Von Spreeathen nach Athen

Von bayrischen Butterkringeln über einen italienischen Bagel zum griechischen Koulouri: Mein Start in den Freiwilligendienst begann mit einer langen Reise. Zwei Tage war ich gemeinsam mit anderen Freiwilligen unterwegs nach Griechenland. Zug, Fähre, Bus – Bis auf das Flugzeug haben wir kein Verkehrsmittel ausgelassen, eine wunderbare Zeit miteinander verbracht und sind einmal quer durch Europa gereist.

Sonntag, 12.9.2021, 20:10, Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof. Den ganzen Sommer über war das für mich der Zeitpunkt, auf den ich hingefiebert habe.
Am Samstag war ich bereits nach München gefahren, hatte dort übernachtet und mir am nächsten Tag einen Teil der Stadt angeguckt. Auf meine Mitreisenden traf ich dann gegen Abend an einer Straßenkreuzung, an der wir uns verabredet hatten. Obwohl wir uns vorher nur beim digitalen Vorbereitungsseminar gesehen hatten, erkannten wir uns sofort – schon allein die Menge an Gepäck reichte, uns als Reisegruppe auszuzeichnen. Zum Bahnhof zu gehen, Wasser zu kaufen und auf unseren Zug zu warten waren unsere nächsten Schritte.

Nach Italien

Wir fuhren mit dem ÖBB Nightjet Richtung Rom. Das Reisebüro, welches sich um unsere Tickets gekümmert hatte, hatte zwei Abteile für sechs Personen reserviert, sodass wir in dem einen den Großteil des Gepäcks unterbringen konnten. Der Schaffner nahm unser Ticket an sich, fragte nach unseren Getränkewünschen für den nächsten Morgen und zeigte uns, wie man die Tür des Abteils verriegelt, schließlich würden wir „durch Italien fahren“. Was genau das bedeuten sollte, ließ er offen.

Schlafen im Nachtzug ist so eine Sache. Die ausklappbaren Liegen sind bequemer als man zunächst denken würde, sauberes Bettzeug bekommt man auch zur Verfügung gestellt. Aber wenn man zu viert in einem Abteil schläft und nachts das Fenster offen lässt, merkt man erst, wie schnell so ein Zug fährt. Nachts wird zwar im Zug auf die Ansagen verzichtet, aber jeder Bahnhof ist hell erleuchtet und bei offenem Fenster hört man jeden Tunnel. Und nicht zuletzt ist es die Aufregung, die einen schlecht einschlafen lässt. Trotzdem macht einem der fehlende Schlaf nur wenig aus, schließlich ist man ja unterwegs!

Durch die fehlenden Ansagen wussten wir nicht genau, wann wir Bologna erreichen würden. Deshalb standen wir um fünf Uhr zwanzig mit geschulterten Rucksäcken vor der Tür und guckten in die Dunkelheit nach draußen. Wahrscheinlich wären wir dort noch eine Weile gestanden, hätte uns nicht ein vorbeikommender Polizist erklärt, dass unser Zug anderthalb Stunden Verspätung hatte. Also wieder zurück ins Abteil, Rucksäcke ablegen, den Inhalt der uns überreichten Frühstückstüte verzehren und auf Google Maps verfolgen, wie wir uns langsam Bologna nähern. Erst nach einer Dreiviertelstunde guckte ein anderer Schaffner bei uns herein. „Wir haben eine Stunde zwanzig Verspätung“, teilte er uns mit. Ja, das hätten wir mitbekommen, antworteten wir. Er verschwand sofort wieder und wir guckten weiter aus dem Fenster und beobachteten den Sonnenaufgang. Um halb sieben erreichten wir dann Bologna, schleppten unserer Gepäck nach draußen und ließen uns von der Morgensonne bescheinen.

