieder Wolken kamen, der Himmel füllte sich mit ihnen an. Es bestand höchste Gefahr, daß das Schiff kentern und die Mannschaft ertrinken würde, denn es war finsterste Nacht, und sie wußten schließlich nicht mehr, wo sie waren. Sie wußten nur, daß sie sich in der Nähe einer unwirtlichen Inselküste befanden, wo es gefährliche Felsen und Untiefen gab. Die Seeleute gerieten in Panik, da sie befürchteten, daß das Schiff auf den Felsen zerschellen und ihr König dabei ertrinken könne.

Und in ihrer Not, da erblickten sie plötzlich den hellen Schein eines Lichts, irgendwo hoch oben! Es war der Schein des Feuers, das der Hirte für seine gebärende Frau entzündet hatte. Der Kapitän konnte sich daran orientieren, er umschiffte mit seinen Leuten die gefährlichen Felsen und fand die Einfahrt in eine ruhige Bucht. Und auf diese Weise wurden sie gerettet.

Sofort bei Sonnenaufgang ließ sich der König an Land bringen, stieg auf den Berg und traf, wie konnte es auch anders sein, auf den Hirten. Den fragt er: »He, du! Kannst du mir sagen, wer hier oben in der Nacht ein großes Feuer gemacht hat? Wo finde ich den?«
»Das war ich, Herr«, erwidert der Hirte, »ich habe es entzündet, weil meine Frau ein Knäblein geboren hat, und ich wollte, daß sie nicht frieren. Deshalb habe ich Feuer gemacht.«
»Dieses Feuer, junger Mann, das du für deinen Sohn entfacht hast, hat mich, den König dieses Landes, und meine Mannschaft vor dem sicheren Tod bewahrt! Wenn wir den hellen Schein nicht gesehen hätten, wären wir heute nacht bei dem Unwetter alle jämmerlich ertrunken. Ich, ja wir alle schulden dir großen Dank, da du unser Leben gerettet hast. Um dir das Gute zu vergelten, das du an uns vollbracht hast, möchte ich dein Kind taufen und sein Pate sein. Wenn dein Knabe einmal das zwölfte Lebensjahr erreicht hat, dann schicke ihn zu meinem Palast, er soll dort leben wie ein Königssohn.«

Der Hirte und seine Frau waren überglücklich, daß ihr Sohn den König zum Paten hatte. Alle zusammen bereiteten sie die Taufe vor, und das neugeborene Kind wurde auf den Namen Jánnis getauft. Doch der Säugling war noch so winzig klein, daß jeder ihn nur Jannákis nannte. Nach der Taufe feierten sie noch ausgiebig einen Tag, zwei Tage, zehn Tage lang. Sie aßen und tranken, sie tanzten und sangen, sie spielten Musik und redeten viel. Dann, eines Morgens, hißte das Schiff des Königs seine Segel und fuhr aufs Meer hinaus.

 

 

Wie es weitergeht mit dem jungen Jannákis und welche Abenteuer er noch alles erleben wird, das könnt ihr in dem Buch nachlesen, in welchem ich dieses Märchen gefunden habe: „Griechische Inselmärchen“ von Constanze Ott-Koptschalijski, erschienen in der Reihe Märchen der Welt.

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