Unsere Route

Zum Hafen

Die Strecke von Bologna nach Bari war wunderschön. Zur Rechten Hügel und Häuser, zur Linken das Meer. Wenn sich nicht gerade am Nachbartisch drei Italiener lautstark unterhalten, kann man ein Nickerchen machen, gemeinsam Maiswaffeln knabbern und Griechisch Vokabeln lernen. Zumindest war es das, was ich während der guten sechs Stunden Fahrt gemacht habe.
Kaum waren wir in Bari ausgestiegen, empfing uns die Mittagshitze. Nach einer kurzen Essenspause gingen zwei von uns zur gegenüberliegenden Busstation, um zu erfragen, mit welchem Bus wir zum Hafen fahren könnten. Mit Tickets in der Hand und der Info, dass wir mit der Linie 50 fahren könnten, kamen sie zurück. Nur wann würde der 50er Bus, der verschlossen in der Mitte der anderen Busse dastand, losfahren? Weit und breit war nämlich kein Fahrer zu sehen. Dieses Phänomen ist uns auf der Reise häufiger begegnet und kann ziemlich verunsichernd sein. Aber früher oder später fährt der Bus eigentlich immer los und so kamen wir schließlich doch zum Hafen.

Sonne und Stille hing wie ein Schleier über dem Hafen. Es waren kaum Menschen unterwegs, die Schiffe hatten in großen Abständen voneinander angelegt und es waren auch nur wenige Autos unterwegs. Definitiv nicht der wuselige Hafen, den ich erwartet hatte. Wir hatten per Mail eine Buchungsbestätigung erhalten und mussten als erstes unsere Tickets abholen. Der Schalter war in einem großen Gebäude am Eingang des Hafens, beim Reinkommen wurde automatisch Fieber gemessen und die Schlange vor dem einzig geöffneten Schalter bestand aus vier Personen. Als unsere Abordnung, bestehend aus drei Personen, dran war, stellten wir fest, dass wir nicht nur das Passenger Locator Formular sowie Personalausweis und Impfnachweis vorlegen mussten, sondern letzteres auch von jeder einzelnen Person unserer Reisegruppe. Also mussten wir wieder nach draußen, den zweiten Teil unserer Gruppe einsammeln und uns erneut anstellen. Nachdem gefühlt jeder einzelne Ausweis abgetippt wurde, erhielten wir unsere Tickets und machten, dass wir zur Fähre kamen. Denn spätestens zwei Stunden vor der Abfahrt um 19:30 Uhr sollten wir uns auf der Fähre einfinden. Eilig liefen wir an einer inzwischen entstandenen Autoschlange vorbei in Richtung Fähre, wurden noch kurz bei einer kleinen Polizeistation nach den Tickets gefragt und dann konnten wir über die Gangway das Schiff betreten. Eine Rolltreppe führte hoch in den oberen Bereich, wo wir empfangen und zu dem Raum mit unseren Sitzen geführt wurden.

Auf See

Mit ihren Holzwänden, den glänzenden Türklinken und den großen Räumen erinnerte die Fähre sehr stark an ein Hotel. Es gab eine Rezeption, einen Loungebereich und ein Restaurant. Die Sitze, die für uns reserviert worden waren, waren sehr dick und weich. Der Raum mit etwa fünfzehn Sitzreihen blieb auch während der Fahrt recht leer, sodass wir uns nachts quer hinlegen konnten.

Nach dem Verstauen unseres Gepäckes und einer Erfrischung im Bad zogen wir auf Erkundungstour aus. Vom Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach der Fähre aus hatten wir einen wunderschönen Blick auf das nächtliche Bari und konnten irgendwann von dort aus auch das Ablegen des Schiffes beobachten. Als wir irgendwann Hunger bekamen, machten wir mit all den Sachen, die wir noch aus Deutschland mitgebracht hatten, ein Picknick in einer verborgenen Ecke. Einzig und allein die Ansagen störten uns. Begleitet von Musik in schlechter Qualität wurde jede Ansage zuerst auf Italienisch, dann auf Griechisch und schließlich auf Englisch wiederholt. Die Durchsagen mit Bedeutung erfolgten noch zusätzlich auf Deutsch – die Passagiere der Fähre waren vermutlich zu je einem Drittel Italiener, Griechen und Deutsche. Außerdem kam es mir so vor, als ob, je näher wir Griechenland kamen, immer mehr Griechisch um uns herum gesprochen wurde, vielleicht weil auch die Durchsagen irgendwann zuerst auf Griechisch erfolgten.

Wenn nicht gerade laut schnarchende Lastwagenfahrer im gleichen Raum liegen, kann man auf einer Fähre recht gut schlafen, finde ich. Morgens früh (laut meiner Uhr um drei Uhr vierzig) wachte ich auf, als einige Frauen begannen, ihre Sachen einzupacken. Gerade erst aufgewacht wollte ich mich schon umdrehen und weiterschlafen, als einer von der Crew hereinkam, Igoumenitsa ankündigte und mir bewusst wurde, dass sich ja während der Fahrt die Zeit um eine Stunde verschoben hatte… Noch im Dunkeln legte die Fähre an und wir stolperten von Bord. Beim Ausgang vom Hafen verlangte ein Polizist, der vermutlich auch lieber keine Nachtschicht gehabt hätte, unser PLF zu sehen und schließlich konnten wir den Hafen verlassen.

 

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In Griechenland

Nachdem wir griechischen Boden betreten und den ersten Gehsteig erreichten (das dauerte noch eine Weile), war unsere erste Tat, den Busbahnhof aufzusuchen. Wir hatten das Glück, dort unsere Online-Tickets auf den früheren Bus mit der Abfahrtszeit 8:30 Uhr umbuchen zu können und setzten uns anschließend hoch zufrieden in eines der wenigen Cafés direkt neben dem Busbahnhof, die geöffnet hatten. Hier hatte ich auch das erste Mal die Möglichkeit, meine Griechischkenntnisse zu nutzen und einen Zitronentee mit einem Zimtkringel zu bestellen.

Während die anderen Karten spielten, brach ich zu einem kurzen Spaziergang auf, um mir im Licht der aufgehenden Sonne Igoumenitsa anzugucken. Der Teil der Stadt direkt am großen Hafen, den ich sah, war nicht unbedingt schön zu nennen. Aber durch die griechischen Schilder und die fremden Pflanzen sickerte die Tatsache, tatsächlich in Griechenland zu sein, langsam zu mir durch. Wahrscheinlich hätte ich selbst die hässlichste Ecke der Stadt an diesem Morgen schön gefunden, so sehr freute ich mich.

Auch die Busfahrt war wunderschön. Durch ganz Griechenland, zwischen Bergen und Meer hindurch, über den Golf von Korinth hinein nach Athen. Abgesehen von einer kurzen Pause waren wir in etwa sechseinhalb Stunden unterwegs. Die Schönheit der Landschaft wurde allerdings etwas getrübt, als wir uns Athen näherten und die schwarzen Flächen an den umliegenden Berghängen erblickten, wo es diesen Sommer gebrannt hatte…

In Athen angekommen, trennte sich unsere Gruppe. Zwei hatten sich schon in Igoumenitsa verabschiedet, einer musste noch weiterreisen und zwei fuhren mit dem Taxi in ihr neues Zuhause. Wir drei übrig gebliebenen entschlossen uns, dieses Abenteuer würdig zu beenden und mit den Öffentlichen in unsere Wohnungen zu kommen. Als der Busfahrer, der uns nach Athen gebracht hatte, sah, wie wir etwas ratlos in der Gegend herumguckten und auf unsere Handys blickten, holte er seinen Kollegen dazu, der Englisch sprach und uns den Weg in unsere Viertel erklären konnte.

Ich glaube, der Verkehr in Athen wäre eines eigenen Blogbeitrages würdig – wir guckten jedenfalls mit großen Augen. Nach mehrfachem Herumfragen fanden wir endlich den richtigen Bus, der uns zum Omónia-Platz, einem zentralen Platz in Athen, brachte. Und obwohl wir zwei Tage Zeit gehabt hatten um zu begreifen, dass wir fortan tatsächlich in Athen leben würden, konnten wir es selbst in der Mitte von Athen noch nicht richtig glauben. Vom Omónia-Platz aus fuhren wir getrennt weiter und gelangten schließlich in unsere neuen Wohnungen.

Im Rückblick

Ich würde jederzeit wieder mit dem Zug nach Griechenland fahren. Es war so schön, sich langsam die Umgebung verändern zu sehen und zu hören; zu spüren, wie man sich langsam aber sicher seinem Ziel nähert. Und ich bin sehr dankbar, mit so einer tollen Gruppe gereist zu sein. Obwohl wir uns vorher nicht kannten, war dieses gemeinsame Erlebnis so verbindend, dass es schien, als würden wir uns schon lange kennen.
Lustig, verzaubernd und aufregend – vielleicht ließe es sich so zusammenfassen.

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